Sie sinnbildet das Heil beider Geschlechter (57). Der Beginn der Neuschöpfung durch Christus knüpft an den Schluß (Sabbat) der Weltschöpfung an (58), vom Kleineren zum Größeren fortschreitend (59). Der Teufel nimmt als erster die Bezeichnung ‚Jesus von Nazareth‛ m den Mund (60). Beide Geschlechter vom Teufel verführt, von Christus geheilt. Der Dämonische Repräsentant des Judenvolkes (61). Der Dämonische und die fieberkranke Frau Typus der Seele und des Leibes (62), d. i. des vom Fieber der Begierden entbrannten Fleisches (63). Das Feuer der Begierlichkeit heftiger als die Fieberhitze des Leibes. Theotimus (64). Adam und Eva Typus von Seele und Leib (65—66). Christus allein der Erlöser von Sünde und Tod (67).
§ 57
„Und es war in der Synagoge ein Mensch, der einen unreinen Geist hatte‟. Und im folgenden: „Jesus aber machte sich auf aus der Synagoge und ging in das Haus des Simon und Andreas. Die Schwiegermutter des Simon aber war vom Großen Fieber befallen‟.
Sieh die Milde des Herrn und Erlösers! Nicht von Unwillen übermannt, nicht durch die frevle Behandlung beleidigt, nicht durch das Unrecht gekränkt, verläßt er das Judenland. O nein! Uneingedenk des Unrechtes, eingedenk der Milde sucht er vielmehr bald belehrend, bald befreiend, bald heilend das Herz des ungläubigen Volkes zu gewinnen.
Zutreffend schickt der heilige Lukas zuerst die Befreiung eines Mannes vom Bösen Geiste voraus und läßt dann die Heilung einer Frau folgen. Denn die Heilung beider Geschlechter hatte des Herrn Ankunft bezweckt, und zwar sollte zuerst der geheilt werden, der zuerst erschaffen wurde, aber auch jene nicht 192 übergangen werden, die mehr aus Wankelmut als aus Bosheit gesündigt hatte.
§ 58
[Forts. v. 192 ] Am Sabbate nahmen nach dem Berichte des Evangelisten die Heilungswerke des Herrn ihren Anfang. Es sollte die Neuschöpfung dort anfangen, wo die Urschöpfung ehedem aufhörte. Auch wollte der Evangelist gleich eingangs zeigen, daß der Gottessohn nicht unter dem Gesetze, sondern über dem Gesetze stand, und daß das Gesetz nicht aufgehoben, sondern erfüllt wurde. Denn nicht durch das Gesetz, sondern kraft des Wortes ward die Welt erschaffen. Also lesen wir nämlich: „Durch das Wort des Herrn sind die Himmel gefestigt‟. Nicht also aufgehoben, sondern erfüllt wurde das Gesetz zum Zweck der Neuschöpfung des bereits dem Untergang verfallenden Menschen. Darum auch des Apostels Mahnung: „Zieht aus den alten Menschen und zieht an den neuen, der nach Christus geschaffen ist!‟ Und füglich machte der Herr am Sabbat den Anfang, um sich als den Schöpfer zu zeigen, der in organischem Aufbau Werke an Werke fügte und das (Gesamt-) Werk, das er bereits begonnen hatte, zu Ende führte: dem Baumeister gleich, der, wenn er zum Wiederaufbau eines Gebäudes den Plan entwirft, bei der Abtragung des alten nicht mit dem Fundamente, sondern mit dem Giebel beginnt. Dort also legt er zuerst Hand an, wo er zuvor aufgehört hatte.
§ 59
[Forts. v. 192 ] Mit den geringeren Werken sodann beginnt der Herr, um zu den größeren fortzuschreiten. Jemanden vom Teufel zu befreien, vermögen auch Menschen, freilich nur im Worte Gottes; Toten die Auferstehung gebieten, steht allein in Gottes Macht.
§ 60
Niemand darf sich ferner daran stoßen, daß in unserer Schrift der Teufel als der erste angeführt wird, 193 der den Namen „Jesus von Nazareth‟ ausspricht; denn nicht von ihm hat Christus den Namen empfangen, welchen ein Engel vom Himmel der Jungfrau überbrachte. Es ist das seiner Unverschämtheit eigen, sich als erster unter den Menschen etwas anzumaßen und es als etwas Neues vor den Menschen auszugeben, um ihnen schauerlichen Respekt vor seiner Gewalt einzuflößen. So sprach er auch in der Genesis als erster den Namen „Gott‟ vor dem Menschen aus; denn so liest man: „Und er sprach zum Weibe: Warum doch hat Gott gesagt, ihr sollt nicht essen von jeglichem Baume?‟ ― So wurden also beide Geschlechter vom Teufel verführt, von Christus geheilt.
