Scheinbarer Widerspruch zwischen Matthäus und Lukas (1). Der Putativvater Jesu Typus des himmlischen Vaters; der Handwerksmann Joseph Typus des Weltschöpfers außer und in uns (2). Josephs Stammbaum bei Matthäus in absteigender, bei Lukas in aufsteigender Linie. Marias Stammbaum in Josephs Geschlechtsregister eingeschlossen (3—4). Elisabeths, der „Verwandten“ Marias, Nationalität, Stamm und Geschlecht: Maria darnach Davididin (5). David und Abraham nicht bloß die leiblichen, sondern noch mehr die geistigen Stammväter Christi (6). Im besonderen Abraham nach der Verheißung der Stammvater Christi im mystischen Sinn, d. i. der Kirche (7), David der Stammvater im physischen Sinn (8): des letzteren Verheißungen gehen nicht auf Salomo, sondern auf Christus (9). David, Christi physischer Stammvater, im Geschlechtsregister vor Abraham, dem mystischen Stammvater, aufgeführt (10). Des Lukas Stammbaum zu Gott aufsteigend: Gott, der Vater Christi der Natur, der Gnade und dem Fleische nach (11). Des Matthäus Stammbaum durch die königliche, des Lukas Stammbaum durch die priesterliche Geschlechtslinie fortgeführt: daher die numerische Verschiedenheit der Generationen (12—14).
§ 1
[Forts v. 116 ] * „Und Jesus war, da er anfing, ungefähr dreißig Jahre alt und wurde für den Sohn Josephs gehalten‟*. Vom Stammbaume (Christi) sollen wir sprechen. Darüber nun bemerken wir im Matthäusevangelium, bezw. im vorliegenden, dessen Erklärung uns beschäftigt, einige Abweichung. Weil es indes nicht glaubbar ist, daß die heiligen Verfasser zumal über die Heilsgeschichte des Herrn widersprechende Angaben machen konnten, so wollen wir mit tunlichster Sorgfalt nachweisen, daß Widersprüche bei ihnen nicht vorliegen.
§ 2
Allererst darf niemand daran sich stoßen, daß so geschrieben steht: „Und er wurde für den Sohn Josephs gehalten‟. Mit Recht wurde er nur „dafür gehalten‟, der es in Wirklichkeit nicht war, sondern deshalb dafür gehalten wurde, weil Maria, die Joseph, ihrem Manne, verlobt war, ihn geboren hatte. Denn so liest man: „Ist denn dieser nicht der Sohn des Zimmermannes Joseph?‟ ― Wir haben oben dargetan, warum der Herr und Heiland durch eine Jungfrau, haben desgleichen dargetan, warum er durch eine Verlobte und weshalb er zur Zeit eines Zensus geboren werden wollte. So scheint es auch nicht ferne zu liegen, eine Erklärung darüber zu geben, warum er einen Zimmermann zum Vater hatte. Er wollte hierdurch versinnbilden, daß er jenen zum Vater habe, der als Werkmeister des Alls die Welt erschaffen hat nach dem Schriftworte: „Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde‟. Denn hält auch das Menschliche keinen Vergleich mit dem Göttlichen aus, so ist doch die bildliche Ausdrucksweise vollberechtigt, der Vater Christi wirke mit Feuer und dem Geiste und behaue, 117 gleichsam ein tüchtiger Zimmermann der Seele, ringsum unsere Fehler, indem er rasch die Axt an die unfruchtbaren Bäume setzt und sich wohl darauf versteht, Kleinholz zu schneiden, Langholz zu Hochbauten zurückzulegen, Starrheit der Gesinnung mit des Geistes Feuer zu erweichen und das ganze Menschengeschlecht ob der Verschiedenartigkeit der Ämter zu den mannigfachen Verrichtungen anzuleiten.
§ 3
[Forts. v. 117 ] Warum aber lieber Josephs als Marias Stammbaum beschrieben wird, nachdem doch Maria Christus vom Heiligen Geiste gebar und Joseph an der Zeugung des Herrn unbeteiligt erscheint, könnte uns nur dann zu denken geben, wenn uns nicht die Gepflogenheit der Schrift, die stets die Abstammung des Mannes zurückverfolgt, es erklärlich machte. So liest man: Phares war der Sohn des Stammfürsten Judas, dieser „zeugte den Esrom und Esrom zeugte den Aram und Aram zeugte den Aminadab und Aminadab zeugte den Naasson und Naasson zeugte den Salmon und Salmon zeugte den Booz und Booz zeugte den Obed und Obed zeugte den Jesse und Jesse zeugte den David‟. Nur die Person des Mannes, der auch im Senate und den sonstigen Amtskollegien den Geschlechtsadel vertritt, kommt in Frage. Wie ungehörig aber würde es sein, wenn statt des Stammbaumes des Mannes der einer Frau aufgeführt würde, als hätte jener, der den Völkern der ganzen Welt verkündet werden sollte, keinen Vater gehabt!
