Das vierte Wunder seit der Rückkehr Jesu (Luk.), das erste Wunder seit der Bergpredigt (Matth.); Begründungen (1). Das Wunder offenbart ebenso des Herrn Macht wie des Aussätzigen Glauben und Demut (2). Wollen und Vollbringen sind bei Gott eins (3). Apologetische und ethische Bedeutung des Wundervorganges (4). Die Heilung aller vom Sündenaussatz; subjektive Erfordernisse (5). Der bekehrte Sünder eine Weihegabe an Gott (6). Die Berührung des Aussätzigen ein Beweis der Herablassung wie der Erhabenheit des Herrn über das Gesetz (7). Die Auflagen an den Geheilten zeugen für den Gesetzeserfüller, nicht wider den Gesetzesverächter (8). Notwendige Disposition zur Gotteserkenntnis (9).
§ 1
„Und es geschah, als er in einer der Städte war, sieh, da war ein Mann voll Aussatz, und er fiel nieder auf sein Angesicht, bat ihn und sprach: Herr, wenn Du willst, so kannst Du mich gesund machen. Da streckte er die Hand aus, berührte ihn und sprach: Ich will, sei rein!‟
Mit gutem Grund wird ein bestimmter Ort, wo der Aussätzige gereinigt wird, nicht genannt um anzuzeigen, daß nicht allein die Bevölkerung einer bestimmten Stadt, sondern die Bevölkerung sämtlicher Städte Heilung fand. Mit gutem Grund reiht sich aber auch nach Lukas dessen Heilung an das vierte Wunder seit der Ankunft des Herrn in Kapharnaum an. Denn wenn 205 der Herr den vierten (Schöpfungs-) Tag mit der Sonne aufhellte und herrlicher denn die übrigen schuf, so muß uns auch dieses Wunderwerk als ein besonders herrliches gelten. Matthäus führt diesen Kranken als ersten ein, der nach den Seligpreisungen vom Herrn geheilt wurde. Nachdem nämlich der Herr gesprochen: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzuheben, sondern zu erfüllen‟, sollte er, der vom Gesetze ausgeschlossen wurde, die Hoffnung auf Heilung auf die Macht des Herrn setzen und überzeugt sein, daß die Gnade, welche eines Aussätzigen Unreinheit abzuwaschen imstande ist, nicht aus dem Gesetze stammt, sondern über das Gesetz erhaben ist.
§ 2
[Forts. v. 205 ] Doch wie am Herrn die Machthoheit, so tritt am Kranken ein fester Glaube zutage. „Er fiel nieder auf sein Angesicht‟: ein Akt der Demut und der Scham, so daß ein jeder ob der Sündenmakel seines Lebens erröten sollte. Doch das Schuldbekenntnis unterdrückte er nicht aus Schamgefühl. Er zeigte die Wunde auf und erbat sich Heilung; das Bekenntnis selbst ist voll Frommsinn und Glaube. „Wenn du willst, spricht er, so kannst du mich rein machen.‟ In den Willen des Herrn verlegte er dessen Macht. Er zweifelte aber nicht am Willen des Herrn, als glaubte er nicht an seine Vatergüte; er wollte vielmehr nur nicht im Bewußtsein seiner Unreinheit vermessen sein.
§ 3
Kraft seiner sittlichen Heiligkeit gleichsam antwortete ihm der Herr: „Ich will, sei rein! Und sogleich wich sein Aussatz von ihm‟. Nichts nämlich schiebt sich zwischen Gottes Werk und Befehl; denn der Befehl schließt das Werk ein. So heißt es denn auch: „Er sprach und es ward‟. Daraus sieht man nun, wie sich nicht daran zweifeln läßt, daß der Wille Gottes seine Macht ist. Wenn nun der Wille 206 seine Macht ist, dann sprechen doch jene, die der Trinität nur* einen* Willen zusprechen, derselben auch nur* eine* Macht zu.― „Sogleich wich der Aussatz.‟ Damit man sich von der Wahrhaftigkeit des Arztes überzeuge, fügte er zum Werke die Beglaubigung.
§ 4
[Forts. v. 206 ] Nach Markus endlich „erbarmte sich der Herr seiner‟. Ein schöner Zug. Und noch manche solche Züge streuten die Evangelisten ein. Sie wollten uns nämlich zweifach festigen: durch die Beschreibung seiner Wunderzeichen im Glauben, durch die Darstellung seiner Tugendwerke in der Nachahmung. Daher seine Berührung ohne Sträuben, sein Befehl ohne Schwanken. Darin nämlich bekundet sich seine Macht, daß er es, obschon im Besitze seiner Heilsgewalt und der Befehlsautorität, nicht verschmäht, sein Wirken auch zu bezeugen. „Ich will‟ spricht er des Photinus wegen; er gebietet des Arius, er berührt des Manichäus wegen.
