AUF DIE HEILIGEN VIERZIG MÄRTYRER (Migne, PG. XXXI, 508—525)
Inhalt: Der Lobpreis auf die Märtyrer ist Gottesverehrung und zugleich ein Aufruf zu deren Nachahmung. Basilius erklärt sich für unfähig, die vierzig Helden genügend rühmen zu können (c. 1). Gleichwohl will er von ihnen ein Bild zeichnen — nicht wie profane Lobredner — und die Zuhörer zu gleichem Glaubensmut begeistern. Die Vierzig, Kinder verschiedener Heimat, doch Bürger desselben Gottesreiches und 433 alle tüchtige Soldaten (c. 2). Bei der einsetzenden Christenverfolgung fielen die einen vom Glauben ab, andere blieben treu, wie unsere Vierzig (c. 3). Drohungen des Präfekten nützten so wenig wie Versprechungen; lieber duldeten sie jede Marter (c. 4). Sie wurden daher zum Tode des Erfrierens verurteilt. Furchtbarkeit dieser Qual (c. 5). Die Märtyrer entkleideten sich freiwillig, in Erinnerung der Kleiderberaubung des Herrn, ermunterten sich gegenseitig und beteten füreinander. Einer erlag der Versuchung und ging ins wärmere Bad (c. 6). An dessen Stelle trat der bekehrte Wärter des Badehauses (c. 7). Bei Tagesanbruch wurden die Leiber verbrannt. Ein Überlebender und vom Schergen Zurückgelassener wurde von dessen Mutter auf den Wagen derer gelegt, die verbrannt werden sollten. Frohlocken ob des Sieges der Vierzig (c. 8).
§ 1
Wo ist ein Freund der Märtyrer, der ihrer genug und übergenug gedenken könnte, wo doch die Ehrung der guten Mitknechte die fromme Gesinnung gegen den gemeinsamen Herrn beweist? Denn klar ist: Wer die edlen Männer ehrt, wird in gleicher Lage sie nachzuahmen nicht vergessen. Preise von Herzen den glücklich, der den Martertod erlitten hat, damit du dem Willen nach Märtyrer werdest und ohne Verfolgung, ohne Geißelstreiche aus dem Leben scheidest und doch desselben Lohnes wie jene gewürdigt werdest. Wir haben nun vor, nicht einen zu bewundern, auch nicht bloß zwei; auch nicht bloß auf zehn beläuft sich die Zahl der Seligen, sondern vierzig Männer sind es, die, gleichsam, nur eine Seele in verschiedenen Leibern, in derselben Einheit und Einigkeit des Glaubens die gleiche Geduld in den Martern und dieselbe Standhaftigkeit für die Wahrheit bewiesen. Alle waren einander ebenbürtig, gleich in der Gesinnung, gleich im Kampfe. Daher wurden sie auch gleicher Ehrenkronen gewürdigt. Wer fände nun Worte, sie würdig zu preisen? Nicht einmal vierzig Zungen reichen hin, die Tugend so vieler Männer zu verherrlichen. Ja, wenn unser bewundernswerter Held auch nur einer wäre, würde die Kraft unserer 434 Worte nicht ausreichen, geschweige denn bei dieser großen Zahl, dieser Phalanx von Soldaten, dieser unüberwindlichen Truppe, die im Kriege ebenso unbesieglich wie im Lobe unerreichbar!
§ 2
Wohlan denn, unser Gedächtnis soll sie in unsere Mitte führen, und wir wollen den gemeinsamen Segen, der von ihnen ausgeht, allen Anwesenden vermitteln, indem wir die Heldentaten der Männer wie in einem Gemälde darstellen. Auch Geschichtschreiber und Maler, die große Kriegstaten darstellen, die einen in herrlicher Schilderung, die andern in Gemälden, haben ja schon oft viele zum Heldenmut begeistert. Was nämlich die geschichtliche Schilderung unserem Ohre vermittelt, das zeigt uns schweigend das Gemälde in der Wiedergabe. Auf gleiche Weise wollen wir nun die Anwesenden an den Heroismus dieser Männer erinnern und die mehr Hochherzigen und ihnen Geistesverwandten zur Nachahmung aufrufen, indem wir ihre Taten veranschaulichen. Denn das Lob der Märtyrer liegt in der Aufforderung an die Versammlung, deren Tugend nachzuahmen. Die Lobreden auf die Heiligen unterliegen nämlich nicht den Gesetzen profaner Beredsamkeit. Die Profanredner schöpfen ja ihren Stoff für Lobeserhebungen aus weltlichen Dingen. Wie kann aber für die, denen die Welt gekreuzigt ist, etwas in der Welt Anlaß zur Verherrlichung werden?
