GOTT IST NICHT DER URHEBER DES BÖSEN (Migne, PG. XXXI, 328—353)
Inhalt: Die Psalmen geben mannigfache Belehrung; u. a. offenbaren sie die Folgen der Gottesleugnung (c. 1). Weitere Folgen der Gottesleugnung (besonders die Unzucht). Gleich töricht und sündhaft ist die Behauptung, Gott sei am Bösen schuld (c. 2). Der gütige Gott führt uns gut. Der Tod kein wirkliches Übel, nur der Sünder-Tod, an dem der einzelne selbst schuld ist. Das eigentliche Böse wird von uns 372 verschuldet. Relative bzw. scheinbare Übel sind von Gott uns zum Heile zugedacht (c. 3). Manche Bibelstellen, wornach scheinbar Gott Urheber des Bösen, haben, richtig interpretiert, einen unverfänglichen, guten Sinn (c. 4). Die materiellen und zeitlichen Übel sollen die seelischen und ewigen verhüten. Die Sünde das eigentliche Übel; alle anderen „Übel“ mehr nur Versuchungen und Prüfungen zur Besserung der Sünder und zur Warnung für andere, wofür es genug biblische Belege gibt (besonders Pharao). — Wesen des Bösen und der Bosheit. Nichts Substanzielles, sondern etwas Akzidentelles, auch keine Schöpfung Gottes (c. 5). Schuld am Bösen des Menschen Wille, der fürs Böse empfänglich (c. 6). Adams Urstand und verschuldeter Fall mit seinen Folgen. — Der Mensch mit der Fähigkeit zu sündigen geschaffen, weil Gott zur Tugend als einer freien Tat Gelegenheit geben wollte (c. 7). Woher der Teufel? Aus dessen freier Wahl, von Gott loszukommen. Trennung von Gott ist aber Bosheit und macht böse. — Des Teufels Kampf gegen uns ist neidische Bosheit (c. 8). Wir sind vor dem Teufel zum Erschrecken gewarnt. Der Paradiesesbaum als Lockspeise notwendig, um unsern Gehorsam zu prüfen. Dem Genusse folgte die erwachende Erkenntnis der Nacktheit. Weshalb diese Folge? — Der Teufel haßt uns; Gott aber bedient sich seiner zu unserer Bewährung. Wesen und Wirken des Teufels (c. 9). Luft und Erde durch Christi Erlösungstod von den Teufeln gereinigt. Noch weniger kann der Teufel unser ewiges Glück trüben (c. 10).
§ 1
Viele und mannigfache Lehren gab uns der heilige Sänger David unter dem Walten des Geistes. Bald erzählt uns der Prophet von seinen eigenen Leiden und von der Geduld, mit der er die Prüfungen getragen, und hinterläßt uns so mit seinem Beispiele die nachdrücklichste Unterweisung in der Geduld, wenn er zum Beispiel sagt: „Herr, warum haben sich die gemehrt, die mich bedrängen?“ Bald zeigt er uns auch Gottes Güte 373 und die schnelle Hilfe, die Gott denen gewährt, die ihn aufrichtig suchen, und sagt: „Da ich rief, erhörte mich der Gott meiner Gerechtigkeit.“ Dasselbe drückt der Prophet in folgenden Worten aus: „Während du noch redest, wird er sagen: Siehe, da bin ich. Das heißt: Noch hatte ich nicht aufgehört zu rufen, als mich Gott schon erhörte. — Wenn er sodann vor Gott seine Bitt- und Hilferufe bringt, lehrt er uns, wie die, die in Sünden wandeln, Gott versöhnen müssen. „Herr, strafe mich nicht in deinem Gewinne und züchtige mich nicht in deinem Zorne!“ Im zwölften Psalme aber, wo er auf eine länger währende Versuchung anspielt, sagt er: „Wie lange, Herr, wirst du meiner so ganz vergessen?