Joseph auf Grund der Leviratsehe der leibliche Sohn Helis (Luk.), der gesetzliche Sohn Jakobs (Matth.) (15). Die Zahl 3x14 (Matth.) wie 50 (Luk.) eine heilige Zahl (16). Die Frauen im Stammbaum Christi (17). Thamar „nicht so sehr eine berüchtigte als gerechte Frau" (18). Die Geburt des Phares und Zara, der Zwillingssöhne des Judas und der Thamar (19—20), der mystischen Vorbilder des Gesetzes und des Evangeliums (21). Das Evangelium die erste Norm der Gottesverehrung schon im Zeitalter der Patriarchen (22), das Gesetz die zweite im Zeitalter der Könige und Priester (23). Zara Typus Christi, Phares (,Riß‛) Sinnbild der Scheidewand des Gesetzes (24—25), die von Christus beseitigt wurde (26—27). Die in den Fesseln des Gesetzesbuchstabens schmachtende Synagoge die Magd, die Kirche die Freie, wir die Kinder der Freien (28—29). Ruth in ihrem Sittenwandel über den Gesetzesbuchstaben erhaben, mehr wegen der geistigen als leiblichen Verwandtschaft unter die Vorfahren Christi aufgenommen (30). Die Geschichte der Ruth (31). Des Booz Pflichtehe mit ihr (32). Ruth Typus der zur Kirche berufenen Heidenwelt (33—34). Aus ihrem Geschlechte in Ephrata (Bethlehem) geht Christus hervor (35). Sünder im Stammbaum Christi bei Matth. (36). Davids Sünde mit Bethsabee eine Mahnung zur Demut (37), Davids Ehe mit derselben Vorbild der bräutlichen Verbindung Christi mit der Kirche. Das Bußbeispiel Davids (38). Nochmals die Doppelverheißung an David (39). Des Jechonias (Joachim) Sünde und Strafe (40). Die Herodianer ein nichtjüdisches, nichtlegitimes Königsgeschlecht (41). Christus der Träger des legitimen Königtums, der Erbe des Thrones und Reiches Davids (42—43), eines ewigen, universellen, überweltlichen Reiches (44). Scheinbare Widersprüche in den genealogischen Zahlenangaben bei Matth. (45—46). Die vier Söhne Jakobs im Geschlechtsregister des Luk. typische Tugendvorbilder (47). Noe, Mathusala, Henoch und Seth (48), insbesondere aber Adam Nachbild Gottes, Typus Christi, des Bildes Gottes, des zweiten Adam (49). Schluß des dritten Buches (50).
§ 15
[Forts. v. 127 ] Auch das gewahren wir, daß der heilige Matthäus den Jakob, den Vater Josephs, als den Sohn des Nathan anführt, Lukas dagegen Joseph, den Verlobten Marias, als den Sohn des Heli, den Heli aber als den Sohn des Melchi darstellt. Wie kann* einer* zwei Väter haben, d. i. Heli und Jakob? Wie desgleichen zwei Großväter väterlicherseits, Nathan und Melchi? Doch falls man dem nachgeht, wird man finden, daß die zwei Brüder entsprechend der alttestamentlichen Gesetzesvorschrift Söhne aus* einer* Gattin erzeugten. Nach der Überlieferung nämlich erzeugte Nathan, der sein Geschlecht von Salomo herleitete, den Jakob als Sohn und starb noch zu Lebzeiten der Frau. Diese nun nahm darauf Melchi zur Frau, aus der Heli erzeugt wurde. Heli hinwiederum ward, da sein Bruder kinderlos starb, der Frau des Bruders angetraut und erzeugte als Sohn den Joseph, der nach dem Gesetze als Sohn des Jakob galt, weil nach dem alttestamentlichen Gesetzesinhalt der Bruder den Samen des verstorbenen Bruders zu erwecken hatte. So galt (Joseph) als zweier (Brüder) Sohn, nicht von beiden erzeugt, sondern als des einen Sohn gemäß der Zeugung, als des anderen Sohn gemäß dem Gesetze. Das Judenvolk begriff ja nicht, wie uns in dieser Gesetzesvorschrift die künftige ewige Fortdauer des Samens der Verstorbenen verheißen wurde, 128 sondern fälschte durch die buchstäbliche Auffassung derselben den erhabenen Sinn des Offenbarungswortes. Ein ganz anderer nämlich war der Bruder, welcher der verstorbenen Brüder Samen erwecken sollte, nicht ein Bruder im Sinn leiblicher Verwandtschaft, sondern aus reiner Gnade. Darum vielleicht der Ausspruch: „Der Bruder erlöst nicht: wird der Mensch erlösen?‟ Denn nicht ersterer, der leibliche Bruder, sondern der Herr und „Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus‟ pflanzte die Auferstehungsgnade fort. Über diesen Schriftvers gibt es freilich noch eine andere Erklärung, die wir an seinem Ort bringen werden.
§ 16
Nicht unpassend aber, so scheint es, glaubte der heilige Matthäus unter Verdopplung einer heiligen Zahl (Sieben) je vierzehn Generationen unterscheiden zu sollen: von Abraham bis David, von David bis zur Übersiedlung nach Babylon, von der Übersiedlung nach Babylon bis zu Christus, wobei er desgleichen den jedesmaligen Wechsel kenntlich machte. Von Abraham nämlich bis zu Davids Zeiten war das Judenvolk ohne Könige ― das rechtmäßige Königtum beginnt nämlich mit David ― sodann wurde das ganze Judengeschlecht durch Könige regiert, und deren Herrschaft blieb ungeschmälert bestehen bis zu deren Übersiedlung. Nach der Übersiedlung aber tauchte das edle Geschlecht der Beschneidung in das Dunkel eines niedergehenden Volkes. Bei den fünfzig sich folgenden Geschlechtern aber, die Lukas von Abraham an der Reihe nach anführen zu sollen glaubte, tritt die Erhabenheit der mystischen Zahl, die gewahrt ist, hinlänglich klar hervor; denn Zehn wie Sieben ist eine mystische Zahl, und die dreimalige 129 Wiederholung beider deutet auf ein Geheimnis. ― So gaben sich die Fünfzigzahl bei Lukas wie die Vierzigzahl bei Matthäus mehr denn genug als eine mystische Zahl zu erkennen.
§ 17
[Forts. v. 129 ] So manche wundern sich auch, warum Matthäus die Thamar, ein berüchtigtes Weib, wie ihnen dünkt, im Stammbaum des Herrn erwähnen zu müssen glaubte, warum ferner Ruth, warum desgleichen jenes Weib, „das des Urias Weib gewesen ist‟ und nach der Ermordung des Gatten mit David die Ehe einging, während er heiliger Frauen, wie namentlich der Sara, Rebekka und Rachel nirgends Erwähnung tut. Denn so heißt es: „Abraham zeugte den Isaak, Isaak zeugte den Jakob, Jakob zeugte den Judas und dessen Brüder, Judas aber zeugte den Phares und den Zara aus der Thamar‟. Nicht umsonst nun nahm der Evangelist den Namen dieses Weibes in den Text auf. Eine gesonderte Besprechung über dieselbe hier einzustreuen scheint angezeigt.