§ 4
Doch wir wollen zeigen, wie noch an einer anderen Stelle die Geschlechtsabfolge in abweichender Reihenfolge vorliegt, um auch an der unserigen dem Schein eines Widerspruches zwischen den Evangelisten, die nur einem alten Brauch folgten, vorzubeugen. Man liest nämlich folgendes: „Es war ein Mann aus Arath und sein Name war Elkana, der Sohn des Jeremiel, der Sohn des Heli, der Sohn des Ozi‟. Man 118 sieht hieraus, wie man nach alter Sitte den Stammbaum bald absteigend von Vater auf Sohn, bald aufsteigend von Sohn auf Vater herstellte; man sieht, wie überall die Verwandtschaft nur durch die männliche Geschlechtslinie hindurch sich ableitete: wundere dich nicht, wenn Matthäus die Geschlechtsreihe von Abraham zu Joseph herab-, Lukas von Joseph zu Abraham und Gott hinaufführte! Wundere dich nicht, wenn Josephs Abstammung beschrieben wurde! Denn als Mensch geboren, mußte der Heiland Menschenbrauch folgen; zur Welt gekommen, mußte er nach weltlicher Sitte (ins Geschlechtsregister) sich eintragen lassen, zumal Josephs Stammbaum Marias Stammbaum einschließt. Denn da Joseph ein „gerechter Mann‟ war, nahm er sicherlich eine Frau aus seinem Stamme und aus seinem Geschlechte und konnte als Gerechter unmöglich dem zuwider handeln, was das Gesetz vorschrieb. Denn so heißt es: Von den Söhnen Israels soll ein jeder zur Erhaltung des Stammerbes seinem Geschlechte anhangen und nicht von einem Stamme zum anderen übergehen, und jegliche Erbtochter von den Stämmen der Söhne Israels die Ehefrau eines Mannes aus dem Volke und aus dem Stamme ihres Vaters werden. So zog also auch zur Zeit des Zensus Joseph hinauf „aus dem Hause und aus dem Geschlechte Davids, um sich aufschreiben zu lassen mit Maria, seinem Weibe‟. Wenn nun diese, weil aus dem nämlichen Hause und aus dem nämlichen Geschlechte stammend, sich aufschreiben läßt, so bezeichnet sie sich doch damit als Zugehörige desselben Stammes und desselben Geschlechtes.
§ 5
119 Auch von einer „Verwandten‟ Marias ist die Rede, von Elisabeth. Erstlich nämlich gelten alle Juden als verwandt, wie es auch der Apostel mit den Worten bezeugt hat: „Denn ich wünschte selbst Bannopfer zu sein für meine Brüder, die Verwandten dem Fleische nach, welche die Israeliten sind‟. Schon als Israelitinnen also waren beide verwandt, zugleich aber auch verwandt, weil beide aus dem Stamme Juda hervorgegangen waren. Du hast es von Maria vernommen: vernimm es auch von Elisabeth!„Maria nämlich machte sich in jenen Tagen auf und ging eilends auf das Gebirge, nach einer Stadt von Juda, wie es heißt, und trat in das Haus des Zacharias‟. Da nämlich nach der Vorschrift des Moses ein jeder in seinem Stammgebiete wohnte, gehörte Elisabeth, da sie ihren dauernden Wohnsitz in „einer Stadt von Juda‟ hatte, sicherlich auch zum Stamme Juda, zumal aus dem Geschlechte der Elisabeth Priester hervorgingen, deren Anteil Gott ist. Wie geziemend zugleich, daß beide, die Mutter des Vorläufers Christi und die Mutter Christi, die Braut, die vom Heiligen Geiste empfing, und die Prophetin, die vom Heiligen Geiste erfüllt wurde, auch leiblich verwandt waren, nachdem sie in religiöser Beziehung nicht der Gemeinschaft geistlicher Verwandtschaft entbehrten! Wenn nach dem heiligen Apostel für jede Frau der Mann das Haupt ist, und nach dem göttlichen Gesetze „die zwei* ein* Fleisch sind‟, wie wäre es doch möglich gewesen, daß die beiden, die* ein* Fleisch und* ein* Geist waren, verschiedenen Geschlechtern und Stämmen angehört hätten? Dazu kommt, daß auch der Engel Gabriel vom Herrn vorausverkündete, daß „der Herr ihm geben werde den Thron Davids, seines Vaters‟. So ist es denn gewiß, daß auch Maria aus Davids Geschlecht hervorgegangen ist. Zugleich ersehen wir, daß es völlig gleich ist, in welcher Reihenfolge das Geschlechtsregister aufgeführt wird, da zwei entgegengesetzte Wege eingeschlagen werden können.
