Gottes Barmherzigkeit. Die Witwe-Mutter ein Bild der Kirche (89). Die Holzbahre Sinnbild des Kreuzes, die Leidenschaften usw. unsere Leichenträger (90), der schlechte Sittenwandel unser Grab. Der Auferweckungsruf Christi (91). Die Interzession der Mutter-Kirche für den Sünder (92).
§ 89
„Als er aber nahe an das Stadttor kam, sieh, da trug man einen Toten 250 heraus, den einzigen Sohn seiner Mutter, und die war Witwe, und viel Volk ging mit ihr. Da nun der Herr sie sah, sprach er von Mitleid ergriffen zu ihr: Weine nicht! Und er trat hinzu und berührte die Bahre‟.
Auch diese Stelle strömt reichliches Licht aus über eine zweifache Gnadensache: einmal, so glauben wir, läßt sich die göttliche Barmherzigkeit durch das Wehklagen einer Witwe-Mutter schnell erweichen, insbesondere einer, die infolge der Erkrankung oder des Todes ihres einzigen Sohnes wohl gebrochen ist, der jedoch eine große Trauerschar das Verdienst einer ehrwürdigen Witwe verbürgt; sodann scheint diese von Volksscharen umringte Witwe mehr darzustellen als die Frau, die mit ihren Tränen die Wiedererstehung ihres einzigen jugendlichen Sohnes zu erlangen verdiente: die heilige Kirche erbittet anbetrachts ihrer Tränen das jüngere Volk vom Leichenzug und Grabesrand zum Leben zurück, und es wird ihr verwehrt es zu beweinen, nachdem ihm die Auferstehung gebührte.
§ 90
Dieser (Tote) wurde zwar auf einer aus den vier physischen Elementen bestehenden Bahre zu Grabe getragen, doch mit der Hoffnung auf Wiedererstehung, weil er auf Holz getragen wurde. Hat uns auch dieses vordem nichts genützt, so fing es doch, seitdem Jesus es berührte, an, uns zum Leben zu frommen. Es sinnbildet, daß das Heil dem Volke vom Kreuzesstamme zufließen sollte. ― Sobald sie nun Gottes Wort vernommen, hielten die herben Leichenträger inne, die bereits den menschlichen Leib der Auflösung im Tode, der die materielle Natur verfällt, anheimzugeben drohten. Was anders ist es denn als gleichsam ein entseeltes Liegen auf der Bahre, d. i. dem Gerüste für das schließliche Totenbegängnis, wenn das Feuer ungezügelter Begierde auflodert oder kalte Nässe überhand nimmt oder des 251 Leibes träges Verhalten die Kraft der Seele erschlaffen macht oder unser Geist, des reinen Lichtes ermangelnd, mit schmutzstarrender Finsternis den Sinn speist? Das sind unsere Leichenträger.
§ 91
[Forts. v. 251 ] Mag indes das Totenbegängnis alle Lebenshoffnung rauben, mögen der Verstorbenen Leiber bereits am Grabesrand liegen: auf das Wort Gottes erstehen dennoch die dem Tode verfallenen Leichname von neuem. Die Stimme kehrt wieder, der Sohn wird der Mutter zurückgegeben, von der Gruft bewahrt, vom Grabe errettet. Wer anders ist diese deine Gruft als der schlechte Sittenwandel? Deine Gruft ist die Gottlosigkeit, dein Grab ist die Kehle; denn „ein offen Grab ist ihre Kehle‟, aus der Worte des Todes herauftönen. Von diesem Grabe befreit dich Christus; von dieser Gruft wirst du auferstehen, wenn du Gottes Wort vernimmst.
§ 92
Ist auch die Sünde schwer, daß du mit deinen Bußtränen sie nicht abzuwaschen vermagst, so flehe doch für dich die Mutter, die Kirche, die für jeden wie eine Witwe-Mutter für ihren einzigen Sohn vermittelnd bittet. Wie von einem natürlichen geistigen Schmerze ergriffen empfindet sie Mitleid, wenn sie ihre eigenen Kinder von Todsünden in den Tod gezerrt werden sieht. Herz sind wir von ihrem Herzen; denn es gibt auch ein geistiges Herz, wie es der Apostel besaß, da er sprach: „So, Bruder, möchte ich dein genießen im Herrn. Erquicke mein Herz in Christo!‟ Herzstücke der Kirche sind wir, „weil wir Glieder ihres Leibes sind, von ihrem Fleische und von ihrem Bein‟. Schmerz möge denn die zärtliche Mutter erfassen, desgleichen das Volk in Menge sich zu ihr gesellen! Nicht nur in Menge, nein, in großer Menge teile es den Schmerz mit der guten Mutter! Jetzt nun wirst du auf der Totenbahre liegend auferstehen, jetzt vom Grabe befreit werden. Jene deine 252 Leichenträger werden innehalten. Du wirst anfangen, lebendige Worte zu sprechen. Alle wird Furcht überkommen. Denn von dem* einen* werden viele sich ein Beispiel zur Besserung nehmen. Sie werden ebenfalls Gott loben, der uns so große Heilmittel dargeboten hat, dem Tode zu entrinnen.