“ Dann belehrt er uns den ganzen Psalm hindurch, daß wir in den Trübsalen den Mut nicht sinken lassen dürfen, sondern auf die Güte Gottes vertrauen und nicht vergessen sollen, daß er uns in weiser Vorsehung Drangsalen überläßt und einem jeden nach dem Maße seines Glaubens auch das Maß der Versuchungen bestimmt. Nachdem er nämlich gesagt hat: „Wie lange, Herr, wirst du meiner so ganz vergessen?“ und „wie lange wendest du dein Antlitz von mir?“geht er sofort auf die Bosheit der Gottlosen über, die im Leben nur ein wenig Unglück haben dürfen und dann, gleich ungehalten über die mißlichen Verhältnisse, zu zweifeln beginnen, ob ein Gott sei, der sich um diese Welt bekümmere, der auf die Verhältnisse eines jeden sehe und einem jeden nach Verdienst austeile. Wenn sie dann sehen, daß sie längere Zeit in unerquicklichen Verhältnissen leben müssen, so bestärken sie bei sich die böse Meinung und sagen in ihrem Herzen: „Es ist kein Gott.“ „Der Tor spricht in seinem Herzen: Es ist kein Gott.“ Hat er einmal diesem Gedanken Raum gegeben, dann schreitet er ohne Scheu von Sünde zu Sünde. Denn wenn niemand da ist, der zuschaut, niemand ist, der jedem nach Verdienst vergilt, was hindert dann, den Armen zu unterdrücken, die Waisen zu ermorden, Witwe und 374 Fremdling zu töten, jede Schandtat zu wagen, mit unreinen, abscheulichen Lastern und viehischen Gelüsten sich zu beflecken? Daher fügt der Psalmist den Worten „Es ist kein Gott“ als eine Folge daraus hinzu: „Verderbt sind sie und abscheulich geworden in ihrem Treiben.“ Es ist ja unmöglich, daß die vom rechten Wege abirren, die Gott in ihrem Herzen nicht vergessen.
§ 2
Warum sind die Heiden „ihrem verworfenen Sinne überlassen worden, daß sie tun, was unziemlich ist“? Nicht deshalb, weil sie sagten: „Es ist kein Gott“? Warum sind sie in schändliche Laster gefallen, und warum „haben ihre Weiber den natürlichen Geschlechtsverkehr mit dem widernatürlichen vertauscht“, und „treiben die Männer mit Männern Schändliches“? Nicht deshalb, weil sie die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit der Gleichheit der Tiere, der vierfüßigen und kriechenden, vertauschten“? Wer also sagt: „Es ist kein Gott“, der ist wirklich töricht, jeder Vernunft und Einsicht bar. — Diesem gleich und nicht weniger töricht ist der, der sagt, Gott sei der Urheber des Bösen. Ich behaupte: Die beiden Sünden sind gleich, weil beide in gleicher Weise den Guten leugnen, indem der eine sagt, er existiere überhaupt nicht, der andere, er sei nicht gut. Ist er nämlich der Urheber des Bösen, dann ist er offenbar nicht gut; und so wird beiderseits Gott geleugnet. Woher denn die Krankheiten? heißt es. Woher die frühzeitigen Todesfälle? Woher die völlige Zerstörung von Städten, die Schiffbrüche, Kriege, Seuchen? Diese Dinge sind doch schlimm, sagt man, und lauter Werke Gottes. Wem denn sonst als Gott können wir die Schuld daran beimessen? Wohlan, weil wir nun einmal auf dieses vielerörterte Problem gekommen sind, so wollen wir genau darauf eingehen und eine klare, 375 verständliche Antwort zu geben versuchen, wobei wir von einem allgemein anerkannten Grundsatz ausgehen.
