Höhenmenschen und Höhenwege (41). Der betende Heiland unser Fürsprecher, unser Vorbild (42―43). Gottes Vorsehung in der Berufung seiner Apostel (44), selbst des Judas (45). Das heil- und heilsbedürftige Volk in Niederungen lagernd (46), Christus und die Apostel auf Bergeshöhe stehend (47). Das Wort Gottes der Schlüssel zu den Schätzen der göttlichen Weisheit (48). Die vier Makarismen bei Lukas inhaltlich gleich den acht bei Matthäus (49—50). Die äußere Reihenfolge der acht Seligpreisungen (51) von einem inneren Ursächlichkeitsverhältnis bedingt (52). Die Armen im Geiste (53). Die Sanftmütigen (54). Die Trauernden (55). Die Hungernden nach der Gerechtigkeit (56). Die Barmherzigen (57). Die Friedfertigen (58). Die Leidenden um der Gerechtigkeit willen (59). Ursächlichkeitsverhältnis und stufenweiser Tugendfortschritt in den acht Seligkeiten (60). Unterschiedliche Lohn- und Seligkeitsgrade nach den Tugendgraden (61). Die vier lukan. Seligpreisungen den vier Kardinaltugenden entsprechend: jede der letzteren schließt die übrigen ein (62—68). Des Herrn Wehe über die Reichen gilt deren Mißbrauch des Reichtums (69), oder aber den Juden, den Häretikern, den Weltweisen (70). Des Herrn Wehe über die Menschenlobhascher auf die Konzilsteilnehmer von Rimini bezogen (71). Zum Lohnmotiv der Seligkeiten bei Matthäus fügt Lukas das der Strafe und Liebe (72). Der Heroismus der Liebe die Feindesliebe (73). Nicht Wiedervergeltung des Bösen, sondern Wiedervergeltung des Guten (74), ja Vergeltung des Bösen mit Gutem ist Pflicht (75). Äußerungen der letzteren Art von Feindesliebe (76). Christus in Wort und Tat deren Vorbild (77), die Kindschaft Gottes ihr Lohn (78). Gottes Regen über die Ungerechten seine Offenbarungen an das Judenvolk (79). Warnung vor Aburteilung über andere (80). Allegorische Deutungen von Luk. 6, 43: des Feigenbaumes (Auferstehung), der Dornen (Welt), der Hecken (Leib), der Traube (Christus), des Fundamentes (Gehorsam) (81—82).
§ 41
„Es geschah aber in jenen Tagen, 227 da ging Jesus hinaus auf dem Berge zu beten und brachte die Nacht im Gebete mit Gott zu‟. Nicht jeder, der betet, erklimmt den Berg ― es gibt auch ein sündhaftes Gebet ― sondern wer gut betet, erklimmt vom Irdischen zum Höheren fortschreitend den Gipfel erhabenen Mühens. Doch nicht der steigt zur Bergeshöhe auf, der viel auf weltlichen Reichtum und Ehre bedacht ist; nicht steigt zur Bergeshöhe auf, der begehrlich das Besitzrecht auf fremden Grund und Boden anstrebt. Der steigt empor, der Gott sucht; der steigt empor, der des Herrn Hilfe für seinen Lebenslauf sich erfleht. Alle Großen, alle Hochgesinnten steigen zum Berge auf; denn nicht jedem gilt des Propheten Wort: „Steig hinan auf hohen Berg, der du Frohbotschaft kündest Sion, erheb mit Macht deine Stimme, der du Frohbotschaft kündest Jerusalem‟. Nicht mit leiblichen Schritten, sondern mit erhabenen Taten steig diesen Berg hinan! Folge Christus, um selbst Berg sein zu können; denn „Berge sind rings um ihn‟. Sieh dich im Evangelium um! Da wirst du finden, daß nur die Apostel mit dem Herrn den Berg hinaufgestiegen sind.
§ 42
Der Herr nun betet nicht um für sich zu bitten, sondern um für mich zu vermitteln. Denn wenn auch der Vater alles in die Gewalt des Sohnes gegeben hat, glaubt doch der Sohn, um der menschlichen Gestalt voll und ganz gerecht zu werden, den Vater als unser Fürsprecher für uns bitten zu sollen. Öffne die verführerischen Ohren nicht dem Wahne, als flehe der Sohn wie ein Hilfloser, als flehe er um Gewährung einer Bitte, welche er, der Urheber der Macht, nicht zu erfüllen vermag! Der Lehrer des Gehorsams führt uns durch sein Beispiel in die Tugendschule ein. „Wir haben, heißt es, einen Fürsprecher beim Vater‟. Ist er Fürsprecher, muß er für meine Sünden Fürbitte einlegen. Nicht also der Ohnmacht, sondern der Liebe entspringt seine Bitte. 228 Willst du dich überzeugen, wie er alles, was er will, vermag? Fürsprecher und Richter zugleich ist er: das eine schließt den Liebesdienst in sich, das andere die Machthoheit.
§ 43
[Forts. v. 228 ] „Und er brachte die Nacht im Gebete mit Gott zu‟. Ein Bild wird dir vorgestellt, eine Norm vorgezeichnet, der du nacheifern sollst. Denn was mußt du nicht zu deinem Heile tun, wenn Christus für dich die Nacht im Gebete zubringt? Was hast du geziemenderweise zu Beginn einer religiösen Handlung, die du dir vornimmst, zu tun, wenn Christus, da er die Apostel senden wollte, zuvor noch dem Gebete und zwar allein dem Gebete oblag? Auch sonst, wenn ich nicht irre, trifft man ihn niemals gemeinsam mit den Aposteln im Gebete; überall betet er allein. Denn der Mensch mit seinen Wünschen kennt Gottes Absicht nicht und keiner aus dem Vertrautenkreise kann hierin Genosse Christi sein. Willst du dich überzeugen, wie sein Gebet mir, nicht ihm gegolten hat?
