Das Petrusschifflein bei Matth. Sinnbild der beginnenden, bei Luk. Sinnbild der späteren Kirche (68). Die Wunder in der empirischen Welt Manifestationen übernatürlicher Geheimnisse (69). Des Judas Schifflein schwankt, des Petrus Schifflein nicht (70). Nur zu Petrus wird gesprochen: „Fahr hinaus zur Tiefe“ sc. der Glaubensgeheimnisse (71). Das Netzwerfen Sinnbild der apostolischen Predigt (72). Die Steuermünze Christi eine Mahnung des Christen zur Steuerpflicht und Unterwürfigkeit unter die weltliche Obrigkeit (73). Die Doppeldrachme im Rachen des Fisches Symbol des Erlösungspreises für Seele und Leib (74). Der erste Fisch mit der Münze im Munde der Erzmärtyrer Stephanus (75). „Auf das Wort des Herrn“ will auch Ambrosius nach vergeblichem Predigen nochmals das Netz des Wortes auswerfen (76). Die beiden mit Fischen sich füllenden Schifflein Sinnbilder der aus Juden- und Heidenchristen sich bevölkernden Weltkirche (77). Des Petrus Hirtensorge erstreckt sich auf alle Kirchen (78). Petrus Ideal der Demut für den Christen (79).
§ 68
„Da trat er in das eine Schiff, das dem Petrus gehörte, und bat ihn vom Lande ein wenig einwärts zu fahren‟.
Sobald der Herr vielen Kranken verschiedenartige Heilungen hatte angedeihen lassen, wehrte weder Zeit noch Ort mehr dem Verlangen der Menge nach Heilung. Der Abend senkte sich zur Ruhe: sie folgt. Der See lagerte vor: sie drängt heran. So steigt er denn in des Petrus Schiff. Es ist dies jenes Schiff, das nach Matthäus noch schwankt, nach Lukas mit Fischen sich füllt. Du magst hierin ein Bild der Kirche in ihren schwankenden Anfängen und in ihrer späteren Fülle 199 erblicken; denn die Fischlein sind jene, welche dieses Lebensmeer durchziehen. Dort (bei Matthäus) schläft Christus noch für die Jünger, hier (bei Lukas) gebietet er ihnen; für die Furchtsamen nämlich schläft er, den Vollkommenen wacht er. Wie indes Christus schläft, hast du aus seinem Munde beim Propheten vernommen: „Ich schlafe und mein Herz wacht‟.
§ 69
[Forts. v. 199 ] Der heilige Matthäus glaubte mit Recht auch an der Stelle, wo Christus den Winden gebeut, die Bezeugung seiner Gottheit nicht unerwähnt lassen zu sollen. Denn der Ausspruch, den ihr die Juden tun hörtet: „kraft des Wortes gebietet er den Geistern‟, birgt nicht Menschenlehre, sondern eine Besiegelung seiner himmlischen Majestät. Wenn das empörte Meer sich legt, die Elemente dem Befehl aus seinem göttlichen Munde sich fügen, die unvernünftige Natur Vernunft annimmt und gehorcht, so offenbart sich darin ein Geheimnis der göttlichen Gnade. Die irdischen Wogen glätten sich, der unreine Geist verstummt: keines läßt sich leugnen, beides vielmehr liegt offen zutage. Im Bereich der Elemente hat man ein Wunder, im Bereich der Geheimnisse eine Beglaubigung.
§ 70
Weil nun der heilige Matthäus* diese* Auslese kredenzt hatte, wählte sich der heilige Lukas jenes Schifflein, worin Petrus fischte. Dieses, das den Petrus trägt, schwankt nicht, jenes, das den Judas trägt, schwankt. Führten auch der Jünger vielerlei Verdienste darauf das Ruder, so brachte doch des Verräters Ruchlosigkeit es noch ins Schwanken. In beiden befindet sich Petrus. Doch wenn er auch kraft der eigenen Verdienste sicher steuert, bringt ihn doch fremdes Mißverdienst ins Schwanken. Hüten wir uns darum vor einem Gottlosen, 200 hüten wir uns vor einem Verräter, daß wir nicht, viele an Zahl, durch einen einzigen in Gefahr geraten! Nicht also schwankt jenes Schiff, worauf die Einsicht das Steuer führt, dem der Unglaube fern ist, der Glaube das Segel schwellt; denn wie hätte es schwanken können unter der Führerhand dessen, in welchem die Grundfeste der Kirche ruht? Dort also, wo Kleingläubigkeit, gibt es Schwanken; hier, wo vollkommene Liebe, nur Sicherheit.
