419 AUF GORDIUS, DEN MARTYRER (Migne, PG. XXXI, 489—508)
Inhalt: Das Volk eilt am Festtage des Martyrers zu dessen Grabstätte. Basilius benützt diesen Anlaß zu einer Lobrede auf den Heiligen und empfiehlt dessen Nachahmung (c. 1). Seine Lobrede hat im Gegensatz zu profanen Huldigungen nur das tugendhafte Leben des Heiligen zum Inhalt. Der Zuhörer Heimatgenosse und ein Soldat, verließ Gordius in der Zeit der Christenverfolgung Heimat und Heer und zog in die Einöde (c. 2). Dort lernte er Gottes Geheimnisse und des Lebens Eitelkeit kennen, kam dann zurück, um anläßlich einer heidnischen Festesfeier vor allem Volke sich als Christen zu bekennen (c. 3). Das Bekenntnis des verwahrlosten und doch verklärten Gordius erregte allgemeines Aufsehen, entzückte die Gläubigen, ärgerte die Heiden. Durch seine mutige Bekenntnis- und Anklagerede reizte er den Präfekten zur äußersten Wut, der das furchtbarste Martyrium befahl (c. 4). Gordius betete und frohlockte um so lauter, je peinvoller die Martern. Auch Versprechungen des Wüterichs blieben erfolglos (c. 5). Nun ward er zum Tode verurteilt. Zur Hinrichtung eilte die ganze Stadt hinaus. Von Heiden und Christen wurde der Standhafte nochmals bestürmt, sich vom Tode zu retten (c. 6). Aber Gordius verwies auf seine biblischen Vorbilder, die Hauptleute im Evangelium und in der Apostelgeschichte (c. 7). Die Anwesenden warnte er, nicht um ein paar Erdentage die Ewigkeit zu verlieren; dann starb er freudig (c. 8).
§ 1
Die Bienen haben ein Naturgesetz, ihre Körbe nicht eher zu verlassen, als bis die Königin dem Schwarm vorausfliegt. Nun sah ich auch das Volk des Herrn 420 heute zum ersten Male zu den himmlischen Blumen, den Märtyrern, hinauseilen, und da suche ich nach einem Führer. Wer hat denn diesen großen Haufen in Bewegung gesetzt, wer die winterliche Traurigkeit in Frühlingsheiterkeit verwandelt? Heute zum ersten Male ist das Volk aus der Stadt wie aus Bienenkörben hinausgeströmt und hat die herrliche Vorstadt, diese ehrwürdige und wunderbar schöne Rennbahn der Martyrer, dicht besetzt. Auch uns hat das Wunder des Martyrers aufgescheucht, unsere Schwäche vergessen lassen und hierhergeführt. So wollen wir denn, so gut es unsere Stimme erlaubt, gleichsam die Blume der Taten dieses Helden umsummen und damit ein heiliges und den Anwesenden willkommenes Werk vollbringen. Denn „wenn der Gerechte gelobt wird, freuen sich die Völker“, sagte uns unlängst der weise Salomon. Freilich konnte ich mir nicht darüber klar werden, was denn eigentlich die rätselhaften Worte des Spruchdichters besagen wollen. Etwa, daß „die Völker sich freuen“, wenn ein gewandter Redner oder Rhetor eine staunenerregende Rede verfaßt und in elegantem Vortrage der Hörer Ohren umtönt, wenn sie also die Originalität der Gedanken, deren Anordnung, die pomphafte Sprache und die harmonische Verbindung der Rede mit Beifall aufnehmen? Oder ob er das nie gemeint habe, da er selbst solcher Darstellung sich nie bedient hat? Auch hat er uns wohl nicht ermahnt, mit hochtrabenden Worten die Seligen zu preisen, da er doch selbst die gewöhnliche Ausdrucksweise und schmucklose Sprache überall bevorzugt hat. Was will er also sagen? Daß die Völker eine geistige Freude genießen schon allein in Erinnerung an die herrlichen Taten der Gerechten, wobei sie sich zur Nacheiferung und Nachahmung des Guten, von dem sie 421 hören, angetrieben fühlen. Denn die Lebensbeschreibung von Männern, die vorbildlich gelebt haben, ist für die Heilsbeflissenen gleichsam ein Licht auf ihrer Lebensbahn. Sobald wir den Geist vom Leben des Moses erzählen hörten, überkam uns sofort auch das Verlangen, uns die Tugend des Mannes anzueignen, und jedem schien das gelassene Benehmen nachahmens- und lobenswert. Im allgemeinen erwächst den Menschen das Lob aus einer rednerischen Übertreibung; bei den Gerechten aber genügt das, was sie in Wirklichkeit geleistet haben, um ihre heroische Tugend ins Licht zu stellen. Wenn wir also das Leben derer erzählen, die sich durch Frömmigkeit ausgezeichnet haben, so verherrlichen wir fürs erste den Herrn durch seine Diener, loben zweitens die Gerechten durch Bezeugung dessen, was wir wissen, „erfreuen“ endlich „die Völker“, wenn sie von den herrlichen Taten hören. So ist eine Ermahnung zur Keuschheit das Leben Josephs und eine Ermunterung zur Tapferkeit die Geschichte des Samson.
