Dessen mystisches Christusmahl (16). Die Ungläubigen die ewig Hungernden, die Gläubigen die geistig Speisenden (17). Der Christ kann Gast eines Heiden sein (18). Des neuen Wundarztes Jesu neues Heilmittel und -wirken (19). Christus der Bräutigam (20). Die nichtberufenen Gerechten die Gesetzes- bezw. Selbstgerechten. Die Rechtfertigungsgnade Frucht nicht des Gesetzes, sondern der Buße (21—22). Die Gottgefälligkeit des physischen Fastens. Das seelische Fasten eine bildliche Ausdrucksweise (23). Der Bräutigam Jesus verjüngt unsere Natur durch die Wiedergeburt (24). Pflicht der Reinbewahrung des hochzeitlichen Taufkleides (25). Die „Schläuche“ die Leiber, der „neue Wein“ die Taufgnade (26). Der Getaufte eine „Neuschöpfung“, Gastgeber und Gast des Herrn zugleich (27).
§ 16
Nun folgt die geheimnisvolle Berufung des Zöllners, dem der Herr befiehlt ihm nachzufolgen, nicht mit leiblichen Schritten, sondern in der geistigen Gesinnung. Derselbe hat zuvor habsüchtig Abgaben vom Verdienste der Schiffer, drückende Abgaben aus 213 ihren Mühen und Gefahren eingehoben. Auf den Ruf des Wortes nun verläßt er, der fremde Habe erpreßte, die eigene, verzichtet auf jenen verächtlichen Zollstuhl und folgt in seinem ganzen geistigen Wandel dem Herrn nach. Auch ein Gastmahl großen Stils gibt er. Wer nämlich Christus in die Wohnung seines Inneren aufnimmt, erfreut sich der köstlichsten Labe überreicher Genüsse. Gern tritt der Herr ein und ruht im Herzen dessen, der den Glauben annimmt.
§ 17
[Forts. v. 213 ] Doch von neuem entfacht sich die Gehässigkeit der Ungläubigen. Ein typisches Bild des künftigen Strafloses entrollt sich. Während die Gläubigen am Mahle sich labend in jenem Himmelreiche zu Tische liegen, wird der Unglaube durch Hungerfasten gequält werden. Zugleich tritt der gewaltige Unterschied zwischen den Gesetzeseiferern und den Gnadebeflissenen zutage: Die Anhänger des Gesetzes erleiden in ihrem ungestillten Geiste ewig Hunger; jene hingegen, welche das Wort im Inneren der Seele aufgenommen, sind, von der Fülle der himmlischen Speise und des himmlischen Trankes gesättigt, außerstande zu hungern und zu dursten. Und so murrten denn die geistig Hungernden und sprachen:
§ 18
[Forts. v. 213 ] * „Warum ißt und trinkt er mit den Zöllnern und Sündern?‟* Schlangenzischen ist diese Sprache. So führte sie denn erstmals die Schlange, die zu Eva sprach: „Warum doch sprach Gott: Ihr sollt nicht essen von jedem Baume?‟ Nur ihres Vaters Gift also spritzten sie aus, da sie fragten: „Was doch ißt und trinkt er mit den Zöllnern und Sündern?‟ ― Aus der Tischgemeinschaft des Herrn mit Sündern folgt, daß er uns sogar die Teilnahme am Gastmahle von Heiden nicht verwehrt.* „Nicht die Gesunden,* spricht er,* bedürfen des Arztes, sondern die Kranken‟.*
§ 19
214 Ein neues Heilmittel brachte der neue Meister mit. Es sproßte nicht auf der Erde, die ganze Schöpfung verstand sich nicht auf dessen Hervorbringung. Kommt alle, die ihr mannigfache Sündenkrankheiten euch zugezogen habt, gebraucht das unbekannte Heilmittel, durch welches das Gift der Schlange abgetrieben wird; das nicht nur das Wundweh der Krankheiten ausheilt, sondern auch die Ursache des unheilvollen wunden Zustandes beseitigt! Dieses Mittel verordnet nicht Diät, sondern bietet der Seele Speise; denn „der Menschensohn ist gekommen und ißt und trinkt‟, „und sie sagen, er hat einen Teufel‟. Unser Geist leidet darum nicht Hunger. Die nur hungern, denen Christus fern ist, und mangeln der Fülle guter Verdienste. Wer sich hingegen die Tugend mit ihrem Genusse genügen läßt; wer Christus in sein Haus aufnimmt, der „bereitet ein großes Mahl‟, d. i. das geistige Mahl der guten Werke, dessen die reichen Leute entbehren, die armen genießen. Darum „können die Kinder des Bräutigams nicht hungern, solange der Bräutigam bei ihnen ist‟.