§ 18
Erstlich ist nämlich, wenn man bei der Wahrheit bleiben will, diese Frau nicht so sehr berüchtigt als gerecht. Denn nicht um vorübergehenden Geschlechtsgenuß war es ihr zu tun, sondern nach Kindersegen verlangte sie. Es galt ja Kinderlosigkeit für eine Schande, und auch kraft des Zivilgesetzes war Strafe darauf gesetzt. Judas hatte sie seinem Sohne versprochen und den vereinbarten Ehebund lange hinausgeschoben. Über dem Aufschub des Versprechens starb der Bräutigam. Noch sproßte auch vor Christi Ankunft nicht der Jungfräulichkeit, nicht der Witwenschaft Tugendblüte. Aus Gram über ihre Kinderlosigkeit sann sie in ihrem Verlangen nach Nachkommenschaft auf List und eilte geflissentlich dem Judas voraus, um sich ihm in vollem Schmucke darzubieten, nachdem sein Weib, wie sie wußte, gestorben war. Überall wird, wie man sieht, anerkennend vom Leben der Frau 130 hervorgehoben, daß sie nicht voreilig ein fremdes Ehebett schändete, nicht in buhlerischer Absicht als Hure sich schmückte; denn nicht zügelloser Lust galt ihr Sinnen und Trachten; sondern um die Versprechungen des Schwiegervaters lange betrogen, wollte sie mit berechnender List aus der Familie, die sie erkoren hatte, die Frucht einer Nachkommenschaft erzielen. Wer nun war keuscher: sie, die so lange des Verlobten harrte, oder er, der dem dargebotenen Liebesgenuß nicht zu widerstehen vermochte? Sie, die von der Familie des Verlobten nicht lassen wollte, oder er, der eine Hure vermuten mußte? Sie, die ihren Leib nicht Lüstlingen preisgab, oder er, der es der keuschen Frau verdankte, wenn er aus der in sündhafter Absicht begonnenen Tat schließlich den Segen der Nachkommenschaft erzielte? Sie, die kinderlose, die infolge des Aufschubes der Ehe fürchten mußte, es möchte die Zeit ihrer Empfängnisfähigkeit verstreichen; sie, die das gesetzte Alter eines reiferen Mannes vorzog, oder er, der in Liebe zu einer Jüngeren an Jahren entbrannte? So hat er es ja selbst mit den Worten zugestanden: „Mehr denn ich ist Thamar gerechtfertigt, deshalb weil ich sie Silom, meinem Sohne, nicht gegeben habe‟. Ihn gerade, der sie zur Keuschheit gezwungen, wollte sie hierin versuchen. So hat sie denn auch später niemals mehr mit einem Manne sich eingelassen. Seit jenem Verkehr nahm sie das Kleid der Witwenschaft. Ihn aber, der jahrelang vom Mägdlein Keuschheit verlangt hatte, war eine einzige Stunde zu lang: er legte die Trauer ab, wechselte das Kleid, schor das Haupt, verließ die Grabstätte und frönte als Lüstling dem Beischlaf.
§ 19
Indes nicht so wollen wir sie (Thamar) verteidigen, daß wir ihn (Judas) anklagen ― laßt uns lieber beide, nicht aber uns entschuldigen! ― (wir verteidigen) vielmehr das Geheimnis, das in der Frucht aus jenem Umgang seine Erklärung fand. Es gebar nämlich die Frau den Phares und Zara als Kinder und gebar sie als 131 Zwillinge. Nicht umsonst verzeichnete darum Matthäus beide, während doch sein Zweck bloß die Erwähnung des Phares erfordert hätte; denn „Phares zeugte den Esrom, Esrom zeugte den Aram‟ usw.: immer nur einer der Reihe nach. Warum aber tat der Schrifttext, nachdem doch Isaak zwei, Jakob noch mehr Söhne erzeugt hat, nur je eines einzigen, den sachlich der Stammbaum des Herrn erforderte, Erwähnung, von diesen Zwillingen aber beider Erinnerung, wenn nicht deshalb, weil hier in den beiden ein Geheimnis ruht?
§ 20
Wir haben den moralischen Sinn der Stelle besprochen, wonach Thamar nicht buhlerischem Treiben frönte, sondern den Mutterberuf erkor. Nun wollen wir den historischen besprechen und den mystischen näherhin prüfen. Denn es kann nicht ohne höhere Bedeutung sein, daß sie Ring und Spange und Stab empfing; sie kann nicht eine gewöhnliche Person sein, die gewürdigt ward, Schmuck, Siegel und Macht zu empfangen: das Siegel der Tat, den Schmuck der Brust, das Abzeichen der Herrscherfreiheit.
Um nun mit dem geschichtlichen Tatbestand zu beginnen, so hast du gelesen: „Als Thamar gebären sollte, streckte das eine Kind die Hand aus ihrem Schoße heraus, welche die Wehmutter faßte, und an welche sie einen roten Faden band, indem sie dabei sprach: Dieser soll zuerst hervorkommen. Sobald aber das Knäblein die Hand in den Mutterschoß zurückgezogen hatte, kam sogleich sein Bruder hervor. Es sprach aber die Wehmutter: Warum hat deinetwegen die Wandung einen Riß bekommen? Und sie nannte seinen Namen Phares. Und nach ihm kam sein Bruder hervor, an dessen Hand der rote Faden sich befand, und sie nannte seinen Namen Zara‟. Du siehst, wieviel des Rätselhaften der geheimnisvolle Vorgang bietet: das Hervorstrecken der Hand, die Anbindung des Fadens, das Zurückziehen der Hand, den zweifachen Ausspruch der Wehmutter, daß 132 der eine zuerst hervorkommen solle, der andere einen Riß in die Wandung machen würde.
§ 21
[Forts. v. 132 ] Warum nun streckte der eine die Hand aus dem Schoße hervor, während der andere mit der beginnenden Geburt zuerst hervorkam? Doch nur deshalb, weil die Zwillinge geheimnisvoll die zweifache Lebensweise der Völker darstellen, die eine nach dem Gesetze, die andere nach dem Glauben; die eine nach dem Buchstaben, die andere nach der Gnade. Früher als das Gesetz war die Gnade, früher als der Buchstabe der Glaube. Darum streckte der Typus der Gnade zuerst die Hand hervor, weil zuerst die Wirksamkeit der Gnade hervortrat, die in Job, Melchisedech, Abraham, Isaak, Jakob sich äußerte, die durch den Glauben ohne das Gesetz lebten; denn „Abraham glaubte Gott, und es ward ihm angerechnet zur Gerechtigkeit‟. Auch des heiligen Melchisedech Gnade zeigte das vorausgehende sinnbildliche Opfer an. Denn vor dem Gesetze lebend, der Fessel seiner Vorschriften ledig, strahlten die heiligen Patriarchen gleich uns im Lichte der freien Gnade des Evangeliums.
§ 22
Der jüngere von diesen Brüdern bedeutet die zweite Phase der Gottesverehrung. Die erste nämlich haben wir bei den Patriarchen, die zweite bei den Königen und Propheten. Beide bedeuten ein Leben nach Gott. Denn auch jene, die nach dem mosaischen Gesetze einen frommen und gottesfürchtigen Kampf kämpften, blieben von Gnade und Ehre nicht ausgeschlossen: doch früher als in den Erbfolgern reifte die Frucht der Gottesverehrung in den Vätern; denn früher regte sich Zara, d. i. übersetzt der „Aufgang‟. Das Licht der Gottesverehrung nämlich ist der Widerschein vom wahren Aufgang, von jenem fürwahr, der gesprochen: „Aufgang ist mein Name‟, dessen erster Lichtstrahl in den Patriarchen aufleuchtete. Denn diese traten mit 133 der Betätigung ihres Lebens zuerst in der Welt hervor, und in ihrer Hand regte sich vorbildlich und zum voraus auch unser Handeln gleich dem eines vollentwickelten Organismus, ob wir auch noch gleichsam im Mutterschoße der Natur schlummerten. Doch wie eine Wandung war zwischenhinein die Gesetzesbeobachtung geschoben: eine Art Riß in das Leben der Altvordern. Darauf nun bezieht sich die Äußerung, die von der typischen Person der Wehmutter, vielleicht der Gerechtigkeit, die uns vom Mutterschoße der Natur weg aufgenommen, berichtet wird: „Dieser soll zuerst hervorkommen.‟ Ja fürwahr wunderbar war jene Stufenfolge der Gottesverehrung, nicht von Moses, „nicht von einem Menschen, noch durch einen Menschen‟ diesem eingeprägt, sondern gleichsam durch die Gabe der Weisheit, die ohne sein Zutun sich ihm einsenkte.
