Exegetische Exkurse gleichen Abstechern auf Küstenfahrten (1). Mehr denn Sirenensang und Lotosfrucht fesselt Christi Wort und Tat den Gläubigen (2). Der Sirenensang ein Bild der verführerischen Lüste der Welt (3). Christi Fasten und Versuchung unser Sieg über Welt und Satan. Die drei Heilsmittel: Taufe, Einsamkeit, Fasten (4). Auge und Ohr Zeugen der Taufe und Taufgnade Christi (5). Christus auch in der Taufe allen alles (6). Sündenfall und Erlösung, Adam und Christus (7). Christus allein der Führer der Menschheit zum Paradies (8—9). Die tausend Fallstricke des Teufels (10). Nur der Herr konnte und kann sie zerreißen (11). Der Köder, der den Teufel in die Falle lockte, Christi leidensfähiger Leib (12). Der fortschreitende Weg, den Christus die Jünger von der Erdenwüste zum Paradiese führte (13—14). Die mystische Zahl Vierzig die Zahl des Herrenfastens (15). Der Scheinhunger des Herrn eine „fromme List“ gegen den Teufel (16). Die drei Hauptwaffen des Teufels: Gaumenlust, Prahlsucht, Ehrsucht (17). Der Teufel wußte das Daß, doch nicht das Wie der Ankunft des Gottessohnes (18); seine erste Versuchung will den Zweifel hierüber beheben; Christi ausweichende Antwort (19). Jesu Gegenwaffe nicht Gottes Macht, sondern Gottes Wort (20). Die Teufelswaffe der Prahlsucht zum Sturz des Menschen von der Tugend- und Verdiensthöhe (21—23). Christi unmittelbare, der Menschen mittelbare (mittels des Fleisches) Versuchung durch den Teufel. Die Notwendigkeit fleischlicher Abtötung (24). Die Bosheit, aber auch die Ohnmacht des Versuchers. Der freie Wille des Menschen das Prinzip der Moralität (25). Der Teufel als Engel des Lichtes Vater der Häresie (26). Die Antwort Christi auf die zweite Versuchung ein Bekenntnis seiner Gleichwesenheit mit dem Vater (27). Die Vergänglichkeit des Irdischen (28). Jegliche Amtsgewalt, weil von Gott, gut; schlecht nur der Mißbrauch des Amtes durch dessen Träger (29). Der Verzicht auf ein weltliches Amt das Bessere (30). Das Streben nach Ämtern und Würden Anstiftung und Fallstrick des Teufels (31—32). Die mystische Bedeutung der Versuchungsgeschichte: Christus löst den dreifachen Fallstrick der Adamssünde (33). Christi Nachfolge unser Schutzmittel dagegen (34). Fleischeslust, Ruhmesglanz und Machtgelüste die drei Quellen ,fast aller Verbrechen‛ (35). Der Teufel weicht der wahren Tugend (36). Der Kampf wider ihn: wie groß läßt er den Christen erscheinen! Die Versuchung kein Übel, sondern Vorbedingung für Sieg und Lohn (37). Beispiel des armen Lazarus, des Petrus, Job u. a. m. (38). Die verschiedenen Waffen des Teufels (39). Jobs Verfluchung des Tages seiner Geburt mystisch-prophetisch zu verstehen (40). Durch Kampf und Leiden zu Sieg und Seligkeit (41): Beispiel des ägyptischen Joseph, der Märtyrer (42).
§ 1
[Forts. v. 158 ] Nicht unpassend war, wie ich glaube, die Besprechung der Abstammung des Herrn, die wir zu Ende geführt haben; nicht nutzlos sicherlich war das längere Verweilen bei den Vorfahren des Herrn. Denn wer Anstalten trifft, in Form einer Küstenfahrt den Weg über das Meer zu nehmen, um der kürzeren Fahrt über die hohe See gleich uns aus mangelndem Vertrauen auszuweichen, stattet häufig der Landschaft und den Küstenstädten, von der Schönheit der Punkte angelockt, Besuche ab: wieviel mehr müssen wir, die wir zwar nicht inmitten eines gewaltig tiefen Elementes, wohl aber gewaltig tiefer himmlischer Geheimnisse uns befinden, an näher gelegenen Hafenplätzen anlegen und gern des öfteren Abstecher machen, damit nicht einer, der langen Fahrt überdrüssig und müde, vor Ekel sich nicht mehr des Erbrechens erwehren kann? Gewiß, wer gefährliche Schäden an seiner unsicheren Barke merkt, der mag, wenn oft ein Buch wie ein Ruheport winkt, der Ohre Segel streichen und der Lesung Anker werfen. Im 159 Hafen landen heißt noch nicht die Seefahrt aufgeben, sondern nur die Weiterfahrt einstellen.
§ 2
[Forts. v. 159 ] Vielfach mag vielleicht die bloße Anmut der Gegenden den Vorüberziehenden einladen. Denn wenn den Ulixes, wie die Sage erzählt ― übrigens auch der Prophet versicherte: „Hausen werden darin die Töchter der Sirenen‟; und hätte es der Prophet nicht ausgesprochen, würde doch niemand mit Recht sich daran stoßen, da die Schrift auch Riesen und ein Titanental kennt ― wenn also den Ulixes, der schon zehn Jahre seit den Kämpfen bei Ilion in der Fremde weilte und zehn Jahre heimatsuchend herumirrte, die Lotophagen mit der Süßigkeit ihrer Frucht zu bannen vermochten, wenn die Gärten des Alkinous ihn zurückhielten, wenn endlich die Sirenen mit ihrer Stimme Sang ihn bestrickt und beinahe in den berüchtigten Schiffbruch der Lust hineingelockt hätten, würde er nicht den Genossen gegen des verführerischen Sanges Töne mit Wachs die Ohren verstopft haben: wieviel mehr müssen nicht religiös gesinnte Männer billigerweise von der Bewunderung der himmlischen Begebenheiten bezaubert werden! Und da gibt es nicht bloß süßer Beeren Saft zu kosten, sondern jenes „Brot, das vom Himmel gekommen ist‟; nicht bloß des Alkinous Gemüsebeete zu schauen, sondern Christi Geheimnisse; denn nur „wer schwach ist, mag Gemüse essen‟. Nicht schließen, sondern öffnen soll man die Ohren um Christi Stimme zu hören; denn wer sie vernimmt, braucht nicht Schiffbruch fürchten, nicht wie Ulixes mit physischen Stricken an den Mastbaum gebunden, sondern mit geistigen Banden an das Kreuzesholz geheftet werden, um nicht von den Lockungen der Lüste betört zu werden und das Lebensschifflein in die Gefahr der Lust hineinzusteuern.