§ 2
Die göttliche Schule kennt also kein Gesetz für Lobreden; das Zeugnis der Taten gilt ihr als Lobrede, weil dies sowohl zum Lobe der Heiligen genügt, als auch denen, die nach Tugend streben, ausreichend Nutzen bringt. Das Gesetz der Lobreden fordert nämlich, daß man nach dem Vaterland frägt, die Abkunft aufsucht, die Erziehung schildert. Unser Gesetz aber schweigt von den Verwandten und hat ein vollgültiges Zeugnis an dem, was jeder zu eigen hat. Bin ich etwa dann ehrwürdiger, wenn meine Vaterstadt schwere, große Kämpfe bestanden und herrliche Siegesdenkmale errichtet hat? Stehe ich höher, wenn sie eine günstige Lage hat, die im Sommer wie im Winter zusagt? Ist sie auch noch so volkreich und zur Viehzucht wie geschaffen, was habe ich davon? Aber meine Heimat ist auch an Pferdezahl das erste Land unter der Sonne. Doch was können diese Dinge die Tugend eines Menschen ins Licht stellen? Werden wir etwa auch so töricht sein und 422 glauben, dadurch, daß wir die benachbarten Berge schildern, wie sie über die Wolken hinausragen und weit hinauf in die Luft reichen, das Lob der Menschen vermehren zu können? Nichts Lächerlicheres auf der Welt, als die Lobreden auf die Gerechten, die doch die ganze Welt für nichts erachten, mit Bagatellen, die sie verachteten, auszustaffieren. Die bloße Erinnerung an sie bringt bleibenden Gewinn. Sie brauchen zu ihrem Ruhm unser Zutun nicht, dagegen tut uns Lebenden die Erinnerung an sie als Vorbilder not. Wie das Leuchten eine natürliche Folgeerscheinung des Feuers und das Duften eine solche der Salbe ist, so folgt guten Taten notwendig der Nutzen.
Indes ist es nicht wertlos, darüber einen wahrheitsgetreuen Bericht zu bekommen, was sich seinerzeit zugetragen hat. Es sind uns ja freilich nur dürftige Mitteilungen über die heroischen Taten des Mannes überliefert worden. Und so will es uns wie den Porträtmalern gehen: Wenn diese ihre Personen nach Bildern malen, so erreichen sie, wie begreiflich, das Urbild meist nicht. Auch für uns, die wir keine persönlichen Zeugen der Geschehnisse sind, besteht die nicht geringe Gefahr, die Wirklichkeit zu verdunkeln. Doch weil nun einmal der Gedächtnistag des Martyrers da ist, des Martyrers, der in seinem Martyrium für Christus so herrlich sich bewährt hat, so wollen wir sagen, was wir wissen.
