Die Rückkehr Jesu die Erfüllung von Is. 9, 1 f.: Christus „das große Licht“ (43), der Offenbarungsgott des Alten Testamentes (44). Das Trinitätsdogma Schriftlehre (45). Der Prophet in der Vaterstadt. Der Fluch des Neides (46). Die Pflicht der Vaterlandsliebe; die undankbare Vaterstadt des Wunders der Menschwerdung Christi gewürdigt (47). Allegorische Erklärung der „Tage des Elias" (48). Die Geschichte von Naaman: nicht Nationalität und natürliches Anrecht, sondern innere Disposition und Gebet bedingen das Heil (49). Mystisch-typologische Deutung derselben (50). Das siebenmalige Jordanbad ein Typus der Taufe (51). Warnung vor Simonie im Priesteramte (52) und strenge Überwachung der Dienerschaft; Dienstentlassung im Betretungsfall (53). Giezis „auf ewig“ aussätzige Nachkommenschaft die Sünder (54). Mit der Verstoßung des Heilandes stießen die Juden das Heil von sich (55). Das Leiden Christi ein freies Sühnopfer für die ganze Welt (56).
§ 43
„Und Jesus kam in der Kraft des 183 Geistes nach Galiläa zurück‟. Diese Stelle enthält die Erfüllung der Weissagung des Propheten Isaias: „Die Landschaft Zabulon und das Land Nephtali und die übrigen alle, die den Landstrich am Meere bewohnen und die Meeresküste entlang und über den Jordan hinaus das Galiläa der Heiden, das Volk, das im Schatten des Todes saß, haben ein großes Licht gesehen‟. Denn wer ist das große Licht außer Christus, „der jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt‟?
§ 44
[Forts. v. 183 ] * „Er nahm hierauf das Buch in Empfang‟.*
Damit wollte er zeigen, daß er selbst es ist, der in den Propheten gesprochen hat; wollte die Lästerungen der Gottlosen abweisen, welche einen anderen Gott für den Alten Bund, einen anderen für den Neuen annehmen, oder welche behaupten, Christus habe seinen Anfang aus der Jungfrau. Denn wie konnte er den Anfang aus der Jungfrau nehmen, nachdem er bereits vor der Jungfrau sprach: „Der Geist des Herrn ist über mir‟? Da siehst du die gleichewige und vollkommene Trinität.
§ 45
Jesus selbst, den Gottmenschen, den in beiden (Naturen) Vollkommenen, nennt die Schrift: sie nennt auch den Vater und den Heiligen Geist. Der Heilige Geist als der Mitwirkende ward offenbar, da er „in leiblicher Gestalt gleich einer Taube auf Christus herabkam‟, als der Gottessohn im Flusse getauft wurde, des Vaters Stimme aus dem Himmel scholl. Welches größere Zeugnis wollten wir verlangen, als das Selbstzeugnis aus Christi eigenem Munde, er sei es gewesen, der in den Propheten gesprochen habe? Mit geistlichem Öle und himmlischer Kraft wird er gesalbt, um die Dürftigkeit der menschlichen Natur mit dem ewigen Reichtum der Auferstehung zu befruchten, die Gefangenschaft des 184 Geistes zu beseitigen, die Blindheit des Herzens aufzuhellen, das über ewige Zeiten sich erstreckende Jahr des Herrn zu verkündigen, das nimmer zurückmündet in des Mühens Kreislauf, den Menschen dauernde Frucht der Ruhe darbietet. Ja soweit erniedrigte er sich zu jeglichen Diensten, daß er nicht einmal die Funktion des Vorlesers ablehnte; wir hingegen waren die Gottlosen, die, den Blick auf das Leibliche gerichtet, den Glauben an seine Gottheit verweigerten, der aus den Wundern seiner Werke zu erschließen war.
§ 46
[Forts. v. 184 ] * „Wahrlich ich sage euch, kein Prophet ist genehm in seiner Vaterstadt‟.* Kein geringes Maß von Mißgunst verrät sich hier, die der Liebe gegen den Mitbürger vergessend das vielbegründete Wohlwollen in bitteren Haß kehrt. Zugleich geht ebenso aus dem Verhalten wie aus dem Ausspruch Christi klar hervor, daß man umsonst der Hilfe des himmlischen Erbarmens harrt, wenn man anderen die Früchte der Tugend mißgönnt; denn ein Hasser der Neider ist der Herr und entzieht denen, die dem göttlichen Wohltun an anderen widerstreben, die Wunder seiner Macht. Das leibliche Verhalten des Herrn spiegelt ja nur das seiner Gottheit wieder, und das für uns „Unsichtbare in ihm wird durch das, was sichtbar ist, offenbar‟.