§ 3
Dies eine muß bei uns feststehen, daß wir als Schöpfung des guten Gottes von ihm erhalten werden, unsere Angelegenheiten, die kleinen wie die wichtigeren, unter seiner Leitung stehen, wir ohne den Willen Gottes nichts Schlimmes erfahren können, und daß nichts von dem, was uns begegnet, schädlich, ja Besseres nicht einmal denkbar ist. Freilich kommt von Gott der Tod. Aber der Tod ist durchaus nichts Schlimmes, wenn man nicht vom Tode des Sünders reden will, weil für diesen das Scheiden von hinnen der Anfang der höllischen Strafe ist. Die Übel in der Hölle haben aber nicht Gott zum Urheber, sondern uns selbst; denn der Anfang und die Wurzel der Sünde liegt bei uns und in unserem freien Willen. Es stand ja in unserer Macht, vom Bösen uns zu enthalten und so nichts Schlimmes zu erdulden; wir ließen uns aber von der Lust zur Sünde leiten. Welchen annehmbaren Grund können wir dafür angeben, daß wir nicht selbst an unserem Elende schuld sind? Es ist ein Unterschied zwischen dem Übel, das wir als solches empfinden, und dem Übel, das ein solches seiner Natur nach ist. Das naturhaft Böse hängt von uns ab, wie Ungerechtigkeit, Unzucht, Torheit, Furcht, Neid, Mord, Vergiftung, Trägheit und alle damit verwandten Leidenschaften, welche die nach dem Bilde des Schöpfers geschaffene Seele verunstalten und deren Schönheit verdunkeln. Ferner nennen wir schlimm, was uns ein lästiges und schmerzliches Gefühl verursacht, wie körperliche Krankheit, Schläge, Mangel an Lebensmitteln, Schande, Einbuße des Vermögens und der Verlust der Angehörigen, lauter Dinge, die uns vom weisen und guten Herrn zu unserem Nutzen beschieden werden. Er nimmt den Reichtum denen, die ihn schlecht gebrauchen, und zerstört so ihr Werkzeug zur Ungerechtigkeit. Krankheit schickt er denen, für die es heilsamer ist, an den Gliedern gebunden zu sein, als den ungehemmten Lauf 376 zur Sünde zu haben. Auch der Tod tritt ein, wenn das Lebensziel erreicht ist, das das gerechte Urteil Gottes, der für jeden das Zuträgliche voraussieht, einem jeden von Anfang an bestimmt hat. Hungersnot, Dürre, Wolkenbruch sind gemeinschaftliche Plagen für Städte und Völker, um das Übermaß der Bosheit zu strafen. Wie also der Arzt auch dann wohltut, wann er dem Körper Leiden und Schmerzen verursacht — denn er kämpft mit der Krankheit, nicht mit dem Kranken —, so ist auch Gott gut, wenn er durch teilweise Züchtigung für das Heil aller sorgt. Dem Arzte machst du aber doch keinen Vorhalt, wenn er an den Gliedern des Leibes schneidet und brennt, einige auch ganz amputiert; vielmehr gibst du ihm sogar Geld dafür und nennst ihn deinen Retter, weil er die Krankheit auf einen kleinen Teil einschränkt, ehe sie den ganzen Körper infiziert. Siehst du aber eine Stadt durch ein Erdbeben über deren Bewohner zusammenstürzen oder ein Schiff mit seiner Bemannung im Meere versinken, dann scheust du dich nicht, den wahren Arzt und Retter mit frevler Zunge zu schmähen. Und doch hättest du einsehen sollen, daß bei einer Krankheit des Menschen, die nicht zu schwer und heilbar ist, es nur einer sorgfältigen Pflege bedarf, daß aber, falls das Leiden nicht leicht zu beheben ist, die Entfernung des unbrauchbar gewordenen Teiles notwendig wird, damit die Krankheit nicht noch weiter um sich greife und die lebenswichtigen Teile anstecke. Wie also nicht der Arzt, sondern die Krankheit das Brennen und Schneiden veranlaßt, ebenso hat auch die Zerstörung der Städte ihren Grund im Übermaß der Sünden, läßt aber Gott außer jeder Schuld.
§ 4
Ist aber Gott nicht schuld am Bösen und an den Übeln, mit welchem Rechte ist dann gesagt worden: „Ich, der ich das Licht bereitet und die Finsternis geschaffen habe“, „der ich Frieden gebe und Übel schaffe“? Und ferner heißt es: Unglück kam herab vom Herrn über die Tore Jerusalems.“ Sodann: „Es kommt kein 377 Unglück über eine Stadt, das nicht der Herr bewirkt hat.“ Und im großen Lobgesange des Moses heißt es: „Seht, seht, daß ich es bin, und daß kein anderer Gott ist außer mir; ich töte, und ich mache lebendig; ich schlage, und ich heile.“ Aber keine dieser Stellen enthält nach dem Urteile des Schriftverständigen eine Anklage gegen Gott, als wäre er der Urheber und Schöpfer der Übel.
Derjenige, der da sagte: „Ich, der ich das Licht bereite und die Finsternis schaffe“, gibt sich damit als den Meister der Schöpfung zu erkennen, nicht aber als den Urheber von etwas Schlimmem. Nein, damit du nicht glaubest, ein anderer sei der Schöpfer des Lichtes, ein anderer der der Finsternis, hat er sich den Schöpfer und Meister der Dinge genannt, die im Reiche der Natur einander entgegengesetzt zu sein scheinen; du solltest so keinen andern Schöpfer für das Feuer, keinen andern für das Wasser, keinen andern für die Luft, keinen andern für die Erde suchen, weil etwa diese verschiedenen Elemente gegensätzliche Eigenschaften haben. Manche haben es allerdings schon so gemacht und verfielen in die Vielgötterei.
