Der Knecht des Hauptmanns Typus der Heidenwelt (83). Die vorbildliche Demut des Herrn (84). Der Glaube Hauptbedingung des Heilungswunders. Geheimnisvolle Wirkung der Nähe Christi (85). Die Glaubenswilligkeit der christusfernen Heiden (86) größer als die der Juden (87). Die heilsökonomische Bedeutung der Fürbitte (88).
§ 83
[Forts. v. 247 ] Sinnig beleuchtet der Herr alsbald nach der Beendigung seiner Lehrunterweisungen die praktische Ausführung ihrer Normen. Denn sogleich überbringt man ihm den Knecht eines heidnischen Hauptmanns, daß er geheilt würde: ein Repräsentant des Heidenvolkes, das in den Banden der Knechtschaft der Welt schmachtete und todkrank darniederliegend durch das Wohltun des Herrn Heilung finden sollte. Wenn aber der Evangelist den Ausdruck „im Sterben liegend‟ gebraucht, so hat er damit keinen Fehlgriff getan; denn er würde auch tatsächlich gestorben sein, wäre er nicht von Christus geheilt worden. So erfüllte also dieser mit himmlischer Liebe sein Gebot, indem er seinen Feinden eine solche Liebe erwies, daß er sie vom Tode errettete und zur Hoffnung des ewigen Heils berief.
§ 84
Welch glänzender Beweis der göttlichen Demut, daß der Herr des Himmels es keineswegs unter seiner Würde fand, einen niedrigen Sklaven des Hauptmanns heimzusuchen. Der Glaube strahlt auf in den Werken, doch die Menschenfreundlichkeit regt sich wirksamer in der Liebe. Fürwahr doch, nicht aus Unvermögen, eine Fernheilung zu vollziehen, hielt er es also, sondern um dir ein Bild der Demut zur Nachahmung vor Augen zu 248 stellen, durch welches er die gleiche Pflicht der Dienstbeflissenheit gegen Hoch und Nieder einschärfen wollte. So spricht er auch an einer anderen Stelle zum königlichen Beamten: „Geh! dein Sohn lebt‟. Du solltest hierin ebenso die Macht seiner Gottheit wie das Anziehende seiner Demut erkennen. Dort wollte er sich nicht auf den Weg machen, um nicht den Anschein zu erwecken, als sei er im Sohne des königlichen Beamten nur dem Reichtum entgegengekommen; an unserer Stelle machte er sich in eigener Person auf den Weg, um nicht den Eindruck zu machen, als habe er im Diener des Hauptmanns den Sklavenstand verachtet. Denn wir alle, der Sklave und der Freie, sind eins in Christus.
§ 85
[Forts. v. 248 ] Doch sieh, wie der Glaube das Vornehmlichste bei der Heilung ist! Beachte desgleichen, wie selbst am Heidenvolke ganz sichtlich das geheimnisvolle Wirken (der Gottesnähe) zutage tritt! Der Herr macht sich auf den Weg: der Hauptmann wehrt ab, legt den Offiziersdünkel ab, nimmt eine ehrerbietige Haltung an, ebenso für den Glauben empfänglich wie zur Ehrenbezeigung bereit. Desgleichen wurden vom Hauptmann, wie Lukas mit Recht hervorhebt, Freunde entgegen gesendet. Es sollte nicht den Anschein gewinnen, als hätte er mit seiner Gegenwart den Herrn eingeschüchtert und mit Höflichkeit einen Höflichkeitsdienst erzwungen. ― Dies der moralische Sinn.
§ 86
In mystischer Beziehung aber wünscht das Heidenvolk, es möchte der, welchen das Judenvolk kreuzigte, von Unrecht verschont bleiben, und nahm, was den Glauben anlangt, sein Wort gläubig auf, d. i. sagte sich folgerichtig, daß die Menschen nicht durch Menschen-, sondern durch Gottesmacht von Christus geheilt würden. Was aber den mystischen Sinn betrifft, so merkte es, daß Christus noch nicht in die Herzen der Heiden eindringen konnte, und fühlte die Herablassung des Herrn, der die Sündenmakel ihres Sinnens und 249 Trachtens in der Vergangenheit noch nicht abgewaschen hatte, mehr als Last denn als Wohltat. So hielt auch jene Witwe von Sarepta der Gastfreundschaft des Propheten sich für unwürdig. ― So gibt denn der Herr in diesem einen (Hauptmann) dem Glauben der Heidenwelt den Vorzug.
§ 87
[Forts. v. 249 ] Liest man nun so: „Bei keinem habe ich so großen Glauben gefunden in Israel‟, ist der Sinn ohnehin einfach und leichtverständlich; liest man hingegen mit den Griechen: „Selbst in Israel habe ich keinen so großen Glauben gefunden‟, so wird der Glaube dieses (Heiden) sogar den Auserwählten und Gottschauern vorgezogen.
§ 88
[Forts. v. 249 ] Beachtet die Heilsordnung! Der Glaube des Herrn bewährt sich, und des Knechtes Gesundheit stärkt sich. So kann also das Verdienst eines Herrn auch dem Diener zugute kommen, nicht allein wenn es im Glaubensverdienste, sondern auch schon, wenn es im sittlichen Streben wurzelt. ― Achtet auch auf ein Zweites in der Heilsordnung des demütigen Herrn! Weiter noch als in seiner Zusage geht er in seinem Wirken; denn noch hatte er die Heilung nicht anbefohlen und dennoch trafen die Knechte, die abgeordnet waren, den Mitknecht gesund an.