§ 47
Nicht umsonst nun führt der Heiland einen Entschuldigungsgrund an, warum er in seiner Vaterstadt keine Wunder der Macht wirkte: es sollte sich niemand etwa einfallen lassen, wir schuldeten unserer Heimat nur eine allzu karge Liebe. Er, der allen in Liebe gewogen, konnte sie doch seinen Mitbürgern nicht vorenthalten, vielmehr ließen gerade diese in ihrer Gehässigkeit die landsmännische Liebe vermissen; „die Liebe ist 185 ja nicht eifersüchtig, bläht sich nicht auf‟. Doch ging auch seine Vaterstadt an göttlichen Gnadenerweisen nicht leer aus; denn welch größeres Wunder gäbe es als die Menschwerdung Christi, die in ihr sich vollzog? ― So sehet denn, welches Unheil Gehässigkeit heraufbeschwört! Des Wirkens ihres Mitbürgers wird die Vaterstadt für unwürdig erachtet, nachdem sie der Menschwerdung des Gottessohnes in ihrer Mitte gewürdigt ward.
§ 48
[Forts. v. 185 ] * „In Wahrheit sage ich euch: Viele Witwen lebten in den Tagen des Elias‟.* Nicht als ob es des Elias Tage gewesen wären, sondern die Tage, in welche sein Wirken fiel, bezw. die Tage, die er über jene heraufführte, die in seinem Wirken das Licht der geistlichen Gnade erblickten und zum Herrn sich bekehrten. Darum öffnete sich der Himmel denen, welche die ewigen und göttlichen Geheimnisse schauten; darum verschloß er sich zur Zeit der Hungersnot, weil keine Gotteserkenntnis wie reichlicher Regen sich ergoß. Doch hierüber haben wir ausführlicher in unserer Schrift „Über die Witwen‟843 geschrieben.
§ 49
„Und viele Aussätzige gab es zu den Zeiten des Elisäus, aber keiner von ihnen wurde gereinigt außer Naaman der Syrer‟. Offenbar liegt in diesen Heilsworten des Herrn für uns eine Belehrung und eine Mahnung zum Eifer in der Gottesverehrung, indem gezeigt wird, wie nur der Heilung und Befreiung von der Krankheit seines verunreinigten Leibes fand, dem in frommem Mühen an seiner Gesundheit gelegen war. Denn nicht dem Faulen werden die göttlichen Gnadenerweisungen zuteil, sondern dem Eifrigen. Und trefflich wird mit einem passenden analogen Beispiele der anmaßenden Zumutung der gehässigen Mitbürger die Spitze gebrochen und das Handeln des Herrn im Einklang mit der 186 alttestamentlichen Schrift aufgezeigt; denn auch in den Büchern der Könige lesen wir, wie der Heide Naaman durch des Propheten Wort von der Unreinigkeit des Aussatzes befreit wurde, während der Aussatz die Juden in großer Zahl an Leib und Seele auszehrte. Litten doch auch jene vier Männer an Aussatz, die, wie die Geschichte berichtet, von Hunger getrieben ins Lager des Großkönigs von Syrien sich begaben. Warum also heilte der Prophet seine Brüder nicht, seine Mitbürger nicht, seine Volksgenossen nicht, während er Fremde heilte, solche heilte, welche die Gesetzesbeobachtung und Religionsgemeinschaft nicht teilten? Doch nur deshalb, weil der Wille, nicht die Nationalität die Heilung bedingt und Gottes Gabe mit heißem Verlangen erwählt werden muß, nicht infolge eines natürlichen Rechtsanspruches gewährt wird. Lerne erflehen, was du zu erlangen wünschest! Leuten voll Unlust fließt der Segen der himmlischen Gaben nicht nach.