§ 6
120 Warum aber der heilige Matthäus die Beschreibung des Stammbaumes Christi mit Abraham begann, der heilige Lukas dagegen denselben von Christus bis zu Gott hinaufführte, scheint der Erklärung bedürftig. Doch zuvor glaube ich keineswegs stillschweigend darüber hinweggehen zu sollen, warum der heilige Matthäus, nachdem er doch mit Abraham beginnt, nicht also schreibt: „Buch der Abstammung Abrahams‟, sondern: „Buch der Abstammung Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams‟, und warum er die letzteren beiden allen voran nennt. Nicht umsonst nämlich werden die Glaubensheroen unter den Stammvätern besonders herausgehoben. Wir sollten einsehen, daß selbst bei der leiblichen Abstammung mehr noch die geistige Nachkommenschaft ins Auge zu fassen ist. Es sind dies nämlich jene zwei Männer, an welche die göttlichen Verheißungen ergangen sind.
§ 7
Der erste ist Abraham, der noch, bevor es ein mosaisches Gesetz und bevor es ein irdisches Volk gab, das Seinige verließ und auf Grund seiner Gotteserkenntnis die verdiente Anerkennung für seinen Glauben fand: „Er glaubte Gott und es ward ihm zur Gerechtigkeit angerechnet‟; der desgleichen die Verheißung erhielt von Gott, der zu ihm sprach: „Zieh fort von deinem Lande und von deiner Verwandtschaft und vom Hause deines Vaters in das Land, welches ich dir zeigen werde! Und ich werde dich zu einem großen Volke machen und dich segnen und groß machen deinen Namen, und du wirst gesegnet sein. Und segnen werde ich, welche dich segnen, und fluchen denen, welche dir fluchen, und gesegnet werden sein in dir alle Geschlechter der Erde‟. Es wurde darnach, wie du siehst, dem ersten (Stammvater) durch göttlichen Ausspruch die Sammlung der Heidenvölker und die Vereinigung der hochheiligen Kirche verheißen. Eben darum sollte dieser Stammvater, der als erster der Verheißung der 121 neuzugründenden Kirche gewürdigt wurde, besonders gekennzeichnet werden.
§ 8
[Forts. 121 ] Desgleichen wird David mit Recht als Stammvater erklärt, weil ihm unter einem Schwur die Offenbarung wurde, daß aus ihm Christus dem Fleische nach hervorgehen werde. Denn so steht geschrieben: „Geschworen hat der Herr dem David die Wahrheit und nicht wird es ihn gereuen. Von der Frucht deines Leibes will ich setzen auf meinen Thron‟. Und an einer anderen Stelle: „Einmal habe ich geschworen in meiner Heiligkeit, wahrlich dem David lüge ich nicht: sein Same soll währen in Ewigkeit und sein Thron wie die Sonne vor mir‟. Und in den Paralipomenen: „Und es wird geschehen, wenn deine Tage vollendet sein werden und du schlafen wirst bei deinen Vätern, da werde ich erwecken deinen Samen nach dir, der aus deinem Leibe hervorgehen wird, und bereiten sein Reich. Er wird mir ein Haus bauen, und ich werde aufrichten seinen Thron in Ewigkeit. Ich werde ihm sein zum Vater, und er wird mir sein zum Sohne, und mein Erbarmen werde ich nicht hinwegnehmen von ihm, wie ich es hinweggenommen von denen, die vor dir gewesen sind‟. Auch durch Jesaias offenbarte der nämliche Herr und Gott die Abstammung des Herrn, indem er sprach: „Hervorgehen wird ein Reis von der Wurzel Jesse und eine Blume erstehen aus der Wurzel, und ruhen wird darauf der Geist Gottes, der Geist der Weisheit und des Verstandes‟. Und weiter unten: „Und die Wurzel Jesse wird es sein, und der erstehen wird, den Heiden zu gebieten, auf diesen werden die Heiden ihre Hoffnung setzen‟. Und an einer anderen Stelle: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt, dessen Herrschaft auf seinen Schultern ruht, und sein Name wird genannt werden Engel des Hohen Rates; denn heraufführen will ich Frieden über die Fürsten und Heil ihm. 122 Groß ist seine Macht und seines Friedens ist kein Ende auf dem Throne Davids und in dessen Reich‟. Auch nach Aquilas Übersetzung liegt hierin, wie wir sehen, nicht eine Verheißung über einen Menschen vor, sondern über einen, der mehr ist denn Mensch. Er übersetzte nämlich ebenfalls: Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt, und sein Maß ist gelegt auf seine Schulter, und sein Name wird genannt werden: der Wunderbare, der Ratgeber, mein Ratgeber, der Starke, der Mächtige, der Vater der Weltzeit, der Fürst des Friedens.