Unsere Heiligen hatten nun nicht ein und dasselbe Vaterland; der eine war von da, der andere von dort. Wie? Sollen wir sie deshalb vaterlandslos oder Weltbürger nennen? Wie beim Zusammenlegen von Gaben die Zuschüsse eines jeden allen Beitragenden gemeinsam werden, so ist auch bei diesen Seligen die Heimat jedes einzelnen die gemeinsame Heimat aller, da alle einander ihr Vaterland schenken. Was sollen wir übrigens nach ihrer irdischen Heimat suchen, da wir uns doch denken können, wo jetzt ihr Vaterland ist? Die Vaterstadt der Märtyrer ist doch die Stadt Gottes, 435 deren Baumeister und Schöpfer Gott ist, das himmlische Jerusalem, das freie, die Mutter des Paulus und aller, die ihm gleich sind. Der natürlichen Abstammung nach waren sie verschiedener Herkunft, aber sie alle bildeten nur eine geistige Familie: Ihr gemeinsamer Vater war Gott, und alle waren Brüder, nicht einem und einer entsprossen, sondern durch die Kindschaft des Geistes zu gegenseitiger Liebe und Eintracht miteinander verbunden, ein erwählter Chor, ein großer Zuwachs zur Zahl derer, die von Ewigkeit her den Herrn preisen, nicht vereinzelt, sondern scharenweise unter diese Seligen versetzt. Welches war die Art der Versetzung? Ausgezeichnet vor allen andern durch Körpergröße, Jugendblüte und Kraft, wurden sie in das Heer eingereiht, wurden wegen ihrer Kriegserfahrung und persönlichen Tapferkeit der höchsten militärischen Ehren gewürdigt und waren wegen ihrer Tugend allgemein bekannt.
§ 3
Dann aber ward jenes gottlose und verruchte Edikt verkündigt, wonach man Christum nicht mehr bekennen konnte, ohne Gefahr zu laufen, das alle Arten von Strafen androhte und die ungerechten Richter in eine große, tierwilde Wut gegen die Gläubigen hineinhetzte, jenes Edikt, auf das hin mit Verfolgung und List und allen möglichen Martern gegen die Christen vorgegangen wurde, die unerbittlichen Henker das Feuer anzündeten, das Schwert schärften, das Kreuz aufrichteten, Grube, Rad, Geißeln bereitstellten, die einen flohen, die andern unterlagen oder zaghaft wurden, die einen schon vor dem Versuche durch die bloße Drohung sich schrecken ließen, die anderen unmittelbar vor dem Foltern die Fassung verloren, wieder andere den Kampf aufnahmen, dann aber nicht bis zum Ende der Qual ausharren konnten und mitten im Kampf den Mut sinken ließen und so wie Schiffbrüchige das verloren, was sie sich durch ihre Geduld bereits erworben hatten. Damals 436 also traten unsere unbesieglichen, hochgemuten Soldaten Christi in die Mitte, und als der Präfekt das Schreiben des Kaisers vorzeigte und Gehorsam verlangte, erklärten sie freimütig, mutig und männlich, ohne Furcht vor den Marterwerkzeugen, ohne Angst ob der Drohungen, daß sie Christen seien. O selige Zungen, die alle jenes heilige Bekenntnis ablegten, das die Luft füllte und heiligte, über das die Engel frohlockten, als sie es hörten, durch das der Teufel mit seinen Dämonen verwundet wurde! Der Herr hat es im Himmel aufgezeichnet.
