AUF DIE HL. GEBURT CHRISTI (Migne, PG. XXXI, 1457—1476)
Inhalt: Nicht von der geheimnisvollen, ewigen Geburt des Sohnes aus dem Vater soll die Rede sein 404 (c. 1), sondern von der Menschwerdung des Wortes gemäß Joh. 1,14. „Das Wort ward Fleisch“ nicht in Form einer Verwandlung oder überhaupt auf Kosten der Gottheit; es nahm die menschliche Natur an, um den Tod im Menschen zu überwinden (c. 2). Folgen der Menschwerdung des Wortes für den sterblichen, sündigen Menschen. Gründe für die Heilandsgeburt aus einer Jungfrau, und zwar aus einer verlobten (c. 3). Exegese von Matth. 1, 19—23 (jungfräuliche Empfängnis und Geburt) (c. 4). Exegese von Matth. 1, 23—25 (Nachweis der Jungfrauschaft Mariä auch nach der Geburt; Widerlegung gegensätzlicher Einwände) und Matth. 2, 1—2 (Kennzeichnung der „Magier“ und deren Motive zum Aufsuchen des Neugeborenen. Die Huldigung der Magier ein besonders glaubwürdiges Zeugnis für den menschgewordenen Gott) (c. 5). Der wegweisende Stern kein astronomischer Stern, sondern ein außergewöhnlicher. — Symbolisierung der Magiergeschenke. Der Stern auch kein Komet. Erklärung der Verse Matth. 2, 9 und Luk. 2, 10—11. Aufruf zur Freude ob der Weihnachtsbotschaft und -gnade und zum Dank hiefür. Kein Grübeln, nur Jubel und Dank ist hier angezeigt und die Nachahmung derer, die einst als die ersten dem Kinde sich gläubig nahten, damit auch wir der Segnungen seiner gnadenreichen Ankunft teilhaft werden (c. 6).
§ 1
Christi Geburt, die eigentliche und erste, seine Gottheit betreffende, soll in Schweigen verehrt werden; ja selbst unserm Denken wollen wir wehren, über dies Geheimnis auch nur nachzugrübeln. Denn wo noch keine Zeit, kein Zeitraum vermittelt hat, wo noch keine Ausdrucksform gefunden war, wo kein Augenzeuge dabei war und kein Erzähler berichtet, wie soll da der Verstand sich eine Vorstellung machen? Wie soll da die Zunge dem Gedanken Ausdruck verleihen? Der Vater war, und der Sohn wurde geboren. Sage nicht: Wann? Übergeh vielmehr diese Frage! Frage nicht: Wie? Denn unmöglich ist eine Antwort darauf. Denn das „Wann“ ist ein Zeitbegriff, das „Wie“ aber verleitet 405 uns zur Vorstellung von leiblichen Geburten. Ich kann an Hand der Schrift nur sagen, daß er gleichsam „der Abglanz der Herrlichkeit“ und gleichsam das Ebenbild des Urbildes ist.
Doch weil eine solche Antwort deinen grübelnden Geist noch nicht befriedigt, so flüchte ich mich in die Unaussprechlichkeit der Herrlichkeit und bekenne, daß die Art der göttlichen Geburt weder mit der Vernunft erfaßbar, noch mit Worten erklärbar ist. Sage nicht: „Wenn er geboren wurde, so war er nicht.“ Hasche nicht mit Gewalt in arglistiger Rede nach geschmacklosen Vorstellungen; beflecke nicht mit solchen Beispielen die Wahrheit, und verzerre nicht die Lehre über Gott! „Er wurde geboren“, sagte ich, um seinen Ursprung und seine Verursachung anzudeuten, nicht um den Eingeborenen als zeitlich später zu bezeichnen. Möge aber dein Verstand nicht in eine Leere sich versteigen und in Jahrhunderte zurückgehen, die früher sein sollen als der Sohn, tatsächlich aber weder sind noch waren. Wie können denn die Geschöpfe älter sein als ihr Schöpfer? Doch, was ich vermeiden wollte, in das bin ich im Verlaufe meiner Rede unversehens geraten. Wir wollen also das Thema von jener ewigen und unaussprechlichen Geburt verlassen in der Erwägung, daß unser Verstand dafür zu schwach und unsere Sprache wieder zu unbeholfen, den Gedanken Ausdruck zu geben.