§ 71
So ergeht denn, ob auch der Auftrag, die Netze auszuwerfen, allen gilt, doch nur an Petrus das Wort: „Fahr hinaus zur tiefen See‟, d. i. zur Tiefe der Lehre! Was wäre denn auch so tiefgründig als der Blick in „die Tiefe des Reichtums‟, die Erkenntnis des Sohnes Gottes und das Bekenntnis seiner göttlichen Zeugung? Vermag auch der menschliche Geist diese nicht in ihrem vollen Wesensgrund zu erfassen, so umfängt doch des Glaubens Fülle sie. Denn darf ich auch nicht das Wie seiner Zeugung wissen, so darf ich doch nicht über das Daß seiner Zeugung in Unwissenheit sein. Den Vorgang der Zeugung kenne ich nicht, doch die Beglaubigung der Zeugung anerkenne ich. Wir sind nicht Zeugen gewesen, da der Gottessohn aus dem Vater erzeugt ward, aber Zeugen, da er vom Vater als Gottessohn erklärt wurde. Wenn wir Gott nicht glauben, wem wollten wir dann glauben? Alles, was wir glauben, glauben wir nämlich entweder auf Sehen oder auf Hören hin. Das Gesicht täuscht sich oft, das Gehör bleibt verlässig. Oder ist die Person (des Vaters), welche die Versicherung abgab, anfechtbar? Hätten tugendhafte Männer es ausgesprochen, würden wir’s für unrecht halten, es nicht zu glauben: Gott nun versichert es, der Sohn bestätigt es, die verschwindende Sonne bekennt es, die bebende Erde bezeugt es.― Zu dieser Tiefe der Lehre also wird der Kirche Schiff von 201 Petrus geführt, um hier den Gottessohn auftauchen, dort den Heiligen Geist hervorströmen zu sehen.
§ 72
[Forts. v. 201 ] Was anders aber bedeuten die Netze der Apostel, die auf Geheiß ausgeworfen werden, als die Wortkomplexe, gleichsam die Netzbäusche der Rede und den heimlichen Fangapparat tieferer Ausführungen, welche die gefangenen Fischlein nicht mehr entkommen lassen? Und mit Recht gleicht das Rüstzeug der Apostel einem Fischnetz: es tötet die gefangenen Fischlein nicht, sondern hält sie fest und zieht sie aus dem Grund ans Licht, versetzt die unstet lebenden von der Tiefe zur Höhe.
§ 73
[Forts. v. 201 ] Noch eine andere Art des Fischens tritt bei den Aposteln zutage. Mit dieser Art heißt der Herr nur allein den Petrus fischen, indem er spricht: „Wirf die Angel aus, und den Fisch, der zuerst heraufkommt, nimm!‟ Ein gar wichtiges, um geistigen Sinn zu verstehendes Zeugnis, worin die Christen zur Pflicht der Unterwürfigkeit gegen die höhere Gewalt angeleitet werden, damit niemand die Anordnung eines irdischen Herrschers übertreten zu dürfen glaube. Denn wenn der Sohn Gottes die Abgaben entrichtete, wer bist du in deinem Größendünkel, daß du dich nicht zu deren Entrichtung verpflichtet hältst? Und zwar zahlte jener die Abgaben, obschon er nichts besaß; du aber, der du weltlichem Gewinst nachjagst: warum wolltest du nicht auch weltliche Verpflichtung anerkennen? Warum wolltest du dich gleichsam in geistiger Anmaßung über die Welt erhaben dünken, nachdem du doch in kläglicher Habsucht ihr Sklave bist?