§ 9
Daß alles auf Christus zutrifft, bestätigen die klaren Aussprüche. Und es läßt sich die Segensfülle der göttlichen Macht nicht auf Salomos Glanzperiode beziehen, der Davids Sohn war, dessen Ende aber zweifellos feststeht; denn des Reiches Salomos und des Friedens war ein Ende, wie die Lesung der Königsbücher beweist. Einzig nur Christus ist es, dessen Reich kein Ende hat. Sodann herrschte Salomo über keine Heidenvölker, Christus aber sammelte die Kirche aus der Heidenwelt. Endlich wurde Salomo noch zu Lebzeiten Davids geboren und dessen Nachfolger in der Herrschaft; von dem Verheißenen aber heißt es nachweislich, daß er erst nach dem Tode Davids aufstehen werde. Denn so liest man: „Wenn deine Tage vollendet sein werden und du schlafen wirst bei deinen Vätern, werde ich von deinem Samen den erwecken, der aus deinem Leibe hervorgehen wird, und bereiten sein Reich. Er wird mir das Haus bauen und ich werde aufrichten seinen Thron in Ewigkeit‟. Hat etwa Salomo „in Ewigkeit‟ regiert, nachdem er nur vierzig Jahre regiert hat? „Ich werde ihm sein, heißt es weiter, zum Vater und er mir zum Sohne‟. Wer wäre jener eigentliche Sohn Gottes als der, zu welchem 123 gesprochen ward: „Mein Sohn bist du, ich habe dich heute gezeugt‟? „Und mein Erbarmen werde ich nicht hinwegnehmen von ihm und ihn gläubig erhalten in meinem Hause und in seinem Reiche in Ewigkeit‟. Vielleicht hat im Gegensatz hierzu Salomo, wie wir aus dem Texte der göttlichen Lesungen erfahren, gerade deshalb so schwer geirrt, daß nicht auch die Menschen irrten und die Ansicht sich verbreite, es habe die Verheißung auf ihn sich bezogen. Er erbaute nämlich einem Weibe zuliebe der Göttin Astarte einen Tempel, „und der Herr ward erzürnt gegen Salomo‟. Wenn dieser sonach noch zu Lebzeiten Davids zu herrschen anfing ― so nämlich liest man: Als dem David gemeldet worden, daß Salomo herrsche, da „betete der König an in seinem Bette und sprach: Gepriesen sei der Herr, Gott Israels, der mir heute aus meinem Samen den Herrscher gab, daß er auf meinem Throne sitze, und meine Augen sehen es‟ ― wenn er irrte, wenn er sündigte, so ist ersichtlich, daß der Inhalt der Verheißung Christus verhieß.
§ 10
Darum nun hob der Evangelist diese beiden Stammväter eigens heraus: den einen, weil er die Verheißung von der Sammlung der Heidenvölker empfing, den anderen, weil er die Offenbarung über die Abstammung Christi erhielt. Und deshalb wird (der letztere), wiewohl er in der Geschlechtsreihe später folgt, dennoch im Stammbaum des Herrn vor Abraham aufgeführt, weil eine Verheißung über Christus eine solche über die Kirche an Bedeutung aufwiegt; verdankt doch die Kirche selbst ihr Sein Christus. Der eine ist sonach Stammvater im leiblichen, der andere Stammvater im geistigen Sinn; der eine im Hinblick auf die Zeugung, deren er gewürdigt ward, der andere in Hinblick auf den Glauben der Völker. Höher als der Erlöste steht der Erlöser. Darum wird er Sohn Davids genannt: „Buch der Abstammung Jesu Christi, des Sohnes 124 Davids‟. Denn an erster Stelle sollte er als Sohn dessen bezeichnet werden, dem er als Sohn verheißen ward, mag immerhin der Apostel von Christus hervorheben, daß es auch dem Abraham verheißen wurde. „Dem Abraham nämlich sind die Verheißungen zugesagt worden und seinem Samen. Es heißt nicht ‚und den Samen‛ in der Mehrzahl, sondern in der Einzahl ‚und deinem Samen‛, das ist Christus‟. Dem einen wird sonach die Zeugung im eigentlichen Sinn zugeschrieben, dem anderen die Stammvaterschaft; jenem ward zuteil, daß Jesus sein Sohn genannt wurde, diesem bleibt als Stammvater seines Geschlechtes und der Heidenwelt der Vorzug gewahrt, daß der Ursprung der Abstammung des Herrn von Abraham sich herleiten sollte: ihn, den Ahnherrn des Glaubens, sollte die Schrift auch als den Ahnherrn der göttlichen Abstammung dartun.