Er ist in unserer Stadt geboren, und so lieben wir ihn um so mehr, als er uns zur besonderen Zierde gereicht. Wie die Fruchtbäume ihre Früchte dem eigenen Lande gaben, so hat auch er, dem Schoße unseres Landes entsprossen und hier auf den Gipfel des Ruhmes emporgestiegen, eben das Land, das ihn hervorgebracht und großgezogen hat, in den Genuß der Früchte seiner Gottseligkeit gesetzt. Gut sind ja wohl auch die ausländischen Früchte, wenn sie wohlschmeckend und nahrhaft sind; aber viel süßer sind die eigenen und heimatlichen Früchte, weil sie zum Genusse hin dank ihres heimischen Ursprunges uns auch noch zu einem gewissen Stolz berechtigen. Er stand bei einer Elitetruppe, zeichnete sich durch Körperstärke und Mannesmut aus, so daß ihm ein Kommando über einhundert Mann anvertraut wurde. 423 Aber als der damalige Herrscher seinen Ingrimm und seine Grausamkeit steigerte bis zum Kampfe gegen die Kirche, seine Frevlerhand gegen den Gottessglauben erhob und überall, auf jedem Marktplatze und an jedem bedeutenden Orte Bekanntmachungen und Erlasse anschlagen ließ, wornach man Christum unter Androhung der Todesstrafe nicht mehr anbeten durfte, wornach die Anbetung und göttliche Verehrung der Götzen und der von Künstlerhand geformten Steine und Holzfiguren unter Androhung der schwersten Strafen befohlen ward, damals, als in der ganzen Stadt ein wildes Chaos herrschte, die Gottesverehrer ausgeplündert wurden, ihr Vermögen geraubt, die Leiber der Christen mit Geißelhieben zerfleischt, Frauen mitten durch die Stadt geschleppt, die Jugend nicht geschont, das Alter nicht geehrt wurde, Unschuldige wie Missetäter gestraft, die Kerker zu enge wurden, die wohnlichen Häuser verödeten und die Einöden mit Flüchtlingen sich füllten, deren Verbrechen die Gottesverehrung war, damals, als der Vater den Sohn verriet und der Sohn den Vater anzeigte, Brüder gegen Brüder wüteten, Sklaven gegen ihre Herren aufstanden, schreckliche Macht das Leben umfing, vor teuflischem Wahnsinn die Menschen einander nicht mehr kannten, die Gebetshäuser von gottlosen Händen niedergerissen, die Altäre umgestürzt wurden, als es weder Opfer noch Rauchwerk noch Opferstätten gab, sondern die Wolke schrecklicher Traurigkeit alles einhüllte, die Diener Gottes vertrieben und der ganze Chor frommer Anbetung gesprengt wurde, die Teufel aber tanzten und alles mit Fettdampf und Blut besudelten — da warf dieser edle Mann, um dem gerichtlichen Zwange zuvorzukommen, seinen Soldatengürtel weg und ging in die Verbannung. Er sah hinweg über Amt, Ruhm, allen Reichtum, Verwandtschaft, Freunde, Diener, Lebensgenuß und alles, was dem Menschen wünschenswert ist, und floh in die verborgensten, von Menschen nicht betretenen Einöden. Er zog das 424 Leben mit den wilden Tieren der Gemeinschaft mit den Götzendienern vor — wie einst der Eiferer Elias, der auf den Horeb floh, als er zu Sidon die Abgötterei überhandnehmen sah, dort in einer Höhle wohnte und Gott suchte, bis er den heiß Ersehnten schaute, soweit ein Mensch Gott schauen kann.
§ 3
So war also auch Gordius: Er floh das Getümmel der Stadt, den Schwarm des Marktes, den Stolz der Ämter, die Gerichtshöfe, die falschen Ankläger, die Verkäufer, Käufer, Meineidigen, Lügner, die Schmähreden, Witzeleien und was sonst noch Großstädte gleichsam im Schlepptau nach sich ziehen. Er reinigte seine Ohren, reinigte seine Augen und reinigte vor allem sein Herz, um Gott schauen zu können und selig zu werden. Dann sah er ihn auch wirklich in Offenbarungen und wurde in die Geheimnisse eingeweiht — nicht von Menschen, noch durch Menschen, sondern vom großen Lehrer, dem Geiste der Wahrheit. Von hier aus kam er zur Einsicht, wie unnütz das Leben, wie eitel, wie flüchtiger als jeder Traum und Schatten, und mächtiger denn je regte sich in ihm das Verlangen nach der himmlischen Berufung. Nachdem er sich dann wie ein Kämpfer durch Fasten, Wachen, Beten, unablässige, stete Betrachtung der Aussprüche des Geistes hinlänglich geübt und zum Kampfe gesalbt hatte, wartete er jenen Tag ab, an dem alles Volk der Stadt zum Feste des Kriegsgottes (Mars) im Theater sich einfand, um ein Pferderennen anzusehen.