§ 44
[Forts. v. 228 ] * „Er berief, heißt es, seine Jünger und erwählte zwölf aus ihnen‟*, um sie zur Verbreitung der menschlichen Heilshilfe auf dem ganzen Erdkreise, zu Pflanzern der Glaubenssaat zu bestimmen. Beachte zugleich den himmlischen Ratschluß! Nicht irgendwelche Weise, nicht Reiche, nicht Vornehme, sondern Fischer und Zöllner erwählte er zur Aussendung. Es sollte nicht den Anschein erwecken, als hätten sie diesen und jenen durch ihre Wissenschaft herübergezogen; als hätten sie ihn mit Geld erkauft; als hätten sie ihn durch das Ansehen ihrer Macht und ihres Adels zu ihren Gunsten eingenommen. Überzeugende Wahrheit, nicht blendende Rede sollte den Ausschlag geben.
§ 45
Auch Judas wird erwählt. Nicht Voreiligkeit, sondern Vorsehung war es. Was Großes ist es um die 229 Wahrheit, die selbst ein widerstrebender Diener nicht schwächt! Wie sittlich groß ist der Herr, der bei uns lieber einen Zweifel an seine Urteilsfähigkeit als an seine Liebe riskieren wollte! Denn er hatte die menschliche Schwäche angenommen und verschmähte darum auch das Los der menschlichen Schwäche nicht. Er wollte verlassen, wollte verraten, wollte von seinem Apostel ausgeliefert werden, damit auch du, vom Freunde verlassen, vom Freunde verraten, es gelassen ertragest, daß dein Urteil sich irrte, dein Wohltun vergeudet war.
§ 46
[Forts. v. 229 ] * „Und er stieg mit ihnen herab und trat auf einen ebenen Platz‟*. Achte genau auf alles! Er steigt einerseits mit den Aposteln empor, andererseits zu den Massen herab. Wie könnte denn die Masse anders als in der Niederung Christus schauen? Sie folgt nicht zur Höhe, steigt nicht auf zum Erhabenen. So traf er denn erst, sobald er herabgestiegen war, Kranke an; denn auf der Höhe kann es Kranke nicht geben. So wurden auch nach dem Berichte des Matthäus die Bresthaften in der Tiefe geheilt. Erst mußte einer geheilt sein, um mehr und mehr im fortschreitenden Tugendleben den Berg hinansteigen zu können. Christus heilt sonach einen jeden in der Tiefe, d. i. entreißt ihn der Begierlichkeit, wendet unheilvolle Verblendung von ihm ab, läßt sich zu unseren Wunden herab, um uns gleichsam durch den Verkehr und Umgang mit sich der himmlischen Natur fähig zu machen. Wohl heilte er sie, doch ließ er sie in den Niederungen zurück.
§ 47
„Als er aber, so lasest du, die Scharen sah, stieg er den Berg hinan, und als er sich gesetzt hatte, stiegen seine Jünger zu ihm hinauf. Im Begriffe nämlich, die Sprüche der Seligpreisungen zu verkünden und aus dem Schatze der Gottheit hervorzulangen, nimmt 230 er nunmehr einen erhöhten Platz ein. An unserer Stelle hingegen hob er doch, obgleich er noch in der Niederung stand, die Augen auf. So „erschauerte er ja auch im Geiste‟, als er den Lazarus erweckte; so hob er auch das Haupt empor, als er der Ehebrecherin die Sünden vergab. Denn was anders bedeutet ‚die Augen erheben‛ als das innere Auge öffnen?
§ 48
[Forts. v. 230 ] Der heilige Matthäus endlich bemerkt: „Er öffnete seinen Mund‟, die Schätze der Weisheit nämlich und der Erkenntnis Gottes. Das Allerheiligste seines Tempels erschließend entsiegelte er seinen Mund. So öffne denn auch du deinen Mund! Doch bitte zuvor, daß er geöffnet werde! Denn wenn ein Paulus zur Öffnung seines Mundes Hilfe erfleht, geziemt dir noch vielmehr darum zu flehen. Der Prophet zeigte dir auch den Schlüssel der Erkenntnis, womit du deinen Mund öffnen sollst, wenn er mahnt: „Öffne deinen Mund kraft des Wortes Gottes!‟ Das Wort Gottes ist der Schlüssel deines Mundes. Der Schlüssel der Erkenntnis ist deines Mundes Schlüssel, mit welchem sich die Ketten des Schweigens lösen, der Riegel der Unwissenheit aufsperren läßt.
§ 49
[Forts. v. 230 ] * „Selig, ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes! Selig, die ihr jetzt hungert und durstet, denn ihr werdet gesättigt werden! Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen! Selig werdet ihr sein, wenn euch die Menschen hassen‟*. Nur vier Seligpreisungen des Herrn zählte der heilige Lukas auf, der heilige Matthäus hingegen acht. Indes schließen die acht jene vier, und diese vier jene acht ein.