§ 3
160 Dichterische Einbildung nämlich malte den Mythus aus, wonach Mädchen an klippenreichem Meeresgestade gehaust haben sollen: verführten sie mit süßer Stimme Seefahrer um des lieblichen Ohrenschmauses wegen zur Abänderung des Kurses, gaben sie die in die verborgenen Untiefen geratenen, durch die falsche Landungsstelle getäuschten Opfer dem Schicksal unseligen Schiffbruches preis. Das ist Dichtung, auf Schein beruhend, eitle Ausschmückung, mit künstlichen Farben aufgetragen: Meer, Frauenstimme, Untiefen daher eine Fiktion. Welches Meer aber öffnet abgrundtiefer seinen Schlund als die Welt: so tückisch, so unbeständig, so tief, so stürmisch ob des Dräuens der unreinen Geister? Was sinnbilden die Mädchen anders als den Reiz weichlicher Lust, welche die Kraft des betörten Geistes entnervt? Was aber bedeuten jene Untiefen als die Klippen unseres Heiles? Denn nichts dräut so sehr im Verborgenen als die Gefahr weltlicher Lust, die, während sie dem Sinn schmeichelt, über das Lebensschifflein hereinschlägt und des Geistes Kraft gleichsam an den Klippen des Fleisches zerschellt.
§ 4
[Forts. v. 160 ] Mit Recht nun gab unser Herr Jesus durch sein Fasten und seinen Wüstenaufenthalt eine Unterweisung wider die Lockungen der Genußsucht und ließ unser aller Herr sich vom Teufel versuchen, damit wir alle in ihm siegen lernten. Achten wir denn auf die drei Mittel, die der Herr nicht umsonst nach dem Berichte des Evangeliums in erster Linie anordnete. Drei Mittel sind es nämlich, die der Förderung des menschlichen Heiles dienen: Sakrament, Einsamkeit, Fasten. Denn „niemand wird ja gekrönt, der nicht ordnungsgemäß kämpft‟, niemand aber zum Tugendkampfe zugelassen, wenn er nicht zuvor von allen Sündenmakeln abgewaschen mit der himmlischen Gnadengabe hierzu eingeweiht wird.
§ 5
161 Es kam nun der Herr zur Taufe, damit wir uns mit Aug’ und Ohr von der Gnade des Sakramentes überzeugten. Und weil das Gesetz vor Himmel und Erde als Zeugen verkündet wurde, ruft der Herr, damit du es glaubest, daß das Geheimnis der Gottheit, das von Ewigkeit in Gott verborgen war, etwas Höheres ist als das Gesetz, nicht bloß den Himmel zur Zeugenschaft auf, sondern bediente sich einer förmlichen Zeugenaussage, indem Gottes Stimme vom Himmel erscholl. Damit du zugleich das Sakrament des Glaubens nicht mit innerlichem Zweifel entweihtest, sollte das Unsichtbare in sichtbaren Wirkungen vor dir zutage treten.
§ 6
Es kam der Herr zur Taufe; denn alles ist er für dich geworden. Für jene, „welche unter dem Gesetze waren‟, nahm er, „als stünde er unter dem Gesetze, da er doch nicht unter demselben stand‟, die Beschneidung auf sich, „um die zu gewinnen, die unter dem Gesetze waren‟. Zu jenen, „die nicht unter dem Gesetze waren‟, gesellte er sich zu gemeinsamem Zusammenleben,„um die zu gewinnen, die ohne das Gesetz lebten‟. „Den Schwachen ist er ein Schwacher geworden‟ durch sein körperliches Leiden, um sie zu gewinnen; kurz: „Allen ist er alles geworden‟, ein Armer den Armen, ein Reicher den Reichen, ein Weinender den Weinenden, ein Hungernder den Hungrigen, ein Durstender den Durstigen, ein Wohlhabender den Besitzenden. Im Kerker schmachtet er mit dem Armen, mit Maria weint er, mit den Aposteln speist er, mit der Samariterin durstet er, in der Wüste hungert er, damit der Bissen des ersten Menschen, nach welchem er wider das Gebot die Hand ausgestreckt hatte, durch das Fasten des Herrn gut gemacht würde. 162 Auf unsere Gefahr hin hat Adam seinen Hunger nach der Erkenntnis des Guten und Bösen getilgt, zu unserem Frommen der Herr Hunger gelitten.
§ 7
[Forts. v. 162 ] * „Da ward Jesus vom Geiste in die Wüste geführt, um vom Teufel versucht zu werden‟.* Man erinnere sich füglich daran, wie der erste Adam aus dem Paradiese in die Wüste verstoßen wurde, um zu beachten, wie der zweite Adam aus der Wüste zum Paradiese zurückkehrte. Sehet, wie das einstige Verdammungsurteil an seinen eigenen Knoten gelöst wird, und das göttliche Gnadenwirken bei seiner Erneuerung die eigenen Wege wiedergeht! Der jungfräulichen Erde entstammte Adam, einer Jungfrau Christus; jener war Nachbild Gottes, dieser das Bild Gottes; jener über alle unvernünftigen Tiere, dieser über alle lebenden Wesen erhaben ― vom Weibe ging die Torheit, von der Jungfrau die Weisheit aus; vom Baume der Tod, vom Kreuze das Leben ―; jener, des Geistlichen entblößt, bedeckte sich mit dem Blattwerk eines Baumes, dieser, des Weltlichen entblößt, verlangte nach keiner leiblichen Hülle. In der Wüste weilte Adam, in der Wüste Christus; denn er wußte, wo er den Verstoßenen auffinden könne, um ihn aus der Irre ins Paradies zurückzuführen. Weil indes im Gewande des Weltlichen eine Rückkehr desselben unmöglich war und nur ein Schuldentblößter Paradiesbewohner sein kann, zog er den alten Menschen aus und einen neuen an, so daß bei der Unabänderlichkeit der göttlichen Ratschlüsse näherhin die Person, nicht das Strafurteil über dieselbe sich änderte.
§ 8
Doch nachdem Adam im Paradiese ohne Führer den gewiesenen Weg verlor, wie hätte er aus der Wüste ohne Führer den verlorenen Weg wiederfinden können, wo der Versuchungen so viele, das Streben nach Tugend schwer, der Fall in die Sünde leicht war? Gleicht doch 163 die Tugend ihrer Natur nach einer Baumpflanzung: richten sich ihre noch schwachen Pflanzen erst vom Boden in die Höhe, ist sie während der Zeit des Wachstums des zarten Laubes dem Verderben eines nagenden Zahnes ausgesetzt oder kann leicht gerodet oder versengt werden. Hat sie aber tiefe, feste Wurzel geschlagen und mit hohem Geäste sich emporgeschwungen, dräut nunmehr vergeblich der Tiere Biß, des wildes Gesträuches Geranke, der verschiedenen Stürme Brausen dem erstarkten Baume.
