Des Täufers Frage keine Zweifelsfrage (93), sondern allegorisch zu verstehen: Johannes Typus des Gesetzes (94); das Gesetz, Christi Herold, ein unklarer Verkündiger seiner Auferstehung (95). Die beiden Johannesjünger vielleicht Repräsentanten der Juden- und Heidenkirche (96—97). Eine zweite Interpretation der Täuferfrage (98). Die Antwort Christi nicht in Worten, sondern in Taten (99), ein vollbeglaubigtes Selbstzeugnis (100), durch den Kreuzestod und die Auferstehung besiegelt (101—102).
§ 93
„Da berief Johannes zwei von seinen Jüngern und sandte sie zu ihm und ließ ihm sagen: Bist du es, der da kommen soll, oder haben wir einen anderen zu erwarten?‟
Nicht einen einfachen Sinn birgt der einfache Wortlaut, sonst stünde das Vorausgehende mit dem Vorliegenden in Widerspruch. Wie sollte denn Johannes den, welchen er im Vorausgehenden auf das Zeugnis Gottes des Vaters hin erkannt hat, hier nicht kennen? Wie sollte er dort den ihm vorher Unbekannten erkannt haben, hier den ihm bereits Bekannten nicht erkennen? „Ich kannte ihn nicht, bekennt er, doch der mich gesendet hat zu taufen, der sprach zu mir: Über welchen du den Heiligen Geist herabsteigen siehst vom Himmel‟. Und er glaubte dem Worte und erkannte den Bezeugten und betete an den Getauften und zeigte prophetisch hin auf den Nahenden. „Ich selbst, so 253 gesteht er denn auch, habe es gesehen und Zeugnis abgelegt, daß dieser der Erwählte Gottes ist‟. Wie nun? Wäre es möglich gewesen, daß ein so großer Prophet irrte? daß er den, von welchem er versichert hat: „Sehet, der hinwegnimmt die Sünden der Welt!‟ noch nicht für den Gottessohn hielt? Es verrät entweder Frivolität, einem, den man nicht kennt, göttliche Eigenschaften beizulegen, oder Gottlosigkeit, am Gottessohn irre geworden zu sein. Nein, auf einen solchen Propheten fällt nicht der Verdacht so großen Irrtums.
§ 94
Ergibt sonach der einfache Sinn einen Widerspruch, so laßt uns den geistig-figürlichen prüfen! Wir haben oben bereits bemerkt, daß in Johannes ein Typus des Gesetzes vorliegt, das ein Herold Christi war. Und es ist richtig, daß das Gesetz, welches im Herzen der Gottlosen wie in Kerkergrüften, die des ewigen Lichtes beraubt sind, fleischlich eingeschlossen gehalten wurde, welches ein strafschwangerer Schoß sowie Tür und Tor des Unverstandes verrammelten, ohne Zutun des Evangeliums kein vollgültiges, auf die Heilsökonomie des Herrn hinauszielendes Zeugnis zu erbringen vermochte. Wohl enthielt das Gesetz im Buche Exodus in der Wolke und dem Meere eine Weissagung über die Taufgnade, im Lamme die Vorherverkündigung der geistlichen Speise (Eucharistie), im Felsen den deutlichen Hinweis auf den immerwährenden (Heils-) Quell; es gab im Levitikus eine Offenbarung über den Sündennachlaß, in den Psalmen eine Ankündigung des Himmelreiches, in Jesu Nave klaren 254 Aufschluß über das Land der Verheißung. Dies alles nun stimmt auch mit des Johannes Zeugnis überein.
§ 95
[Forts. v. 254 ] Indes ward es, (im Buchstaben) eingeschlossen, durch die tyrannischen Gewalten dieser Welt verhindert, das Licht der Auferstehung des Herrn auszustrahlen. So sendet denn Johannes seine Jünger zur Vervollständigung ihrer Erkenntnis zu Christus, weil „Christus die Fülle des Gesetzes ist‟. Da nämlich Worte ohne Taten zumeist auf schwankenden Boden fallen und eine Bekräftigung mit Handlungen volleren Glauben findet als die Versicherung mit Worten, so sollte (der Glaube), der damals im Herzen der Juden gleichsam hinter der Verrammlung des Gesetzes noch schwankte, gerade durch das Schauen des Kreuzes Christi und das vollgültige Zeugnis seiner Auferstehung zur offenen Entfaltung gelangen.