§ 50
Ersterer griff nach der Vierzahl als der Zahl 231 der Kardinaltugenden, letzterer erschloß in jener Achtzahl eine mystische Zahl. „Auf den Achten‟ sind viele Psalmen überschrieben. Dazu die Weisung „Anteil zu geben jenen acht‟ ― Seligpreisungen vielleicht. Wie nämlich der achte Tag (Oktavtag) die Vollendung unserer Hoffnung bedeutet, so die Achtzahl den Inbegriff der Tugenden. ― Doch zuvor wollen wir die weiteren Ausführungen ins Auge fassen: „Selig, heißt es, die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich!‟
§ 51
[Forts. v. 231 ] Diese erste Seligpreisung nahmen beide Evangelisten auf. Sie ist in der Reihenfolge die erste und gleichsam die Mutter und Erzeugerin der Tugenden; denn wer das Zeitliche verachtet, der nur wird das Ewige verdienen; und niemand kann die Verdienstkrone des Himmelreiches erlangen, der von der Weltlust eingenommen nicht die Kraft hat, sich zur Höhe zu schwingen. Die zweite Seligpreisung lautet: „Selig die Sanftmütigen‟; die dritte: „Selig die Trauernden‟; die vierte: „Selig die Hungernden‟; die fünfte: „Selig die Barmherzigen‟; die sechste: „Selig die reinen Herzens sind‟; die siebte: „Selig die Friedfertigen‟, und mit Recht die siebte; denn an diesem Tage ruhte Gott aus von allen Werken der Welt: es ist der Tag der Ruhe und des Friedens; die achte: „Selig, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen‟.
§ 52
Komm, Herr Jesus, erkläre uns die Reihenfolge Deiner Seligpreisungen! Denn nicht von ungefähr 232 setztest Du an erster Stelle die Seligpreisung der Armen im Geiste, an zweiter die Seligpreisung der Sanftmütigen und an dritter die Seligpreisung der Trauernden. Denn wenn ich auch einige Erkenntnis habe, so ist es doch nur Stückwerk. Wenn nämlich schon des Paulus Erkenntnis Stückwerk war, wie weit kann dann wohl die meinige reichen, der ich ebenso tief wie im Leben auch im Wort unter Paulus stehe? Leben heischt und fordert Worte, Worte aber ohne Leben sind nicht Gottes Worte. Wie weit übertrifft Paulus mich an Weisheit! Er rühmt sich der Gefahren, ich rühme mich der Erfolge. Er rühmt sich, daß er sich auf die Offenbarungen hin nicht überhebe, ich würde mich rühmen, falls mir etwa Offenbarungen zuteil würden. Indes kann doch Gott aus Steinen Menschen erwecken und aus verschlossenem Munde das Wort hervorrufen, von stummer Zunge den Laut lösen. Wenn er einer Eselin die Augen öffnete, daß sie den Engel gewahrte, vermag er auch uns die Augen zu öffnen, daß wir Gottes Geheimnis schauen können.
§ 53
[Forts. v. 232 ] „Selig die Armen!‟ Nicht alle Armen sind selig. Denn Armut ist ein unbestimmter Begriff. Es können Arme gut und schlecht sein. Es müßte denn etwa unter dem „seligen Armen‟ jener verstanden sein, den der Prophet mit den Worten bezeichnete: „Besser ein gerechter Armer denn ein lügenhafter Reicher‟. Selig „der Arme, der rief, und der Herr erhörte ihn‟, der Arme sonder Sünde, der Arme sonder Laster, der Arme, an dem der Fürst der Welt nichts findet, der Arme, der jenes Armen Nachahmer ist, „der, da er reich war, unsertwegen arm geworden ist!‟ Den vollen Sinn erschloß darum Matthäus mit dem Ausspruch: „Selig die Armen im Geiste!‟ Denn der Arme im Geiste bläht sich nicht auf, überhebt sich nicht in fleischlicher Gesinnung.
§ 54
233 Diese erste Seligpreisung tritt sonach ein, wenn ich alle Sünde ablege und alle Bosheit ausziehe und in Einfalt mich bescheide, arm an bösen Werken. Dazu erübrigt, daß ich meinen Charakter zähme. Denn was frommte mir der Verzicht auf das Zeitliche, wenn ich nicht sanft und mild wäre? Wer dem rechten Weg folgen will, muß doch dem folgen, der da spricht:„Lernet von mir, weil ich sanft bin und demütig von Herzen!‟ So lege denn ab, was unrecht ist! Darbe an Lastern, wie es die rechte Armut verlangt! Dämpfe die Leidenschaft, daß du nicht zürnest oder doch im Zorne nicht sündigest, wie geschrieben steht: „Ihr zürnet; doch sündiget nicht!‟ Denn eine herrliche Tat ist es, die innere Regung bewußt zu bezähmen; doch für nicht weniger tugendhaft gilt es, den Jähzorn zu bezwingen und den Unwillen niederzuringen, als einer Zornesregung überhaupt nicht stattzugeben: Ersteres, glaubt man, erfordert meist größere Bedachtsamkeit, letzteres größere Energie.