§ 4
Ein jeder trat also vor (aus Reih und Glied) in die Mitte und sprach: „Ich bin Christ.“ Und wie auf den Kampfplätzen die, welche zum Kampf antreten, damit zugleich ihre Namen angeben, so benannten auch diese nach Angabe ihres Geschlechtsnamens sich jeweils noch nach ihrem gemeinsamen Heiland. So machten sie es alle der Reihe nach, der eine wie der andere. So bekamen alle dieselbe Benennung. Sie trugen nicht mehr verschiedene Namen, sondern alle hießen Christen. Was tat nun der Präfekt? Er war listig und verstand es, sowohl mit Schmeicheleien zu verführen, wie durch Drohungen abwendig zu machen. Zunächst nun versuchte er es, sie mit Schmeicheleien zu gewinnen, um so ihre Standhaftigkeit im Glauben zu brechen. „Opfert doch nicht eure Jugend,“ redete er sie an, und vertauscht doch die Freuden dieses Lebens nicht mit einem frühzeitigen Tode! Es wäre doch mehr als töricht, wenn die den Tod der Missetäter sterben wollten, die in den Kriegen durch Tapferkeit sich ausgezeichnet haben.“ Zu dem hin versprach er Geld; auch verlieh er Auszeichnungen vom Kaiser, verteilte Würden und versuchte mit tausend Kunstgriffen sie umzustimmen. Da sie aber auf diesen Versuch nicht beigaben, so versuchte er es mit einer anderen Taktik: Er drohte ihnen mit Schlägen, Tod und unerträglichen Martern. Wie verhielten sich aber die Märtyrer demgegenüber? „Was suchst du, Gottesfeind,“ frugen sie, „uns mit Anbieten von Geschenken zu verleiten, vom lebendigen Gott abzufallen und den 437 verruchten Dämonen zu dienen? Kannst du uns denn so viel geben, als du zu nehmen gedenkst? Ich hasse ein Geschenk, das Verlust bedeutet; ich nehme keine Ehre an, die Schande gebiert. Du gibst Geld, das hier bleibt, Ruhm, der verblüht. Du machst mich dem Kaiser bekannt, entfernst mich aber dem wahren Könige. Wie kleinlich reichst du so wenige von den Erdengütern! Die ganze Welt ist uns verächtlich. Die sichtbaren Güter können mit der Hoffnung, die uns beseelt, nicht verglichen werden. Siehst du diesen Himmel? Wie schön ist er, wie groß! Siehst du diese Erde? Wie weit ist sie! Und siehst du ihre Wunder? Und doch, nichts von all dem kommt der Seligkeit der Gerechten gleich. Diese Dinge vergehen, unsere Güter bleiben. Ich sehne mich nur nach einer Gabe, der Krone der Gerechtigkeit, nur nach einem Ruhme, nach dem Ruhme im Himmel, nur nach der Ehre da oben geht mein Ehrgeiz; die Höllenqual fürchte ich. Jenes Feuer ist mir schrecklich; das aber, mit dem ihr droht, ist uns nur dienstbar; es weiß die Verächter der Götzen ehrfurchtsvoll zu schonen. Wie Geschoße von Kindern achte ich eure Streiche. Du triffst ja nur den Leib, der um so herrlicher gekrönt wird, je länger er aushält. Wenn er aber bälder erliegt, so wird er nur von so brutalen Richtern befreit werden, die da nicht bloß den Dienst des Leibes beanspruchen, sondern auch noch über die Seelen zu herrschen suchen. Werdet ihr nämlich unserm Gott nicht vorgezogen, dann wütet ihr gegen uns, als hätten wir euch die größte Schmach angetan, und droht mit so schrecklichen Martern, da ihr uns die Gottesfurcht zum Verbrechen anrechnet. Aber ihr sollt (in uns) Menschen finden, die nicht furchtsam sind noch am Leben hängen noch sich leicht erschrecken lassen, weil sie Gott lieben. Wir sind bereit, uns rädern, foltern, verbrennen zu lassen und jede Art von Martern zu ertragen.“
§ 5
Wie jener stolze und grausame Präfekt das hörte, konnte er den Freimut der Männer nicht ertragen, sondern geriet in heftigen Zorn und sann auf ein Mittel, wie er ihnen das Sterben langwierig und bitter zugleich machen könnte. Er fand denn auch wirklich eines, und 438 seht, welch furchtbares! — Angesichts der eiskalten Lage der Öffentlichkeit und der winterlichen Jahreszeit wartete er eine Nacht ab, in der die Kälte, zumal bei Nordwind, den höchsten Grad erreicht, und befahl, alle zu entblößen und unter freiem Himmel mitten in der Stadt zu Tode frieren zu lassen. Ihr, die ihr schon einen solchen Winter durchgemacht habt, wißt jedenfalls, wie entsetzlich solches Martyrium ist. Wer nicht selbst solche Winter durchgemacht hat, dem läßt sich gar nicht schildern, was das heißen will: Ein der Kälte ausgesetzter Körper wird infolge der Blutstockung zunächst ganz schwarzblau; dann folgt ein Zittern und Schütteln, Zähneklappern und Nervenzucken und ein unwillkürliches Zusammenziehen der ganzen Körpermasse; ein stechender Schmerz und ein unsägliches, bis ins Mark dringendes Weh verursacht dem Erfrierenden ein unerträgliches Gefühl. Dann sterben die äußersten Glieder ab, wie vom Feuer verbrannt. Denn wenn die Wärme aus den Extremitäten des Körpers flieht und ins Innere sich zurückzieht, so läßt sie diese tot zurück, entzündet aber in den Teilen, wo sie sich anhäuft, Schmerzen, bis allmählich der Tod durch Erfrieren eintritt. Damals also wurden sie dazu verurteilt, unter freiem Himmel zu übernachten, als der See, um den die Stadt, die Kampfstätte der Heiligen, erbaut ist, gleichsam eine Reitfläche bildete; das Eis hatte ihn verwandelt und die Kälte ihn zum Festland gemacht, so daß die Anwohner gefahrlos auf seinem Rücken sich ergehen konnten; die immer strömenden Flüsse, vom Eis jetzt gefesselt, stellten den Lauf ein; die weiche Substanz des Wassers war zu hartem Gestein geworden, und der schneidende Nordwind zwang alles Lebendige in den Tod.