§ 20
[Forts. v. 214 ] * „Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen genommen wird‟.* Welches nun sind jene Tage, da Christus uns genommen wird, zumal er doch selbst versicherte: „Ich werde bei euch sein bis zum Ende der Welt‟, selbst versicherte: „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen‟? Soviel nämlich ist gewiß: wenn er uns verläßt, können wir das Heil nicht erlangen. Niemand kann dir Christus nehmen, außer du entfernst dich selbst davon. Nicht entferne dich dein Dünkel! Nicht entferne dich deine Selbsteingenommenheit! Und versprich dir auch vom Gesetze nichts! Denn „nicht die Gerechten zu berufen ist er gekommen, sondern die Sünder‟.
§ 21
215 Wie nun „liebte der Herr die Gerechtigkeit‟, und sah David „einen Gerechten nicht verlassen‟? Oder was ist das für eine Gerechtigkeit, wenn der Gerechte verlassen, der Sünder berufen wird? Das ist eben so zu verstehen, daß er mit „Gerechten‟ jene bezeichnet, die sich auf das Gesetz steifen und um die Gnade des Evangeliums nicht kümmern. Indes niemand findet aus dem Gesetze Rechtfertigung, sondern aus der Gnade Erlösung. Es trägt wohl das Gesetz Gerechtigkeit in sich, aber es vermittelt nicht die Gerechtigkeit. Denn auch Paulus, „Hebräer von Hebräern, dem Gesetze nach ein Pharisäer, der Gerechtigkeit nach, die im Gesetze ruht, untadeligen Wandels‟, ob des Gesetzes sich rühmend, bekennt: „Was mir Gewinn war, das habe ich um Christus willen für Schaden erachtet‟, d. i. er gab die Gesetzesgerechtigkeit und das Sichrühmen damit auf; denn die Gesetzesgerechtigkeit ohne Christus ist ein leerer Begriff, weil die Fülle des Gesetzes Christus ist. Und darum mag wohl das Gesetz Gerechtigkeit in sich bergen, doch es vermittelt die Gerechtigkeit nicht. „Denn wenn durch das Gesetz die Gerechtigkeit kommt, ist folglich Christus umsonst gestorben‟; denn Christus ist gestorben, „das Gesetz zu erfüllen‟. So gab er denn auch auf das Wort des Johannes: „Ich habe nötig von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir?‟ die Antwort: „Laß es geschehen; denn also geziemt es sich uns jegliche Gerechtigkeit zu erfüllen‟. Nicht umsonst nun ist Christus gestorben, sondern für uns ist er gestorben, auf daß „die Gerechten leuchten wie die Sonne im Reiche ihres Vaters‟. Doch nicht die Juden sind die Gerechten, zu denen gesprochen ward: „Wenn ihr die Gerechten ins Himmelreich werdet eintreten sehen. . .‟. Das sind die Gerechten, die dem Schlagenden den 216 Schlag nicht zurückversetzen, die den Feind lieben. Wollten wir’s nicht so verstehen, so ergäbe sich der Widerspruch:
§ 22
[Forts. v. 216 ] * „Ich bin nicht gekommen die Gerechten zu berufen‟.* Jene beruft er nicht, die sich selbst gerecht nennen. „Indem sie nämlich Gott verkennen und ihre Gerechtigkeit geltend zu machen suchen, sind sie der Gerechtigkeit Gottes nicht unterworfen‟. Die Selbstgerechten werden demnach nicht zur Gnade berufen. Denn ist die Gnade eine Frucht der Buße, so verzichtet, wer die Buße verschmäht, auf die Gnade. Diese Selbstheiligen werden wundkrank bleiben; ihnen wird der Bräutigam genommen, uns aber hat kein Kaiphas, kein Pilatus Christus genommen; für uns kann es kein Fasten geben, weil wir Christus haben und Christi Fleisch und Blut genießen. Wie schiene einer denn zu fasten, den nicht hungert? Wie schiene einer zu fasten, den nicht dürstet? Wie aber könnte einer dursten, der Christus trinkt, da er selbst versicherte: „Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird nicht dursten in Ewigkeit?‟ Daß vom seelischen Fasten die Rede ist, das wird auch das Folgende klar dartun.