§ 23
Für die erste Stufe der Frömmigkeit bildete sonach das Evangelium die Norm. Denn dem Kreuze und dem Blute Christi verdanken wir den Glauben. Seinen Tag schaute Abraham und freute sich. Seine Gnade sah Noe mit geistigem Seherblick im Typus der Kirche vorgebildet. Seine Stelle vertrat ohne Sträuben Isaak im Opfer. Ihn betete Jakob nach seinem Obsiegen an. Seine Kleider schaute Isaias ― auch der Propheten Leben hatte im Evangelium seine Norm ― rotgetränkt. In seinem Blute nämlich ruht in der Zukunft inmitten einer untergehenden Welt das Wahrzeichen des allgemeinen Heils. Das zeigte Rachab an, typisch eine Buhlerin, mystisch die Kirche, welche den vielen Ankömmlingen den Schoß nicht verschließt; umso keuscher, je innigere und zahlreichere Verbindungen sie eingeht; eine makellose Jungfrau, ohne Runzel, unversehrt an Reinheit, dem Volke in Liebe zugetan; eine keusche Buhlerin, eine unfruchtbare Witwe, eine fruchtbare Jungfrau: eine Buhlerin, weil von vielen Liebhabern umworben, die ihre Liebe genießen, ohne mit Sünde sich 134 zu beflecken ― „wer einer Buhlerin anhängt, wird ja ein Leib mit ihr‟ ― eine unfruchtbare Witwe, die, solange der Mann abwesend war, nicht Mutterfreude kannte ― es kam der Mann und sie gebar dieses Volk und Gesinde (der Gläubigen) ― eine fruchtbare Jungfrau, die diese Schar (der Gläubigen) geboren, des Segens der Liebe sich freuend, ohne sinnlicher Lust zu frönen.
§ 24
Um aber zur Geschichte zurückzukehren: was wollen die Worte der Wehmutter: „dieser soll zuerst hervorkommen‟ anders besagen, als daß er ein Vorbild dessen war, der nach der leiblichen Geburt zwar später, der Kraft und Wahrheit nach aber schon zuvor da war und den Vorrang vor allen sich beilegte? Daher auch das Bekenntnis des Johannes: „Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist‟. Was will das Anbinden des roten Fadens an dessen Hand anders besagen, als daß er Vorbild dessen war, der durch die Sprache seines Kreuzes und durch sein Blutvergießen sein menschliches Handeln (gegen doketische Auffassung) ins rechte Licht stellte? Und es kam nun, nachdem Zara die Hand zurückgezogen hatte, sein Bruder hervor, der „einen Riß in die Wandung machte‟. Zwischenzaunwand, bzw. -Mauerwand nannte ihn darum der Apostel, und er selbst erhielt den Namen von diesem Riß; denn Phares bedeutet ‚Zerteilung‛. Hiervon erhielten auch die Pharisäer ihre Bezeichnung, indem sie sich vom Umgange mit der Menge absonderten. Glücklicher und viel besser wäre kein Riß in die Wandung gemacht worden, sondern dieselbe ein einziges, ungeteiltes Ganzes geblieben. Das hätte geschehen können, wenn der Lebenskampf der Folgezeit sich folgerichtig an jene Lebensweise gehalten hätte, die zuvor „die Hand hervorstreckte‟, d. i. ihr 135 Handeln an den Tag legte. Viel besser wäre es gewesen, wenn das Volk der Beschneidung das Leben der Altvordern hätte nachahmen wollen; denn so würde das Frühere mit dem Späteren nur* eine* Wandung,* eine* Mauer,* einen* Bau gebildet haben. Weil indes die schwächliche spätere Lebensweise jener ersten sich nicht gewachsen fühlte, deshalb kam zweifelsohne der Riß in jene Zaunwand, bezw. Mauer, die nach Gott aufgeführt war; deshalb schob sich gleichsam eine Zwischenmauer ein, so daß jener Zaun, d. i. der ständige und stetig fortschreitende Aufbau des guten Sittenwandels durchbrochen wurde. Der Zaun ist’s ja, mit dem man einen Fruchtacker umfriedet, diebischem Einbruche wehrt, der das bebaute Land einschließt, Ödland hiervon absondert. Eine Mauer umschließt auch das Haus. Solange sie fortbesteht, ist das Haus sicher; darum denn auch das Wort: „Wegnehmen will ich (des Weinbergs) Mauer, und er wird zur Verheerung sein‟.
§ 25
[Forts. v. 135 ] Wir wünschten, es möchte diese Mauer unseres Hauses, des geistigen Hauses in uns, unversehrt bleiben. Denn nicht von Menschenhand läßt sie sich erbauen, sondern nur vom lebendigen Gotte, der da spricht: „Und eine Mauer habe ich ringsum aufgeführt‟. Der Untergang der Mauer bedeutet darum den Untergang des Heiles. Fortbestehen soll demnach die Mauer, fortbestehen dieser Zaun! Willst du dich von der Nützlichkeit des Zaunes überzeugen? „Umzäune deine Ohren mit Dornen und Hecken, und höre nicht auf eine boshafte Zunge!‟ Dieser Zaun schützt dich nämlich vor Schuld.
§ 26
Der Herr Jesus nun, der nachmals als Mensch in die Sichtbarkeit eintrat, stellte jenen alten Schutzzaun wieder her und gab uns wiederum dem Wandel der Altväter, der alten Glaubenseinfalt zurück. Auf ihn bezieht sich darum des Propheten Wort: „Erbauer 136 der Umfriedung wirst du genannt werden‟. Denn er beseitigte den Riegel, der sich trennend zwischen die Gemeinschaft des Geistes und Leibes und einen reinen Lebenswandel geschoben hatte, und „er ist unser Friede geworden, der aus zweien eins gemacht hat, die Zwischenwand der Umfriedung aufhebend‟. Die Wand ist nach der Auslegung des Apostels die Feindschaft im Fleische. Diese Feindschaft nun beseitigte der Herr, stellte den Frieden wieder her und „hob das Gesetz der Gebote in Satzungen auf, um die Zwei in* einem* neuen Menschen zu begründen‟. Damit aber bezeichnet der Apostel nicht allein den äußeren und inneren Menschen, sondern auch „den Juden und den Griechen‟, auf daß Christus „alles und in allen sei‟. Der Herr nämlich beseitigte den Aberglauben in der Sabbatfeier, die buchstäbliche Sabbatübung und hob gleichsam die Zwischenwand des Gesetzes auf, die uns ob ihrer schwer erfüllbaren Vorschriften an der wahren Gottesverehrung gehindert hätte. Denn den Heiden würde es nicht tunlich und möglich gewesen sein, nach dem mosaischen Gesetze den Gotteskampf zu führen, da der eitle Aberglaube der Juden das natürliche Empfinden der Heiden von der Annahme der Gesetzesbeobachtung abgeschreckt hätte. Wie also? Ist das Gesetz unnütz? Das sei fern! Nein, nützlich war es den Glaubenslosen, notwendig den Schwachen; denn es legte den Schwankenden und Irrenden den strengen Zügel heilsamer Vorschrift, die Fessel gewissenhafter Beobachtungen an. Gut aber ist das Gesetz, weil geistlich. Nur für den also ist es nicht gut, der es nicht für geistlich hält; der kleinlichen und niedrigen Geistes jene Hoheit, die über dem Gesetze steht, (die Hoheit) Christi, nicht zu schauen vermochte. Wohl aber erblickte sie gleichsam über die Scheidewand hinweg der geistig hochstehende Isaias und schaute die Herrlichkeit Gottes, die nur auf Bergeshöhen, nicht auf Hügeln zu schauen ist.
§ 27
137 Es belehrte uns nun die Kirche im Hohen Liede, wie diese Wand für unseren Herrn Jesus Christus und für den Nachfolger Christi kein Hindernis sein konnte. „Die Stimme meines Bruders‟, ruft sie aus. „Sieh, er kommt, springend über die Berge, die Hügel überspringend. Dem Rehe ist mein Bruder gleich oder dem Jungen der Hirsche auf den Bergen Bethels. Sieh, da zurück steht er, hinter unserer Wand, blickt durch die Fenster herein, durch die Gitter herein. Da erwiderte mein Bruder und sprach zu mir: Mach dich auf, komm, meine Schwester, meine Schöne, meine Taube! Denn sieh, der Winter ist vorbei, der Regen vorüber, er verzog sich. Die Blumen sind sichtbar geworden im Lande, die Zeit des (Reben-) Schnittes ist da, die Stimme der Turtel wird vernommen‟. Die Blumen sind die Apostel, die Erntezeit die Frucht Christi, die Stimme der Turtel die Stimme der Kirche. Mit Recht denn hat der Gottessohn, nachdem er die Menschen irdisch gesinnt, nicht zum Höheren fortschreitend und in den Banden des Körperlichen eingeengt sah ― „denn keiner war, der Gutes tat, auch nicht einer war‟ ― sich gewürdigt selbst herabzusteigen, um jene Wand des Gesetzes d. i. den Wust und Wahn seiner buchstäblichen Auffassung, die wie Last und Nacht das Herz des Volkes bedrückten, aufzuheben. Besser eine Mauer denn eine Wand. So war denn die „übertünchte Wand‟ keine gute und ward nicht zu Unrecht als Bezeichnung für den Hohenpriester gebraucht; denn dieser suchte die hemmende Zwischenwand (des Gesetzes) noch aufrecht zu erhalten, die der Herr als zu harten Lebenskampf aufhob, um so einer reineren Religionsübung Eingang zu verschaffen. Und zwar sollte nicht einzig nur das im Buchstaben der Gesetzesvorschrift schmachtende Judengeschlecht, sondern alle Völker durch das Evangelium zur Gottesverehrung berufen werden.