§ 96
[Forts. v. 254 ] Vielleicht nun bedeuten diese (Johannes-) Jünger das zweifache Volk, das den Glauben annahm, das eine aus den Juden, das andere aus den Heiden hervorgehend. Dieses nahm ihn auf das Hören hin an. Jene wollten mit Augen sehen nach dem Ausspruche: „Selig aber euere Augen, weil sie sehen, und euere Ohren, weil sie hören!‟ Aber auch wir (Heiden) haben in Johannes gesehen, mit unseren Augen in den Aposteln geschaut, mit unseren Händen mit des Thomas Fingern prüfend getastet; denn „was von Anfang war, was wir gehört und was wir gesehen, mit unseren Augen geschaut und unseren Händen prüfend getastet haben vom Worte des Lebens: das Leben ward offenbar‟. Wann ward es offenbar? Als wir es sahen. Nicht war es also offenbar vor dem Sehen. Dank also dem Herrn, der gekreuzigt wurde unseres Glaubens wegen, gekreuzigt wurde unserer Begierde wegen! Mein Geist ward in ihm gekreuzigt.
§ 97
255 So glauben auch heute noch jene, welche das Alte Testament nachdenklich lesen, bevor sie das Evangelium kennen lernen und gleichsam in die Fußstapfen des menschgewordenen Herrn treten, er werde erst kommen. Sie fragen, ob nicht wohl er der Christus, der Gottessohn sei, der in die Welt kommen werde. Und wenn sie die Stellen lesen, da er mit Abraham gesprochen, oder da er sich als den Führer der himmlischen Heerschar geoffenbart hat, da fürwahr sprechen sie noch: „Bist Du es, der da kommen soll, oder haben wir einen anderen zu erwarten?‟ Kommen sie aber zum Evangelium und gewahren sie, wie Blinde das Augenlicht empfangen, Lahme gehen, Taube hören, Aussätzige gereinigt wurden, Tote auferstanden, dann sprechen sie:„Wir haben ihn gesehen und mit unseren Augen geschaut‟ und in die Wundmale seiner Nägel unsere Finger gelegt. Wir glauben ihn ja, wenn wir ihn lesen, auch schon zu schauen, (am Kreuze) hängen zu sehen und mit dem prüfenden Geiste der Kirche seine Wunden zu betasten. Lassen sich nämlich durch den Finger Gottes die Dämonen austreiben, läßt durch den Finger der Kirche auch der Glaube sich finden. Oder vielleicht auch so: Wir alle haben augenscheinlich gleichsam durch ein wirksames Glied (Apostel) unseres Leibes (Kirche) den Weg zur Leidensgeschichte des Herrn gefunden; durch wenige hat ja der Glaube den Weg zu den vielen genommen. ― So kündet also das Gesetz die Ankunft Christi als bevorstehend an; das Evangelium bestätigt dessen wirkliche Ankunft.
§ 98
Einige auch verstehen es folgendermaßen von Johannes selbst: Er sei zwar ein großer Prophet gewesen, so daß er Christus erkannte, die künftige Vergebung der Sünden verkündigte, gleichwohl aber habe der Gottesmann, nicht aus Zweifelsucht, sondern aus Liebe nicht an den künftigen Tod dessen geglaubt, an dessen Ankunft er geglaubt hatte. Nicht also vom Glauben, 256 sondern von der Liebe kam sein Zweifel. Auch Petrus wurde irre und sprach: „Gnade, Herr, das soll nicht geschehen!‟ Er, der Glaubensfürst, der, bevor noch Christus sich ihm als Gottessohn bekannt hatte, dennoch geglaubt hatte, glaubte betreffs des Todes Christi Christus selber nicht. Das ist der Liebe Affekt, nicht eine Sünde gegen die Gottesverehrung. So sträubt er sich auch an einer anderen Stelle gegen die Fußwaschung, da er deren geheimnisvolle Bedeutung nicht erkennt, während er des Herrn Herablassung peinlich empfindet. Also nicht einmal die Heiligen glaubten an den bevorstehenden Tod Christi; denn „was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz gedrungen, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben‟. Ein Fehlen aus Liebe hindert sonach fromme Seelen nicht am Glauben.