Wie nun das ganze Volk eben versammelt war, kein Jude, kein Heide fehlte, unter ihnen selbst viele Christen, die unvorsichtig wandelten, im Rate der Eitelkeit saßen, anstatt die Versammlungen der Übeltäter zu meiden, und die Schnelligkeit der Pferde und die Gewandtheit der Wagenlenker mitansahen, wo selbst die Herren ihren Sklaven freigegeben hatten, die Kinder aus der Schule zum Schauspiel gelaufen kamen, und selbst die gewöhnlichsten Weiber aus der untersten Volksschicht zugegen waren, wie also die Rennbahn bereits voll war und alle gespannt auf den Wettlauf der Pferde harrten — da 425 stieg jener edle, hochherzige und hochgesinnte Mann von den Bergen herab und herein in den Schauplatz, ohne sich zu fürchten vor dem Volke, ohne zu bedenken, wieviel feindlichen Händen er sich überliefere. Vielmehr ging er furchtlosen Herzens und fröhlichen Sinnes an der langen Mauer und dichten Allee der Rennbahnlagerer vorüber und stellte sich in die Mitte — eine Bestätigung des Schriftwortes: „Der Gerechte ist beherzt wie ein Löwe.“ Und er war so unerschrockenen Mutes, daß er von einer exponierten Stelle des Theaters aus mit unerschütterlichem Freimute jene Worte ausrief, deren sich heute noch einige Ohrenzeugen erinnern, jene Worte: „Es fanden mich die, die mich nicht suchten; ich erschien vor denen, die nicht nach mir fragten.“ Damit gab er nämlich zu verstehen, daß er nicht gezwungen den Gefahren gegenüberstehe, sondern sich freiwillig zum Kampfe gestellt habe, eingedenk des Herrn, der, unerkannt im Dunkel der Nacht, den Juden sich selbst zu erkennen gab.
§ 4
Alsbald richteten sich aller Blicke auf das unerwartete Schauspiel: Ein Mann mit verwahrlostem Aussehen — schmutzig sein Haupt vom langen Aufenthalt in den Bergen, herabhängend sein Bart, unsauber sein Gewand, dürr und hager sein ganzer Leib. Er trug einen Stock und war mit einem Brotsacke ausgerüstet. Aber über all dem lag eine Anmut ausgegossen, die aus seinem Innern strahlte und ihn umleuchtete. Wie er erkannt wurde, erhob sich plötzlich allerseits ein gemischtes Geschrei: Seine Glaubensgenossen frohlockten vor Freude; die Feinde der Wahrheit aber drangen in den Richter, ihn zu töten, und verurteilten ihn schon im voraus zum Tode. Alles war voll Geschrei und Lärm; man sah nicht mehr auf die Pferde, nicht mehr auf die 426 Wagenlenker; das Gerassel der Wagen klirrte umsonst. Kein Auge fand Zeit, etwas anderes zu sehen als Gordius; kein Ohr wollte etwas anderes hören als seine Worte. Ein verworrenes Gemurmel ging wie ein Luftzug durch das ganze Theater und übertönte das Rennen der Pferde. Als aber durch Herolde dem Volke das Zeichen zum Schweigen gegeben wurde, da setzten die Flöten aus und verstummten die vielen Instrumente; man hörte nur Gordius, man sah nur Gordius.