§ 28
Die beiden Zwillinge bedeuten sonach ein Zwillingspaar an Lebensführung, ein Zwillingspaar an 138 Lebenskampf, doch so, daß der erstere besser war als der letztere. Das Bessere wurde demnach wieder hergestellt. Wer aber möchte leugnen, daß das Evangelium im Vergleich zum Gesetze das Bessere war? Gleichwohl ist auch das Gesetz gut, wenn man den Geist über den Buchstaben stellt; „denn der Buchstabe tötet‟. Was aber würde die obige Begebenheit frommen, wenn wir nicht das Licht des wunderbar großen Geheimnisses schauen würden? Der heilige Apostel nämlich hat uns in der schlichten geschichtlichen Begebenheit die verborgene Wahrheit suchen und den Sinn auf gewisse Probleme lenken gelehrt, die dem Literalsinn unzugänglich waren. Er schreibt nämlich: „Saget mir, die ihr das Gesetz gelesen habt, habt ihr das Gesetz nicht gehört? Es steht nämlich geschrieben: Abraham hatte zwei Söhne, einen von der Magd und einen von der Freien. Aber der von der Magd wurde nach dem Fleische geboren, der von der Freien aber kraft der Verheißung. Das, fügt er bei, ist vorbildlich gesprochen; denn gemeint sind damit die zwei Testamente‟. Und weiter unten: „Dieses obere Jerusalem aber ist die Freie‟.
§ 29
Zu diesem Jerusalem nun, das keine Zwischenwand zu zerreißen und zu zerteilen vermochte, laßt uns erhabenen Geistes trachten! Denn aufgehoben ist jene Scheidewand des Alten Testamentes nach dem Literalsinn, verstoßen ist die Magd, zurück- und beibehalten wird nur die Freie. Der Freien freie Kinder sind wir; denn frei ist die Kirche, verstoßen ist die Synagoge ― knechtisch war ja das Judenvolk ― beseitigt ist der Knechtschaft Joch, das gleichsam auf unserer Seele Nacken drückend lastete: nicht länger mehr sollten wir auf die Wand des früheren Lebens blicken können. Unser Teil ist ein süßes und leichtes Joch, das uns mit den Zügeln des Friedens und der Gnade Banden schirrt und mehr aufrichtet denn niederdrückt. Das ist der 139 Herr, der ehedem vorbildlich schon in Zara hervortrat; denn aus dem Stamme und der Nachkommenschaft des Zara ward der Herr Jesus dem Fleische nach erzeugt: nicht bloß vom Weibe, sondern auch unter dem Gesetze, um jene, die unter dem Gesetze standen, mit dem Preise seines Blutes zu erlösen. Vorbildlich für ihn aber war insofern die Hand jenes Zara, als sie verheißungsvoll auf die Ankunft dessen hinweisen sollte, der den ursprünglichen Lebenswandel wiederherstellte und die Freiheit, die er jenem ersten Adam verliehen hatte, im letzten Adam erneute, so daß nunmehr das Menschengeschlecht der Knechtschaft ledig ist.
§ 30
Wenn wir nun die Thamar um einer geheimnisvollen Wahrheit willen im Geschlechtsregister des Herrn aufgeführt finden, so wurde zweifelsohne auch die Ruth, wie wir annehmen müssen, aus dem gleichen Grunde nicht übergangen. An sie scheint der heilige Apostel gedacht zu haben, da er im Geiste die feierliche Berufung der fremden Völker durch das Evangelium voraussah und ausrief: „Das Gesetz war nicht den Gerechten auferlegt, sondern den Ungerechten‟. Wie wäre denn sonst die Ruth als Ausländerin zur Heirat mit einem Juden gekommen? Und wie der Evangelist auf den Gedanken, im Stammbaum Christi ihrer Verbindung, die gesetzlich verboten war, Erwähnung zu tun? Ist sonach der Heiland nicht aus rechtmäßiger Zeugung hervorgegangen? Es könnte den Schein des Ungeziemenden erwecken, kehrte man nicht zum Ausspruche des Apostels zurück, das Gesetz sei nicht den Gerechten auferlegt worden, sondern den Ungerechten. Nachdem Ruth nämlich eine Ausländerin und zwar eine Moabitin war, nachdem insbesondere das mosaische Gesetz solche Ehen verbot und die Moabiten von der Gemeinde ausschloß ― denn so steht geschrieben: „Moabiten sollen nicht eintreten in die Gemeinde des Herrn bis zum vierten und fünften Grade, nie und nimmer!‟ ― wie 140 trat sie dennoch in die Gemeinde ein? Doch nur weil sie heilig und makellos an Sitten über dem Gesetze gestanden hat. Denn wenn das Gesetz nur den Gottlosen und Sündern auferlegt wurde, dann ist doch fürwahr Ruth ein großes Vorbild für uns, die über die gesetzliche Bestimmung hinweg in die Gemeinde eintrat, Israelitin wurde und unter den Vorfahren des Herrn aufgezählt zu werden verdiente, ob der geistigen, nicht leiblichen Verwandtschaft hierzu erlesen; denn sie war nur der Typus, in welchem wir Heidenchristen zum voraus bereits in die Kirche des Herrn eingetreten sind. Sie laßt uns denn nachahmen! Ob ihres Sittenwandels verdiente sie, wie die Geschichte lehrt, das Vorrecht, als Glied in die Gemeinde aufgenommen zu werden: so soll auch uns (Heiden) auf Grund eines auserlesenen Sittenwandels, auf empfehlende Verdienste hin die Aufnahme in die Kirche des Herrn werden.
§ 31
Als nämlich in den Tagen der Richter in frühen Zeiten eine Hungersnot die Israeliten heimsuchte, da zog von Bethlehem, einer Stadt in Juda, in der Christus geboren wurde, ein Mann mit seinem Weibe und seinen zwei Söhnen fort, um im Lande Moab sich anzusiedeln. Elimelech hieß der Mann, sein Weib Noemi. Seine Söhne nahmen sich Moabitinnen zu Frauen ― Orpha war der Name der einen, Ruth der Name der anderen ― und sie wohnten daselbst ungefähr zehn Jahre und starben. Das hinterbliebene Weib (Noemi) indes, der beiden Söhne und ihres Mannes beraubt, traf, als sie erfahren hatte, daß Gott Israel gnädig heimsuchte, Anstalten zur Heimkehr und riet auch den Frauen ihrer Söhne, ihrerseits ins Vaterhaus zurückzukehren. Eine folgte dem Rate, Ruth aber blieb bei ihrer Schwiegermutter. Auf deren Vorstellung: „Sieh, schon ist deine Schwägerin zu ihrem Volke und ihren Göttern zurückgekehrt, kehre auch du gleich deiner Schwägerin zurück‟, antwortete Ruth: „Das darf mir nicht geschehen, daß ich dich fortlasse und zurückkehre: wohin immer du gehst, will ich mit dir gehen, und wo du bleibst, will ich bleiben. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott mein Gott. Und wo du stirbst, da will ich sterben, und wo du begraben wirst, 141 begraben werden‟. Und so kamen sie beide nach Bethlehem. Da nun Booz, der Urgroßvater Davids, dieses wohlgesittete und dieses heiligmäßige Verhalten gegen die Schwiegermutter, die Pietät gegen den Verstorbenen, die Frömmigkeit gegen Gott sah, erkor er sich dieselbe dem mosaischen Gesetze zufolge zur Frau, um dem verstorbenen Bruder Nachkommenschaft zu erwecken.