§ 55
Bei diesem Handeln bleib eingedenk, daß du ein Sünder bist, und trauere über deine Sünden, trauere über deine Fehltritte! Mit gutem Grund gilt die* dritte* Seligpreisung dem, der seine Sünden beweint; denn der dreieinige Gott ist es, der die Sünden nachläßt. Wasche dich denn ab mit deinen Zähren, bade dich rein in Tränen! Wenn du selbst über dich weinst, braucht kein anderer über dich weinen. Hätte Saul seine Sünden beweint, hätte Samuel nicht über ihn weinen müssen. Jeder hat seine Toten, die er beweint. Tot sind wir, wenn wir sündigen; wenn wir voll von Totengebein starren. Tot ist die schlimme Rede, die aus dem Munde kommt; denn sie kommt aus einem schlimmen Grabe: „Ein offenes Grab ist ja ihre Kehle‟. Darum des Apostels Mahnung: „Seid meine Nachfolger!‟ Er will, daß wir unserer Sünden eingedenk seien. Paulus hatte nichts 234 zu beklagen, seitdem er christusgläubig ward, und dennoch beweint er seinen früheren Wandel, indem er bekennt: „Ich bin nicht wert, ein Apostel zu heißen, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe‟. Er war ein Sünder vor der Annahme des Glaubens, wir hingegen sündigen noch fort nach dessen Annahme. Wer aber ein Sünder ist, weine über sich und klage sich an um gerecht zu werden! Denn „der Gerechte ist sein eigener Ankläger‟.
§ 56
[Forts. v. 234 ] Halten wir uns an die Ordnung! Denn es steht geschrieben: „Ordnet die Liebe gen mich!‟ Schon habe ich die Sünde abgelegt, den sittlichen Wandel geregelt, die Fehltritte beweint: nun fange ich an zu „hungern und zu dursten nach der Gerechtigkeit‟. Ein Kranker, solange er schwer krank ist, hungert nicht, weil der Schmerz der Krankheit den Hunger ausschließt. Doch worin besteht dieser Hunger nach der Gerechtigkeit? Welches ist dieses Brot, nach welchem der Gerechte hungert? Ob es nicht jenes Brot ist, von dem gesprochen ward: „Jung war ich und bin alt geworden, und ich sah keinen Gerechten verlassen und seine Nachkommen nicht um Brot betteln‟. Ein Hungernder sucht doch fürwahr seine Kräfte zu stärken: welches wirksamere Kräftigungsmittel für die Tugend aber gäbe es als die Norm der Gerechtigkeit?
§ 57
„Selig die Barmherzigen‟, heißt es im Anschluß an die vorgenannten (Gerechten)! Auf die Gerechtigkeit kommt nämlich die Barmherzigkeit. Daher das Wort: „Er teilt aus, gibt den Armen, seine Gerechtigkeit währt ewiglich‟. Doch auch wer Barmherzigkeit erweist, geht des Lohnes verlustig, wenn er sie nicht reinen Herzens übt. Sucht er nur Selbstlob, reift keine Frucht. So läutere denn das Innere deines Geistes! Und hast du das Verborgene deines Herzens sorgsam 235 geläutert, so hab Mitleid mit den Bedrängten und bedenke, wie viele Menschen, wie viele deiner Brüder nach deiner Hilfe begehren!
§ 58
[Forts. v. 235 ] Machst du jedoch nicht selbt zuvor dein Inneres frei von aller Sündenmakel, daß nicht Zank und Streit aus deinem Herzen hervorgehen, vermagst du auch anderen keine Arznei dagegen zu reichen. Bei dir also beginn das Friedenswerk, um auch anderen, nachdem du selbst friedfertig geworden bist, den Frieden zu bringen. Wie könntest du denn die Herzen anderer läutern, wenn du nicht zuvor dein eigenes läutertest?
§ 59
[Forts. v. 235 ] Du frommtest anderen, hast vielen geholfen: nun rasch voran, dem Ziele zu! Wohl standen viele Wege offen, die aus dem Leben führen, doch nur einer geziemte dem Herrn; denn was in der Geburt den Weg des Fleisches ging, mußte auch im Sterben den Weg des Fleisches gehen. Er wählte das Leiden, um für uns zu sterben. Auch du sprich in Hinblick auf alles, was er dir vergolten: „Den Kelch des Heiles will ich ergreifen und den Namen des Herrn anrufen‟. Gemeint ist das Leiden. Daher auch seine Frage an jene, die zu seiner Rechten oder Linken zu sitzen wünschten: „Könnt ihr den Kelch trinken, welchen ich trinken werde?‟ Bis zum Ziele geleitet er dich, bis zum Martyrium folgt er dir und pflanzt auf die Palme der Seligpreisungen.
§ 60
Beachte die Reihenfolge! Arm im Geiste mußt du werden; denn die Demut des Geistes bedeutet den Reichtum der Tugenden. Bist du nicht arm, kannst du auch nicht sanftmütig sein. Nur der Sanftmütige hinwiederum kann über seinen gegenwärtigen Zustand trauern. Wer über das Niedrige trauert, kann nach dem Besseren verlangen; wer nach dem Höheren strebt, meidet das Niedrige, um auch seinerseits Hilfe von oben zu finden. Wer Erbarmen übt, läutert sein Herz. Was heißt denn ,seinen Geist läutern‛ als des Todes Fäulnis beseitigen? 236 Denn „das Almosen befreit vom Tode‟. Das Leiden hingegen bedeutet die Vollendung der Liebe. Wer aber im letzten Streite stehend Verfolgung leidet, wird durch Widerwärtigkeiten geprüft, um gekrönt zu werden, nachdem er rechtmäßig gekämpft hat. Einige wollen hierin die Tugendgrade erblicken, durch welche wir von den untersten Stufen womöglich zu den höheren aufsteigen.