§ 9
[Forts. v. 163 ] Welchen Führer nun hätte Gott (uns) wider die so zahlreichen Lockungen der Welt, wider die so zahlreichen Ränke des Teufels an die Seite geben sollen, nachdem er wußte, wie wir erstlich „wider Fleisch und Blut zu kämpfen haben‟, sodann „wider die Mächte, wider die Weltbeherrscher dieser Finsternis, wider die Geister der Bosheit, die im (Luft-) Himmel sind‟? Hätte er einen Engel geben sollen? Auch er ist gefallen. Legionen von Engeln hätten dem einzelnen kaum genützt. Hätte er einen Seraph abordnen sollen? Auch er stieg wohl zur Erde nieder, mitten hinein ins Volk mit unreinen Lippen, aber nur des Propheten Lippen vermochte er mit der Kohle zu reinigen, mit der er sie berührte. Eines anderen Führers bedurfte es, dem wir alle folgten. Wer nun wäre der große Führer gewesen, der allen frommte, als jener, „der über allen ist‟? Wer hätte mich über die Welt erheben können als der, welcher größer ist als die Welt? Wer wäre der große Führer gewesen, der dem Mann und dem Weibe, „dem Juden und Griechen, dem Barbaren und Skythen, dem Unfreien und Freien‟ mit der einen Führerhand den Weg hätte weisen können als allein der, welcher „alles und in allen ist: Christus‟.
§ 10
Viele Fallstricke, wo immer wir gehen! 164 Fallstricke im Fleische, Fallstricke im Gesetze, Fallstricke auf Tempelzinnen, auf Mauerschanzen, die der Teufel legt, Fallstricke bei den Philosophen, Fallstricke in den Lüsten ― denn das Auge der Buhlerin ist ein Fallstrick des Sünders ― ein Fallstrick im Gelde, ein Fallstrick in der Frömmigkeit, ein Fallstrick im Streben nach der Keuschheit. Denn aus geringfügigen Anlässen gerät der menschliche Geist ins Wanken und läßt am Gängelband des listigen Verführers häufig dahin und dorthin sich ziehen. Es sieht der Teufel einen frommen Menschen, der Gott seine Verehrung erweist, was heilig ist, hochhält, eines Unrechts nimmer fähig ist. Da legt er ihm gerade in religiöser Beziehung eine Falle: er verleitet ihn, nicht zu glauben, daß der Gottessohn in Wahrheit dieses unser Fleisch, diesen unseren Leib, diese unsere schwachen Glieder angenommen hat, nachdem doch nur der Leib leidensfähig sein konnte, die Gottheit von Mißhandlung ausgeschlossen blieb. So entsteht denn in religiöser Beziehung Schuld; denn jeder, der nicht bekennt, daß Jesus Christus im Fleische erschienen ist, ist nicht aus Gott. Er sieht einen unbescholtenen Menschen von unentweihter Keuschheit: da flüstert er ihm ein, er solle die Ehe für etwas Verwerfliches halten. Die Folge ist, daß er aus der Kirche ausgestoßen und in seinem Eifer für die Jungfräulichkeit von ihrem jungfräulichen Leibe abgetrennt wird. Ein anderer hat vernommen, „es gibt* einen* Gott, aus dem alles ist‟, er zollt ihm Anbetung und Verehrung; da stellt ihm der Teufel nach, schließt ihm die Ohren, daß er nicht hört, daß es auch „einen Herrn gibt, durch den alles ist‟. So verleitet er ihn bei seinem Übereifer in der Gottesverehrung zur Gottlosigkeit. Während er den Vater vom Sohne trennt, konfundiert er Vater und Sohn und hält sie für* eine* Person, nicht bloß Wesenheit. So verfällt er denn in seiner Unwissenheit über die Glaubensregel beklagenswerter Glaubenslosigkeit.
§ 11
165 Wie nun werden wir diesen Fallstricken entgehen, um auch sprechen zu können:„Unsere Seele ist entronnen wie ein Sperling aus der Jäger Strick; der Strick ist zerrissen und wir sind befreit‟? Es heißt nicht: Ich habe den Strick zerrissen; nicht so wagte David zu sprechen, sondern: „Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn‟. Damit wollte er zeigen, von welcher Seite der Strick gelöst wurde; wollte voraussagen, daß einer in dieses Leben treten werde, der den Strick, den der Teufel gelegt hat, zerreißen wird.
§ 12
Doch nicht besser hätte der Strick zerrissen werden können als damit, daß er dem Teufel einen Köder vor Augen hielt, damit er sich beim Losstürzen darauf in die eigenen Schlingen verstrickte. So kann ich denn sprechen: „Schlingen haben sie gelegt meinen Füßen und sie gerieten selbst in sie hinein‟. Welcher Köder konnte es sein als der Leib? Diese Falle nun mußte dem Teufel gestellt werden, daß der Herr Jesus einen Leib annahm, und zwar einen hinfälligen Leib, einen schwachen Leib, um aus Schwachheit den Kreuzestod erleiden zu können. Denn hätte er einen geistigen Leib gehabt, würde er nicht gesprochen haben: „Der Geist ist willig, das Fleisch aber schwach‟. So vernimm denn beide Stimmen, die des schwachen Fleisches sowohl wie des willigen Geistes! „Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber‟: das ist des Fleisches Stimme;„doch nicht, was ich will, sondern was Du willst‟: da hast du die Ergebenheit und Stärke des Geistes. Wie dürftest du das herablassende Erbarmen des Herrn von dir stoßen? Herablassung ist’s, daß er meinen Leib angenommen, Herablassung, daß er meine Leiden auf sich genommen, meine Schwächen auf sich genommen hat, deren Gottes Natur fürwahr unfähig war, während des Menschen Natur sie ihrerseits verachten oder doch ertragen und erdulden lernte. So laßt uns also Christus folgen, wie geschrieben steht: „Hinter dem 166 Herrn deinem Gott sollst du hergehen und ihm anhangen!‟ Wem außer Christus soll ich anhangen? Denn so sprach Paulus: „Wer dem Herrn anhangt, ist ein Geist mit ihm‟. Seinen Schritten also laßt uns folgen, um aus der Wüste ins Paradies zurückgelangen zu können!