§ 32
[Forts. v. 141 ] Es verlohnt sich zu beachten, daß wir Ruth auf einem Acker voll Erntefrucht begegnet sind, wie sie eben nach der Schrift mit der Hand Ähren auflas und deren Frucht für die Schwiegermutter zurücklegte; und daß sie nicht hinter einem Jüngling herzog, sondern hinter einem reifen Manne ging. Deshalb auch bekam sie das verdiente Lob zu hören: „Ein tugendhaftes Weib bist du‟, bezw.: „Recht hast du deine Barmherzigkeit geübt, größere noch zuletzt als zuvor‟. Die Barmherzigkeit der Kirche in den letzten Zeiten überbietet ja jene der Vorzeit. Daran sei hier nur kurz erinnert; denn ausführlicher haben wir hierüber in den Büchern gehandelt, die ich „Über den Glauben‟ geschrieben habe. Ruths Nächster aber ward jetzt, der ihr fern gestanden, weil ihr fern ward, der ihr Nächster gewesen ist; und er ließ sich, nachdem er sie zur Frau genommen, den Schuh des Bruders aushändigen. Es war nämlich Brauch, daß der Bruder, der seine Verwandte nicht zur (Pflicht-) Ehe nehmen wollte, seinen Schuh zu lösen und dem anderen abzutreten hatte. Darin lag kein geringes Geheimnis; denn der, welcher im Vorbilde (Booz) die Ausländerin (Heidenkirche) zu sich nahm, empfing die Vollmacht zur Verkündigung des Evangeliums.
§ 33
Daß diese Ehe vorbildliche Bedeutung hatte, bezeugt das Segensgebet der Ältesten, die da flehten: „Gebe 142 der Herr, daß die Frau, die in dein Haus eintreten möge wie Rachel und Lia, welche das Haus Israel erbaut haben, auch kraftvoll wirke in Ephrata und ihr Name (genannt) sei in Bethlehem! Und dein Haus werde wie das Haus des Phares, welchen Thamar dem Judas gebar! Von deinem Samen gebe dir der Herr (Nachkommenschaft) aus diesem Mädchen! Und es nahm Booz die Ruth und sie ward ihm verbunden zur Ehe‟. Und sie gebar Obed, den Vater Jesses, den Großvater Davids. Mit Recht erinnert also der heilige Matthäus, da er durch sein Evangelium die Heiden zur Kirche einladen wollte, an die Tatsache, daß der Stifter und Herr der Heidenkirche selbst Nichtjüdinnen Aufnahme in seinen menschlichen Stammbaum gewährte. Es sollte schon damals angedeutet werden, daß jener Stammbaum denjenigen hervorbringen werde, welcher die Heiden berufen würde. Ihm sollen wir alle, die wir aus nichtjüdischen Völkern uns sammelten, folgen, indem wir der Väter Erbe verlassen und zu einem, der uns zur Religion des Herrn ruft, z. B. zu Paulus oder zu jedwedem Bischofe sprechen: „Dein Volk ist mein Volk, dein Gott mein Gott‟. ― So denn ist Ruth wie Lia und Rachel, des Volkes und des Hauses ihres Vaters vergessend, die Fessel des Gesetzes sprengend, in die Kirche eingetreten.
§ 34
[Forts. v. 142 ] Den Schuh aber löst, wer die Kirche nicht aufnimmt. Auch zu Moses ward gesprochen: „Löse den Schuh an deinen Füßen‟, damit man nicht ihn für den Bräutigam der Kirche hielte. Denn nur der wahre Bräutigam löst ihn nicht. Darum versichert auch Johannes: „Dem ich nicht wert bin, den Schuhriemen aufzulösen‟. Auch dieser also ist nur Vorbild und half nur das Haus Israel bauen.
§ 35
143 Wie sehr aber Ruths Gedenken in der Geschlechtsliste des Herrn am Platze war, macht das höhere Geheimnis erklärlich, auf das nachdrücklich hingewiesen wird. Darnach wurde nämlich geweissagt, daß aus ihrem Geschlechte in Ephrata Christus geboren werden sollte, indem es heißt: „Es verleihe dir der Herr kraftvoll zu wirken in Ephrata, und (genannt) sei dein Name in Bethlehem!‟ Welche Kraft wäre denn gemeint als jene, welche durch Christus die Heidenvölker sammelte? Was aber bedeutete der Name als das Ruhmvolle, daß Bethlehem die Vaterstadt des menschgewordenen Herrn wurde? Daher des Propheten Ausruf: „Und du, Bethlehem in Juda, bist nicht die geringste unter den Fürstenstädten Judas; denn aus dir wird der Fürst hervorgehen, der mein Volk Israel regiert‟. ― So sehen wir also, daß in geschichtlicher, sittlicher und mystischer Beziehung die Erwähnung der Frauen (im Stammbaum Christi) wohl am Platze war.
§ 36
Ich will indes, wenn ich Thamar und Ruth verteidige, nicht leugnen, daß auch Sünder unter den Vorfahren des Herrn aufgezählt sind. Der heilige Lukas wünschte ihrer Erwähnung aus dem Weg zu gehen und hielt sich darum an eine andere Anordnung des Stammbaumes. Er glaubte weder Achab noch Jechonias noch des Urias Frau nennen zu sollen und gab folglich über die makellose priesterliche Geschlechtslinie Aufschluß. Wie aber* ihn* ein vernünftiger Grund bei seiner Absicht leitete, so entbehrt auch des heiligen Matthäus Absicht nicht des rechtfertigenden Grundes. Denn da er die Frohbotschaft niederschrieb, daß der Herr, um aller Sünden auf sich zu nehmen, Mensch geworden ist, den Leiden sich unterzogen, dem Martertod sich unterworfen hat, glaubte er hervorheben zu sollen, wie ihm auch* der* Zug des Erbarmens nicht fehlte, daß er selbst das Beschämende einer schuldbefleckten Abstammung nicht ablehnte. Zugleich sollte es die Kirche nicht als beschämend empfinden, aus Sündern sich zu sammeln, nachdem der Herr aus Sündern geboren ward. 144 Endlich sollte der Segen der Erlösung die erste Wirkung gerade auch an seinen Vorfahren äußern, ebenso niemand den Makel der Geburt als ein Hindernis für die Tugend ansehen oder auf den Adel seines Geschlechtes pochen oder mit übertriebenem Schamgefühle der Väter Sünden sich schämen, nachdem ihm Gelegenheit geboten ist, seine Abstammung mit dem Blütenschmuck der Tugend zu beschönigen.
§ 37
Oder aber gewann nicht der heilige David, an dem freilich vieles vorbildlich auf Höheres deutet, dadurch an Vorzüglichkeit, daß er einsah, ein schwacher Mensch zu sein, und die Sünde, die er mit der gewaltsamen Hinwegnahme der Frau des Urias beging, mit Reuetränen abwaschen zu müssen glaubte, um uns zu zeigen, wie niemand auf eigene Tugend bauen dürfe? Denn wir haben einen gewaltigen Widersacher, dessen Überwindung uns ohne Gottes gnädiges Zutun nicht möglich ist. Und gar oft wird man bei berühmten und seligen Männern auf schwere Sünden stoßen. Man soll daraus ersehen, wie sie als Menschen der Versuchung zugänglich waren, um sie nicht ob ihrer hervorragenden Tugenden für Übermenschen zu halten. Denn wenn einem David, da er im Tugendstolz hochfahrend gesprochen hatte: „Wenn ich denen, die mir wohlgetan, Böses vergolten habe‟, und an einer anderen Stelle: „Ich aber sprach in meinem Wohlergehen: nicht wanken werde ich in Ewigkeit‟, alsbald die Strafe für solche Selbstüberhebung auf dem Fuß folgte, wie er selbst dessen mit den Worten gedachte: „Du wandtest ab von mir Dein Angesicht und ich ward verstört‟; wenn selbst der Stammvater des Herrn infolge der Selbstüberhebung in Ungnade fiel, wieviel mehr müssen wir andere, sündhafte Menschen, die kein Vorrecht an Verdiensten empfiehlt, vor den Klippen der Selbstüberhebung, an denen selbst Gute Schiffbruch leiden 145 können, uns fürchten, zumal ein so großer Mann uns hierin in Wort und Beispiel Lehrer ist? Dieser glaubte zur Versöhnung des Herrn im späteren Leben gleichsam Widerruf leisten zu müssen, indem er beteuerte: „Herr, nicht hochfahrend ist mein Herz und nicht hochblickend meine Augen‟; ferner: „Der Herr ist mir zur Rechten, daß ich nicht wanke‟. Er wußte eben, daß das Selbstvertrauen ihn zu Fall brachte. Und so bezeichnet er denn als das Einzige im Menschen die Gotteserkenntnis; denn so heißt es: „Was ist der Mensch, daß Du ihm offenbar wardst, oder des Menschen Sohn, daß Du seiner achtest?‟ ― Wenn sonach David die Selbstüberhebung verurteilt, in Demut sich hüllt, wird mit Recht in der Geschichte der Frau des Urias diese Lehre von der Demut, deren man sich befleißigen soll, angezogen.
