Allegorische Deutung des Ährenpflückens der Apostel: Der Acker die Welt, die reife Saat die Heiligen, die strotzenden Ähren die Tugendverdienste, der Hunger das Heilsverlangen der Apostel (28—29), der Sabbat der Ruhetag der Auferstehungszeit (30), der „zweiterste“ Sabbat der Neue Bund (31). David, im Tempel die Schaubrote verzehrend, Typus Christi, bezw. des allgemeinen Priestertums (32 f.). Christi Tun die Erfüllung des Gesetzes (34). Abimelechs Gastfreundschaft (35), ihre mystische Bedeutung (36). Die Schaubrote Typus des eucharistischen Leibes Christi; der Hirte Doeg Typus des Verräters Judas; Abiathar Typus des Hohenpriesters Christus (37—38). — Allegorische Deutung der Heilung der verdorrten Hand: Die weltlichen, nicht die guten Werke haben am Sabbat zu ruhen (39). „Strecke deine Hand aus!“ Ethische Reflexionen (40).
§ 28
„Es geschah aber an einem zweitersten Sabbate, daß er durch die Saatfelder ging, und seine Jünger rauften die Ähren aus, zerrieben sie mit ihren Händen und aßen sie‟.
Nicht allein in der Theorie, sondern auch im praktischen äußeren Verhalten fängt der Herr Jesus an, dem Menschen das Kleid der alttestamentlichen 221 Gesetzesbeobachtung abzustreifen und das Gewand der Gnade anzuziehen. Daher führt er ihn jetzt bereits am Sabbate durch die Saaten, d. i. reicher Frucht entgegen. Welche Bewandtnis es mit dem Sabbate hat, welche es mit der Saat, welche es mit den Ähren hat, ist kein geringes Geheimnis. Der Acker nämlich bedeutet diese ganze Welt, des Ackers Erntefrucht die große Schar der Heiligen, die unter der Saat des Menschengeschlechtes heranreift, die Ähren auf dem Ackerfelde die Früchte der Kirche, welche die Apostel in ihrem Wirken ausrieben, an denen sie sich erquickten, an unserem Gedeihen sich labend.
§ 29
[Forts. v. 221 ] Schon stand die Saat reif an strotzenden Tugendähren; denn mit den Ähren werden unsere Verdienstesfrüchte verglichen: sie verderben ebenso unter Regenwetter, wie sie in der Sonnenhitze verdorren, bei anhaltender Nässe faulen, durch Sturm ausgeschlagen oder aber von den Schnittern in die glücklichen Scheuerräume geborgen werden. Schon hatte denn die Erde Gottes Wort aufgenommen und das hehre Ackerland, mit himmlischem Samen bebaut, reichliche Erzeugnisse hervorgebracht. Da hungerte die Jünger nach dem Heile der Menschen und sie rieben gleichsam mit ihrem wunderbaren Wirken aus der Hülse des Leibes des Geistes Früchte ans Glaubenslicht heraus. Die Juden hingegen hielten dies am Sabbate für unerlaubt, Christus aber zeigte durch einen neuen Gnadenerweis, wie das Gesetz außer Kraft, die Gnade in Kraft trat.
§ 30
Nicht ohne mystische Bedeutung, glaube ich, bediente sich der Evangelist der obigen Ausdrucksweise, während nach Matthäus und Markus einfach „Sabbat‟ gesetzt ist. Der Sabbat nämlich bedeutet den unvergänglichen Ruhetag der ewigen Auferstehung. Entweder nun sollen wir schon in dieser Welt nach Aufhebung und Aufhören der religiösen Bräuche der Juden, oder aber in der zukünftigen in unvergänglicher Feier Ruhetag halten und an den Gütern des Landes uns laben 222 gemäß dem Schriftworte: „Jene werden essen, ihr aber hungern‟.