§ 13
[Forts. v. 166 ] Sehet nun, auf welchen Wegen unsere Rückkehr vor sich geht! Eben weilt Christus in der Wüste, führt den Menschen, lehrt, unterweist, schult, salbt ihn mit geistlichem Öle. Da er ihn erstarken sieht, führte er ihn durch Saaten und Fruchtgefilde, so damals als die Juden sich beklagten, daß seine Jünger am Sabbate vom Erntefeld Ähren rauften ― schon nämlich hatte er seine Apostel zur Arbeit auf bebautem und fruchtreichem Felde bestellt ―. In der Leidenszeit sodann versetzte er ihn ins Paradies; denn so heißt es: „Als Jesus dies gesagt hatte, begab er sich mit seinen Jüngern über den Zedronbach, woselbst ein Garten war; in diesen trat er mit seinen Jüngern ein‟. Daß nämlich ein Garten etwas Vorzüglicheres ist als ein Fruchtfeld, bezeugt der Prophet im Hohen Lied mit den Worten: „Ein verschlossener Garten ist meine Schwester-Braut, ein verschlossener Garten, eine versiegelte Quelle; was aus dir hervorsproßt, ein Paradies‟. Gemeint ist nämlich darunter die jungfräulich reine und makellose Seele, die durch keine Strafdrohungen, durch keine Lockungen der Weltlust, durch keine Anhänglichkeit ans Leben im Glauben sich beirren läßt. Daß der Mensch der Kraft des Herrn seine Rückberufung (ins Paradies) verdankt, bezeugt endlich vor allen anderen unser Evangelist, der allein den Herrn zum Schächer sprechen läßt: „Wahrlich ich sage dir, noch heute wirst du bei mir im Paradiese sein‟.
§ 14
Voll des Heiligen Geistes ward nun Jesus in die Wüste geführt in der Absicht, den Teufel zu reizen 167 ― hätte nämlich letzterer nicht in den Kampf sich eingelassen, würde ersterer nicht zu meinem Besten gesiegt haben ― zur mystischen Sinnbildung der Befreiung jenes Adam aus der Verbannung, zum Vorbilde, um uns den Neid des Teufels gegen jene, die nach dem Höheren streben, sowie die Notwendigkeit zu zeigen, dann erst recht auf der Hut zu sein, um nicht schwaches Geistes die Taufgnade preiszugeben.
§ 15
[Forts. v. 167 ] * „Vierzig Tage‟*. Du merkst die mystische Zahl. Ebensoviele Tage nämlich ergossen sich, wie du dich erinnerst, die Wasser des Abgrundes. Ebensoviele Tage dauerte des Propheten Selbstheiligung in Fasten, worauf der trübe Himmel sein heiteres Aussehen wieder annahm . Ebensoviele Tage fastete der heilige Moses und ward würdig für den Empfang des Gesetzes. Ebensoviele Jahre befanden sich die Väter in der Wüste und empfingen das „Brot der Engel‟, die süße Himmelsspeise, und durften nicht eher in das „Land der Verheißung‟ einziehen, bis sie nicht die Zeit, welche die mystische Zahl bezeichnet, zu Ende gewartet hatten. Ebensoviele Tage betrug das Fasten des Herrn, seit welchem uns der Eintritt ins Evangelium offen steht. Wünscht einer daher zur Herrlichkeit des Evangeliums und zur Frucht der Auferstehung zu gelangen, darf er kein Übertreter des geheimnisvollen Fastens sein, das Christus im mosaischen Gesetze wie in seinem Evangelium kraft beider Testamente zur Übung treuen Tugendkampfes vorschrieb.
§ 16
Was aber bezweckte der Evangelist mit der Bemerkung,* „es habe den Herrn gehungert‟?* Finden wir doch über des Moses und des Elias Fasten nichts Derartiges verzeichnet. Oder ist etwa der Mensch im Ertragen stärker als Gott? Indes gab er damit, daß er während vierzig Tage nicht von Hunger übermannt 168 werden konnte, deutlich zu verstehen, daß ihn nicht nach einer leiblichen Speise, sondern nach dem Heile hungerte. Zugleich wollte er mit der Schwäche, die ihn auf das vierzigtägige Fasten überkommen hatte, den bereits stutzig gewordenen Widersacher (zum Angriff) reizen. Darum war der Hunger des Herrn nur eine fromme List. Es sollte ihn der Teufel, der in ihm bereits Höheres zu vermuten und sich in acht zu nehmen anfing, durch den Scheinhunger getäuscht, angreifen, als wäre er ein (gewöhnlicher) Mensch, damit sein Triumph nicht vereitelt würde. Zugleich beachte das Geheimnis, daß dieses Gottesgericht, wonach Christus dem Teufel sich zur Versuchung darbot, ein Werk des Heiligen Geistes war!
§ 17
[Forts. v. 168 ] * „Es sprach aber der Teufel zu ihm: Wenn du der Sohn Gottes bist, so sprich zu diesem Steine, daß er Brot werde‟.* Drei Waffen, wie wir belehrt werden, sind es hauptsächlich, mit welchen der Teufel zur Verwundung des Menschengeistes sich rüstet: erstens die der Gaumenlust, zweitens die der Prahlsucht, drittens die der Ehrsucht. Den Ausgangspunkt aber nimmt er dort, wo er schon einmal als Sieger hervorgegangen ist. Darum nimmt auch mein Obsiegen in Christus dort seinen Ausgang, wo ich in Adam unterlegen bin, wenn sonst Christus, das Bild des Vaters, mir Vorbild der Tugend ist. Lernen wir also vor der Gaumenlust, vor der Völlerei uns in acht nehmen! Sie ist eine Waffe des Teufels. Ein Fallstrick wird gelegt, so oft der Tisch sich deckt zu königlichem Mahle, das oft die Standhaftigkeit des Geistes zu Fall bringt. Denn nicht allein dann, wenn wir die Sprache des Teufels hören, sondern auch dann, wenn wir dessen Reichtümer sehen, gilt es, einen Fallstrick zu meiden. ― Du kennst also des Teufels Waffen: greif nach dem Schild des Glaubens, nach dem Panzer der Enthaltsamkeit!
§ 18
169 Doch was anderes verraten derartige Einleitungsworte: „wenn du der Sohn Gottes bist‟, als dessen Wissen um die Ankunft des Gottessohnes? Daß derselbe jedoch in diesem schwachen Fleische erscheinen würde, ahnte er nicht. Er spielt nun teils die Rolle des Auskundschafters, teils die des Versuchers, und bekennt einerseits den Glauben an seine Gottheit und sucht andererseits seine Menschheit zu überlisten.