§ 6
Als sie das Urteil vernommen hatten — siehe auch hier wieder die unerschütterliche Haltung der Männer —, warf ein jeder freudig sein letztes Kleidungsstück weg, um durch Kälte zu sterben, und ermunterten einander, 439 als gälte es, Kriegsbeute zu holen. „Wir ziehen ja“, sagten sie, „nicht ein Kleid aus, wir legen nur den alten, durch trügerische Gelüste verderbten Menschen ab. Wir danken dir, o Herr, daß wir mit diesem Gewande auch die Sünde ablegen. Der Schlange wegen haben wir uns ja bekleidet, um Christi willen wollen wir uns entkleiden. Halten wir doch nicht an den Kleidern fest — des Paradieses wegen, das wir verloren haben! Womit wollen wir dem Herrn vergelten? Auch unser Herr ist entkleidet worden. Was ist es Großes für einen Knecht, zu leiden, was sein Herr gelitten hat? Sind es denn eigentlich nicht wir, die den Herrn entkleidet haben? Soldaten haben ja dies gewagt, haben ihn entkleidet und die Kleider unter sich verteilt. Laßt uns also die gegen uns geschriebene Anklage selber tilgen! Bitter ist der Winter, aber süß das Paradies, schmerzlich das Erfrieren, aber wonnig die Ruhe. Harren wir aus einen Augenblick, und der Schoß des Patriarchen wird uns erwärmen! Für eine einzige Nacht wollen wir eine ganze Ewigkeit eintauschen! Möge der Fuß verbrennen, damit er ewig mit den Engeln tanze, die Hand vergehen, damit sie die sichere Hoffnung habe, zum Herrn sich zu erheben! Wieviele unserer Kriegskameraden fielen an der Front, einem sterblichen König die Treue wahrend! Sollten wir nicht unser Leben opfern wollen in der Treue gegen den wahren König? Wieviele, ihrer Schuld überwiesen, mußten den Tod der Verbrecher sterben! Sollten wir nicht den Tod um der Gerechtigkeit willen erdulden? Kameraden, laßt uns nicht weichen, nicht dem Teufel den Rücken zukehren! Es ist nur Fleisch; wir wollen es nicht schonen. Wir müssen ja doch einmal sterben; laßt uns sterben, um zu leben! ‚Unser Opfer komme vor dein Angesicht, o Herr!‘ Möchten wir aufgenommen werden als ein lebendiges, dir wohlgefälliges Opfer, durch diese Kälte ein Brandopfer für dich 440 werden, eine schöne Opfergabe, ein neues Brandopfer, nicht durch Feuer, sondern durch Kälte verzehrt!“ —
Mit diesen Worten trösteten und ermunterten sie einander, als hätten sie im Kriege Wache zu halten, und verbrachten so die Nacht, standhaft in den augenblicklichen Schmerzen, in froher Hoffnung auf die Verheißungen, voll Verachtung für den Widersacher. Alle hatten nur eine Bitte: „Vierzig an der Zahl,“ sprachen sie, „sind wir auf den Kampfplatz getreten; möchten doch wir alle vierzig gekrönt werden, o Herr! Nicht einer fehle bei dieser Zahl! Ehrwürdig ist diese Zahl; du hast sie ehrwürdig gemacht durch dein vierzigtägiges Fasten, durch das das Gesetz in die Welt gekommen ist. Elias hat vierzig Tage lang im Fasten den Herrn gesucht; dann sah er ihn.“ — So beteten sie.