§ 50
Doch so sehr die einfache Auslegung das Verlangen nach sittlicher Unterweisung befriedigt, kann doch auch das gnadenvolle Geheimnis nicht verborgen bleiben. Wenn nämlich spätere (Schrift-) Wahrheiten aus früheren sich ableiten lassen, dann lassen erst recht frühere aus späteren sich erhärten. Wir haben nämlich bereits in einer anderen Schrift betont, daß jene Witwe, zu der Elias gesendet wurde, ein Vorbild der Kirche war. Das Volk, so geziemt es sich, soll zur Kirche kommen. Jenes Volk, aus fremden Völkern gesammelt, jenes Volk, ehedem voll Aussatz, jenes Volk, ehedem, bevor es in der geheimnisvollen Flut getauft ward, voll Makel, jenes nämliche Volk fing, nach Empfang des Taufsakramentes von den Makeln des Leibes und des Geistes reingewaschen, an, nicht aussätzig, sondern eine makellose Jungfrau ohne Runzel zu sein. Mit Recht wird darum Naaman als groß bezeichnet vor seinem Herrn 187 und von wunderbarem Aussehen; denn in ihm wurde vorbildlich den Heiden das künftige Heil klar vor Augen geführt. Dem Rat einer Jungfrau, die, als die Wehrkraft der Bürger gebrochen war, als Gefangene in Feindes Gewalt geraten war, und ihrer Mahnung zufolge, sein Heil vom Propheten zu erhoffen, fand er Heilung, nicht kraft des Machtbefehles seines irdischen Gebieters, sondern auf Grund der Freigebigkeit der göttlichen Barmherzigkeit.
§ 51
[Forts. v. 187 ] Warum wird dem Naaman eine mystische Zahl von Waschungen anbefohlen? Warum der Jordanfluß hierzu ausersehen? „Sind denn‟, fragt er, „Abana und Pharphar, die Flüsse von Damaskus nicht besser als der Jordan?‟ Doch nur von Unwillen übermannt, gab er ihnen den Vorzug, nach ruhiger Überlegung wählte er den Jordan; denn der Zorn ist blind gegen die höhere Wahrheit, der Glaube nur schaut sie. Erkenne die Gnade der Heilstaufe: als Aussätziger war er untergetaucht, als Gläubiger tauchte er empor! Erkenne, daß hier geistige Geheimnisse versinnbildet werden: leibliche Heilung wird verlangt, geistige erlangt; das Fleisch wird abgewaschen, die Seele reingewaschen! Denn nicht sowohl des Leibes als des Geistes Aussatz sehe ich gereinigt, wenn Naaman nach dem Bade, vom alten Sündenschmutze frei, nicht fremden Göttern die Opfer weihen zu wollen erklärt, sondern dem Herrn sie gelobt.
§ 52
Erkenne desgleichen, was schickliche Tugend verlangt! Erprobten Glauben bewies (der Prophet), der Lohn ausschlug. Erkenne aus der Lehre, die beide Männer in Wort und Tat gaben, was du zu befolgen hast! Du hast des Herrn Gebot, des Propheten Beispiel: umsonst nimm, umsonst gib! Verkaufe nicht deinen Dienst, sondern biete ihn an! Denn nicht mit 188 Geldeswert läßt Gottes Gnade sich einschätzen, und nicht um Gewinn handelt es sich bei der Verwaltung der Geheimnisse, sondern um den Dienst des Priesters.
§ 53
Es genügt indes nicht, selbst keinen Gewinn zu suchen: auch der Hand deiner Dienerschaft ist zu wehren. Es wird ja auch nicht einzig nur verlangt, dich allein keusch und rein zu bewahren; des Apostels Wort lautet nicht: „dich allein‟, sondern: „dich selbst bewahre keusch‟. Nicht allein deine, sondern auch deines Hauses Reinbewahrung vor solchem Feilschen wird gefordert; denn „ein Priester muß untadelhaft sein, seinem Hause ein guter Vorsteher, der die Kinder in Unterwürfigkeit hält mit aller Ehrbarkeit. Wenn aber einer seinem Hause nicht vorzustehen weiß, wie wird er für die Kirche Sorge tragen?‟ Belehre also deine Dienerschaft, mahne, überwache sie! Und wenn dich ein Diener hintergeht ― ich will, was menschlich möglich ist, nicht außer Anschlag bringen ― so entlaß ihn im Betretungsfall nach dem Beispiel des Propheten. Schnell folgte dem schmutzigen Diener der Aussatz als Lohn, und machte das unrecht erworbene Geld Leib und Seele zugleich unrein. „Du hast‟, sprach jener, „Geld angenommen und willst dir dafür Ackerland und Weinberg und Ölgärten und Herden zum Besitz erwerben. Aber auch der Aussatz Naamans soll haften an dir und deiner Nachkommenschaft auf ewig‟. Da siehst du, wie des Ahnherrn Tun noch über die Nachkommenschaft, die ihn beerbt, Fluch heraufbeschwört; denn nicht läßt sich die Schuld des Schachers, der mit einem Sakrament getrieben wird, sühnen, und die Strafe (der Entweihung) der himmlischen Gnade pflanzt sich noch auf die Nachkommen fort. So dürfen auch die Moabiter und andere „nicht (in die Gemeinde) eintreten bis zum dritten und vierten Geschlecht‟, d. i. um die einfachere Erklärung zu geben, solange nicht, bis die 189 Nachkommen durch mehrere Geschlechter hindurch die Schuld der Ahnen abgebüßt hätten.