Sofort ward er zum Präfekten geführt, der von seinem Sitze aus das Kampfspiel leitete. Dieser fragte ihn in sanftem, mildem Tone, woher und wer er wäre. Gordius gab nun seine Heimat und Abkunft, seinen früheren Stand, die Ursache seiner Flucht und Rückkehr an und schloß dann: „Ich bin hier, um in der Tat meine Verachtung eurer Gebote und den Glauben an Gott, auf den ich meine Hoffnung setze, zu bekunden. Auch habe ich gehört, daß du viele an Grausamkeit überträfest. Deshalb habe ich mir diese geeignete Stunde auserwählt, mein Verlangen zu befriedigen.“ Mit diesen Worten entflammte er im Statthalter das Feuer des Zornes und reizte die ganze Wut des Mannes gegen sich auf. „Man rufe“, gebot er, „den Henker! Wo sind die Bleiplatten, wo die Geißeln? Er werde auf das Rad gespannt, auf der Folter gequält; man bringe die Marterwerkzeuge bei, die wilden Tiere, das Feuer, das Schwert, das Kreuz; man grabe eine Grube! Und doch, wieviel gewinnt der Frevler,“ sprach er, „da er nur einmal stirbt!“ „Wie fällt es mir doch so schwer,“ fiel ihm Gordius ins Wort, „nicht oftmals für Christus sterben zu können!“ — Der Tyrann, von Natur schon grausam, wurde noch wütender, als er auf die Würde des Mannes sah und dessen jugendliche Geistesgröße als eigene Schmach empfand. Je mehr er auf das unerschrockene Herz sah, desto mehr wurde er aufgebracht und desto mehr suchte er den 427 Widerstand des Mannes mit allen erdenklichen Martern zu brechen. Soweit der Präfekt.
§ 5
[Forts. v. 427 ] Der Martyrer aber schaute auf zu Gott und tröstete sich mit den Worten der hl. Psalmen: „Der Herr ist mein Helfer; ich will nicht fürchten, was mir ein Mensch tun mag“, und: „Ich will nichts Übles fürchten, weil du bei mir bist“, und mit ähnlichen Worten, die zur Standhaftigkeit ermuntern, und die er aus den göttlichen Schriften gelernt hatte. Ja, weit entfernt, den Drohungen zu weichen oder sich schrecken zu lassen, forderte er die Martern sogar gegen sich heraus. „Was zaudert ihr,“ frug er, „was steht ihr da? Zerfleischt meinen Leib, foltert meine Glieder, martert sie, soviel ihr wollt! Beneidet mich nicht um die selige Hoffnung! Dann je größere Qualen ihr mir bereitet, zu desto größerem Lohn werdet ihr mir verhelfen. Wir sind also mit dem Herrn übereingekommen: Für die dem Leibe geschlagenen Wunden erblüht uns bei der Auferstehung ein glänzendes Gewand, für den Kerker das Paradies, für die Verurteilung mit den Missetätern das Leben mit den Engeln. Säet viel an mir, damit ich viel ernte!“ — Als sie ihm mit Drohungen nicht beikommen konnten und dies Bemühen vergebens war, änderten sie ihren Plan und versuchten es mit Schmeicheln. Das ist ja die listige Taktik des Teufels: Den Furchtsamen schreckt er, den Starkmütigen schmeichelt er. Mit solchen Kunstkniffen versuchte es auch damals der Bösewicht. Sobald er sah, daß Gordius auf seine Drohungen nichts gab, suchte er ihn durch List und Lockungen zu fangen. Er versprach ihm Geschenke, gab ihm sogleich einige; weitere verhieß er ihm von seiten des Kaisers, nämlich eine glänzende Stellung im Heere, Geldgeschenke, kurz alles, was er wünschen mochte.