Doch einer aus ihrer Mitte erlag der Marter, verließ die Reihe und ließ die Heiligen in unsäglicher Trauer zurück. Doch Gott wollte nicht, daß ihr Flehen unerhört bliebe. Denn der, dem die Bewachung der Märtyrer anvertraut war, wärmte sich in einer nahen Übungsschule und wartete dort ab, was geschehen würde, und gegebenenfalls die flüchtigen Soldaten aufzunehmen. Man hatte nämlich auch dafür gesorgt, daß in der Nähe ein Bad sich befand, das rasche Hilfe denen versprach, die ihre Gesinnung ändern sollten. Aber die arglistig ersonnene Taktik der Feinde, neben einem solchen Kampfplatze eine Linderung bereit zu halten, um die Standhaftigkeit der Kämpfer zu brechen, eben sie sollte die Ausdauer der Märtyrer in noch schönerem Lichte erstrahlen lassen. Denn nicht der ist standhaft, der in Ermangelung des Notwendigsten nicht anders kann, sondern der, der mitten in den Genüssen den Entbehrungen und Leiden standhält.
§ 7
Während nämlich die Märtyrer standhaft kämpften und jener den Ausgang abwartete, da sah er ein wunderbares Schauspiel: Heerscharen stiegen vom 441 Himmel herab, als wollten sie den Kriegern vom Könige große Geschenke überbringen; an alle verteilten sie Geschenke; nur einen ließen sie unbeschenkt, weil sie ihn der himmlischen Ehren unwürdig erachteten. Dieser erlag denn auch alsbald den Peinen und ging keck zu den Feinden über. Ein trauriges Bild für die Gerechten; der Soldat ein Überläufer, der Tapfere ein Gefangener, das Schäflein Christi des Wolfes Beute. Und was noch trauriger war: Er verlor nicht bloß das ewige Leben; er hatte nicht einmal einen Genuß vom gegenwärtigen: Denn kaum war er in die Wärme gekommen, da löste sein Fleisch sich auf. So hatte der, der aus Liebe zum Leben fiel, umsonst gesündigt. Wie aber der Henker den einen aus der Mitte treten und zum Bade laufen sah, stellte er sich selbst an den Platz des Abtrünnigen, warf die Kleider ab, schloß sich den Entblößten an und rief mit den Heiligen: „Ich bin ein Christi.“ — Durch diese plötzliche Bekehrung überraschte er die Leidensgenossen, füllte nicht bloß deren Zahl wieder auf, sondern linderte durch seinen Beitritt auch deren Trauer über den Weichling. Er machte es wie die, welche an der Kampffront einen in der ersten Reihe Gefallenen ersetzen und so die Phalanx sofort wieder ausfüllen, damit nicht durch einen Verlust die enggeschlossene Gliederung eine Lücke bekomme. Desgleichen tat also auch er. Er sah die himmlischen Wunder, erkannte die Wahrheit, flüchtete sich zum Herrn und ward so den Märtyrern beigezählt. Er erneuerte das Verhalten der Jünger: Judas ging weg, und Matthias ward an seine Stelle gewählt. Er trat in die Fußstapfen des Paulus, der gestern ein Verfolger war und heute ein Herold des Evangeliums. Auch er hatte die Berufung von oben, „nicht von Menschen, noch durch einen Menschen“. Er glaubte an den Namen unseres Herrn Jesu Christi, wurde getauft auf ihn, nicht von einem andern, sondern von seinem eigenen Glauben, nicht im Wasser, sondern im eigenen Blute.