§ 2
Wir müssen uns bewußt bleiben, wie weit die Sprache hinter der Wahrheit zurückbleibt. Wenn schon der Verstand der Natur des Geheimnisvollen nicht beikommen kann, so kann auch keine Sprache das irgendwie Gedachte adäquat zum Ausdruck bringen.
Gott auf Erden, Gott unter Menschen, nicht im Feuer und unter Posaunenschall, nicht auf rauchendem Berge oder bei Dunkel und bei herzerschütterndem und ohrenbetäubendem Sturmwinde Gesetze gebend, sondern in leiblicher Erscheinung sanft und gütig mit Seinesgleichen verkehrend. Gott im Fleische, nicht aus weiten 406 Entfernungen wirksam wie in den Propheten, sondern vereint mit einer der Menschheit wesensgleichen Natur, um so durch sein mit uns verwandtes Fleisch die ganze Menschheit zu sich zurückzuführen.
Wie ging nun, frägt man, die Herrlichkeit von einem auf alle über? Wie war die Gottheit im Fleische? Wie das Feuer im Eisen, nicht durch Übergang, sondern durch Mitteilung. Nicht entweicht ja das Feuer in das Eisen, sondern teilt ihm, am Orte verbleibend, nur von seiner Kraft mit; auch nimmt es nicht ab durch die Mitteilung, erfüllt vielmehr ganz, was mit ihm in Berührung kommt. So nun ist auch Gott das Wort nicht aus sich herausgetreten, und hat dennoch unter uns gewohnt, und ohne eine Veränderung zu erleiden „ward das Wort Fleisch.“ Der Himmel verlor den nicht, der ihn umfaßt, und doch nahm die Erde den Himmlischen in ihren Schoß auf. Denk dabei nicht an ein Herabsinken der Gottheit; denn sie geht nicht wie ein Körper von einem Ort an einen andern. Auch bilde dir nicht ein, die Gottheit hätte sich verändert in Form einer Verwandlung ins Fleisch; denn das Unsterbliche ist unveränderlich.
Wie, frägt man, ward nicht Gott das Wort mit leiblicher Ohnmacht angefüllt? Wir antworten: So wenig, als das Feuer von den Eigenschaften des Eisens berührt wird. Schwarz ist das Eisen und kalt; aber vom Feuer durchglüht nimmt es doch die Form des Feuers an, wird selbst glühend, ohne das Feuer zu schwärzen, flammensprühend, ohne die Flamme abzukühlen. Ebenso hat auch das menschliche Fleisch des Herrn an der Gottheit teilgenommen, ohne der Gottheit von seiner Schwachheit mitzuteilen. Oder gibst du nicht zu, daß die Gottheit ebenso wirkt wie dieses sichtbare Feuer? Träumst du vielmehr in deiner menschlichen Schwäche von einem Leiden beim Leidensunfähigen und weißt nicht, wie die verwesliche Natur durch ihre Vereinigung mit Gott die 407 Unverweslichkeit erlangt hat? Nun, vernimm vom Geheimnis!
Deshalb ist Gott im Fleische, um den darin verborgenen Tod zu töten. Wie die Arzneien als Gegengift dem Zersetzungsprozeß Einhalt gebieten, sobald sie mit dem Körper sich verbinden, und die Finsternis im Hause verschwindet, sobald man das Licht herbeibringt, so ist auch der Tod, der in der menschlichen Natur herrschte, durch die Gegenwart der Gottheit verscheucht worden. Und wie das Eis im Wasser, solange Nacht ist und Schatten, die Nässe beherrscht, unter dem Strahle der wärmenden Sonne aber schmilzt, so hat auch der Tod bis zur Ankunft Christi geherrscht. Als aber die rettende Gnade Gottes erschien und die Sonne der Gerechtigkeit aufging, da wurde der Tod verschlungen im Siege, weil er die Gegenwart des wahren Lebens nicht ertragen konnte. O Tiefe der Güte und Liebe Gottes! Dank dieser übergroßen Menschenfreundlichkeit haben wir das Joch der Knechtschaft abgeschüttelt. Und da suchen Menschen nun noch nach dem Grunde, weshalb Gott unter den Menschen weilte, indes sie doch seine Güte anbeten sollten.