§ 19
[Forts. v. 169 ] Sieh indes die Waffen Christi! Dir, nicht sich erringt er damit den Sieg. Wohl kann er kraft seiner Majestät Steine zu Brot verwandeln ― er zeigte das durch die Verwandlung einer anderen Natursubstanz ― doch er will dir die Pflicht einschärfen, nichts dem Teufel zu Willen oder in Rücksicht auf die Schaustellung der Tugend zu tun. Bei der Versuchung selbst beachte zugleich die berechnende Schlauheit des Teufels! Seine Versuchung ist Prüfung, seine Prüfung Versuchung. Umgekehrt bedeutet die Täuschung des Herrn Sieg, der Sieg des Herrn Täuschung. Hätte er nämlich die Umwandlung des Naturdinges vorgenommen, würde er den Schöpfer (in sich) verraten haben. Er gab darum eine zweideutige Antwort, indem er sprach: * „Es steht geschrieben: Nicht vom Brote allein lebt der Mensch, sondern von jedem Worte Gottes‟.*
§ 20
Du siehst, welcher Waffengattung der Herr sich bedient, um damit den Menschen wider die Lockungen der Gaumenlust zu schirmen und zu schützen und so gegen den Überfall der Geister der Bosheit zu wappnen. Nicht der Gewalt bedient er sich als Gott ― was hätte mir das genützt? ― sondern er greift als Mensch nach einem allgemeinen Hilfsmittel. In den Genuß der göttlichen Schriftlesung versenkt, vergißt er darüber den leiblichen Hunger, verschafft sich die Speise des himmlischen Wortes. Darin versenkt, fühlte auch Moses kein 170 Verlangen nach Brot, darin versenkt, Elias keinen Hunger trotz dem langen Fasten. Wer nämlich dem Worte folgt, den kann es nicht nach irdischem Brote verlangen, nachdem er himmlische Brotsubstanz empfängt; denn köstlicher als das Menschliche mundet das Göttliche, köstlicher als das Leibliche das Geistige. Wer also das wahre Leben ersehnt, verlangt nach jenem Brote, das mit seiner unsichtbaren Wesenheit „das Herz des Menschen stärkt‟. Zugleich zeigt der Herr mit den Worten: „nicht vom Brote allein lebt der Mensch‟, daß nur seine Menschheit, d. i. unsere Natur, die er annahm, nicht seine Gottheit versucht wurde.
§ 21
[Forts. v. 170 ] Es folgt nun die (Teufels-) Waffe der Prahlsucht, die auf abschüssige Bahn führt; denn während der Mensch seinen Tugendruhm auszuposaunen begehrt, sinkt er von der Höhe und dem Stande seiner Verdienste herab.
§ 22
[Forts. v. 170 ] * „Und er führte ihn,* heißt es,* nach Jerusalem und stellte ihn auf die Zinne des Tempels‟.*
So ist’s mit der Prahlsucht. Während einer zum Höheren emporzusteigen wähnt, stößt ihn seine anmaßende Sucht zum Großtun zur Tiefe herab.
§ 23
[Forts. v. 170 ] * „Und er sprach zu ihm: Wenn du der Sohn Gottes bist, so stürze dich da hinab‟.*
Eine wahrhaft teuflische Sprache, die den Geist des Menschen von der hohen Stufe seiner Verdienste hinabzustürzen trachtet! Denn was wäre dem Teufel so eigen als die Einflüsterung, es solle sich ein jeder in die Tiefe stürzen?
§ 24
Lerne denn auch du über den Teufel siegen! Es führt dich der Geist: folge dem Geist! Nicht beirre 171 dich die Lockung des Fleisches! Des Geistes voll, lerne die Genüsse verachten! Faste, wenn du siegen willst! Folgerichtig glaubt dich der Teufel mittels des Fleisches versuchen zu sollen. Christus als dem Stärkeren naht der Versucher von Angesicht zu Angesicht, dir durch das Fleisch. Auch das ist nur Teufelswort, wenn das Fleisch spricht: Du bist stark, iß und trink und bleib dir gleich! Baue nicht auf das eigene Ich! Schäme dich nicht, daß du der Hilfe benötigst, deren Christus nicht benötigte! Gleichwohl verzichtete er nicht darauf, um dir die Mahnung einzuschärfen: „Hütet euch, daß euer Herz nicht beschwert werde von Wein und Trunkenheit‟. Auch Paulus schämte sich derselben nicht, indem er versichert: „So ringe ich, nicht daß ich Streiche führe wider die Luft‟ ― nicht wider die Luft zwar führte der Apostel Streiche, sondern wider die Gewalten in der Luft holte er aus ― „doch ich züchtige‟, fährt er fort, „meinen Leib und zwinge ihn zur Unterwürfigkeit, damit ich nicht etwa, nachdem ich anderen gepredigt habe, selbst verworfen werde‟.
§ 25
[Forts. v. 171 ] Zugleich verrät der Teufel deutlich seine Ohnmacht und Bosheit: es kann der Teufel niemand schaden, wenn er sich nicht selbst in die Tiefe stürzt. Wer nämlich auf das Himmlische verzichtet und das Irdische erwählt, der ist selbst sozusagen am jähen Sturz des sinkenden Lebens schuld. ― Zugleich fing der Teufel an (in Christus) mehr als einen Menschen zu vermuten, nachdem er, der alle Menschen unter seine Gewalt gebracht hatte, seine Waffe stumpf daran abprallen sah. Doch wiederum glaubte der Herr nicht einmal das, was über ihn geweissagt war, dem Teufel zu Willen vollbringen zu sollen. Er wahrte vielmehr die Autorität seiner Gottheit und begegnete der List desselben: weil er ein Schriftzitat vorgeschützt hatte, sollte er durch Schriftbelege besiegt werden. Wohl liegt nämlich der Sieg in Gottes Macht, doch die Schrift sicherte* mir* den Sieg.
§ 26
172 Beachte auch hier, wie Satan sich in einen Engel des Lichtes wandelt und selbst aus der Göttlichen Schrift den Gläubigen oft einen Strick dreht! So macht er Häretiker, so beraubt er den Glauben seines Inhaltes, so kämpft er an wider Recht und Gesetz der Frömmigkeit. Nicht bestricke dich ein Irrlehrer, weil er einige Belege aus der Schrift vorzubringen vermag, und nicht darf er anmaßend den Gelehrten spielen können. Auch der Teufel bedient sich der Schriftzeugnisse, aber nicht zur Belehrung, sondern zu Trug und Täuschung. Er merkt von einem, daß er voll Eifer für die Religion ist, im Rufe der Tugendhaftigkeit steht, an wunderbaren Werken sich hervortut: da legt er den Fallstrick der Selbstüberhebung, um diesen Menschen aufgeblasen zu machen. Die Folge ist: er wirft sich nicht der Frömmigkeit, sondern wirft sich der Selbstüberhebung in die Arme und gibt nicht Gott die Ehre, sondern maßt sich dieselbe an. Daher denn geboten die Apostel nicht in ihrem, sondern in Christi Namen den Dämonen. Sie wollten nicht den Anschein erwecken, sich selbst etwas hierbei anzumaßen. So heilt Petrus den Lahmen mit den Worten:„Im Namen Jesu des Nazareners steh auf und wandle!‟ Auch von Paulus lerne Selbstüberhebung meiden: „Ich kenne‟, versichert er, „einen Menschen, der ― ob im Leibe, ob außer dem Leibe, ich weiß es nicht, Gott weiß es ― entrückt wurde in das Paradies und unaussprechliche Worte hörte, die ein Mensch nicht sprechen kann. Von einem solchen will ich rühmend sprechen, von mir aber will ich nichts rühmen außer meine Schwachheiten‟.
