Das Gebetsbeispiel Christi. Kraft und Bedeutung des Fürbittgebetes (10―11). Der Gelähmte Typus des sündigen Menschen. Die Juden wider Willen Zeugen der Gottheit Jesu (12). Der Wundervorgang ein Bild des Auferstehungswunders (13). Das Bett des Gelähmten Sinnbild des menschlichen Leibes (14). Der Unglaube der schlimmste, unheilbare Aussatz (15).
§ 10
„Und sieh, Männer brachten auf einem Bette einen Menschen, der gelähmt war, und suchten ihn 209 hineinzubringen und vor ihn hinzusetzen; und da sie wegen der Menge des Volkes nicht fanden, von welcher Seite sie ihn hineinbrächten, stiegen sie auf das Dach und ließen ihn im Bett durch die Ziegel hinab, mitten vor Jesus hin‟.
Nicht vergeblich und nicht karg ist die Arznei für diesen Gelähmten, nachdem der Herr auch noch zum Gebete gegriffen hatte, wie vorausgehend betont wird. Nicht als ob es dessen bedurft hätte, sondern um des Beispieles willen. Ein Vorbild zur Nachahmung gab er, nicht lange Worte zur Gebetserhörung benötigte er. Sowohl die aus ganz Galiläa und Judäa zusammenströmende Menge wie die Gesetzeslehrer von Jerusalem empfangen unter den Heilmitteln, welche auch die übrigen Kranken erhielten, eine genaue Aufklärung über die Arznei unseres Gichtbrüchigen. Vor allem anderen hat jeder Kranke, wie wir vorausgehend bemerkten, zur Erflehung des Heils Fürbitter beizuziehen, durch deren Vermittlung unser zerrütteter Lebensorganismus, unser gelähmter Handel und Wandel kraft des himmlischen Heilswortes wiederhergestellt werden soll. Es soll daher etwelche Mahner für den Geist geben, um den Sinn des Menschen, ob dieser auch äußerlich infolge körperlichen Siechtums gelähmt ist, zum Höheren emporzurichten. Mit ihrer Beihilfe hinwiederum soll es ihm möglich werden, sich empor- und niederzulassen und vor Jesus hingestellt zu werden, würdig des Anblickes des Herrn; denn der Herr blickt die Niedrigkeit an: „Er hat angeblickt die Niedrigkeit seiner Magd‟.
§ 11
„Als er nun ihren Glauben sah‟, heißt es. Groß ist der Herr. Um des Verdienstes der einen willen verzeiht er anderen und läßt, indem er die einen prüft, anderen die Verirrungen nach. Warum soll bei dir, o Mensch, Deinesgleichen nichts vermögen, 210 nachdem beim Herrn selbst der Diener das Verdienst der Fürbitte und das Anrecht auf Erhörung hat? Lerne, wenn du richtest, verzeihen; lerne, wenn du krank bist, beten! Wenn du dir keine Hoffnung auf Nachlaß der schweren Sünden machen kannst, sieh dich um Fürsprecher, sieh dich um die Kirche um, die für dich flehen soll; anbetrachts derer der Herr dir Verzeihung gewährt, die er dir sonst verweigern könnte!