§ 3
Was sollen wir mit dir anfangen, o Mensch? Solange Gott in der Höhe weilte, hast du ihn nicht gesucht; nachdem er aber zu dir herabgestiegen und jetzt in seinem Fleische mit dir verkehrt, nimmst du ihn nicht auf! Vielmehr frägst du erst nach dem Grunde, weshalb du mit Gott verwandt geworden. So vernimm ihn! Deshalb war Gott im Fleische, weil dieses verfluchte Fleisch geheiligt, das geschwächte Fleisch gestärkt, das gottentfremdete wieder ihm nahegebracht, das aus dem Paradiese verstoßene wieder in den Himmel zurückgeführt werden sollte.
Und welches war die Werkstätte für diesen Heilsplan? Der Leib der hl. Jungfrau. Welches sind die wirkenden Ursachen der Geburt? Der Hl. Geist und die 408 überschattende Kraft des Allerhöchsten. Doch vernimm lieber die eigenen Worte des Evangeliums! „Denn als seine Mutter Maria“, heißt es, „mit Joseph verlobt war, fand es sich, daß sie, ehe sie zusammenkamen, vom Hl. Geiste empfangen hatte.“ Jungfrau, und dabei verlobt mit einem Manne, war sie als das geeignete Werkzeug zur Erlösung ausersehen, damit so die Jungfrauschaft geehrt und anderseits die Ehe nicht verrufen werde. Die Jungfräulichkeit wurde als geeignet zur Heiligung ausersehen; mit der Verlobung aber war der Anfang zum ehelichen Leben gegeben. — Zugleich aber hatte sie im Bräutigam einen Schirmer ihres Lebens, insofern Joseph berufener Zeuge der Reinheit Mariä sein und Maria nicht dem Verdachte ausgesetzt werden sollte, die Jungfräulichkeit verletzt zu haben. — Ich kann aber noch einen anderen Grund anführen, keineswegs weniger gewichtig als die genannten: Es war nämlich der geeignete Zeitpunkt für die Menschwerdung des Herrn gekommen, der längst vorherbestimmt und vor Grundlegung der Welt beschlossen war, jener Zeitpunkt, da der Hl. Geist und die Kraft des Allerhöchsten jenes gotttragende Fleisch bilden mußten. Weil aber das zu jener Zeit lebende Menschengeschlecht nichts der Reinheit Mariä Ebenbürtiges aufzuweisen hatte, das die Kraft des Geistes hätte aufnehmen können, sie aber zuvor schon verlobt war, so wurde die selige Jungfrau auserkoren, da ja ihre Jungfrauschaft unter der Verlobung keineswegs gelitten hat. — Es ist übrigens von 409 einem alten Vater noch ein weiterer Grund genannt worden: An eine Verlobung mit Joseph hätte man deshalb gedacht, um dem Fürsten dieser Welt Mariä Jungfräulichkeit verborgen zu halten. Man hätte durch die äußere Verlobung der Jungfrau den Bösewicht gleichsam geblendet, ihn, der schon längst den Jungfrauen nachstellte, seit er aus dem Munde des Propheten vernommen: „Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären!“ So wurde nun durch die Verlobung der Feind der Jungfrauschaft hintergangen. Er wußte ja, daß die Ankunft des Herrn im Fleische die Zerstörung seines eigenen Reiches bedeuten würde.
§ 4
„Ehe sie zusammen kamen, fand es sich, daß sie empfangen hatte vom Hl. Geiste.“ Beides fand Joseph, die Schwangerschaft wie deren Ursache, daß sie nämlich vom Hl. Geiste herrührte. Aus Furcht davor, eines solchen Weibes Mann zu heißen, „beschloß er, sie heimlich zu entlassen“, weil er von ihrem Zustand nicht offen zu sprechen wagte. Da er aber gerecht war, ward ihm eine Offenbarung des Geheimnisses. „Während er nämlich mit diesem Gedanken umging, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Schlafe und sprach: „Fürchte dich nicht, Maria, dein Weib, zu dir zu nehmen.“ Denke nicht daran, mit ungereimten Einfällen die Sünde verheimlichen zu können! Du wirst doch gerecht genannt; ein gerechter Mann darf aber Ungerechtigkeiten nicht mit dem Stillschweigen zudecken. „Fürchte dich nicht, 410 Maria, dein Weib, zu dir zu nehmen!“ Joseph hatte also verraten, daß er über Maria nicht zürnte noch sie verachtete, daß er sich vielmehr nur fürchtete, weil sie vom Hl. Geiste empfangen hatte. „Denn das in ihr Gezeugte ist vom Hl. Geiste.“ Hieraus erhellt, daß beim Herrn die Menschwerdung nicht nach dem gewöhnlichen Naturlaufe vor sich ging. Denn das, womit sie schwanger ging, war dem Fleische nach sofort vollendet und erhielt, wie der Wortlauf verrät, nicht erst in allmählicher Entwicklung seine Gestalt. Denn es heißt nicht: das „Empfangene (κυηϑέν) [kyēthen], sondern das „Gezeugte“ (γεννηϑέν) [gennēthen]. Das aus Heiligkeit zusammengesetzte Fleisch war also würdig, mit der Gottheit des Eingeborenen vereint zu werden.