§ 27
Auch in unserem Fall nun versuchte es der Teufel, weil er einen Starken vermutete, mit der Selbstüberhebung, die auch Starke betört. Doch der Herr antwortete ihm:* „Du sollst den Herrn deinen Gott nicht versuchen‟.* Du erkennst hierin, 173 daß Christus Herr und Gott, und daß Vater und Sohn* einer* Macht sind, wie geschrieben steht: „Ich und der Vater sind eins‟. Wenn dir darum der Teufel das „eins‟ vorhält, halt ihm das (ganze) Schriftwort entgegen: „Ich und der Vater sind eins‟ und beachte genau das „eins‟, um nicht die Macht zu trennen; beachte genau das „eins‟, um nicht den Vater und den Sohn zu trennen!
§ 28
[Forts. v. 173 ] * „Und der Teufel hinwiederum führte ihn auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche des Erdkreises in einem Augenblick‟.*
Mit Recht wird das Zeitliche und Irdische „in einem Augenblick‟ vorgezeigt. Es soll damit weniger das Vorübergehende des Anblickes angedeutet als das Nichtige irdischer Macht ausgedrückt werden. Denn in einem Augenblick vergeht das alles, und oft zerrinnt irdische Ehre, bevor sie kommt. Was könnte auch von der Welt dauerhaft sein, da selbst die Weltzeiten nicht von Dauer sind? Hier ergibt sich für uns die Lehre, die Anwandlungen eitler Ehrsucht zu verachten, weil jede weltliche Würde der Gewalt des Teufels unterliegt, vergänglich in ihrem Besitz, leer an Frucht ist.
§ 29
Doch wie kann an unserer Stelle der Teufel eine Gewalt erteilen, während an einer anderen zu lesen steht, „alle Gewalt ist von Gott‟? Kann „einer zwei Herren dienen‟ oder von zweien die Gewalt übertragen erhalten? Liegt also ein Widerspruch vor? Durchaus nicht. Sieh vielmehr, wie alles von Gott stammt! Denn ohne Gott keine Welt, weil auch „die Welt durch ihn gemacht worden ist‟. Doch wenn sie auch von Gott gemacht ist, ihre Werke sind gleichwohl böse; denn „die Welt liegt im Argen‟. Auch die Ordnung in der Welt stammt von Gott, die Werke der Welt vom Bösen. So stammt auch die Anordnung von 174 Amtsgewalten von Gott, das Streben nach Gewalt vom Bösen. „Es gibt keine Gewalt‟, heißt es denn auch, „außer von Gott; die aber, welche bestehen, sind von Gott angeordnet‟ ― nicht „gegeben‟, sondern „angeordnet‟ ― „und wer der Gewalt sich widersetzt‟, heißt es weiter, „der widersetzt sich der Anordnung Gottes‟. Auch an unserer Stelle stellt der Teufel, wiewohl er von einem ‚Geben der Macht‛ redet, doch nicht in Abrede, daß ihm das alles nur eine Zeitlang eingeräumt ward. Der, welcher es einräumte, hat es also angeordnet; und nicht die Gewalt ist schlecht, sondern der, welcher die Gewalt mißbraucht. Darum heißt es denn auch: „Willst du die Gewalt nicht fürchten? Tu das Gute, und du wirst von ihr Lob erhalten‟. Nicht also die Gewalt ist schlecht, sondern das Streben darnach. Geht doch die Anordnung der Gewalt so sehr auf Gott zurück, daß der, welcher die Gewalt gut gebraucht, Gottes Diener ist: „Er ist Gottes Diener‟, heißt es, „dir zum Besten‟. Nicht also das Amt trifft irgendwelche Schuld, sondern den Amtsträger; nicht Gottes Anordnung kann mißfallen, sondern die Handlungsweise ihres Vollstreckers. So verleiht, um uns vom Himmlischen auf ein irdisches Beispiel zu berufen, der Kaiser ein Ehrenamt und erntet Lob. Wenn nun einer das Ehrenamt mißbraucht, so trifft nicht den Kaiser, sondern den Beamten die Schuld. Die Verbrechen finden ihren Schuldigen, nicht weil die Amtsgewalt, sondern weil die eigene Amtsführung einen in Schuld verstrickt.
§ 30
Wie nun? Ist die Ausübung einer Amtsgewalt, die Hingabe an ein Ehrenamt gut? Gut, wenn übertragen, nicht ergattert! Doch auch bei diesem ‚gut‛ unterscheide! Eine gute weltliche - und eine vollkommene Tugendbetätigung sind zwei verschiedene Dinge. Gut ist es nämlich, wenn man im Streben nach der Gotteserkenntnis durch keine Geschäfte gehindert wird; denn 175 mag auch vieles gut sein, so gibt es doch nur* ein* ewiges Leben. „Das aber ist das ewige Leben, daß sie dich, den alleinigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus‟. Darum auch ist die Frucht des ewigen Lebens die kostbarste, und der alleinige Gott der Spender des ewigen Lebens. Den alleinigen Gott und unsern Herrn laßt uns anbeten und ihm allein dienen, daß er allein uns mit dieser reichlichsten Frucht beglücke! Laßt uns alles fliehen, was der Gewalt des Teufels unterliegt, daß er nicht als böser Tyrann die grausame Gewalt, die er empfangen, wider jene kehrt, die er innerhalb seines Reiches betrifft!
§ 31
Nicht also vom Teufel stammt die Gewalt, aber sie ist doch den Nachstellungen des Teufels ausgesetzt. Doch ist die Anordnung der Gewalten deshalb nicht schlecht, weil die Gewalten dem Bösen ausgesetzt sind. Gut ist ja auch das Forschen nach Gott, aber es führt das Forschen selbst unvermerkt gleichsam an den Ab- und Irrweg. Denn wendet sich der Forscher infolge verkehrter (Schrift-) Auslegung einer gotteslästerlichen Lehre zu, so nimmt des Forschenden Verstoß damit eine Wendung, die schlimmer ist, als wenn er gar nicht geforscht hätte. Indes nicht die Forschung, sondern den Forscher trifft die Schuld; nicht die Forschung, sondern die Gesinnung des Forschenden ist dem Bösen ausgesetzt. Wenn aber schon einer, der Gott sucht, infolge der Schwäche des Fleisches und der Beschränktheit des Geistes oft in Versuchung kommt, wieviel mehr fällt ihr zum Opfer, wer die Welt sucht? Und noch verhängnisvoller wird das Strebertum gerade dadurch, weil es verführerisch Würden einzutragen verspricht. Und oft macht Menschen, die keine Laster ergötzen, die keine Ausschweifung beirren, keine Habsucht verkehren konnte, das Strebertum zu Verbrechern. Vor der Öffentlichkeit spielt einer den Liebenswürdigen, zu Hause den Gefährlichen; erst den Wohldiener, um dann 176 den Herrn über andere spielen zu können. Er duckt sich in Dienstbeflissenheit, um mit einer Ehrenstelle bedacht zu werden, und zeigt sich, während er hoch hinaus will, tief herablassend, da er doch, sobald er im Besitz der Macht ist, etwas Höheres über sich nicht kennt: Herr über die Gesetze, ist er sein eigener Sklave.