§ 38
Und doch, wenn aus ihr Salomo, der Friedreiche, geboren ward, sehen wir zu, ob nicht vielleicht ein Geheimnis vorliegt: die Vermählung der Kirche mit einem anderen Mann, dem wahren David, nach dem Hingange jenes, der vordem mit seiner Ehe am Heidenvolke Rache nahm! David ward ja Bezeichnung für Christus, den berufenen Namensträger seines Ahnherrn gemäß dem Schriftwort: „Gefunden habe ich David, meinen Knecht‟. Ihm vermählte sich die Kirche, die vom Samen des Wortes und vom Geiste Gottes erfüllt, den Leib Christi, d. i. das christliche Volk gebar. Sie also ist die Frau, die, „solange der Mann lebte, an das Gesetz gebunden war‟. Und darum ist ihr Mann gestorben, daß sie nicht eine Ehebrecherin wäre, wenn sie sich einem anderen Manne hingäbe. Ein Geheimnis also liegt nach dem figürlichen, eine Sünde nach dem historischen Sinn vor: die Schuld durch den Menschen, das Geheimnisvolle durch das Wort. Der geschichtliche Vorgang darf, da wir hierüber an einer anderen Stelle erschöpfender gehandelt haben, an dieser 146 füglich übergangen werden. Und mit Recht hat David mit Rücksicht auf diesen Vorfall den mystischen fünfzigsten Psalm [hebr. 51. Ps.] geschrieben, worin er wegen seiner Verbindung mit Bethsabee fleht: „Fort und fort wasche mich von meiner Ungerechtigkeit und von meiner Sünde reinige mich!‟. Wenn der Liebling Gottes sein Unrecht und das Hinderliche der Sünde für seine Verdienste einsieht, wenn er bekennt wider Gott gesündigt zu haben, warum willst du dich des Bekenntnisses deiner Missetat schämen, da wohl das Sinnen auf Missetat, nicht deren Bekenntnis zur Sünde gereicht?
§ 39
[Forts. v. 146 ] Wenn also David die Begebenheit mit Bethsabee in seinen Psalmen nicht verschwieg, um uns sei es in ein Geheimnis, sei es in die Übung vollkommener Buße einzuführen, sehen wir dieselbe mit Recht auch in der Genealogie des Herrn nicht übergangen, indem ja auch David, der sich dieselbe zur Frau nahm, als Vorfahre im menschlichen Stammbaume des Herrn aufgeführt wird. Seine besondere Auszeichnung, wie gesagt, bestand darin, daß er in dieser geheimnisvollen Verbindung die Entstehung der Kirche schaute und die Offenbarung empfing, daß aus seinem Geschlechte Christus geboren würde. Der eine Ausspruch nämlich bezieht sich auf die Kirche, wenn er spricht: „Sieh, wir hörten von ihr in Ephrata, wir fanden sie im Waldgefilde‟; der andere im besonderen auf die Verheißung der leiblichen Abstammung des Herrn, die mit ganz klaren Worten geoffenbart wurde, indem es heißt: „Von der Frucht deines Leibes will ich setzen auf meinen Thron‟. Sei doch so großer Verheißung nicht uneingedenk! Denn nicht unbedingt wurde sie gegeben; sondern „wenn du den Bund des Herrn halten und seine Zeugnisse wahren wirst‟, die er im Evangelium kund zu geben verspricht, wird auch dir der Weg zum ewigen Throne offen stehen.
§ 40
147 Von Achab aber, dessen Weib Jezabel war, ist alles bekannt genug, desgleichen von Jechonias, von dessen äußerst schwerer Sündenschuld Jeremias der hinlänglich verlässige Gewährsmann ist, der ihm selbst den Namen, den er hatte, absprach. Während er daher in den Büchern der Könige Joachim heißt, wurde ihm von Jeremias der Name Jechonias gegeben, indem er spricht: „Verächtlich ist Jechonias wie ein Topf, zu keinem Gebrauch taugt er. Darum ist er selbst und sein Geschlecht verstoßen. Erde, Erde, höre das Wort des Herrn! Verzeichne diesen Mann als entthront; denn kein Sprosse wird hervorgehen aus seinem Samen, der sitze auf dem Throne Davids, kein Fürst mehr in Juda‟. Unter seiner Regierung nämlich haben die Babylonier Judäa verwüstet, und kein König vermochte später je aus seiner Nachkommenschaft zur Könighsherrschaft in Judäa zu gelangen. Denn als nachmals das Volk aus der Gefangenschaft entlassen wurde, stand es unter Priestern und Vierfürsten. Deshalb auch währten die Vierfürsten bis zur Geburt Christi, ohne daß auch sie, soweit die Geschichte hiervon berichtet, die (erlangte) Königswürde zu wahren wußten.
§ 41
Nach den Gewährsmännern nämlich, die uns entweder an der Hand von Quellenschriften oder in einfacher Berichterstattung oder in Form eigentlicher Geschichtsdarstellung hiervon berichteten, sollen idumäische Freibeuter in die palästinensische Stadt Askalon eingedrungen sein und unter anderen den Antipater, den Sohn eines gewissen Hierodulen Herodes, gefangen aus dem Apollotempel nahe den Stadtmauern fortgeführt haben, ohne daß ihn der Vater aus Armut loskaufen konnte. Derselbe wurde nun in die Lehren und Geheimnisse der Juden eingeführt und trat in ein enges Freundschaftsverhältnis mit dem König Hyrkanus von Judäa. Hyrkanus nun schickte ihn in eigener Sache als Gesandten zu Pompeius. Und weil er bei seiner 148 Gesandtschaft Erfolg hatte, benützte er diese günstige Gelegenheit, nach der Mitherrschaft zu streben. Als aber Antipater aus Eifersucht auf sein Glück ermordet wurde, erhielt sein Sohn Herodes später unter Antonius durch Senatsbeschluß die Königsherrschaft über die Juden übertragen. Seine Söhne waren Herodes (Antipas) und die übrigen Teilfürsten.
Wir glaubten dies deshalb aus griechischen Geschichtsbüchern herübernehmen zu sollen, damit klar ersichtlich würde, daß Herodes in keinerlei Verwandtschaftsverhältnis zum Geschlechte der Juden stand und nur durch falsche List den Weg zum Throne sich bahnte. So ließ er denn auch im Bewußtsein seiner niederen Herkunft die Schriften der Juden verbrennen, damit nicht etwa gegen seine Nachkommen eine Schwierigkeit in Rücksicht auf die alttestamentliche Bestimmung gemacht würde. Er glaubte nämlich, es könne, wenn er die Beweisurkunden aus der Öffentlichkeit beseitigt hätte, durch keinerlei anderweitige Zeugnisse klargestellt werden, daß er nicht von einem alten Patriarchen- oder Proselytengeschlecht abstamme. Aber wie es zumeist bei menschlichem Sinnen und Trachten hergeht: Es konnte das der Erkenntnis und Erforschung der Wahrheit nicht Eintrag tun.
§ 42
Doch sehen wir zu, daß es nicht uns möglicherweise Eintrag tue in dem Bekenntnisse, daß Christus wirklich königlichen Geschlechtes ist und des Herrn Geschlecht durch wirkliche Könige edlen Geblütes fortgeführt wurde. Als freilich eine Sippe unedlen Blutes die begehrliche Hand nach der Königskrone ausgestreckt hatte, bedingte nicht mehr die Abfolge der Macht, sondern der Zeugung die Fortpflanzung seines Edelstammes. Gleichwohl halten wir Christus selbst nicht für einen König im Sinn weltlicher Hoheit. Wie kann es also heißen: „Von der Frucht deines Leibes will ich setzen auf meinen Thron‟? Wie kann der Engel von 149 ihm sagen: „Gott der Herr wird ihm geben den Thron seines Vaters David, und er wird herrschen über das Haus Israel‟? Wie sollte sein Königtum nur in der Verheißung beruhen und nicht in die Erscheinung treten? Oder wie konnte durch den Propheten gesprochen werden, es werde aus der Nachkommenschaft des Jechonias niemand zur Königswürde gelangen? Denn war Christus König, ging Christus aber aus der Nachkommenschaft des Jechonias hervor, dann war der Prophet ein Lügenprophet und Lügensprüche auch seine Worte. Indes wird hier nicht eine künftige Nachkommenschaft aus dem Geschlechte des Jechonias überhaupt in Abrede gestellt. Darum ist Christus aus seinem Geschlechte und sein Königtum nicht im Widerspruch mit der Weissagung. Denn nicht ein König von weltlicher Hoheit war er und nicht auf des Jechonias Thron saß er, sondern auf dem Throne Davids herrschte er.