„Sie wird einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben.“ Wir haben beobachtet, daß die Namen derer, denen sie eigens beigelegt werden, die Natur ihres Trägers angeben, wie z. B. Abraham, Isaak und Israel. Denn bei einem jeden von diesen brachte der Name nicht so fast die Beschaffenheit des Leibes zum Ausdruck als vielmehr ihre charakteristische Eigenart. Darum wird auch er jetzt Jesus genannt, d. h. „Rettung des Volkes“. — Zugleich ist aber auch das Geheimnis, das vor Zeiten bestimmt und einst durch die Propheten verkündet worden ist, in Erfüllung gegangen. „Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Emmanuel nennen, das verdolmetscht heißt: Gott mit uns.“ Und eben dieser Name enthält schon längst die Offenbarung des ganzen Geheimnisses, daß nämlich Gott unter den Menschen wandeln würde, weil der Name Emmanuel, wie es heißt, in der Übersetzung bedeutet „Gott mit uns“. Kehre sich doch niemand an die ränkischen Einfälle der Juden, die da sagen, beim Propheten heiße es nicht 411 „Jungfrau “, sondern „Mädchen“. „Denn siehe,“ heißt es, „das Mädchen wird empfangen in ihrem Schoße.“ Denn fürs erste ist es höchst unvernünftig, das, was vom Herrn als (besonderes) Zeichen gegeben wurde, für etwas Gewöhnliches und für ein allgemeines Naturgeschehnis zu halten. Was sagt denn der Prophet? „Und der Herr fuhr fort, zu Achaz zu reden und sprach: Begehre dir ein Zeichen vom Herrn, deinem Gott, es sei in der Tiefe unten oder in der Höhe oben. Und Achaz sprach: Ich will keines begehren und den Herrn nicht versuchen.“ Kurz hernach sagt er dann: „Deshalb wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird empfangen.“ Weil Achaz kein Zeichen begehrt hat, weder in der Tiefe unten noch in der Höhe oben — du sollst nämlich wissen, daß der, welcher hinabgestiegen ist in die unteren Regionen der Erde, derselbe ist, der auch hinauffuhr über alle Himmel —, darum hat der Herr selbst ein Zeichen gegeben, ein Zeichen, das unerhört und wunderbar und dem gewöhnlichen Lauf der Natur ganz entgegen war. Ebendasselbe Weib ist Jungfrau und Mutter zugleich, bleibt in der Heiligkeit der Jungfrauschaft und erntet doch den Kindersegen. Wenn aber einige Ausleger das hebräische Wort mit „Mädchen“ (νεᾶνις) [neanis] statt mit „Jungfrau“ wiedergegeben haben, so geschieht dadurch dem Sinne der Stelle kein Eintrag. Denn wir finden die Setzung des Ausdruckes „Mädchen“ für „Jungfrau“ in der Schrift ganz geläufig. So heißt es z. B. im Deuteronomium: „Wenn einer ein Mädchen trifft, eine Jungfrau, die nicht verlobt ist, und ihr Gewalt antut und bei ihr liegt und erfaßt wird, so soll der Mensch, der bei ihr gelegen, dem Vater des Mädchens fünfzig Sekel Silber geben.“
§ 5
412 „Als nun Joseph vom Schlafe aufstand, nahm er sein Weib zu sich“. Obschon er mit der Neigung und Liebe und vollen Anhänglichkeit eines Verehelichten Maria als sein Weib betrachtete, so enthielt er sich doch der ehelichen Werke. „Denn er wohnte ihr nicht bei,“ heißt es, „bis sie ihren erstgeborenen Sohn geboren hatte.“ Dieser Ausdruck legt nun ja schon die Vermutung nahe, daß Maria, nachdem sie bei der durch den Hl. Geist verursachten Geburt des Herrn in (jungfräulicher) Reinheit mitgewirkt hatte, fortan den legitimen ehelichen Umgang nicht mehr abgewiesen hat. Obschon solche Annahme einem gottesfürchtigen Glauben keinen Eintrag täte — denn nur bis zur Dienstleistung beim Heilswerk war die Jungfräulichkeit notwendig; was hernach geschah, bleibt für das Geheimnis (der Erlösung) belanglos —, wir, die wir als Christusfreunde es nicht hören können, daß die