§ 61
Richte den Blick auf das Übrige und vernimm die Geheimnisse des Lesestückes aus dem Evangelium und erkenne in der Heilung der beiden das Geheimnis von der Allgemeinheit des Heils. „Gleichwie nämlich in Adam alle sterben, so empfangen in Christus alle das Leben‟. Wer anders ist der vom dämonischen Geiste Besessene in der Synagoge als das Judenvolk, das gleichsam von Schlangenwindungen umschnürt und in des Teufels Schlingen verstrickt, die heuchlerisch zur Schau getragene leibliche (levitische) Reinheit mit geistigem Unflat verunreinigte? Und trefflich: „es war in der Synagoge ein Mensch, der einen unreinen Geist hatte‟; es hatte ja den Heiligen Geist verloren. Da nämlich, wo Christus fortgezogen, war der Teufel eingedrungen.
Zugleich zeigt sich, daß die Natur des Teufels nicht schlecht ist, daß nur seine Werke böse sind; denn im Werke verleugnet er den Herrn, den er kraft seiner höheren Natur als solchen bekennt. Auch darin offenbart sich seine Bosheit und der Juden Ruchlosigkeit, daß er dem Volke den betörten Geist so sehr verblendete, daß es den verleugnete, welchen die Dämonen bekannten. O diese Erbjünger, schlechter denn der Meister! 194 Dieser versucht ihn im Wort, sie in der Tat; dieser spricht: „stürze dich hinab‟, sie legen Hand an, ihn hinabzustürzen.
§ 62
[Forts. v. 194 ] Wenn wir das unter einem höheren Gesichtspunkt ins Auge fassen, müssen wir darunter das Heil des Geistes und des Leibes verstehen, so zwar, daß zuvor der Geist von den Nachstellungen der Schlange, unter denen er litt, befreit wurde; denn die Seele würde nimmer vom Fleische überwältigt worden sein, wäre sie nicht zuvor vom Teufel versucht worden. Denn da die Seele den Leib bewegt, belebt und beherrscht: wie hätte sie sich als Sklavin in seine Lüste verstricken lassen, würde sie nicht von den Fesseln einer höheren Gewalt gebunden worden sein? So fühlte ja auch die Eva kein Verlangen nach der Speise, bevor nicht die listige Schlange sie versuchte. So mußte denn die Heilsarznei ihre erste Wirkung wider den Urheber der Sünde äußern.
§ 63
Vielleicht war auch jene Frau, die Schwiegermutter des Petrus und Andreas, nur ein Typus unseres Fleisches, das an mannigfachem Sündenfieber krank darniederlag und von den ungezügelten Lüsten der verschiedenen Leidenschaften entbrannt war. Nicht weniger heftig als die Fieberhitze, so möchte ich behaupten, ist das Liebesfieber: dieses erhitzt den Geist, jene den Leib. Ein Fieber in uns ist die Begierlichkeit; denn Feuer sind die Begierden. Darum auch des Apostels Wort: „Wenn sie nicht enthaltsam sind, so mögen die heiraten; denn besser ist heiraten als brennen‟. Ein Fieber in uns ist die Genußsucht, ein Fieber in uns ist der Zorn; denn sind sie auch fleischliche Laster, entfachen sie doch den Feuerbrand in den Gebeinen und wälzen ihn durch Geist, Herz und Sinn. Dieses Fieber ist es, das des Teufels Kniffigkeit zuerst entfacht. Ein gutes Ackerfeld, ein Kleid, ein Schmuck bildet den Köder der Schlange. Glänzende Würden, hohe Ämter, süße 195 Gelage, die Schönheit einer Buhlerin sind der Fallstrick des Teufels und gleichsam das lockende Flüstern der Geister der Bosheit, das mittels des verführerischen Fleisches, das so rasch wie mit weibischer Unbeständigkeit verweichlicht, auch den Geist von seiner Höhe herabstürzt. Denn nicht früher als des Leibes Auge richtet der Geist den lüsternen Blick auf die Schönheit eines Weibes. Was man nicht sieht, liebt man nicht. Sobald indes das Fleisch in Lust entbrennt, entschwindet der Seele, die sich in Mitleidenschaft ziehen läßt, der feste Boden, dem Geiste, der die Liebe mitkostet, der Halt ― „beide sind ja in* einem* Fleische‟ ― und so schleicht sich, sobald unter der Versuchung des Teufels und der Lockung des Fleisches die frevle Tat vollbracht wird, der Tod ein.
§ 64
[Forts. v. 195 ] Heftiger doch als des Leibes ist der Seele Fieber. Darum setzt man so vielfach um den Preis eines sinnlichen Genusses des Leibes Gesundheit hintan, ohne Gefahren für diese zu meiden. Es dürfte deshalb nicht unangebracht erscheinen an Theotimus zu erinnern. Er litt an schwerer Augenerkrankung und war in Liebe seiner Gattin zugetan. Der Arzt hatte ihm den Beischlaf verboten. Doch er hielt es vor Verlangen nicht aus. Von stürmischer Leidenschaft fortgerissen, vermochte er nicht mehr Herr über sich zu sein. Er wußte und begriff, daß er das Augenlicht verlieren werde: da rief er, bevor er der Gattin sich nahte, eben vom Feuer der Begierde entbrannt und zum Beischlaf sich anschickend: ‚Leb’ wohl, du trautes Licht!‛ ― So lodert das Feuer der Begierlichkeit noch mächtiger und reizt und entflammt noch heftiger als Fieber.