§ 54
[Forts. v. 189 ] Doch da selbst jene, die durch die Sünde des Götzendienstes wider Gott sich verfehlten, augenscheinlich nur bis zum vierten Geschlechte gestraft wurden, scheint fürwahr die Strafsentenz, durch welche Giezis Nachkommenschaft zur Sühne für dessen Habsucht kraft des Ausspruches des Propheten verurteilt ward, zu hart, als daß man nicht lieber an eine Nachkommenschaft in der Lasterhaftigkeit denn in der Geschlechtsfolge denken möchte, zumal unser Herr Jesus Christus durch die Wiedergeburt der Taufe allen Nachlaß der Sünden verliehen hat. Wie man nämlich die „Kinder der Verheißung‟ für die gute Nachkommenschaft ansehen kann, so die Kinder der Sünde für die schlechte Nachkommenschaft. Denn auch die Juden haben „den Teufel zum Vater‟, doch sicherlich nicht infolge einer leiblichen Abstammung, sondern der Sünde. Alle Habsüchtigen, alle Geizigen besitzen sonach mit ihren Reichtümern den Aussatz des Giezi und rafften mit ihrem unrecht erworbenen Gewinste nicht sowohl ein Vermögen an Geld als vielmehr einen Reichtum an Missetaten zusammen, der ewige Strafe und kurzen Genuß bringt. Während nämlich der Reichtum vergänglich ist, währt die Strafe ewiglich; denn „weder ein Habsüchtiger noch ein Trunkenbold noch ein Götzendiener wird das Reich Gottes besitzen‟.
§ 55
„Da wurden alle in der Synagoge voll Zorn, als sie dies hörten, und sie standen auf und stießen ihn zur Stadt hinaus‟.
Das gottfrevle Handeln der Juden, das der Herr längst vorher durch den Propheten vorausverkündet und von dem er im Psalmverse: „Sie haben mir Böses für Gutes vergolten‟ erklärt hatte, daß er 190 es im Leibesleben erleiden würde, ging nun, wie er dartut, im Evangelium in Erfüllung. Denn während er überall im Volke Wohltaten spendete, überhäuften jene ihn mit Unbilden. Kein Wunder, wenn sie das Heil verloren, nachdem sie den Heiland aus ihrem Gebiete hinausstießen. Denn der Herr hält sich an die sittliche Norm: der durch das eigene Beispiel seine Apostel allen alles werden lehrte, weist die Willigen nicht ab, zwingt keinen gegen seinen Willen, leistet denen keinen Widerstand, die ihn hinausstoßen, mangelt denen nicht, die ihn bitten. So ließ er auch an einer anderen Stelle die Gerasener als undankbare Schwächlinge zurück, da sie seine Machttaten nicht ertragen konnten.
§ 56
[Forts. v. 190 ] Beachte zugleich, daß sein körperliches Leiden kein erzwungenes, sondern ein freiwilliges war; daß er nicht (von ungefähr) den Juden in die Hände geriet, sondern selbst sich darbot! Da er es will, wird er gefangen; da er es will, fällt er zu Boden; da er es will, wird er ans Kreuz geheftet; da er es will, kann man nicht Hand an ihn legen. Auch an unserer Stelle war er auf den Gipfel des Berges gestiegen, „um hinabgestürzt zu werden. Und sieh, er stieg mitten durch sie hindurch herab. Die Rasenden wurden plötzlich zur Sinnesänderung gebracht oder von jähem Schrecken übermannt; denn noch war die Stunde des Leidens nicht gekommen, oder vielmehr noch wollte er die Juden lieber retten als verderben. Sie sollten angesichts des erfolglosen Ausganges ihrer Raserei von einem Wollen abstehen, das sie nicht ausführen konnten. Du siehst also: sowohl hier ist sein Tun Gottes Tat, wie dort seine Gefangennahme Willenstat. Denn wie hätte er von wenigen ergriffen werden können, nachdem er es vom ganzen Volke nicht konnte? Aber er wollte nicht, daß so viele den Gottesfrevel begingen; auf die Urheber der Schuld wollte er die Schmach des Kreuzes abwälzen, von wenigen nur sich kreuzigen lassen, aber für die ganze Welt sterben.