„Gott gibt Frieden und schafft Übel.“ Besonders dann gibt er dir den Frieden, wenn er durch gute Lehren dein Gemüt beruhigt und die gegen die Seele anstürmenden Leidenschaften stillt. — „Er schafft aber Übel“ heißt: er wandelt sie um und lenkt sie zum Bessern, so daß sie nicht mehr böse sind und die Natur des Guten annehmen. „Ein reines Herz erschaff in mir, o Gott!“ Das heißt: Schaff es nicht erst jetzt, sondern mach’ es neu, da es in der Bosheit alt geworden! Ferner: „Damit er die zwei zu einem neuen Menschen schaffe“, soll nicht heißen, die Zwei aus nichts hervorbringen, sondern die umgestalten, die bereits da sind. Ferner heißt es: „Wenn jemand ein neues Geschöpf in Christus geworden.“ Und Moses spricht: „Ist er nicht dein Vater, der dich erworben, gebildet und erschaffen hat?“ Das Wort „erschaffen“, das hier dem Ausdruck 378 „gebildet“ folgt, lehrt uns doch deutlich, daß der Ausdruck „Schöpfung“, wie sehr oft, für „Besserung“ gebraucht wird. Wenn er also Frieden gibt, so gibt er den Frieden dadurch, daß er das „Böse schafft“, d. h. das Böse umwandelt und zur Besserung führt. Verstehst du dann unter Friede die Ruhe nach den Kriegen, und nennst du Übel die Leiden, die den Kriegführenden folgen, wie Feldzüge in ferne Länder, Strapazen, Wachen, Schrecken, Schweiß, Wunden, Morde, Einnahme von Städten, Sklaverei, Verbannung, klägliches Los der Gefangenen und überhaupt alle Drangsale, die der Krieg im Gefolge hat, dann sagen wir, das geschehe nach dem gerechten Urteile Gottes, der über die Strafwürdigen durch den Krieg die Strafe verhängt. Oder wolltest du wohl, es wäre Sodoma nach seinen greulichen Missetaten nicht verbrannt worden? Oder Jerusalem wäre nicht zerstört, der Tempel nicht verwüstet worden nach jener schrecklichen am Herrn verübten Wahnsinnstat der Juden? Wie hätte aber das anders mit Recht geschehen können als durch die Hände der Römer, denen die Juden, Feinde ihres eigenen Lebens, unsern Herrn übergeben haben?
Auch den andern Ausspruch: „Ich will töten und lebendig machen“, kannst du, wenn du willst, im obigen Sinne verstehen. Denn die Furcht erbaut die Einfältigen. „Ich will schlagen, und ich will heilen.“ Auch dies Wort ist, für sich gefaßt, heilsam, da ja der Schlag Furcht einflößt und die Heilung zur Liebe ermahnt. Indes kannst du letztere Worte auch in einem höheren Sinne fassen: „Ich will töten“ — für die Sünde, und „lebendig machen“ — für die Gerechtigkeit. „Denn in dem Maße, in dem unser äußerer Mensch aufgerieben wird, wird der innere erneuert.“ Er tötet also nicht einen andern und macht (wieder) einen andern lebendig, sondern er macht einen und denselben eben durch das, womit er ihn tötet, lebendig und heilt durch das, wodurch er schlägt, laut dem Spruche: „Du wirst ihn zwar mit der Rute schlagen, aber seine Seele vom Tode 379 befreien.“ Das Fleisch wird also geschlagen, damit die Seele geheilt werde, und die Sünde wird getötet, damit die Gerechtigkeit lebe.
Der Ausspruch aber: „Unglück kam herab vom Herrn über die Tore Jerusalems“, erklärt sich von selbst. Was für ein Unglück? Das Getöse der Wagen und Reiter. — Wenn du dann hörst: „Es kommt kein Unglück über eine Stadt, das der Herr nicht bewirkt hat“, so wisse, daß mit dem Worte „Unglück“ von der Schrift eine Drangsal gemeint ist, die über die Sünder kommt, um ihre Missetaten zu sühnen. „Denn ich habe dich geplagt“, spricht der Herr, „und mit Mangel gedemütigt“, um dir wohlzutun, d. h. er tut der Ungerechtigkeit Einhalt, bevor sie ins Uferlose geht, wie man einem Strome durch starke Dämme und Wehren Einhalt gebietet.