§ 65
Doch sobald einer aus dem Taumel erwacht, geht dem Gewissen im Inneren das Auge auf ; der Tat folgt die Reue, und Scham überkommt jeden über seine 196 eigene Schande. Da regt sich nun die Furcht Gottes, und der Sünder möchte sich verbergen. Doch umsonst. Er beschuldigt das Fleisch, klagt den Teufel an, jenes als den Verführer zur Sünde, diesen als den Urheber der Verirrung. Seine Blöße tritt offen zutage; denn bloß liegt vor Gott alles Verborgene, und nicht mit Feigenblättern, d. i. mit der Hülle des Fleisches oder mit prahlerischem Großtun vor der Welt lassen sich seine geheimen Schandtaten verdecken . Und Angst erfaßt jeden in seinem sündebewußten Geiste vor Gottes Gericht und er ruft aus: „Wo sind die Berge, daß sie über mich herfallen, wo die Felsenklüfte, daß ich mich darinnen verstecke, wenn er kommen wird, die Erde zu zermalmen?‟ Jetzt trägt das Fleisch dem Geiste Disteln und Dornen, d. i. es bringt hervor der Sorgen und Kümmernisse nagende Pein und den Feuerbrand, welchen der Geist selbst mittels der Begierlichkeit des Fleisches rings um sich auflodern machte. Denn wie festgenagelt haftet die Seele an den fleischlichen Gelüsten und vermag, wenn sie einmal ins Irdische versunken sich den Lüsten überantwortet, schwerlich ohne Gottes Gnade sich wiederum zur Höhe aufzuschwingen, aus der sie herabgesunken ist. Denn in den Schlingen ihres Handelns verstrickt und den Lockungen der weltlichen Genüsse preisgegeben, bleibt sie nunmehr an Schuld gebunden.
§ 66
Diesen Adam nun, diese Eva zu befreien, kam der Herr. Ersterer nach dem Bilde Gottes geschaffen, letztere des kräftigen Schutzes ihres Mannes sich erfreuend, solange sie sich dem Stärkeren unterordnete: so waren sie, von* einem* Geiste beseelt,* eines* gottgefälligen Wirkens und verschafften sich, in Gottes Paradies versetzt, die Speise des himmlischen Lebens. Nachdem aber das Fleisch anfing, verführerisch nach anderem zu gelüsten und seinem Gesetze sich nicht zu fügen, wurden sie aus dem Paradiese verbannt und sanken mit Recht wiederum auf diesen tieferen und unten gelegenen 197 Ort der Sünde herab. ― Niemand auch halte es für unpassend, wenn man Adam und Eva als Typus der Seele und des Leibes nimmt, nachdem sie auch als Typus der Kirche und Christi genommen werden; es fügte ja der Apostel seinem Ausspruch, „es würden beide in* einem* Fleische sein‟, bei: „Dieses Geheimnis ist groß, ich sage aber, in Christus und in der Kirche‟. Wer Gott in der Höhe, kann umso mehr unseren Geist geheimnisvoll sinnbilden.
§ 67
[Forts. v. 197 ] Doch unser Geist liegt darnieder, ist festgeheftet, ist gefangen und krankt, vom Fleische in Mitleidenschaft gezogen, unter der Fieberhitze des Leibes, die ihn erfaßte. Ein Arzt muß zu Rate gezogen werden. Doch wer wäre dieser große Arzt, der den Aussatz des wunden Geistes heilen könnte? Wer der große Mann, der anderen helfen könnte, nachdem er sich selbst nicht helfen kann? Wer vermöchte anderen das Leben zurückzugeben, nachdem er selbst dem Tode nicht zu entrinnen vermag? „Alle sind ja in Adam gestorben‟; denn „durch* einen* Menschen ist die Sünde in diese Welt hereingekommen und durch die Sünde der Tod; und so ist er auf alle Menschen übergegangen, weil alle in ihm gesündigt haben‟. Adams Schuld also bedeutet aller Tod. Da wurden denn Heilige gesendet, wurden desgleichen die Propheten gesendet, welche die göttlichen Offenbarungen verkündeten, doch sie vermochten nichts besser zu machen. Laßt uns denn einen der Engel oder Erzengel als Arzt beiziehen! Doch wie könnten sie mir Schutz gewähren vor der Sünde, nachdem ein Erzengel selbst der Sünde sich nicht zu enthalten vermochte? Wie soll mich ein Engel ins Paradies zurückführen, nachdem Satan selbst und seine Engel den Thron, den sie empfangen, nicht zu bewahren vermochten? <