§ 61
Wie es endlich ein Wachstum in den Tugenden gibt, so auch ein Wachstum in den Belohnungen; denn mehr besagt die Gotteskindschaft als der Besitz des Erdreiches und das Getröstetwerden, dessen einer gewürdigt wird. Weil aber das Himmelreich die erste und das Himmelreich hinwiederum die letzte Lohnstufe bildet: ist deswegen der Lohn für die Anfänger und für die Vollendeten etwa der gleiche? Ob wir nicht auf mystischem Wege belehrt werden, daß das erste Himmelreich in jenem „aufgelöst werden und mit Christus sein‟ des Apostels besteht? Der Besitz des ersten Reiches winkt, wenn die Heiligen „auf Wolken Christus entgegen in die Luft entrückt werden‟; denn „viele der Entschlafenen werden aufstehen, die einen zum ewigen Leben, die anderen um zuschanden zu werden‟. Das erste Himmelreich ist darnach den Heiligen beim leiblichen Hinscheiden in Aussicht gestellt, das zweite Himmelreich besteht nach der Auferstehung im „sein mit Christus‟. Bist du in das Himmelreich gelangt, dann hat der Aufstieg in die Wohnsitze daselbst statt. Gibt es auch nur* ein* Reich, so doch verschiedene Verdienststufen im 237 Himmelreiche. Nach der Auferstehung wirst du anfangen vom Tode befreit dein „Erdreich zu besitzen‟: denn der, zu welchem noch gesprochen wird: „Erde bis du und zur Erde sollst du zurückkehren‟, ist nicht Besitzer seines Erdreiches; denn der ist unmöglich Besitzer, der nicht die Frucht einerntet. Befreit durch das Kreuz des Herrn, wirst du, wenn sonst unter dem Joche des Herrn befunden, im Besitze selbst Tröstung finden. Der Tröstung folgt das Ergötzen, dem Ergötzen das göttliche Erbarmen. Wessen aber der Herr sich erbarmt, den ruft er auch; wer berufen ist, schaut den Berufenden; wer Gott schaut, hat das Anrecht zur Aufnahme in die Kindschaft Gottes. Jetzt erst erfreut er sich als Kind Gottes der Schätze des himmlischen Reiches‟. So steht also der eine noch am Anfang, ein anderer im vollen Besitz. Auch in dieser Welt gibt es ja viele römische Reichsangehörige, doch den größten Anteil an der Reichsherrlichkeit besitzen jene, welche dem Kaiser am nächsten stehen.
§ 62
[Forts. v. 237 ] Jetzt wollen wir sagen, warum der heilige Lukas die acht Seligpreisungen in vier zusammenfaßte. Wir wissen nämlich, daß es vier Kardinaltugenden gibt: Mäßigkeit, Gerechtigkeit, Klugheit, Starkmut. Der Arme im Geiste nun ist nicht habsüchtig; der Weinende nicht hochmütig, sondern sanft und friedfertig; der Trauernde demütigt sich; der Gerechte vorenthält nicht, was allen, wie er weiß, gemeinsam zur Nutznießung verliehen ward; der Barmherzige teilt von dem Seinigen mit; wer das Seinige gibt, trachtet nicht nach fremdem Gut und schmiedet keine Ränke gegen den Nächsten.
§ 63
238 Verknüpft und verkettet sind die Tugenden untereinander. Wer* eine* besitzt, besitzt, wie es scheint, deren mehrere. Auch die Heiligen ziert die* eine* Tugendhaftigkeit; doch harrt jener Tugend, die besonders reich sich entfaltete, auch ein reichlicherer Lohn. Welche Gastlichkeit bei Abraham! Welche Demut! Welche Heiligkeit, daß er des Bruders Sohn aus Feindeshand rettete! Und welche Mäßigkeit, daß er nichts von der Beute verlangte! Doch weil er sich im Glauben besonders auszeichnete, verdiente er im Glauben allen voran die Palme. So winkt also jedem ein mehrfacher Lohn, weil es auch einen mehrfachen Tugendeifer gibt. Indes entspricht dem reicheren Verdienst in einer Tugend auch ein reichlicheres Lohnmaß.
§ 64
[Forts. v. 238 ] „Selig die Armen im Geiste!‟ Da hast du die Mäßigkeit, die sich von Sünde freihält, die Welt mit Füßen tritt, nach Genüssen nicht verlangt.
§ 65
[Forts. v. 238 ] „Selig, die hungern und dursten!‟ Wer hungert, hat mit dem Hungernden Mitleid, wird aus Mitleid freigebig, aus Freigebigkeit gerecht; denn „seine Gerechtigkeit währt in Ewigkeit‟. Wir fassen darum bei Matthäus Hunger und Durst im geistigen Sinn, vom Verlangen nach der Speise oder dem Trank der Gerechtigkeit, insofern diese Tugend gewissermaßen die Nahrung der übrigen ist: der Gerechte stellt sich mit den Untergebenen auf gleiche Stufe, wehrt der Arglist, bestrebt sich der Wahrhaftigkeit.
§ 66
„Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen!‟ Da hast du die Klugheit, der es eigen ist, das Hinfällige zu beweinen, nach dem Ewigen zu trachten, über das Weltliche, das im Widerstreite mit sich selbst liegt, zu trauern, den Gott des Friedens zu suchen, 239 der „das Törichte vor der Welt auserkoren hat um die Weisen zu beschämen‟, und der das, was nicht ist, zunichte macht, um das, was ist, gewinnen zu können.
§ 67
[Forts. v. 239 ] „Selig werdet ihr sein, wenn euch die Menschen hassen.‟ Da hast du den Starkmut, aber jenen, der nicht, weil verbrecherisch, hassenswert ist, sondern um des Glaubens willen Verfolgung leidet. Denn so gelangt man zur Krone des Martyriums, wenn man unbekümmert um Menschengunst nur Gottesgunst anstrebt. Zum Schlusse fügte der Herr, damit du wissest, daß der Starkmut seine Vollendung im Martyrium hat, noch bei:* „Auf die gleiche Weise handelten ihre Väter an den Propheten‟*. Die Juden haben nämlich die Propheten bis zum leiblichen Tod verfolgt. Sache des Starkmutes ist es, auch den Zorn zu überwinden und den Unwillen zu bezähmen. Auf diese Weise stählt der Starkmut die Seele ebenso wie den Leib und läßt sie nicht einschüchtern durch irgendwelche Furcht oder Qual, den schlimmen Beratern, die uns so häufig aus der Fassung bringen.