§ 6
Als auch dieser Versuch vergeblich war — als nämlich der Selige die Versprechungen hörte, lachte er über die Torheit des Präfekten und frug ihn, ob er denn 428 wohl glaube, ihm etwas geben zu können, was dem Himmelreich vergleichbar wäre —, da kannte sein Zorn keine Grenzen mehr; er zog das Schwert, ließ den Henker neben sich treten und befleckte Hand und Zunge mit Mord, indem er den Seligen zum Tode verurteilte. Jetzt strömte das ganze Theaterpublikum an diesen Ort, und auch alle andern Bewohner, die noch in der Stadt zurückgeblieben waren, eilten vor das Stadttor hinaus, um jenes große Kampfspiel zu schauen, das wunderbar für die Engel und die ganze Schöpfung, traurig aber für die Teufel und schrecklich für die Dämonen. Die Stadt wurde menschenleer, da die Menge einem Strome gleich auf diesen Platz hinausflutete. Kein Weib, das bei diesem Schauspiel fehlen wollte, kein Mann, ob unscheinbar oder hochgestellt. Die Haushüter verließen ihren Posten; die Läden der Kaufleute blieben ungeschlossen; die Waren ließ man auf dem Marktplatze zerstreut liegen; die einzige Wache und Sicherheit für alles bestand darin, daß alle Bewohner zugleich hinauseilten und auch nicht ein Bösewicht in der Stadt zurückblieb. Sklaven liefen ihrer Herrschaft von der Arbeit weg; alles fremde und einheimische Volk fand sich hier ein, den Mann zu sehen. Sogar die Jungfrau wagte sich dem Blicke der Männer auszusetzen; Greise und Kranke überwanden ihre Schwäche und fanden sich außerhalb der Mauern ein. Schon umstanden die Freunde den Seligen, der durch den Tod zum Leben eilen wollte, schon umarmten sie ihn unter Tränen, sagten ihm das letzte Lebewohl und baten ihn unter heißen Tränen, er möchte doch nicht sich selbst dem Feuer übergeben, nicht seine Jugend opfern, nicht diese liebliche Sonne verlassen. Andere suchten ihn anders umzustimmen und rieten ihm: „Sprich nur mit dem Munde die Verleugnung aus, mit dem Herzen halt am Glauben fest, wie du willst. Gott sieht ja keineswegs auf die Zunge, sondern auf das Herz des Redenden. So kannst du den Richter besänftigen und Gott versöhnen.“
§ 7
Er blieb aber unbeugsam und unüberwindlich, und keine anstürmende Versuchung konnte ihn verwunden. Seine unerschütterliche Standhaftigkeit magst du mit 429 dem Hause des weisen Mannes vergleichen, das, auf festen Felsengrund gebaut, keine unwiderstehliche Gewalt der Winde, kein aus den Wolken hervorbrechender Platzregen, keine reißenden Ströme zu erschüttern vermögen. Ein solcher Mann war Gordius; die Grundfeste seines Glaubens an Christus ließ er sich nicht erschüttern. Mit den Augen des Geistes sah er den Teufel umhergehen, wie er den einen zu Tränen rührte, dem andern beim Zuspruche behilflich war. Deshalb sprach er die Weinenden mit den Worten des Herrn an: „Weinet nicht über mich“, sondern weinet über die Feinde Gottes, die gegen die Gläubigen so vorgehen und durch die Flammen, die sie uns anzünden, sich selbst das Feuer der Hölle zurechtrichten. Hört auf zu weinen und mein Herz zu betrüben! Denn ich bin nicht bloß einmal bereit, für den Namen des Herrn Jesu zu sterben, sondern sogar tausendmal, wenn es möglich wäre. Denen aber, die ihm die Verleugnung mit dem Munde nahelegten, antwortete er nur soviel: „Die Zunge, die von Christus geschaffen ist, kann unmöglich etwas gegen den Schöpfer reden. Denn mit dem Herzen glauben wir zur Gerechtigkeit, mit dem Munde aber geschieht das Bekenntnis zum Heil.