Auch die Königin Esther stellte die Ehrenhaftigkeit über das Leben, der Perserkönig über die Freundschaft (124); denn Ehre geht vor Freundschaft (125).
124. Wie? hat nicht die Königin Esther zur Rettung ihres Volkes aus Gefahr sich dem Tode ausgesetzt ohne Furcht vor der Wut des grausamen Königs? Eine schöne und gute Tat! Selbst auch der grimme und stolze Perserkönig hielt es für schicklich, dem Manne, der die Nachstellungen aufgedeckt hatte, die ihm bereitet wurden, Gnade widerfahren zu lassen, das freie Volk von der Knechtschaft zu entbinden, vom Tode zu 263 erretten und keine Schonung gegen den zu üben, der so Unziemliches geraten hatte. So überantwortete er denn den Würdenträger, der die zweite Stelle nach ihm einnahm und unter allen Freunden den Vortritt hatte, dem Kreuzestod, weil er seine Ehre durch dessen hinterlistige Ratschläge mit Schmach bedeckt sah.
125. Nur die Freundschaft nämlich, welche auf Ehrenhaftigkeit hält, ist lobenswert und dann freilich Reichtümern und Ehren und Gewalten vorzuziehen. Doch der Ehrenhaftigkeit pflegt sie nicht vorzugehen, sondern nachzugehen. Solcher Art war die des Jonathas, der aus Freundesliebe weder vor der Ungnade des Vaters noch vor Lebensgefahr zurückschauderte; solcher Art die des Abimelech, der den Pflichten der Gastfreundschaft zuliebe eher dem Tode sich weihen als den fliehenden Freund verraten zu dürfen glaubte.