§ 23
„Er sprach nämlich ein Gleichnis zu ihnen: Niemand setzt einen Fleck von einem neuen Kleide auf ein altes Kleid‟.
Er hatte bemerkt, es könnten die Kinder des Bräutigams, d. i. die Kinder des Wortes, die durch die Wiedergeburt im Taufbade das Anrecht der Gotteskindschaft erlangten, nicht fasten, solange der Bräutigam bei ihnen weilt. Nicht jenes Fasten fürwahr wird ausgeschlossen, durch welches das Fleisch abgetötet und des 217 Leibes Lüsternheit gezügelt wird; denn dieses Fasten macht uns Gott angenehm. Wie hätte denn auch der Herr den Jüngern das Fasten verbieten können, da er selbst fastete; da er ferner versicherte, daß die allerschlimmsten Geister gewöhnlich nur durch Fasten und Gebet überwältigt würden? Desgleichen endlich bezeichnete er an unserer Stelle das Fasten als altes Kleid, das nach dem Urteile des Apostels ausgezogen werden muß, indem er mahnt: „Ziehet aus den alten Menschen mit seinen Handlungen‟ um „den neuen anzuziehen‟, der durch die Heiligung in der Taufe erneut wird! Auf das gleiche zielt eine Reihe von Vorschriften ab: Wir sollten nicht das Tun des alten und neuen Menschen vermengen, nachdem der leibliche, äußere Mensch die Werke des Fleisches vollführt, dieser innere Mensch, der wiedergeboren wird, nicht im bunten Gewande des alten und neuen Handelns schillern, sondern* einer* Farbe mit Christus in geistigem Ringen dem nachahmen soll, dem er in der Taufe wiedergeboren ward. Weg also mit den mißfarbenen Schleiern des Geistes, die dem Bräutigam mißfallen! Sein Mißfallen erregt nämlich, wer kein hochzeitliches Kleid trägt. Was aber könnte dem Bräutigam sonst gefallen als der Friede der Seele, die Reinheit des Herzens, die Liebe des Geistes?
§ 24
Ein guter Bräutigam ist der Herr Jesus. Er verjüngte die Natur durch Neugeburt. Ihm bräutlich vereinigt wird sie frei von der Hinfälligkeit des Fleisches. Nicht sterbliche Kinder wünscht sie sich ― nicht an Evas Schmerzen hat sie ihr Ergötzen ― nicht einen schuldbefleckten Mann, nicht die Nachkommenschaft eines strafverurteilten Vaters. Sie gewahrte die Wundbeulen des Fleisches, nach welchem es sie vordem gelüstete; sie merkte, daß es nicht die wahre Schönheit sei, welche die häßlichen Züge des Lasters trage. Was 218 also willst du, Weib, mit einem solchen Bräutigam dich einlassen? Sieh genau zu, und du wirst am ganzen Leibe Wundweh finden! Richte den Blick lieber auf einen anderen Bräutigam, der in Licht sich hüllt, dessen Schönheit nicht untergehen kann! Diesen nimm auf in dein Herz, heilige in deinem Tempel, nimm auf in deinem Leibe, wie geschrieben steht: „Nehmt Gott in euerem Leibe auf!‟ In sein neues Gemach tritt ein! In seine neu erstrahlende Schönheit tauche den Blick! Ihn zieh an, ihn schaue zur Rechten des Vaters und freue dich, einen solchen Bräutigam zu besitzen! Er wird dich mit Segen kleiden, daß kein Riß der Sünde Schaden bringe.