§ 31
[Forts. v. 222 ] Merkwürdig doch heißt es nach Lukas „zweiterster‟, nicht „erstzweiter Sabbat‟ ― δευτερόπρωτον [deuteroprōton] lautet der Ausdruck in der Schrift ― Es sollte vorausgestellt werden, was an Bedeutung vorgeht. „Zweiter‟ heißt es deshalb, weil der erste, der ehemalige Gesetzessabbat, mit einer Strafbestimmung für den, der arbeitete, vorausging; „erster‟ hingegen deshalb, weil der Gesetzessabbat, welcher zuerst da war, abgeschafft wurde und an die erste Stelle jener rückte, der in zweiter Reihe eingesetzt wurde. Denn seitdem es am Sabbate erlaubt ist zu arbeiten und der Arbeiter keinerlei Strafe gewärtigt, verblieb dem Gesetzessabbate nach Aufhebung seiner Gültigkeit nicht einmal der Name mehr. Vielmehr ist, mochte er immerhin in der Reihenfolge der erste sein, an Bedeutung jener (zweite Sabbat) der erste und deshalb, weil er der zweite war, nicht geringwertiger. So gibt es auch einen ersten Adam, und doch ist er dem zweiten Adam nicht vergleichbar: „Denn der erste Adam ward zur lebendigen Seele, der letzte Adam zum lebendig machenden Geist‟; ferner: „Der erste Mensch ist aus Erde irdisch, der zweite Mensch vom Himmel himmlisch‟. Dem zweiten doch gebührt der Vorrang vor dem ersten; denn dieser war die Ursache des Todes, jener die des Lebens. So heißt es auch „zweiterster Sabbat‟, „zweiter‟ der Zahl, „erster‟ dem Vorzug seiner Wirksamkeit nach; denn besser ist der Sabbat, der Strafnachlaß, als jener, der Strafvorschriften gibt. Erst kam das Gesetz, an zweiter Reihe das Evangelium, doch tiefer steht die Furcht als die Gnade. ― Oder es bezieht sich vielleicht das „erst‟ an unserer Stelle auf die Vorausbestimmung des (göttlichen) Ratschlusses, das „zweit‟ auf die Sanktion des Beschlusses.
§ 32
Trefflich aber zeigt der Herr auch an unserer 223 Stelle im Gesetze den Typus des Zukünftigen auf und zeiht die Gesetzesverteidiger der Unwissenheit in Sachen des Gesetzes, indem er zum Beleg hierfür anführt, wie David,* „da ihn samt seiner Gefährten hungerte, in das Haus Gottes trat, die Schaubrote nahm und aß und auch denen gab, die bei ihm waren‟.* Ein großes und wahrhaft prophetisches Beispiel, das uns zunächst nicht den nichtigen, sondern den richtigen Inhalt des Gesetzes zur Befolgung aufdeckt, sodann (aufdeckt), wie hier David auf der Flucht mit den Gefährten vor König Saul der im Gesetze vorgebildete Christus ist, der mit den Aposteln dem Fürsten der Welt verborgen bleiben sollte.
§ 33
[Forts. v. 223 ] Wozu aber aß jener Gesetzesbeobachter und -verteidiger die Brote „und gab auch denen, die bei ihm waren,* während deren Genuß nur den Priestern erlaubt war‟*? Doch nur, um durch jenen vorbildlichen Vorgang zu zeigen, wie die priesterliche Speise in den allgemeinen Genuß des Volkes übergehen werde, sei es weil wir alle einem priesterlichen Lebenswandel nacheifern sollen, sei es weil alle Kinder der Kirche Priester sind; denn zu einem „heiligen Priestertum‟ werden wir gesalbt um uns selbst Gott als „geistliche Opfer‟ darzubringen.
§ 34
[Forts. v. 223 ] So war das Gesetz übervoll der Lehre Christi. Und er hob das Gesetz nicht auf, sondern erfüllte es, wie er denn auch den Sabbat nicht aufhob. Denn ist der Sabbat des Menschen wegen da, fordert aber das menschliche Wohl von einem Hungernden, der lange der Früchte der Erde entraten hatte, das Hungerfasten aufzugeben, so bedeutet das doch nicht Aufhebung, sondern nur Erfüllung des Gesetzes. Wie durfte man also dem Herrn das als Verbrechen vorwerfen, was man selbst am Diener nicht für ein Verbrechen hält?