§ 12
[Forts. v. 210 ] Wiewohl wir die Geschichtlichkeit des Vorganges nicht preisgeben dürfen, so daß wir an der wirklichen leiblichen Heilung dieses Gichtbrüchigen festhalten, so erblicke doch hierin die Heilung des inneren Menschen, dem die Sünden nachgelassen werden! Wenn nun die Juden behaupten, letzteres könne nur vom Herrn gewährt werden, so bekennen sie doch damit die Gottheit (Christi) und verraten mit dem eigenen Urteile ihren Unglauben. Seine Tat bezeugen sie, seine Person leugnen sie. So empfing wohl der Gottessohn von ihnen die Beglaubigung seiner Tat, auf eine Zustimmung in Worten dringt er nicht; denn der Unglaube kann wohl bekennen, glauben kann er nicht. Nicht seiner Gottheit fehlte die Bezeugung, ihrem Heile fehlte der Glaube. Für die Glaubenssache ist es so vorteilhafter, daß sie wider Willen bekennen; für die Schuld verhängnisvoller, daß sie leugnen, obwohl ihre eigenen Worte sie Lügen strafen. Groß war sonach die Verblendung des ungläubigen Volkes. Trotz des Bekenntnisses, daß Gott allein die Sündenvergebung zukomme, glaubte es Gott nicht, da er die Sünden nachließ. Weil aber der Herr die Sünder retten wollte, zeigte er sowohl durch sein Wissen um das Verborgene wie durch das Bewunderungswürdige seines Tuns, daß er Gott ist, und fügte darum bei:
§ 13
„Was ist leichter zu sagen: Vergeben sind dir deine Sünden, oder zu sagen: Steh auf und wandle?‟
211 Mit dieser Stelle entrollt der Herr ein vollständiges Bild der Auferstehung: er heilt die geistigen und leiblichen Wunden, läßt die Sünden im Herzen nach, beseitigt das körperliche Siechtum. Erst das heißt nämlich den ganzen Menschen heilen. So Großes es auch ist, dem Menschen die Sünden nachzulassen ― denn „wer kann Sünden nachlassen als Gott allein‟, der sie auch durch jene nachläßt, denen er die Gewalt hierzu erteilt? ― so ist doch die Auferstehung der Leiber eine viel erhabenere Gottestat, nachdem der Herr selbst die Auferstehung ist.
§ 14
[Forts. v. 211 ] Das Bett, das* „aufzuheben‟* befohlen ward, was anders bedeutet es als den menschlichen Leib, der auf Gottes Befehl sich erheben soll? Das ist das Bett, das allnächtlich von David mit Tränen benetzt wurde, das Schmerzensbett, worauf unsere Seele an schwerer Gewissensqual krank darnieder lag. Doch wer nach Christi Gebote wandelt, für den ist es nicht mehr Schmerzens-, sondern Ruhebett. Denn infolge des Erbarmens des Herrn bedeutet, was Tod war, Ausruhen. Er hat uns den Todesschlaf in seligen Genuß gewandelt. ― Nicht bloß das Bett aufzuheben, sondern auch* „in sein Haus zurückzugehen‟,* d. i. ins Paradies zurückzukehren wird (dem Geheilten) aufgetragen. Das ist ja die wahre Behausung, die erste, die den Menschen aufnahm; deren er nicht rechtlicher-, sondern trügerischerweise verlustig ging. Mit Recht also erfolgt nun deren Rückgabe mit der Ankunft dessen, der die Schlinge des Truges lösen, das Recht wiederherstellen sollte.
§ 15
Die Heilung erleidet auch nicht den geringsten Aufschub. Worte und Heilungen fallen zeitlich zusammen. Die Ungläubigen sehen (den Kranken) aufstehen, verwundert fortgehen und bringen dennoch den 212 Wundern des göttlichen Wirkens lieber Furcht als Glauben entgegen. Hätten sie geglaubt, würde doch nicht Furcht, sondern Liebe sie angewandelt haben; denn die vollkommene Liebe schließt die Furcht aus. Und darum, weil sie keine Liebe hatten, ergingen sie sich in Verdächtigungen. An die Verdächtigenden aber richtet der Herr die Frage: „Was denkt ihr Böses in eurem Herzen?‟ Wer spricht das? Der Hohepriester. Er sah den Aussatz im Herzen der Juden; er zeigt ihnen, daß sie noch schlimmer daran seien als der Aussätzige. Dieser erhielt den Auftrag sich als gereinigt dem Priester zu stellen;* sie* weist der Priester ab, daß nicht ihr Aussatz auch noch andere anstecke.