§ 25
[Forts. v. 218 ] Laßt uns denn das Kleid wahren, mit dem uns der Herr kleidete, da wir aus dem heiligen Quell emportauchten! Schnell zerreißt das Kleid, wenn ihm das Tun nicht entspricht; schnell wird es von den Motten des Fleisches zerfressen und durch die Verirrung des alten Menschen befleckt. Es wird uns daher an unserer Stelle die Pflicht eingeschärft, das Neue nicht mit dem Alten zu vermengen; beim Apostel aber auch noch die Pflicht, das Alte nicht mit dem Neuen zu überkleiden, vielmehr das Alte auszuziehen und das Neue anzulegen, damit wir entkleidet, doch nicht nackt befunden würden. Nur um eine Auskleidung handelt es sich, wenn wir bessere Kleider anzuziehen wünschen; um eine Entblößung hingegen, wenn uns das Gewand von einem Fremden schurkisch herabgerissen, wenn es nicht freiwillig abgelegt wird.
§ 26
„Und niemand gießt Wein in die alten Schläuche‟. Die Hinfälligkeit der menschlichen Natur wird offen aufgezeigt, wenn unsere Leiber mit den Häuten toter Tiere verglichen werden. Und daß wir nur den Dienst, den gute Schläuche tun, versehen könnten, um das Sakrament, das wir empfangen haben, 219 zu wahren! Eifer verhütet Schaden, wenn den neugeschaffenen Schläuchen neuer Wein anvertraut wird. Darum müssen wir diese Schläuche immer vollgefüllt erhalten; denn leere verzehrt rasch Motte und Rost, volle wahrt die Gnade.
§ 27
Prächtig aber stimmen solche Vorschriften zum obigen Tun (des Herrn). Es ist das sechste Werk, durch welches Levi gleichsam neugeformt und -gestaltet wurde. Am sechsten Tage aber ward der Mensch geschaffen; es wird sohin durch Christi sechstes Werk nicht mehr Altes neu-, sondern eine Neuschöpfung, sozusagen ein fremdes Gebilde geformt. Als ein neues Geschöpf gibt darum Levi Christus ein Mahl, indem ebenso Christus an ihm sich labt, wie er mit Christus die Labe zu teilen gewürdigt wurde. ― Zu dessen Belehrung nun gab Christus die (obigen) Unterweisungen; denn schon folgte er ihm froh, frisch und freudig, indem er sprach: Jetzt trage ich nicht mehr den Zöllner, jetzt trage ich nicht mehr den Levi an mir. Ich habe den Levi ausgezogen, nachdem ich Christus angezogen habe. Ich hasse mein Geschlecht, fliehe mein Leben. Allein Dir folge ich, Herr Jesus, der Du meine Wunden heilst. „Wer trennte mich denn von der Liebe Gottes‟, die in Dir ist? „Trübsal oder Bedrängnis oder Hunger?‟ Durch den Glauben bin ich wie mit Nägeln geheftet, und mit starken Banden der Liebe bin ich festgebunden. Jedes Deiner Gebote will ich, wie mit glühendem Eisen eingeschrieben, festhalten. Brennt auch dessen glühender Griffel, brennt er doch die Fäulnis des Fleisches aus, daß nicht ansteckendes Gift ins Lebensmark dringe. Schmerzt auch die Arznei, beseitigt sie doch das böse Geschwür. Entferne denn, Herr Jesus, mit Deinem scharfen Messer die Fäulnis meiner Sünden! Schneide, da Du mich gebunden in Fesseln der Liebe hast, alles Böse aus! Komm, schneide rasch die verschiedenen heimlichen und versteckten Leidenschaften 220 auf! Öffne die Wunde, daß nicht verderblicher Eiter darin schleiche! Wasche weg alles Geschwür mit dem neuen Bade! Höret mich, ihr irdisch gesinnten Menschen, die ihr Gedanken hegt, die von eueren Sünden berauscht sind! Auch ich Levi litt am Wundweh solcher Leidenschaften. Da fand ich den Arzt, der im Himmel wohnt und überall auf Erden seine Heilmittel darbietet. Er allein, dem eigene Wunden fremd sind, kann die meinigen heilen; er, der das Verborgene kennt, des Herzens Qual, die Auszehrung der Seele beseitigen.