Gottesgebärerin einmal aufgehört hätte, Jungfrau zu sein, wir halten gleichwohl die angeführten Zeugnisse (für eine stete Jungfrauschaft Mariä) für ausreichend. Zur Stelle: „Er wohnte ihr nicht bei, bis sie ihren Sohn geboren hatte“ sei gesagt, daß zwar die Partikel „bis“ häufig einen Zeitabschluß zu bedeuten scheint, in Wirklichkeit aber die Unbestimmtheit besagt. Ein Beispiel dafür ist das Wort des Herrn: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ Der Herr wird ja doch sicher auch nach dieser Weltzeit bei seinen Heiligen verbleiben. Die Verheißung der Gegenwart deutet vielmehr die Fortdauer an und ist kein Ausschluß der Zukunft. Ebenso ist unseres Erachtens auch hier das Wörtchen „bis“ gefaßt.
Wenn es aber heißt „Erstgeborener“, so verlangt der Erstgeborene nicht schlechthin schon eine Beziehung zu Nachfolgenden; vielmehr wird eben der, welcher zuerst den Mutterleib öffnet, Erstgeborener genannt.
413 Es beweist aber auch die Geschichte mit Zacharias, daß Maria allezeit Jungfrau geblieben ist. Es geht nämlich eine Sage, und sie ist auf dem Wege der Tradition auf uns gekommen, daß Zacharias Maria nach der Geburt des Herrn einen Platz unter den Jungfrauen angewiesen habe und dafür von den Juden zwischen Tempel und Altar getötet worden sei — eben auf die Anschuldigung des Volkes hin, er habe damit jenes wunderbare und vielgepriesene Zeichen bestätigt, wonach eine Jungfrau geboren, ohne die Jungfrauschaft zu verletzen.
„Als Jesus geboren war“, heißt es, „zu Bethlehem in Judäa, zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Magier aus dem Morgenlande nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden?“ Die Magier waren persischer Herkunft, gaben sich ab mit Wahrsagerei, Zauberei und außernatürlichen Kräften und verlegten sich auch auf die Beobachtung der Himmelserscheinungen. In dieser Wahrsagekunst scheint aber auch Balaam bewandert gewesen zu sein, den Balak kommen ließ, um über Israel mit gewissen Zeremonien den Fluch auszusprechen, und der in seinem vierten Gleichnisse also vom Herrn redet: „Es spricht der Mann, der da sieht, der da hört Gottes Worte, der da kennt die Lehre des Höchsten, der das Gesicht Gottes im Schlafe sieht, dessen Augen geöffnet sind. Ich will es ihm zeigen, aber nicht jetzt; ich preise ihn glücklich; aber er ist nicht nahe. Es wird aufgehen ein Stern aus Jakob, und aufstehen ein Mann aus Israel.“ Darum wollten 414 die Magier den Ort in Judäa aufsuchen — in Erinnerung an die alte Weissagung — und kamen, zu fragen, wo der neugeborene König der Juden wäre. Wohl möglich, daß sie auch schon wahrgenommen hatten, wie mit der Ankunft des Herrn die feindliche Macht schon geschwächt worden und deren Wirksamkeit ein Zurückgehen war und darum dem Geborenen eine große Macht zugeschrieben haben. Deshalb haben sie auch dem Kinde, nachdem sie es aufgefunden hatten, Geschenke dargebracht und es angebetet. Magier, ein gottentfremdetes und den Testamenten fernstehendes Volk, sind zuerst gewürdigt worden, zu huldigen, weil die Zeugnisse von seiten der Feinde glaubwürdiger sind. Hätten die Juden zuerst angebetet, so hätte man glauben können, sie wollten nur ihren eigenen Stamm verherrlichen. Nun aber beten das Kind als Gott solche an, die in keiner Weise mit ihm verwandt sind, damit die Verwandten gerichtet werden, die, welche den kreuzigten, den die Fremdländischen angebetet hatten. Da sie die Bewegungen der Himmelskörper studierten, betrachteten sie jene wunderbare Erscheinung am Himmel, den neuen, ungewöhnlichen Stern, der bei der Geburt des Herrn aufgegangen war, nicht gleichgültig.