§ 68
[Forts. v. 239 ] So hat also die Mäßigkeit die Reinheit des Herzens und der Gesinnung im Gefolge, die Gerechtigkeit das Erbarmen, die Klugheit die Friedfertigkeit, der Starkmut die Sanftmut.
§ 69
„Wehe euch, ihr Reichen, denn ihr habt eueren Trost!‟ Mag Geld und Gut viele Lockungen zur Sünde bergen, es birgt doch auch so manchen Ansporn zur Tugend. Wohl gehört zur Tugend nicht notwendig materielles Wohltun und empfiehlt sich das Trostwort eines Armen mehr als die freigebige Gabe eines Reichen, gleichwohl verurteilt der Herr kraft himmlischen Ausspruches nicht jene, welche Reichtum besitzen, sondern jene, welche ihn nicht zu gebrauchen 240 verstehen. Denn wie jener Arme umso lobenswerter ist, der rasch und gern gibt, ohne sich wegen der drohenden Dürftigkeit hiervon abschrecken und abhalten zu lassen, und sich nicht für notleidend hält, solange er das zu seinem physischen Fortkommen Ausreichende besitzt, so ist der Reiche um so sündhafter, der für das, was er empfangen, hätte Gott danken, das Geld, das zum allgemeinen Gebrauch da ist, nicht nutzlos zurücklegen und die Schätze nicht in die Erde vergraben und sich darauflegen sollen. Nicht also das Geld, sondern die Gesinnung ist sündhaft. Wohl bringt der habsüchtige Geist sein ganzes Leben mit einer Wachsamkeit zum Erbarmen in angstgequälter Ruhelosigkeit hin, so daß es keine schwerere Strafe geben könnte: gleichwohl gehen sie, die insofern den Trost des gegenwärtigen Lebens hatten, als das Sinnen und Trachten der Habsucht an der eitlen Gier des Zusammenraffens sich ergötzte, auch noch des Lohnes des ewigen Lebens verlustig.
§ 70
[Forts. v. 240 ] Wir können indes an unserer Stelle unter dem Reichen auch das Judenvolk oder die Häretiker oder gewiß auch die Weltweisen verstehen, die am reichen Wortschwall und sozusagen am Erbe überschwenglicher Redefertigkeit sich ergötzen, über die schlichte Lehre des wahren Glaubens sich hinwegsetzen und so unnütze Schätze bergen. Dünkt dir nicht der nächstbeste Häretiker, wenn du ihn nach weltlichem Brauch über den Ursprung des Herrn disputieren hörst, reich an Worten, arm an Kräften? Er wähnt im Diesseits reiche (Wissens-) Schätze zu besitzen; doch in der Zukunft wird er die Armut seines Glaubens inne werden und vom ewigem Glaubenshunger gequält einsehen, daß die Speise des Unglaubens, die er im diesseitigen Leben zum Erbrechen genossen, der Grund seiner schauerlichen Qual ist. Und es wird die Zeit kommen, da sie, die jetzt unsere Worte verlachen, ihr Lachen beweinen werden. Mit Recht gilt ihnen das Wort:
§ 71
241 * „Wehe, wenn alle Welt euch lobpreist*!‟
Scheint dir das nicht zu jenen gesprochen zu sein, die unlängst auf dem Konzil von Rimini die Anstifter glaubensverräterischer Pflichtverletzung wurden und, während sie um des Kaisers Gnade buhlten, Gottes Gnade verscherzten? Die, während sie den Gewalthabern zu gefallen trachteten, der ewigen Verdammnis sich überantworteten?
§ 72
So eiferte denn der heilige Matthäus mit den Belohnungen die Volksscharen zur Tugend und zum Glauben an, unser Evangelist schreckte sie auch noch mit der Ankündigung der ewigen Strafen von Verbrechen und Sünde ab. Und nicht umsonst kam er erst später, nachdem er mit der Aufzählung zahlreicher himmlischer Taten (Christi) den Weg dahin gebahnt hatte, zur Stelle der Seligpreisungen, um das Volk, sobald es durch die wunderbaren göttlichen Taten bestärkt war, über des Gesetzes Pfad hinaus zum Fortschreiten auf den Tugendwegen anzuleiten. Mochte dort (bei Matthäus), wo des schwachen Volkes Herz noch schwankte, Vorsicht am Platze sein, hier (bei Lukas) galt es mit Posaunenschall die Tugend zu wecken. Das lehrt schon die Sprache dieser Schrift, die im Prolog und in der weiteren Ausführung sich offen verrät. Dort werden die Schwachen sozusagen noch mit der Milch des Gesetzes gestillt und darum auf dem Wege des Gesetzes zur Gnade geführt ― sie vernehmen, welches der Inhalt des Gesetzes ist, um mit der Befolgung des Gesetzes über das Gesetz hinaus fortzuschreiten ― hier wird die inzwischen erstarkte Kirche nicht mit Milch getränkt, sondern mit fester Speise genährt. Die kräftigste 242 Speise ist nämlich die Liebe. Auch unter den drei größten Dingen: Glaube, Hoffnung und Liebe, ist „die Liebe am größten‟.