§ 32
[Forts. v. 176 ] Vielleicht wird einer sagen: Der allein fürchtet, der Böses tut. Mehr indes fürchtet, wer auf der Meeresfahrt begriffen ist. Und umgekehrt pflegt, wer auf dem unbeweglichen Boden des Festlandes steht, nicht Schiffbruch zu fürchten. Betritt er hingegen das schwankende Element, setzt er sich vielfachen Gefahren aus. So flieh denn das Meer der Welt! Und du brauchst nicht Schiffbruch fürchten. Mag häufig stürmischer Winde Brausen in die Wipfel der Bäume fahren: wenn sie fest wurzeln, gibt es keinen Sturz. Wenn hingegen auf dem Meere Stürme wüten, dräuet, wenn nicht allen Schiffbruch, so doch allen Gefahr. So ist auch vor dem feindlichen Schnauben der bösen Geister keiner sicher, der auf Sand steht oder in Flut treibt, und oft werden „Tharsis Schiffe vom heftigen Sturme zerschellt‟. Soviel in moralischer Beziehung.
§ 33
[Forts. v. 176 ] Was im übrigen die mystische Seite anlangt, so sieht man, wie die Fessel der Ursünde Schritt für Schritt gerade auf dem Weg, den sie beschritten, gelöst wurden: erst ward der Fallstrick der Gaumenlust, an zweiter Stelle jener der Wankelmütigkeit, an dritter jener der Ehrsucht gelöst. Durch eine Speisefrucht ließ Adam sich verlocken, aus Wankelmut trat er an die Stelle, wo der verbotene Baum stand, und machte sich desgleichen des Verbrechens dreister Ehrsucht schuldig, indem er Gott gleich sein wollte. ― So löste also der Herr zuerst die Bande der Urschuld: wir sollten erst das Joch der Gefangenschaft abschütteln und mit Hilfe der Schrift die Laster besiegen lernen.
§ 34
177 Wenn sich nun der Herr keinen eigenen Besitz verlangte, warum wolltest du nach fremdem trachten? Wenn der Schöpfer des Alls durch die Tugend der Armut, die sein Los sein sollte, die Herrlichkeit der Welt verachtete, warum wolltest du dich grämen über das Los deiner Geburt; begehren, was dir nicht gebührt? Warum im Verlangen nach Dingen, die dir keinen dauernden Genuß verschaffen können, ewig dauernde Strafe heraufbeschwören? Hüte dich vor Nachstellungen! Hüte dich vor Trug! Gerade weil der Teufel zum Verderben des Menschen mit hinterlistigem Trug über die ganze Welt herfällt, mit so vielen irdischen Lockungen kämpft, hast du dich umsomehr vor seinem Blendwerk in acht zu nehmen. Nicht die Speisefrucht hatte die Eva ins Wanken, nicht das Vergessen auf das Verbot zu Fall gebracht, sondern das verführerische Verlangen nach der versprochenen Würde (der Gottähnlichkeit) betörte sie. Hätte sie allein nur den Herrn anbeten wollen, würde sie nicht nach Ungebührlichem verlangt haben. Und darum ward uns, um der Waffe der Ehrsucht die Spitze zu brechen, das Mittel gegeben, „dem Herrn allein zu dienen‟; denn religiösem Frommsinn ist Ehrsucht fremd.
§ 35
„Und als der Teufel alle Versuchungen erschöpft hatte, wich er von ihm auf eine Zeit‟. Die Quelle fast aller Verbrechen bilden, wie sich klar daraus ergibt, jene (obigen) drei Arten von Lastern. Denn es würde die Schrift nicht die Wendung „alle Versuchung erschöpfen‟ gebraucht haben, wenn nicht in jenen dreien der Grundstoff aller Sünden läge, deren Keim schon im Entstehen erstickt werden muß. Das Aufhören der Versuchungen fällt demnach mit dem Aufhören der Begierden zusammen, weil auch die Ursachen der Versuchungen mit den Ursachen der Begierden sich decken; die Ursachen der Begierden aber sind Fleischeslust, Ruhmesglanz und Machtgelüste. Eine wie religiöse Tat scheint es zu sein, wenn man das Zusammenwohnen mit einer christlichen Frau nicht 178 ablehnt! Doch häufig ersteht hieraus Versuchung. Sieht der Teufel ihre Hingabe an Gott, kommt er mit seinen Einflüsterungen, um sie zu täuschen. Du aber denk an deine Natur und meide, so sehr du auf deinen Vorsatz bauen magst, die Versuchung! Die Meidung jener drei (Laster) machte, wenn du dich erinnern wolltest, auch Paulus zur Vorschrift, indem er drei Arten von Sünden bezeichnet, von denen man sich frei halten soll, um so der Krone der Gerechtigkeit zu harren: „Denn‟, spricht er, „weder haben wir uns eines schmeichlerischen Wortes bedient, noch einen Vorwand zur Habsucht gebraucht ― Gott ist Zeuge ― noch suchten wir Ehre von seiten der Menschen‟. Darum auch hat er den Teufel besiegt, nach der Krone ausgelangt.
§ 36
[Forts. v. 178 ] Du siehst nun, wie selbst der Teufel nicht hartnäckig bei seinem Bestreben verharrt, der wahren Tugend zu weichen pflegt. Läßt er auch nicht von seinem Neide, so getraut er sich doch nicht darauf zu bestehen, weil er einen häufigeren Triumph über sich meiden will. Sobald er daher Gottes Namen vernommen hatte, „wich er auf eine Zeit‟. Später nämlich nahte er nicht in der Absicht zu versuchen, sondern offen zu kämpfen.
§ 37
Nach der Lehre der Göttlichen Schrift hast du also nicht (allein) wider Fleisch und Blut, sondern (auch) wider die geistigen Anfechtungen den Kampf zu führen. Du siehst, was es Großes um den Christen ist, der mit den „Weltbeherrschern‟ ringt und, wiewohl auf Erden weilend, „wider die Geister der Bosheit, die im (Luft-) Himmel sind‟, mit des Geistes Kraft den Entscheidungskampf führt. Wir kämpfen ja nicht um 179 Irdisches den Erdenkampf, sondern uns winkt ein geistiger Siegeslohn: der Preis ist das Reich Gottes und Christi Erbe. Die Überwindung der geistigen Hindernisse ist darum das Erstnotwendige. Die Siegeskrone winkt, sie erfordert Kampf. Ohne Sieg keine Krone, ohne Kampf kein Sieg. Die Siegeskrone selbst wirft die größte Frucht da ab, wo die Kampfesmühe am größten ist; denn „eng und schmal ist der Weg, der zum Leben führt, weit und breit hingegen jener, welcher zum Tode führt‟. So soll uns denn vor Versuchung keineswegs bangen: sie ist die Ursache des Sieges, die Voraussetzung zu Triumphen.