§ 6
Doch greife niemand zum Apparat der Astrologie, um den Aufgang des Sternes zu erklären! Denn die, welche die Geburt unter den Einfluß der bereits existierenden Sterne stellen, machen eine bestimmte Stellung der Gestirne für die Vorgänge im Leben eines jeden einzelnen verantwortlich. Aber hier zeigte keiner der existierenden Sterne die Königsgeburt an, und der, welcher sie andeutete, war kein gewöhnlicher Stern. Denn die am Anfange mit der Schöpfung geschaffenen Sterne sind entweder ganz unbeweglich oder befinden sich in unaufhörlicher Bewegung. Der Stern aber, der damals schien, scheint beide Eigenheiten gehabt zu haben: er bewegte sich und stand still. Näherhin 415 bewegen sich unter den bereits existierenden Sternen die Fixsterne niemals, während die Planeten niemals stille stehen. Weil aber unser Stern beides in sich vereint, Bewegung und Stillstand, so gehört er offenbar zu keiner der beiden Arten. Er bewegte sich ja vom Aufgange bis nach Bethlehem, „blieb aber stehen über dem Orte, wo das Kind war.“ Deshalb haben die Magier, die vom Orient her der Führung des Sternes folgten und nach Jerusalem kamen, durch ihre Ankunft nicht bloß die ganze Stadt in Aufregung gebracht, sondern auch dem König der Juden Furcht eingejagt.
Nachdem sie nun den gefunden hatten, den sie gesucht, ehrten sie ihn mit Geschenken, mit Gold, Weihrauch und Myrrhen, vielleicht auch hierin der Prophetie Balaams folgend, der mit Bezug auf Christus also sprach: „Er hat sich gelagert und schläft wie ein Löwe und wie das Junge eines Löwen. Wer wird ihn aufwecken? Wer dich segnet, soll gesegnet sein; wer dir flucht, soll verflucht sein.“ Da nun die Schrift mit dem Löwen die königliche Würde, mit dem Lagern das Leiden und in der Macht des Segnens die Gottheit andeutet, so haben die Magier, der Prophetie folgend, ihm als einem König Gold, als einem Sterblichen Myrrhen und als Gott Weihrauch geopfert.
Es ist aber bezüglich der Umstände bei der Geburt auch die gekünstelte Auffassung derer nicht am Platze, die da behaupten, der Stern habe den Kometen geglichen, die ja besonders zur Anzeige königlicher Nachfolge am Himmel sichtbar werden sollen. Es sind ja auch 416 diese im allgemeinen unbeweglich; ihr Aufleuchten beschränkt sich auf einen bestimmt umschriebenen Raum. Die Kometen haben ja, ob Balken oder Gruben, verschiedene Gestalten und den Gestalten entsprechende Namen. Aber alle haben denselben Ursprung. Wenn nämlich die überflüssige Luft über der Erde in den Ätherraum sich ergießt und das Dichte und Trübe der aufsteigenden Substanz dem Feuer gleichsam als Stoff darbietet, dann stellt sie uns das deutliche Bild eines Sternes vor Augen. Der Stern aber, der im Morgenlande sichtbar wurde und die Magier zum Aufsuchen des Neugeborenen veranlaßte, war wieder so lange unsichtbar, bis er ihnen in ihrer Ratlosigkeit ein zweites Mal in Judäa erschien und sie so erkennen konnten, wessen Stern er war, wem er diente und um wessetwegen er aufgegangen. „Denn als der Stern am Orte, wo das Kind war, ankam, stand er still.“ Daher hatten auch die Magier, wie sie ihn sahen, eine überaus große Freude.