§ 74
Ausbezahlt wird eine Doppeldrachme. Sie bedeutete den Kaufpreis unserer Erlösung, auch der leiblichen und zwar zum voraus im Gesetze hinterlegt, im Evangelium ausbezahlt, nicht umsonst im Munde eines Fisches vorgefunden. „Denn aus deinem Munde wirst 202 du gerechtfertigt. Der Preis der Unsterblichkeit ist für uns nämlich unser Bekenntnis, da nach dem Schriftworte „mit dem Munde das Bekenntnis zum Heile erfolgt‟.
§ 75
[Forts. v. 202 ] Und vielleicht bedeutet jener erste Fisch den ersten Märtyrer mit der Doppeldrachme, d. i. der Steuermünze im Munde. Unsere Doppeldrachme ist Christus. So hatte also jener Erzmärtyrer, Stephanus nämlich, einen Schatz im Munde, da er bei seinem Leidenstode Christus im Munde führte. ― Doch kehren wir zur vorwürfigen Stelle zurück und lernen wir des Apostels Demut kennen!
§ 76
[Forts. v. 202 ] * „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen, aber auf dein Wort will ich das Netz auswerfen‟.* Auch ich, Herr, weiß, daß es Nacht um mich ist, wenn Du nicht gebietest. Niemand noch meldete sich, noch umfängt mich Nacht. Ich warf der Rede Angel während Epiphanie aus und fing noch immer nichts. Ich warf sie bei Tag aus, ich harre Deines Befehles: „auf Dein Wort will ich das Netz auswerfen‟. O eitles Selbstvertrauen! O segensreiche Demut! Die vorher nichts gefangen hatten, fangen auf das Wort des Herrn „eine große Menge Fische‟ ein. Das ist nicht das Werk menschlicher Beredsamkeit, sondern die Gnadengabe der höheren Berufung. Menschliche Streitrede versagt da, kraft seines Glaubens wird das Volk gläubig.
§ 77
„Das Netz zerreißt‟, doch kein 203 Fischlein entweicht.* „Die Genossen, die im anderen Schiffe waren‟*, werden zu Hilfe gerufen. Was ist dieses „andere Schiff‟ als vielleicht Judäa? Von da werden Johannes und Jakobus beigezogen; denn „Judäa ward sein Heiligtum‟. Sie kamen sonach von der Synagoge zum Schiffe des Petrus, d. i. zur Kirche um beide Schifflein zu füllen. Denn „alle beugen im Namen Jesu ihr Knie‟, ob Jude oder Grieche, „alles und in allen ist Christus‟. Doch mir flößt diese Menge die Besorgnis ein, es möchten die Schifflein vor ihrer eigenen Fülle fast versinken: es muß ja auch Irrlehren geben zur Prüfung der Guten.
§ 78
[Forts. v. 203 ] Wir können aber auch noch eine andere Kirche unter dem „anderen Schiffe‟ verstehen; denn von der* einen* Kirche leitet sich eine größere Menge von (Einzel-) Kirchen ab. Sieh, ein neues Sorgenkind für Petrus, dem doch schon seine eigenen Fischlein Besorgnis bereiten! Doch ein ganzer Mann, weiß er die geborgenen (Fischlein) zu bewahren, wie er die in der Zerstreuung schweifenden zu fangen versteht. „Im Worte‟ fängt er sie, dem Worte weiht er sie. Nicht als* seinen* Fang, nicht als* sein* Eigen gibt er sie aus.
§ 79
[Forts. v. 203 ] * „Geh weg von mir, Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch!‟.* Von Staunen nämlich war Petrus ergriffen über die reiche Gottesgabe, und je reichlicher er bedacht war, umso weniger tat er sich darauf etwas zugute. Sprich auch du: „Geh weg von mir, Herr, denn ich bin ein Sünder‟, damit der Herr dir erwidere: „Fürchte nicht!‟ (Fürchte nicht) dem barmherzigen Herrn die Sünde zu bekennen! Fürchte auch nicht das Deinige ihm darzubieten, weil auch er das Seinige uns geschenkt hat! Er kennt kein Mißgönnen, kein Erpressen, kein Nehmen. Du siehst, wie gut der Herr ist: so Großes verlieh er Menschen, daß sie die Gewalt haben, lebendig zu machen.