§ 38
[Forts. v. 179 ] Jener Reiche, der in der Welt keine Prüfung kostete, erleidet Strafen in der Hölle; der arme Lazarus, so von Armut und Krankheit geschlagen und zerschlagen, daß Hunde seine Beulen leckten, errang sich mit diesem Lebenskampfe voll der Nöte die Krone der ewigen Herrlichkeit. Denn „viele sind die Leiden‟ nicht der Nächstbesten, sondern „der Gerechten‟. „Wen nämlich der Herr lieb hat, den züchtigt er oft‟. Petrus ward versucht zur Verleugnung, er verleugnete um zu weinen. Und was soll ich von den übrigen sagen? Job war doch gewiß gottbewährt, aber wenn auch bewährt, Sieger war er dennoch nicht. Bewährt war sein Frommsinn, den Preis der Tugend besaß er dennoch nicht. Und darum ward er der Prüfung preisgegeben, um herrlicher daraus hervorzugehen.
§ 39
Es verlohnt sich auch den Grad, den Jobs Kampf erreichte, zu beachten. Nicht über* eine* Waffe nur verfügt der Teufel, er verdoppelt die Pfeile, Lohn oder Verzagtheit, um damit zu siegen. Die erste Wunde schlägt er ihm an der Habe, die zweite am Vaterherzen, die dritte an der Gesundheit; denn der Wunden des Geistes und des Leibes bedient er sich gleicherweise im Kampfe. Eine Verschiedenheit desgleichen weisen seine 180 Versuchungen auf, entsprechend der Verschiedenheit der Streiter. Einbuße seiner Wucherhabe sucht den Reichen heim, den Vater der Verlust der Kinder, den (inneren) Menschen Schmerzgefühl, den Leib Eiterbeulen. Wieviele Waffen sind das! Darum wollte der Herr nichts besitzen, wessen er verlustig gehen konnte. Deshalb trat er arm in dieses Leben, damit dem Teufel nichts zu nehmen verbliebe. Willst du dich von der Wahrheit dessen überzeugen? So höre den Herrn selbst sprechen: „Es kommt der Fürst dieser Welt und nichts wird er bei mir finden‟. Er wollte auch nicht Vater einiger weniger Kinder werden, um Vater aller zu sein ― mit Geschwüren am Leibe aber ihn zu prüfen, der alle Körperqualen für nichts achtete, wäre zwecklos gewesen ― auch darum nicht, um uns zu zeigen, daß ihm nach der Abwehr des Feindes auch der makellose Sieg über den Leib gebührte. Jener (Job) jedoch wird als Mensch nur an dem Seinigen geprüft, dieser mit Versuchungen öffentlicher Art: jenem wird der Besitz genommen, diesem das Reich der ganzen Welt angeboten. Und nicht ohne List verfährt der Teufel in allem. Er getraut sich nicht über Gottes Sohn derb herzufallen. Jenen versucht er durch Leiden, ihn durch Versprechungen. Jener spricht als armseliger Diener (Gottes): „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen‟. Dieser, seiner Natur und Stellung bewußt, lacht des Versuches, ihm das Seinige anzubieten.
Ein Bote nach dem anderen, um darauf zurückzukommen, naht, schlägt neue Wunden: dennoch läßt der tapfere Streiter sich nicht im Geiste beirren. Man zieht das Weib bei, die Verführerin zum ersten Sündentrug ― Christus, durch eine Jungfrau geboren, hat keines, das der Verirrung zugänglich wäre ― man zieht die Freunde bei, die mit verkehrten Ratschlägen den Widerstrebenden überhäufen, indes „bei allem, was ihm zustieß, sündigte Job nirgend mit seinen Lippen vor Gott‟.
§ 40
181 Wenn Job dem Tage flucht mit den Worten: „Vernichtet sei der Tag, an dem ich geboren ward‟, und im folgenden: „Und verwünschen soll sie (die Nacht) der, welcher jenen Tag verwünscht hat, welcher ein großes Ungetüm zu töten hat‟, so handelt es sich hier um eine Prophetie: Der Teufel ist das Ungetüm dieser stürmischen Welt, das Christus überwältigt hat. Und den Tag seiner leiblichen Geburt wünscht er sich zunichte, damit sein Tag in der Wiedergeburt aufgeführt werde. „Untergehe‟, so will er sagen, „der irdische Tag, daß der geistige Tag aufgehe!‟ ― So sprach demnach der heilige Job in seiner Prüfung höhere Wahrheiten aus: er, der die Welt besiegte, schaute Christus.
§ 41
[Forts. v. 181 ] Auch wir wollen sonach die Versuchungen nicht fürchten, sondern lieber uns der Versuchungen rühmen, indem wir sprechen: „Wenn wir schwach sind, dann sind wir stark‟, dann nämlich flicht sich für uns „die Krone der Gerechtigkeit‟. Doch bezieh dies vielleicht besser auf Paulus! Unsere Hoffnung aber soll auslangen nach sonst einer Krone; es gibt je deren mehr. Auf der Welt bildet ein Lorbeer den Siegeskranz, ein Schild die Krone. Doch dir ist vorgesetzt die Krone der Freuden; denn „mit der Krone der Freuden wird er dich bedecken‟. Und an einer anderen Stelle: „Mit dem Schilde seiner Huld wird er dich umgeben‟. Auch mit Ruhm und Ehre krönt der Herr den, welchen er liebt. Er, der dich krönen will, läßt also unvermerkt Versuchungen an dich herantreten; und wenn dann und wann wirklich Versuchungen über dich kommen, so merke, daß die Krone winkt. Nimm weg die Kämpfe der Märtyrer, und du hast weggenommen ihre Siegeskronen! Nimm weg ihre Marter, und du hast weggenommen ihre Seligkeiten!
§ 42
Bedeutet nicht die Versuchung des Joseph die 182 Weihe seiner Tugend? Bedeutet nicht das Unrecht der Kerkerhaft die Krone seiner Keuschheit? Wie hätte er Anteil an der Herrschaft in Ägypten erlangen können, wäre er nicht von den Brüdern verkauft worden? Daß es Gottes Wille so gefügt, daß er als gerecht erprobt würde, hat er selbst mit den Worten gezeigt: „Wie hätte es (sonst) heute geschehen können, ein zahlreiches Volk mit Nahrung zu versorgen?‟ ― So sollen wir denn die Versuchungen der Welt nicht als Übel fürchten, nachdem sie der Weg zu den seligen Belohnungen sind, sondern anbetrachts der menschlichen Natur nur beten, wir möchten solche Versuchungen zu bestehen haben, die wir auch bestehen können.