§ 35
224 Was aber wäre klarer als der typische Zug, der durch die ganze Geschichte hindurchgeht? Es trat David in das Haus des Abimelech ein. Indes trotz der Todesstrafe, die zu gewärtigen stand, wehrte der Edelsinn des heiligen Priesters dem Gaste nicht, wies den Flüchtling nicht zurück. Soweit geht Gastfreundschaft, daß wir gerne fremde Gefahren auf uns nehmen.
§ 36
[Forts. v. 224 ] Doch dies der moralische Sinn, den der Vorgang birgt. In seiner mystischen Bedeutung enthält er einen prophetischen Hinweis auf die Pflicht frommer Priester, selbst wenn sie das künftige Todeslos riskierten, jenen wahren David (Christus) nicht aus dem gastlichen Heiligtume ihres Geistes auszuschließen. Doch nicht allein das lehrt der typische Vorgang, daß Christus im Hause eines jeden Gottesmannes gastliche Aufnahme finden solle, sondern auch, daß er den Geistern der Bosheit Beute und Rüstung abnehmen werde; denn wer Christus gastlich aufnimmt, beraubt den Goliath im übertragenen Sinn seiner Waffen.
§ 37
[Forts. v. 224 ] Was aber wäre deutlicher ausgesprochen als die Tatsache, daß David in Abimelechs Haus fünf Brote sich erbat, nur eines erhielt? Ein typischer Hinweis darauf, daß nicht mehr aus fünf Pfund (Mehl), sondern aus Christi Leib den Gläubigen die Speise bereitet, daß Christus einen Leib annehmen werde, damit niemand unter den Gläubigen hungere. Selbst Doeg, der Hirte der Maultiere (Sauls), bleibt nicht ohne vorbildliche Bedeutung, insofern nur allein einer unfruchtbaren Herde Hirt den Verräter Judas vollauf sinnbilden konnte.
§ 38
Jene Tatsache endlich, daß Saul wegen der Aufnahme Davids das ganze Haus des Abimelech verfolgte mit Ausnahme des damaligen Hohenpriesters Abiathar, zeigt uns prophetisch, daß niemand dem 225 wahren Hohenpriester, der Christus allein ist, schaden kann.
§ 39
[Forts. v. 225 ] Von da nun geht der Herr Jesus auf etwas anderes über. Nachdem es nämlich seine Absicht war, dem ganzen Menschen Heilung zu bringen, setzte er diese von Glied zu Glied fort, so daß er in Wahrheit fragen konnte: „Ihr zürnt über mich, weil ich den ganzen Menschen am Sabbate gesund gemacht habe‟? So belebte er an dieser Stelle jene Hand, die Adam ausstreckte, um des verbotenen Baumes Frucht zu pflücken, mit den Heilssäften guter Handlungen: sie, die ob des frevlen Tuns verdorrt war, sollte durch gute Werke gesunden. Hierbei schalt Christus die Juden; denn diese verletzten infolge verkehrter Auslegungen die Gesetzesvorschriften, indem sie glaubten, man müsse am Sabbate auch von den guten Werken ausruhen, während das Gesetz in seiner dermaligen Form nur die Gestaltung des Zukünftigen vorbildete, das doch bloß ein Ausruhen vom Bösen, nicht vom Guten in sich schloß. Denn wenn auch die weltlichen Arbeiten insgesamt ruhen sollen, bedeutet doch das Ausruhen im Lobe Gottes kein Feiern im Gutestun.
§ 40
[Forts. v. 225 ] Du hast des Herrn Worte vernommen:* „Strecke deine Hand aus*!‟ Ein gemeinsames Heilmittel für alle liegt hier vor. Auch du, der du eine gesunde Hand zu haben glaubst, hüte dich, daß nicht Habsucht, hüte dich, daß nicht Freveltat sie lähme! Strecke sie des öfteren aus! Strecke sie nach dem Armen aus, der dich anfleht! Strecke sie aus dem Nächsten zu helfen, einer Witwe Unterstützung zu gewähren, einem zu Unrecht Geschmähten dem Unrechte zu entreißen! Strecke sie aus zu Gott für deine Sünden! So streckt man die Hand aus, so wird sie geheilt. So bewirkte Jeroboam, da er den Götzen opferte, die Lähmung seiner Hand; da er Gott anflehte, deren Ausstreckung.