§ 5
Nicht* einen* nur, sondern alle heilt er und versichert sie: „Schon seid ihr rein ob des Wortes, das ich zu euch gesprochen habe‟. Wenn nun die Arznei wider den Aussatz das Wort ist, so bedeutet doch die Verachtung des Wortes den Aussatz des Geistes. Damit jedoch der Aussatz nicht den Arzt anstecken könne, meide jeder, der vorbildlichen Demut des Herrn folgend, eitle Prahlerei. Wozu denn sonst dessen Auftrag „es niemand zu sagen‟, als zur Belehrung für uns, Wohltun nicht auszuposaunen, sondern geheimzuhalten, so daß wir nicht bloß auf Geldgewinn, sondern selbst auf Dank verzichten? Oder vielleicht war der Grund des Schweigegbotes auch der, daß ihm solche, die 207 lieber aus freier Glaubensüberzeugung als wegen erhoffter Vorteile gläubig würden, besser dünkten.
§ 6
[Forts. v. 207 ] Dem Geheilten aber wird zur Vorschrift gemacht dem Gesetze zufolge dem Priester sich zu stellen. Keinen anderen, sondern sich selbst sollte er Gott zum geistlichen Opfer darbringen, sollte auf dem Wege der Glaubenserkenntnis und des Unterrichtes in der (Glaubens-) Weisheit nach der Abwaschung seines unreinen Vorlebens zu einer Gott wohlgefälligen Gabe sich einweihen lassen; jedes Opfer soll nämlich „mit Salz gesalzen werden‟. Daher auch des Paulus Mahnung: „Ich beschwöre euch also, Brüder, um der Barmherzigkeit Gottes willen, daß ihr euere Leiber als ein Gott genehmes, wohlgefälliges Opfer darbringt‟.
§ 7
[Forts. v. 207 ] Auch das ist bewundernswert, wie die Art der Heilung der der Bitte entsprach: „Wenn Du willst, kannst Du mich rein machen. Ich will‟, lautete die Antwort, „sei rein!‟ Da vernimmst du den Willen; du vernimmst auch der Liebe Tat: „Und er streckte die Hand aus und berührte ihn‟. Das Gesetz verbietet die Berührung eines Aussätzigen. Doch der Herr des Gesetzes steht nicht unter dem Gesetze, sondern schafft es. Nicht also, weil ohne Berührung außerstande, die Heilung vorzunehmen, machte er dieselbe, sondern zum Beweise dafür, daß er dem Gesetze nicht unterworfen war und nicht wie die Menschen die Berührung fürchten brauchte, daß er vielmehr als der Befreier der anderen einer Verunreinigung unzugänglich war, zugleich daß der Aussatz, der den Berührenden ansteckte, auf die Berührung des Herrn zum Schwinden gebracht wurde.
§ 8
Der Geheilte empfängt den Auftrag* „sich dem Priester zu zeigen und für seine 208 Reinigung zu opfern‟.* Dadurch nämlich, daß er sich dem Priester stellte, sollte sich dieser überzeugen, daß derselbe nicht nach der Gesetzesordnung, sondern kraft der Gnade Gottes unabhängig vom Gesetze geheilt wurde. Wenn ferner der Herr das Opfer* „nach der Vorschrift des Moses‟* anbefahl, so wollte er zeigen, daß er „das Gesetz nicht auflöste, sondern erfüllte‟. Man sollte sehen, wie er an der Hand des Gesetzes vorgehend über das Gesetz hinaus Kranke heilte, denen die Heilsverordnungen des Gesetzes keine Heilung verschafft hatten. Und zutreffend setzte er das hinzu: „wie Moses angeordnet hat‟; „denn das Gesetz ist geistiger Art‟. Ein Opfer im geistigen Sinn scheint er sonach aufgetragen zu haben.
§ 9
[Forts. v. 208 ] Zum Schluß fügte er noch bei:* „auf daß euch dies zum Zeugnisse sei‟,* d. i.: Falls ihr Gott glaubt, falls der Aussatz der Gottlosigkeit von euch weicht, falls der Priester Mitwisser um das Verborgene, falls er Zeuge der reinen Gesinnung ist: wann ließe sich derselbe deutlicher als den Priester schauen, vor dem es nichts Verborgenes gibt; zu dem gesprochen ward: „Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung des Melchisedech‟?