§ 43
Doch wenn eben Jechonias Davids Thron einnahm, wie erklärt sich dann der Ausspruch, es würden des Jechonias Nachkommen Davids Thron nicht einnehmen, nachdem doch beide sichtlich ein und denselben Thron innehatten? Also können doch auch wir nicht leugnen, daß es Davids Thron gewesen. Dennoch hat Christus nicht den gleichen davidischen Königsthron eingenommen wie Jechonias, ja konnte überhaupt kein anderer aus Davids Geschlecht dessen Thron einnehmen als Christus; denn in keinem anderen ist seine Nachkommenschaft ewig, sondern nur in Christus, wie Gott selbst es mit den Worten kundgetan hat: „Einmal habe ich geschworen in meiner Heiligkeit, fürwahr dem David lüge ich nicht: Seine Nachkommenschaft soll auf ewig bestehen und sein Thron gleich der Sonne vor meinem Angesicht‟. Wen nun meint er hier? Gewiß nicht Salomo, nicht Roboam, nicht Nathan, sondern jenen, von dem er allein sprechen konnte: „Ich werde legen auf das Meer seine Hand und auf die Flüsse seine Rechte. Er wird mich anrufen: Mein Vater bist Du‟; 150 ferner: „Ich werde setzen auf immer und ewig seine Nachkommenschaft und seinen Thron wie die Tage des Himmels‟. Nicht fürwahr Salomo hat diesen Thron eingenommen, nicht Roboam, nicht Jechonias. Willst du’s wissen, wer ihn einnahm? Der ist’s, von dem der Engel zu Maria spricht: „Sieh, du wirst empfangen im Schoße und einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Jesus heißen. Dieser wird groß sein und Sohn des Allerhöchsten genannt werden. Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben und er wird herrschen über das Haus Jakob in Ewigkeit und seines Reiches wird kein Ende sein‟. Wenn du dem Engel nicht glaubst, wirst du doch wenigstens dem Herrn selbst glauben, wenn er beteuert: „Du sagst es: ich bin ein König‟. Hat nun auch er gelogen, weil er sich einen König nannte, obschon er kein König war auf Erden? Wie erklärt sich das Schriftwort, das ihn einen König nennt und nicht als König ausweist?
§ 44
Wir sind mit unserer Erörterung an einen Abgrund gelangt, stecken im Sumpfe, treiben mit der Wahrheit dem Schiffbruch zu. Laßt uns denn Christus wecken, ihn fragen, er soll Antwort geben! Laßt die Schrift uns fragen! Da finden wir nun, daß das Reich des Herrn nicht von dieser Welt ist. Er selbst nämlich beteuerte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt‟. Damit daß er sagte, sein Reich sei nicht von dieser Welt, gab er deutlich zu verstehen, daß es ein überweltliches ist. So gab es ein Reich von ihm, und gab es keines: es gab keines auf der Welt, es gab eines über der Welt. Es war also ein Reich anderer Art, des wahren David, das allein Christus erbte; und es war eine Nachkommenschaft Davids anderer Art, die ewig währt, aus der allein Christus erzeugt wurde, der allein der wahre Sohn Davids ist, auf den allein auch dessen Name überging, wie geschrieben steht: „Gefunden habe ich David, meinen Knecht, mit meinem heiligen Öle habe ich ihn gesalbt‟. Daß diese Worte sicherlich nicht auf den 151 Propheten David sich beziehen, sondern auf den Herrn, zeigt klar das Vorausgehende: „Ich habe Hilfe gelegt auf den Mächtigen und erhöht den Erkorenen aus meinem Volke‟. Nur Christus ist der Mächtige, nur er der Erkorene. Der Heiligen Geschlecht wurzelt nämlich mehr im Glauben als im Blut. Darum des Apostels Wort: „So nämlich welche aus dem Glauben sind, die sind Kinder Abrahams‟.
§ 45
Auch das glauben wir nicht übergehen zu sollen, daß der heilige Matthäus von Davids Zeiten bis zu Jechonias, d. i. bis zur Gefangenschaft, obwohl siebzehn Könige in Judäa regiert haben, nur vierzehn Geschlechter ansetzte, und daß er hinwiederum zum Schlusse erwähnte, von Jechonias bis zu Joseph seien vierzehn Geschlechter aufgezeichnet, obschon nur zwölf Geschlechter namentlich aufgeführt werden. Denn so heißt es: „Alle Geschlechter von Abraham bis auf David sind vierzehn Geschlechter und von David bis zur Übersiedlung nach Babylon vierzehn Geschlechter und von der Übersiedlung nach Babylon bis auf Christus vierzehn Geschlechter‟. Fürs erste nun ist zu wissen, was wir schon früher betont haben, daß möglicherweise die Amtsnachfolge häufiger, die Geschlechtsabfolge weniger oft statthatte. Denn der eine und andere konnte länger leben und später zeugen oder sicherlich auch ohne alle Nachkommen bleiben. Es fällt daher die Regierungszeit der Könige nicht mit der Umlauffrist der Generationen zusammen. So überging denn Matthäus jene, die nach seinem Dafürhalten keine Bedeutung für den Stammbaum hatten. Nur wenn dem heiligen Matthäus die Aufgabe vorgelegen hätte, eine Sukzessionsliste (der Könige) herzustellen, könnte es uns vernünftigerweise befremden, warum er, nachdem doch die Königsbücher und die Paralipomenen übereinstimmend berichten, daß nach Joram Ochozias, Joas und Amasias regierten, Ozias aber auf Amasias folgte, diese drei Könige, Ochozias, Joas und Amasias überging und 152 auf Joram gleich den Josaphat folgen ließ. Doch eben nicht in der Königswürde, sondern im Stammbaum ließ er ihn folgen; nur Berichterstatter über das Geschlechtsregister war er, wie er selbst erwähnte. Es konnte aber geschehen, daß Joram im vorgerückteren Alter zeugte und Josaphat erst später das Königtum erlangte und so seinem Vater Joram, dem er zwar nicht in der Herrschaft folgte, in der Genealogie folgte.