§ 99
[Forts. v. 256 ] Da endlich der Herr wußte, daß niemand ohne das Evangelium zum vollen Glauben gelangen könne, weil der Glaube wie im Alten Testamente seine Anfänge so im Neuen Testamente seine Vollendung hat, so gab er nicht irgendwie in Worten, sondern durch seine Taten klar zu verstehen, daß er es sei.* „Gehet hin, sprach er, verkündiget dem Johannes, was ihr gesehen und gehört habt! Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören, Aussätzige werden gereinigt, Tote stehen auf, Armen wird das Evangelium verkündet*‟.
§ 100
Fürwahr ein vollgültiges Zeugnis, durch das der Prophet den Herrn erkennen mußte! Auf ihn, auf keinen anderen bezog sich ja die Weissagung: „Der Herr gibt Speise den Hungrigen, der Herr richtet auf die Gebeugten, der Herr löst los die Gefangenen, der Herr gibt das Augenlicht den Blinden, der Herr liebt die 257 Gerechten, der Herr beschirmt die Fremden, des Waisen und der Witwe wird er sich annehmen und den Weg der Sünder vernichten‟. Der dies tun wird, „der Herr‟, so heißt es weiter, „wird herrschen in Ewigkeit‟. Kennzeichen nicht menschlicher, sondern göttlicher Kraft ist es, Blinden die Finsternis ewiger Nacht aufzuschließen, den Wundherd des untergrabenen Augenlichtes durch einströmendes Licht auszuheilen, ins Ohr der Tauben Gehör zu leiten, einem zerrütteten Organismus die abgestorbenen Glieder neuzubeleben, desgleichen Toten neue Lebenskraft zu spenden und sie zum Licht zurückzurufen.
§ 101
[Forts. v. 257 ] Das gab es vor dem Evangelium selten oder nie. Mochte Tobias das Augenlicht zurückerhalten: einzig nur er kommt als Beispiel in Frage, und auch da war es gleichwohl eines Engels, nicht eines Menschen Heilmittel. Elias mochte einen Toten erwecken: doch er tat es unter Bitten und Flehen, dieser (Christus) kraft eines Befehles. Elisäus mochte die Reinigung eines Aussätzigen bewirken: doch nicht die Kraft seines gebieterischen Wortes brachte das hier zustande, sondern das im Typus wirksame Geheimnis. Mochte zur Speisung der hungernden Witwe das Mehl nicht ausgehen, indem es auf Geheiß des Propheten sich mehrte: doch nur einer einzigen Witwe fristete jenes Mehl, oder vielmehr auch ihr (fristete) das Vorbild des Sakramentes das Leben. Und doch, noch ganz geringfügige Beispiele sind das zur Bezeugung des Herrn; die volle Beglaubigung bildet das Kreuz des Herrn, sein Tod, seine Auferstehung. Darum fügte er, als er jene obigen Worte gesprochen hatte, bei:
§ 102
„Selig, wer sich an mir nicht ärgert!‟.
Das Kreuz nämlich hätte selbst Auserwählten Ärgernis verursachen können. Indes kein triftigeres Zeugnis als dieses gibt es für seine göttliche Person, 258 nichts gibt es, was übermenschlicher erschiene als einzig für die ganze Welt sich hinopfern; dies allein schon erweist ihn voll und ganz als den Herrn. Also ward er denn auch von Johannes gekennzeichnet: „Sehet, das Lamm Gottes, sehet, das hinwegnimmt die Sünden der Welt!‟ Wahrlich nicht jenen beiden Jüngern, den Johannesjüngern, sondern uns allen gilt der Bescheid: so sollten wir zum Glauben an Christus gelangen, wenn die Taten übereinstimmten. Denn es kann auch einer auftreten, der sich diesen Namen nur anmaßt. Läßt er sich nun auch dem Namen nach nicht wegkennen, mag man ihn doch angesichts seiner Taten unterscheiden.