§ 73
[Forts. v. 242 ] Geordnet wird die Liebe mit den Worten:* „Liebet euere Feinde*!‟ Damit sollte an der Kirche sich erfüllen, was schon ehedem ausgesprochen ward: „Ordnet auf mich hin die Liebe!‟ Geordnet wird die Liebe nämlich mit der Aufstellung von Vorschriften über die Liebe. Sieh, wie der Herr bereits mit höheren Forderungen hervortritt und das Gesetz hinter die Seligpreisungen des Evangeliums zurückstellt! Das Gesetz befiehlt Gleiches mit Gleichem zu vergelten, das Evangelium stellt der Feindschaft Liebe, dem Hasse Wohlwollen, den Schmähungen Gebet, den Verfolgern Wohltun, den Hungernden Ertragen und seligen Lohn entgegen. Wie ist doch ein Streiter umso vollkommener, wenn er der Wunde nicht achtet!
§ 74
Um nicht den Anschein zu erwecken, als hebe er das Gesetz auf, hält der Herr im Wohltun die Vergeltung aufrecht, die er im Übeltun verpönt. Nur noch in höherem Grade tritt sie vielmehr in Kraft, wenn nach dem Ausspruche:* „Wie ihr wollt, daß euch die Menschen tun, tut auch ihr ihnen desgleichen*‟, ihre Betätigung nach Wunsch erfolgt. Die Tugend kennt nämlich kein Maß in der Erkenntlichkeit und nicht zufrieden mit der Wiedererstattung des Empfangenen, möchte sie mit Zinseszins heimbezahlen, was sie hingenommen, um an Wohltun sich nicht übertreffen zu lassen, ob auch der Pflicht Genüge geschah. Denn nicht allein die Menge, sondern auch die Reihenfolge und das Zeitmoment fällt beim Wohltun in die Wagschale: bei gleichem Wohltun hat der etwas voraus, der als erster den Anfang macht. Ein Wohltäter ist, wer mit der Gefälligkeit den Anfang 243 macht, ein Schuldner, wer nur Wiedererstattung leistet. So bedeutet denn das Anfangmachen im Wohltun ein neues Wohltun. Wenn nämlich einer nur das Geld zurückbezahlt, leistet er keine Gefälligkeit, sondern bleibt Schuldner für eine Gefälligkeit, auch wenn er kein Geld mehr schuldet. Wie dürften wir uns mit der Erwiderung einer Gefälligkeit frei (von Verbindlichkeit) halten, nachdem doch dieselbe mehr von der empfangenen als von der eingelösten Gefälligkeit Zeugnis gibt?
§ 75
[Forts. v. 243 ] Mit einem trefflichen Vergleiche wird sonach der Christ angeleitet, nicht zufrieden mit der natürlichen Pflichterfüllung, auch des natürlichen Wohlwollens sich zu befleißigen. Ist Gegenliebe allen, auch den Sündern gemeinsam, so soll dem, der einem höheren Beruf lebt, auch ein vollkommeneres Tugendstreben eigen sein, so daß er selbst Lieblosen seine Liebe zuwendet. Macht einer auch keiner Liebe sich wert, mag dies den Freundschaftsverkehr ausschließen, die Tugendübung darf es gleichwohl nicht ausschließen. Wie es eine Schande wäre an einem, der dir Liebe erweist, das Wohlwollen nicht zu erwidern, und wie dir mit der Liebe des Wohlwollens, das du zu erwidern hast, die Liebe zu dem ins Herz wächst, den du vorher nicht liebtest, so sollst du auch dem gegenüber, der dir keine Liebe erweist, erst die Tugend lieben, um mit der Tugend, die du liebst, auch den zu lieben, den du nicht liebtest. Der Liebe Vergeltung ist wohl selten und vergänglich, die der Tugend ewig.
§ 76
Was aber wäre so wunderbar, als* „dem, der dich schlägt, auch die andere Wange darzureichen*?‟ Prallt daran nicht jedes Zornentbrannten Angriff ab, wird sein Zorn nicht besänftigt? Erreicht man nicht durch Geduld, daß man dem Schlagenden in Form des eigenen Reueschmerzes die Schläge doppelt zurückgibt? Und die Folge: man wird seinem Unrecht wehren und ihn günstig sich stimmen. Ja oft erstehen daraus, daß man Übermut mit Geduld, Unrecht 244 mit Freundlichkeit erwidert, Hauptmotive der Liebe. Noch klingt mir das Wort in der Erinnerung: Deshalb allein schon glauben wir den Gipfel der Philosophie erklommen zu haben, weil sie auf den Gedanken kam, die Gerechtigkeit dreifach einzuteilen: in die Gerechtigkeit erstens gegen Gott, Pietät genannt, zweitens gegen die Eltern, bezw. das übrige Menschengeschlecht, drittens gegen die Verstorbenen, um ihnen die gebührenden letzten Ehren zu erweisen. Indes der Herr Jesus ging noch über das geoffenbarte Gesetz und den Gipfelpunkt der Philosophie hinaus, um auch denen Pietät zu erweisen, die sie verletzten. Wenn ein Feind, der in Kampf und Waffen mit dir gerungen, nach Streckung der Waffen Schonung seines Lebens erlangt, und meist schon anbetrachts des Naturrechtes oder kraft des Kriegsrechtes selbst Unterjochten das Leben geschenkt wird, wieviel mehr muß auf das bessere religiöse Motiv hin Gnade geübt werden? Und sollte den Krieger im Feld das Flehen um Schonung nicht bewegen, wie muß es beim Streiter des Friedens der Fall sein?