§ 8
442 Als sie bei Tagesanbruch noch atmeten, wurden sie dem Feuer übergeben; und was das Feuer übrig ließ, wurde in den Fluß geworfen, so daß der Kampf der Seligen die ganze Schöpfung durchging: Sie kämpften auf der Erde, hielten standhaft aus in der Luft, wurden dem Feuer übergeben, und das Wasser nahm sie auf. Auf sie paßt also das Wort: „Wir gingen durch Feuer und Wasser, du aber führtest uns heraus zur Erquickung.“
Diese Vierzig sind es, die unser Land innehaben und wie dichtgedrängte Türme gegen den Angriff der Feinde sicheren Schutz gewähren. Sie beschränken sich nicht auf einen Ort, sondern sind bereits an vielen Orten gastlich geworden und zieren die Heimat von vielen. Und das Wunderbare ist: Nicht vereinzelt kehren sie bei denen ein, die sie aufnehmen, sondern in gegenseitiger, innigster Gemeinschaft führen sie den festlichen Reigen auf. O Wunder! Sie nehmen an Zahl nicht ab noch zu. Du magst sie in Hundert teilen, sie gehen über die bestimmte Zahl nicht hinaus; du magst sie in eins zusammenziehen, auch so bleiben vierzig — ganz nach Art des Feuers, das zu dem übergeht, der es anzündet, und doch ganz bei dem bleibt, der es hat. So sind also auch die Vierzig alle beisammen und wieder alle bei jedem: Der reichliche Segen, die unerschöpfliche Gnade, die Hilfe der Christen, eine Gemeinde von Märtyrern, ein Heer von Triumphierenden, ein Chor von Betern. Wie hättest du dich bemüht, um nur einen zu finden, der für dich den Herrn versöhnte! Nun sind es vierzig, die ihr einmütiges Gebet emporsenden. Wo zwei oder drei im Namen des Herrn versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen. Wo aber vierzig sind, wer wird da an der Gegenwart Gottes zweifeln? Der Bedrängte flieht zu den vierzig Märtyrern, der Fröhliche geht zu ihnen, der erste, um Befreiung von seinem Leiden zu finden, letzterer, damit ihm sein Glück bleibe. Hier trifft man eine fromme Frau, die für ihre Kinder betet, 443 die dem abwesenden Gatten die Rückkehr, dem Kranken die Gesundheit erfleht. Mit den Gebeten der Märtyrer sollen unsere Gebete sich vereinigen. Die Jünglinge sollen diese ihre Altersgenossen nachahmen, die Väter wünschen, Väter solcher Kinder zu sein, die Mütter, ein Beispiel einer guten Mutter kennen lernen.
Als nämlich die Mutter eines jener Seligen sah, daß die andern Blutzeugen infolge der Kälte bereits verschieden waren, ihr Sohn aber dank seiner Kraft und Widerstandsfähigkeit noch lebte und von den Schergen zurückgelassen wurde in der Hoffnung, er werde seine Gesinnung ändern, da hob sie ihn mit ihren eigenen Armen in den Wagen, auf dem die andern lagen und zum Scheiterhaufen gebracht wurden — wahrhaftig eines Märtyrers Mutter! Sie weinte nicht zaghaft, redete nichts, was kleinlich und jenes Augenblickes unwürdig, sondern sprach: „Mein Sohn, vollende die glückliche Reise mit deinen Alters- und Zeltgenossen, damit du nicht vom Chore getrennt werdest und nicht später als die andern vor dem Herrn erscheinest.“ Wahrlich, einer guten Wurzel guter Sproß! Die edle Mutter zeigte, daß sie ihn mehr mit den Lehren der Gottesfurcht genährt hatte, als mit Milch. Und so geleitete die Mutter den also Erzogenen; der Teufel aber mußte beschämt abziehen. Hatte er doch die ganze Schöpfung gegen sie in Bewegung gesetzt und sehen müssen, wie der Heldenmut der Männer alles überwand: Die windige Nacht, die kalte Gegend, die eisige Jahreszeit, die Entblößung der Körper. — O heiliger Chor! O ehrwürdige Schar, o unerschütterliche Phalanx, o gemeinsame Beschützer aller Menschen! O ihr Genossen unserer Sorgen, ihr Helfer bei unseren Gebeten, mächtigste Boten, ihr Sterne der Welt und Blumen der Kirche! Euch hat nicht die Erde bedeckt, sondern der Himmel aufgenommen; euch sind die Pforten des Paradieses geöffnet worden. Ein würdiges Schauspiel für das Heer der Engel, für die Patriarchen, Propheten, Gerechten waren die Männer, die schon in der Blüte der Jugend das Leben verachtet und den Herrn mehr geliebt haben als Eltern und Kinder. Gerade in den hoffnungsvollsten Jahren haben sie 444 das zeitliche Leben verachtet, um Gott in ihren Gliedern zu preisen, und wurden ein Schauspiel für die Welt, die Engel und die Menschen. Sie haben die Gefallenen aufgerichtet, die Wankenden gestärkt, die Sehnsucht der Frommen verdoppelt. Sie alle haben ein Siegeszeichen für den Glauben errichtet, sind auch mit einer Krone der Gerechtigkeit geschmückt worden in Christo Jesu, unserm Herrn, dem die Ehre und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.