§ 11
[Forts. v. 124 ] Darum glaubte auch Lukas den Ursprung Christi auf Gott zurückführen zu sollen, weil Gott der wahre Erzeuger Christi ist, sei es als Vater im Sinn der wirklichen Zeugung, sei es als Urheber seiner mystischen Mitteilung im Sinn der Wiedergeburt in der Taufe. Er begann eben deshalb nicht gleich eingangs mit der Beschreibung seiner Abstammung, sondern wünschte auf Grund seiner Taufe Gott als den Urheber von allem nachzuweisen und tat darum erst nach dem Berichte über seine Taufe dar, wie Christus auch seiner (menschlichen) Abstammung nach von Gott ausgegangen ist. Er wollte ihn so in allseitig zusammenfassender Darstellung als den Gottessohn der Natur, der Gnade und dem Fleische nach erweisen. Welch offenkundigeren Beweis aber konnte es für seine göttliche Abstammung geben als das Zeugnis des Vaters, das er dem Berichte über die Abstammung vorausschickte: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe‟?
§ 12
Auch an dieser Stelle pflegen manche Fragen über Fragen aufzuwerfen: weil Matthäus von Abraham bis Christus zweiundvierzig Generationen, Lukas 125 hingegen fünfzig aufzählte, und weil nach der Darstellung des Matthäus die Abstammung (Christi) durch andere Personen sich fortführte als nach der des Lukas. Du magst eben darin unsere Behauptung bestätigt finden, daß Matthäus und Lukas, mochten sie auch verschiedene Vorfahren des Herrn in ihrer Geschlechtsliste aufführen, beide doch von Abraham und David an die folgenden Stammväter verzeichnet haben.
§ 13
[Forts. v. 125 ] Wenn aber Matthäus den Stammbaum über Salomo, Lukas dagegen über Nathan herabführen zu müssen glaubte, scheinen sie damit teils die königliche, teils die priesterliche Geschlechtslinie aufzuzeigen. Dies dürfen wir jedoch nicht dahin verstehen, daß dem einen mehr Wahrheit als dem anderen zukomme, sondern beide stimmen in gleicher Glaubwürdigkeit und Wahrheit überein. Denn Christus war in der Tat seiner Menschheit nach sowohl königlichen als auch priesterlichen Geschlechtes: ein König von Königen, ein Priester von Priestern, mag auch der Ausspruch, wonach er einerseits „als König Gottes Macht sich erfreut‟, indem ihm vom Vater und König das Gericht übertragen wird, andererseits als „Priester auf ewig‟ erklärt wird nach dem Schriftworte: „Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung des Melchisedech‟, nicht auf seine menschliche, sondern himmlische Zuständlichkeit sich beziehen. Beide Evangelisten haben sonach wahrheitsgetreu berichtet: Matthäus, wenn er nachwies, daß seine Abstammung durch die Königslinie führte; Lukas, wenn er die Geschlechtsreihe von Gott durch die Priesterlinie bis auf Christus herabführte und so dessen Ursprung selbst noch heiliger erscheinen ließ. Zugleich liegt darin eine neue Bestätigung des Kalbsymbols (für sein Evangelium), insofern er überall das Geheimnis des Priestertums Christi wahren zu müssen glaubt.
§ 14
Wundere dich nicht, wenn die Zahl der Generationen von Abraham bis Christus bei Lukas größer, bei 126 Matthäus geringer ist, wenn du sonst die Ableitung des Stammbaumes durch verschiedene Linien zugestehst! Denn es ist möglich, daß die einen Ahnen ein langes Leben führten, die der anderen Linie frühzeitig aus dem Leben schieden. Sehen wir doch ziemlich viele Greise noch gleichzeitig mit ihren Enkelkindern am Leben, andere Männer hingegen alsbald, nachdem sie Kinder bekommen haben, mit Tod abgehen.