§ 77
So sehen wir denn des Apostels Wort: „Die Liebe ist geduldig, ist gütig, eifert nicht, bläht sich nicht auf‟ in den obigen Vorschriften voll und ganz eingelöst. Ist sie geduldig, schuldet sie auch dem Geduld, der sie schlägt; ist sie gütig, darf sie die Schmähungen nicht erwidern; sucht sie nicht das Ihrige, darf sie dem, der sie beraubt, keinen Widerstand entgegensetzen; eifert sie nicht, darf sie den Feind nicht hassen. Gleichwohl überbieten noch die Vorschriften der göttlichen Liebe die des Apostels; denn mehr besagt „vergeben‟ als „nachgeben‟; mehr besagt „die Feinde lieben‟ als „nicht eifern‟. Dies alles nun hat der Herr sowohl gelehrt wie getan. Er schalt nicht, da er gescholten ward, gab den Schlag nicht zurück, da er geschlagen ward, leistete nicht Widerstand, da er beraubt ward, erflehte, da er gekreuzigt wurde, selbst seinen 245 Verfolgern Vergebung mit der Bitte: „Vater, verzeih ihnen die Sünde; denn sie wissen nicht, was sie tun!‟ Die Verbrecher, die sich an ihm vergriffen, entschuldigt er von Verbrechen. Sie bereiteten das Kreuz, er vergalt es mit Heil und Gnade.
§ 78
[Forts. v. 245 ] Doch weil der Tugendeifer ohne Lohn erkalten würde, stellte uns der Herr einerseits sein Beispiel vor Augen, andererseits himmlischen Lohn in Aussicht mit der Verheißung, daß jene, welche seine Nachahmer wären, Kinder Gottes sein würden. Wer nach dem Lohne trachtet, darf sich das Beispiel nicht verdrießen lassen; denn je herrlicher der Lohn ist, um so größere Mühe soll man es sich kosten lassen. Wie groß aber muß der Lohn der Barmherzigkeit sein, wenn sie zum Recht der Gotteskindschaft erhoben wird! So übe denn Barmherzigkeit, um Gnade zu verdienen!
§ 79
[Forts. v. 245 ] Weit erstreckt sich die Güte Gottes. Über Undankbare läßt sie regnen; Bösen enthält die fruchtbare Erde ihre Erzeugnisse nicht vor; dieselbe Sonne in der Welt bescheint gleicherweise die Gottlosen und die Frommen. Oder um den mystischen Sinn ins Auge zu fassen: Mit dem Regen der prophetischen Aussprüche befruchtete der Herr das Volk der Juden und mit den Strahlen der ewigen Sonne schien er ihnen, obschon sie es nicht verdienten. Doch weil sie unter den Niederschlägen der Welt moderten, wird die Kirche Gottes zum himmlischen Licht gerufen, doch so, daß auch ihnen, falls sie glauben, das Vorrecht auf Barmherzigkeit gewahrt bleibt.
§ 80
[Forts. v. 245 ] Der Herr fügte dazu eine Warnung vor leichtfertigem Aburteilen. Der eigenen Sündhaftigkeit dir bewußt, sollst du dich nicht dazu verleiten lassen, über den Nächsten den Stab zu brechen.
§ 81
246 Eine wichtige Tugendlehre lautet auch, man solle an unfruchtbaren Bäumen keine Frucht suchen und von unbebauten Feldern keinen Ernteertrag erwarten. Denn nur das selbstbestellte Feld trägt einem Früchte. Im Dorngestrüpp dieser Welt läßt sich jener Feigenbaum nicht finden, in welchem man mit Recht, weil er infolge seiner reichen Frucht besserer Art ist, ein Bild der Auferstehung erblickt, sei es weil „die Feigenbäume, wie du gelesen, ihre Knospen angesetzt haben‟ ― vorausging nämlich ehedem die unreife, nichtsnutzige und abfallende Frucht der Synagoge ― sei es weil unser Leben im Leibe nicht zur Reife, zur Reife erst in der Ewigkeit kommt. So müssen wir denn die weltlichen Sorgen, welche die Seele anfressen und den Geist dorren machen, weit von uns weisen, um in sorgfältiger Pflege reife Früchte erzielen zu können, die wir auf dem unbebauten Boden dieser Welt unmöglich antreffen; „von den Dornen sammelt man ja keine Feigen und von den Hecken liest man keine Trauben‟. Das eine bezieht sich auf die Welt und die Auferstehung, das andere auf den Leib und die Seele, sei es weil niemand mit Sünden eine Frucht für seine Seele erzielt, die einer Traube gleich am Boden kriechend abstirbt, oben hängend reift; sei es weil niemand der leiblichen Verdammnis entgehen kann, wenn nicht Christus ihn erlöst, der gleich einer Traube am Kreuze gehangen. Losgelöst also von jenem Fleische, das dem strafverurteilten Menschen Dornen hervorzubringen geheißen wurde, laßt uns die Augen des Geistes zur Höhe richten, die Hände ausstrecken, um Christus wie eine Traube lesen zu können!
§ 82
Als die Grundlage aller Tugenden aber bezeichnet der Herr den Gehorsam gegen die himmlischen Gebote, kraft dessen unser Haus nicht erschüttert werden kann: nicht durch die hervorbrechende Flut der Lüste, nicht durch den Ansturm der Geister der 247 Bosheit, nicht durch den Niederschlag der Welt, nicht durch den Dunst und Nebel der Streitreden der Häretiker.