So wollen denn auch wir diese große Freude in unsere Herzen aufnehmen! Diese Freude verkündigten ja die Engel den Hirten. Mit den Magiern wollen wir auch anbeten, mit den Hirten lobpreisen, mit den Engeln frohlocken! „Denn heute ist uns der Heiland geboren worden, welcher ist Christus, der Herr.“ „Gott ist der Herr, und uns ist er erschienen“, nicht in der Gestalt Gottes, damit er das Schwache nicht erschrecke, sondern in der Gestalt eines Knechtes, um das Geknechtete zur Freiheit zu führen. Wer wäre so schläfrig, wer so undankbar, daß er sich nicht freuen, daß er nicht frohlocken und fröhlich sein sollte ob dem heutigen Tag? Das Fest ist der ganzen Schöpfung 417 gemeinsam: Es schenkt der Welt den Himmel, sendet die Erzengel zu Zacharias und zu Maria und stellt Engelchöre auf, die da singen: „Ehre Gott in den Höhen und Friede auf Erden, und unter Menschen ein Wohlgefallen.“ Sterne laufen frei am Himmel; Magier rühren sich aus dem Heidenlande; die Erde nimmt ihn auf in einer Höhle: keiner bleibe unbeteiligt, keiner ohne Dank. Lassen auch wir ein Wort des Frohlockens erschallen! Einen Namen wollen wir dem Feste beilegen: „Gotteserscheinungstag“ (Theophanie) heiße es! Feiern wollen wir das Errettungsfest der Welt, den Geburtstag der Menschheit. Heute ward die Strafe Adams aufgehoben. Es heißt nicht mehr: „Du bist Staub und wirst wieder zu Staub zurückkehren“, sondern du wirst, mit dem Himmlischen verbunden, in den Himmel aufgenommen werden. Man wird nicht mehr hören: „In Schmerzen wirst du Kinder gebären.“ Denn selig, die den Emmanuel geboren, und selig die Brüste, die ihn genährt haben! „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt, auf dessen Schultern die Herrschaft ruht.“ Mein Herz wallt auf vor Freude, und es quillt mein Geist; aber zu schwach ist meine Zunge, zu ohnmächtig meine Rede, um die Größe meiner Freude zu verkünden. Stelle dir doch die Menschwerdung des Herrn und Gottes würdig vor! Stelle dir die Gottheit ohne Flecken, ohne Makel vor, auch wo sie jetzt in irdischer Natur wohnt! Sie heilt das Gebrechen, ohne selbst vom Gebrechen angesteckt zu werden. Siehst du nicht, daß unsere Sonne auch den Kot bescheint, ohne selbst verunreinigt zu werden, und daß sie das Schmutzige beleuchtet, ohne üblen Geruch aufzunehmen? Im Gegenteile, sie trocknet die giftigen Säfte auf, die sie lange beschienen. Warum bangst du also für die fehler- und fleckenlose Natur, als könnte sie etwa von uns 418 beschmutzt werden? Deshalb ward er ja geboren, damit du durch die Verwandtschaft gereinigt werdest. Deshalb wächst er heran, damit du verwandtschaftlich ihm zu eigen werdest.
O Tiefe der Güte und Liebe Gottes zu den Menschen! Wegen des Übermaßes der Geschenke glauben wir dem Wohltäter nicht. Wegen der großen Menschenfreundlichkeit des Herrn versagen wir ihm den Dienst! O törichte und boshafte Unerkenntlichkeit! Die Magier beten an, und die Christen grübeln nach, wie Gott im Fleische, und in welchem Fleische er sei, und ob er als Vollendeter oder Unvollendeter empfangen worden! Unnützes übergehe man in der Kirche Gottes mit Stillschweigen, man halte hoch den überkommenen Glauben und disputiere nicht über das Verschwiegene! Schließ dich denen an, die mit Freuden den Herrn vom Himmel her aufnahmen! Denke an die erleuchteten Hirten, an die Propheten-Priester, an die frohlockenden Frauen, nämlich an Maria, als sie von Gabriel geheißen wurde sich zu freuen, und an Elisabeth, die den Johannes trug, der in ihrem Schoße freudig aufhüpfte. Anna verkündete eine frohe Botschaft, Simeon nahm das Kind in seine Arme, und beide beteten in dem kleinen Kinde den großen Gott an; sie nahmen keinen Anstoß an dem Kinde, das sie sahen, sondern lobpriesen die Herrlichkeit seiner Gottheit. Wie ein Licht durch gläserne Tafeln leuchtete ja die göttliche Macht durch den menschlichen Leib und erhellte die, welche die Augen ihres Herzens reingehalten hatten. Mögen bei diesen auch wir befunden werden und mit enthülltem Antlitz die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel schauen, damit auch wir von Klarheit zu Klarheit umgewandelt werden — durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesu Christi, dem da sei die Ehre und die Herrschaft von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.