§ 5
Deshalb also die Krankheiten in Stadt und Volk, die Trockenheit der Luft und die Unfruchtbarkeit des Bodens, sowie die anderen noch härteren Unfälle im Leben eines jeden einzelnen, die alle das Umsichgreifen der Bosheit verhindern. Solche Übel werden von Gott verhängt, um die eigentlichen Übel nicht aufkommen zu lassen. Die körperlichen Krankheiten und die äußerlichen Drangsale sind zur Hintanhaltung der Sünde erdacht worden. Gott beseitigt also das Böse; nicht aber kommt das Böse von Gott, wie denn auch der Arzt die Krankheit behebt, nicht aber die Krankheit am Körper verschuldet. Zerstörung von Städten, Erdbeben, Überschwemmungen, Niederlagen von Heeren, Schiffbrüche sowie alle Unfälle, die viel Menschenleben kosten, mögen diese Unfälle von der Erde, vom Meere, von der Luft oder vom Feuer oder sonstwie verursacht sein, ereignen sich, um die Überlebenden zur Besinnung zu bringen, indem nämlich Gott die allgemeine Verdorbenheit mit öffentlichen Geißeln züchtigt. Das eigentliche Übel also, die Sünde, die vorab die Bezeichnung „Übel” verdient, hängt von unserem freien Willen ab; es steht bei uns, von der Bosheit uns freizuhalten oder das Böse zu tun. Von 380 den übrigen Übeln kommen einige gleichsam als Versuchungen zur Erprobung unseres Starkmutes über uns. wie z.B. über Job der Verlust seiner Kinder, die urplötzliche Einbuße seines ganzen Reichtums, die Plage des Geschwüres; andere Übel werden verhängt als Heilmittel der Sünde, wie z.B. über David die Schande seines Hauses, mit der er seine schändliche Lust büßte. Auch kennen wir noch eine andere Art schrecklicher Übel, die vom gerechten Gerichte Gottes verhängt wird, um Gewohnheitssünder zur Vernunft zu bringen: So sind Dathan und Abiron von der Erde verschlungen worden, indem die Tiefen und Klüfte vor ihnen sich auftaten. Denn hier sind durch eine solche Art von Bestrafung die Betreffenden nicht selbst gebessert worden - wie denn auch, wo sie doch zur Hölle hinabfuhren? -, wohl aber sind die übrigen durch ihr Beispiel klüger geworden.
So ging auch Pharao mit seinem ganzen Heere unter. So wurden die früheren Bewohner Palästinas vernichtet. Wenn nun aber auch einmal der Apostel von „Gefäßen des Zornes, bereitet zur Verdammnis” redet, so dürfen wir doch nicht in Pharao ein böses Werk sehen - denn so fiele mit mehr Recht die Schuld auf den Schöpfer -, vielmehr denke daran, wenn du von „Gefäßen” hörst, daß jeder aus uns zu etwas Nützlichem geschaffen ist. Und wie in dem großen Hause (der Kirche) das eine Gefäß golden, das andere silbern, das andere irden, das andere hölzern ist - es hat nämlich der freie Wille eines jeden Ähnlichkeit mit einem dieser Stoffe: ein goldenes Gefäß ist der, welcher rein in seinem Wandel und ohne Arglist ist, ein silbernes, der an Verdienst dem ersteren nachsteht, ein irdenes, der irdisch gesinnt ist und leicht zerbrechlich ist, und ein hölzernes, der sich leicht mit Sünden befleckt und ein Stoff fürs ewige Feuer wird -,so ist auch der ein „Gefäß des Zornes”, der wie ein Gefäß alle Eingebungen des Teufels aufnimmt und wegen des Modergeruches, der ihm anhaftet, zu nichts anderem brauchbar ist, sondern nur 381 noch wert ist, vernichtet zu werden und unterzugehen. Weil also Pharao vernichtet werden mußte, so hat der kluge und weise Seelenführer es so eingerichtet, daß er berüchtigt und allgemein bekannt wurde, damit er wenigstens andern durch sein Unglück nützlich würde, indes er selbst bei seiner übergroßen Bosheit unheilbar war. Gott verhärtete ihn, indem er durch Langmut und Aufschub der Strafe dessen Bosheit vergrößerte, damit die Gerechtigkeit des göttlichen Gerichtes an ihm sichtbar würde, wenn seine Gottlosigkeit den höchsten Grad erreicht hätte. Deshalb begann Gott mit kleineren Plagen, versuchte es dann mit immer peinlicheren Geißeln, ohne aber seine Hartnäckigkeit zu brechen. Vielmehr mußte er sehen, daß Pharao ihn und seine Langmut verachtete und sich an die über ihn verhängten Schrecknisse gewöhnte. Gleichwohl überantwortete er ihn nicht dem Tode, bis er sich selbst sein Grab schuf, als er im Übermut seines Herzens auf den Weg der Gerechten sich wagte - im Wahne, das Rote Meer werde ihm, wie dem Volke Gottes, den Durchgang gestatten.