§ 46
Wenn aber der Evangelist nach Jechonias scheinbar nur zwölf Geschlechter aufzählt, so wird man auch hier bei näherem Zusehen eine Berechnung von vierzehn Geschlechtern vorliegen finden können. Zwölf werden nämlich bis auf Joseph gezählt, nicht bis auf Christus. Der dreizehnte ist Christus von Joseph. Es würde freilich keinen Unterschied ausmachen, ob eine Irrung um zwei oder nur um ein Geschlecht vorliegt. Doch auch hier braucht man auf keine kaphereische Klippe und keinen Schiffbruch der Wahrheit stoßen. Denn die Geschichte kennt zwei Joachim, d. i. zwei Jechonias, den einen vor der Übersiedlung (nach Babylon), den anderen während derselben geboren, d. h. Vater und Sohn. Der Vater nun ist als Nachfolger des Josias unter den vorausgehenden Generationen aufgeführt, der Sohn als Nachfolger des Vaters, d. i. als Enkel des Josias unter den folgenden. Daß es aber zwei gegeben hat, beweisen die Bücher der Könige. Denn so steht geschrieben: „Und es herrschte Pharao über Israel, während Joachim, des Josias Sohn, an seines Vaters Josias Statt die Königswürde bekleidete, und es änderte Joachim während der Regierung seinen Namen . . .. Und er war elf Jahre König in Jerusalem‟. 153 Dem wird noch beigefügt: „Und das übrige der Geschichte des Joachim und alles, was er tat, steht das nicht geschrieben im Buche der Geschichte und in den Tagesberichten derer, die in Judäa Könige waren? Und es entschlief Joachim zu seinen Vätern. Und es ward sein Sohn Joachim statt seiner König. Ein Sohn von achtzehn Jahren war Joachim und war, nachdem er den Thron bestiegen, drei Monate König in Jerusalem. Der Name seiner Mutter war Mesola. Und alles, was sein Vater unter den Augen des Herrn verübte, verübte auch er. Und in seinen Tagen zog Nabuchodonosor, der König von Babylon, nach Jerusalem herauf‟. Daraus nun ersieht man, daß zwischen dem Sohne und dem Enkel des Josias zu unterscheiden ist. Sein Sohn ist jener (Joachim), dem Jeremias den Namen (Jechonias) beilegte, sein Enkel jener, der nach dem Vater benannt ward. Und mit Recht wollte der heilige Matthäus vom Propheten nicht abweichen, so daß er ihn nicht Joachim, sondern Jechonias nannte. Zugleich rückte er, wie oben bemerkt, die Segensfülle der erbarmenden Liebe des Herrn in ein noch helleres Licht, wenn der Herr nicht auf dem Geschlechtsadel in allen Gliedern bestand, sondern füglich von Gefangenen und Sündern abstammen wollte, nachdem er kam, „den Gefangenen Erlösung zu verkünden‟. Der Evangelist also verschwieg keinen, sondern verzeichnete beide, weil beide den Namen Jechonias führten. Den jüngeren Jechonias dazugezählt, belaufen sich sonach die Generationen auf vierzehn. So denn Matthäus.
§ 47
Gar sinnig aber glaubte Lukas, weil er die vielen Söhne Jakobs nicht insgesamt anführen konnte, um nicht in überflüssiger Aufzählung sichtlich über den Rahmen der Genealogie hinauszuschweifen, gleichwohl die Namen der Patriarchen Joseph, Judas, Symeon und Levi nimmer übergehen, sondern vor den übrigen hervorheben zu sollen, ob er sie auch unter andere, 154 d. i. viel spätere Generationen einreihte. In ihnen nämlich, deren Nachkommen letztere sind, erkennen wir die Vertreter von vier Tugendgattungen: in Judas, d. i. jenem vorgenannten, einen typisch-prophetischen Vertreter des Geheimnisses des Herrenleidens, in Joseph ein Vorbild der Keuschheit, in Symeon einen Rächer der verletzten Schamhaftigkeit, in Levi einen Träger des Priesteramtes. Ebenso sehen wir in Nathan einen Repräsentanten der Prophetenwürde. Weil nämlich der* eine* Christus Jesus alles war, sollten auch in den einzelnen Altvordern die verschiedenen Tugendgattungen zum voraus hervortreten.
§ 48
Auch die Erwähnung des gerechten Noe durfte im Geschlechtsregister des Herrn nicht übergangen werden. Da der Gründer der Kirche geboren wurde, wollte der Evangelist augenscheinlich jenen Stammvater desselben vorausschicken, der sie vordem im Typus (der Arche) gegründet hatte. Was brauche ich denn des Mathusala Erwähnung tun, dessen Jahre über die Sintflut hinaufreichen? Es sollte hierdurch ersichtlich werden, wie Christus, der einzige, dessen Leben von Alter unberührt blieb, auch schon in seinen Vorfahren von der Sintflut verschont blieb. Haben wir aber in Henoch nicht einen offenkundigen Hinweis sowohl auf die Erbarmung wie auf die Gottheit des Herrn? Auch der Herr bekam den Tod (in der Auflösung) nicht zu fühlen und kehrte in den Himmel zurück, wie sein Ahnherr zum Himmel entrückt ward‟. Daraus geht klar hervor, daß es auch Christus wohl in seiner Macht hatte nicht zu sterben, doch es nicht wollte, damit dieser sein Tod uns zu Nutzen käme. Und es ward Henoch entrückt, „daß nicht die Bosheit sein Herz verkehre‟; der Herr aber, den die Bosheit der Welt nicht verkehren konnte, ging kraft der Erhabenheit seiner Natur dahin 155 zurück, woher er gekommen. Der Brudermörder (Kain) freilich wird stillschweigend übergangen; denn es war kein vernünftiger Grund vorhanden, ihn, der seinen Bruder erschlagen hatte, unter den Vorfahren des Herrn aufzuführen, nachdem doch dieser seine Diener am Leben erhielt, um sie mit dem ehrenden Brudernamen zu beglücken. Aber auch das geschah nicht ohne Grund, daß Seth nicht übergangen wurde, den Adam kraft späterer Zeugung empfing. Es sollte, nachdem das (Gottes-) Volk zwei Geschlechter umfaßt, hierdurch versinnbildet werden, daß der Herr Jesus Christus mehr dem späteren als dem früheren beizuzählen ist.
§ 49
Jetzt nun von Adam selbst, dem Vorbilde Christi, wie ihn der Apostel nennt! Was hätte sich schöner fügen können, als daß die hochheilige Genealogie mit dem Gottessohn anfängt und bis zum Gottessohn hinaufgeführt wird? Zuerst tritt er geschöpflich im Vorbild (Adam) hervor, um nachher wahrhaftig in der Geburt zu erscheinen; das geschaffene Nachbild (Gottes) geht voraus, um dessentwillen das Bild Gottes herabkam. Und es aß, wenn wir das Geheimnis der ersten Sünde erläutern wollen, jener, vom Teufel betört, von Eva verführt, vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, damit dieser, „bevor er das Böse wußte, das Gute erwählte‟ und die Nachstellungen der unheilvollen Schlange mittels des Mahnwortes der Kirche vereitelte. Denn so steht geschrieben: „Bevor noch der Knabe das Gute und das Böse kennt, traut er der Bosheit nicht, so daß er erwählt, was gut ist‟; ferner: „Bevor er Vater oder Mutter zu rufen weiß, wird er die Macht von Damaskus und die Schätze von Samaria in Empfang nehmen‟. Es ist der Knabe, dessen Wiege die Magier mit den Schätzen des Morgenlandes reichlich 156 beschenkten. Das vor Christus dem Unglauben verfallene Volk wendete sich nämlich nunmehr kraft des Glaubens von den Götzenopfern ab und brachte die denselben abgenommene Siegesbeute dem Herrn zum Opfer dar.
§ 50
[Forts. v. 156 ] Diese dir, Bruder, nicht unbekannten Daten über die Abstammung des Herrn glaubte ich ausführlicher dartun zu sollen, damit keiner, wenn er nicht genau genug diese Angaben des Evangeliums beherzigt, teilweise im unklaren bleibt. Im Sterben nämlich, rasch auf die größeren Wunder und Gottestaten des Herrn überzugehen, glaubten sie die heiligen Evangelisten mehr kurz streifen als weitläufig ausführen zu sollen. Sie halten es für genügend, den des Weges Unkundigen gewisse Fingerzeige für die Reise zu geben und die Pfade zu weisen. Ihrer Gepflogenheit zufolge nun wollen wir ― ob mit gutem Wahrheitserfolg, muß ich erst sehen, jedenfalls aber an der frommen Führerhand des Glaubens ― die geistigen Pfade beschreiten und in die verborgenen Geheimnisse vorzudringen suchen; denn wir fürchten, es möchte der eine und andere, wenn er dies liest, zu jung sein für die Handhabung starker Waffen ― das Sprichwort nennt dies: „das Kind mit dem Messer‟ ― und durch unvorsichtigen Gebrauch eher wund als heil aus deren Lektüre hervorgehen. Den Schwachen verletzt seine Waffe, und wer sie nicht zu tragen vermag, kann sie auch nicht gut gebrauchen. Darum erfordert die Sache des Glaubens einen vollkommenen Mann, in welchem das Wissen nicht auf Kindesfüßen am Boden kriecht, die höhere Erkenntnis nicht altersschwach und der Sinne nicht mächtig herumtastet, so daß sie nach Einbuße der Jugendkraft nicht mehr nach der herrlichen Kampfeskrone auslangen kann, dem alternden Adler gleich, der ehedem bald einen Hasen, bald eine Gans mit seinen Krallen fortzuraffen pflegte, nun aber alterssiech nach der unbefiederten Brut kleinerer Vögel fahndet, die keine kräftigere Nahrung zu bieten vermag.