“ Ist denn der Kriegerstand vom Heile ausgeschlossen? Gibt es keinen gottesfürchtigen Hauptmann? Ich denke zunächst an den Hauptmann, der beim Kreuze Christi stand, aus den Wunden seine Macht erkannte, und in einem Augenblicke, da der Juden Missetat noch ganz warm war, deren Wut nicht fürchtete, noch kleinlaut die Wahrheit verschwieg, sondern bekannte und nicht leugnete, daß er wahrhaftig der Sohn Gottes war. Ich kenne noch einen andern Hauptmann, der einsah, daß der Herr, da er noch im Fleische wandelte, Gott und König der Mächte sei und imstande sei, durch bloßen Befehl mittelst der dienstbaren Geister den Hilfsbedürftigen zu helfen; seinen Glauben hat der Herr größer befunden als den Glauben von ganz Israel. Wurde nicht auch Kornelius, ein 430 Hauptmann, gewürdigt, den Engel zu sehen, und hat er nicht schließlich durch Petrus das Heil erlangt? Denn seine Almosen und Gebete hatten bei Gott Erhörung gefunden. Der Schüler dieser Männer will ich sein. Wie kann ich meinen Gott verleugnen, den ich von Jugend auf angebetet habe? Würde nicht der Himmel dort oben sich entsetzen? Würden nicht meinetwegen die Sterne verfinstert werden? Würde die Erde mich überhaupt noch tragen? „Täuschet euch nicht; Gott läßt seiner nicht spotten.“ Aus unserem Munde richtet er uns; aus unseren Worten rechtfertigt er, aus unseren Worten verdammt er. Habt ihr die schreckliche Drohung des Herrn nicht gelesen: „Wer mich vor den Menschen verleugnet, den will ich auch vor meinem Vater verleugnen, der im Himmel ist.“
§ 8
„Weshalb ratet ihr mir, mich so zu verstellen? Wird mir etwa ein solcher Kunstkniff etwas nützen? Soll ich einige kurze Tage gewinnen und dafür eine ganze Ewigkeit büßen? Soll ich den Schmerzen des Leibes entfliehen und dafür die Güter der Gerechten nicht schauen? Es wäre doch heller Wahnsinn, sich mit Fleiß zugrunde zu richten, mit Lug und Trug die ewige Strafe sich zuzuziehen. Vielmehr will ich euch raten: Wenn ihr böse denket, so lernt die Gottesfurcht; heuchelt ihr aber dem Augenblick entsprechend, so ‚leget die Lüge ab und redet die Wahrheit‘! Sagt, daß ‚der Herr Jesus Christus in der Herrlichkeit des Vaters ist‘. Denn diese Worte wird jede Zunge aussprechen, wann ‚im Namen Jesu sich beugen werden alle Knie derer, die im Himmel, auf Erden und unter der Erde sind‘. Sterbliche sind alle Menschen, aber Martyrer wenige. Laßt uns nicht warten, bis wir tot sind, sondern vom Leben zum Leben übergehen! Warum wartet ihr auf den natürlichen Tod? Er bringt keine Frucht, keinen Gewinn; er ist Tieren und Menschen 431 gemein. Denn wer durch die Geburt ins Leben eingetreten ist, den verzehrt entweder das Alter, oder eine Krankheit löst ihn auf, oder ein unvermeidlicher gewaltsamer Unfall rafft ihn hinweg. Da wir nun doch einmal sicher sterben müssen, so laßt uns durch den Tod das Leben verschaffen! Tut freiwillig, was einmal notwendig ist! Schont das Leben nicht, das ihr doch verlieren müßt! Ja, hätte auch das irdische einen gleich ewigen Bestand, so müßten wir uns doch bemühen, es mit dem himmlischen zu vertauschen. Da es aber nur von kurzer Dauer ist und an Wert hinter dem Himmlischen weit zurücksteht, so wäre es ein schrecklicher Wahnsinn, durch einen Übereifer für das Irdische die in den Verheißungen hinterlegten Seligkeiten zu verlieren.“ —
Nachdem Gordius so gesprochen, bezeichnete er sich mit dem Zeichen des Kreuzes und eilte zur Hinrichtung, ohne die Farbe zu verändern, ohne die Fröhlichkeit des Herzens zu verlieren. Denn er war in einer Stimmung, nicht als ob er sich dem Henker überliefern, sondern den Händen der Engel übergeben wollte, die ihn gleich nach seinem Tode aufnehmen und wie den Lazarus in das selige Leben versetzen würden. — Wer mag das Geschrei des Volkes schildern? Welcher Donner hat jemals ein solches Rollen aus den Wolken auf die Erde gesandt wie das Getöse, das damals von der Erde zum Himmel hinaufstieg? Dies ist der Kampfplatz jenes gekrönten Kämpfers. Dieser Tag hat jenes wunderbare Schauspiel gesehen, das die Zeit nicht verdunkelt, die Gewohnheit nicht verwischt, die Größe späterer Ereignisse nicht übertroffen hat. Denn wie wir die Sonne immer bewundern, obschon wir sie immer sehen, so bleibt auch das Andenken an jenen Mann immer neu. Denn „im ewigen Andenken wird der Gerechte sein“, sowohl bei den Menschen auf Erden, 432 solange die Erde bestehen wird, als auch im Himmel beim gerechten Richter, dem Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.