Da du nun dies von Gott weißt und die verschiedenen Arten des Bösen an dir selbst kennen gelernt hast, da du weißt, daß das wirklich Böse allein die Sünde ist, „deren Ende das Verderben”, daß anderseits das, was sich schmerzlich anfühlt, wohl als Übel erscheint, aber zum Guten Kraft gibt, wie die Trübsale, die verhängt werden, um von der Sünde abzuhalten, deren Früchte das ewige Heil der Seelen sind, so höre auf, über die göttlichen Verfügungen zu murren! Kurz, wähne Gott nicht verantwortlich für das Dasein des Bösen, noch träume von einer Substanz des Bösen! Denn die Bosheit existiert nicht für sich wie irgendein Lebewesen, noch können wir sie als selbstständiges Wesen darstellen; vielmehr ist das Böse Mangel des Guten. Das Auge ward geschaffen; Blindheit aber entstand erst durch den Verlust der Augen. Wäre demnach das Auge 382 nicht von hinfälliger Natur, dann hätte die Blindheit nicht eintreten können. So hat auch das Böse kein eigenes Dasein, sondern ist eine Folgeerscheinung von Wunden der Seele. Auch ist das Böse nicht „ungeschaffen”, wie die Gottlosen behaupten, welche die böse Natur der guten gleichstellen, als wären beide ohne Anfang und älter als die Schöpfung, noch ist es „geschaffen”. Denn wenn alle Dinge von Gott sind, wie ist dann das Böse vom Guten? Entsteht doch auch das Häßliche nicht aus dem Schönen, noch das Laster aus der Tugend. Lies über die Weltschöpfung nach, und du wirst finden, daß „alles gut und sehr gut war”. Folglich ist das Böse nicht zugleich mit dem Guten geschaffen worden. Aber auch die geistige Schöpfung ist vom Schöpfer ohne Beimischung von Bosheit ins Dasein gerufen worden. Denn wenn schon in den körperlichen Wesen das Böse nicht zugleich miterschaffen wurde, wie hätte dann die geistige Kreatur, die durch Reinheit und Heiligkeit so sehr sich auszeichnet, irgendeine Gemeinschaft mit dem Bösen haben können? - Aber das Böse existiert doch (sagen sie) und zeigt seine starke Auswirkung im ganzen Leben. Woher hat es nun sein Dasein, wenn es weder anfangslos ist noch geschaffen wurde?
§ 6
Wir wollen an die, die so fragen, die Gegenfrage stellen: Woher kommen die Krankheiten? Woher die Gebrechen des Leibes? Die Krankheit ist doch weder ungeschaffen noch eine Schöpfung Gottes. Vielmehr sind die Lebewesen erschaffen worden mit ihrer entsprechenden, natürlichen Ausrüstung und wurden mit normalen Gliedern ins Leben gesetzt; sie sind erst durch ein Abweichen von der Natur erkrankt. Sie verlieren ihre Gesundheit entweder durch schlechte Diät oder durch sonstige, krankheiterregende Ursache. Den Leib hat Gott geschaffen, nicht die Krankheit; und die Seele hat Gott geschaffen, nicht die Sünde. Die Seele aber ward verschlechtert, als sie ihrer Natur untreu wurde. Worin 383 bestand ihr hauptsächliches Gut? In der Verbindung mit Gott und in der Vereinigung mit ihm durch die Liebe. Nachdem sie diese verloren hatte, wurde sie durch allerhand Krankheiten verderbt. Warum war sie aber überhaupt für das Böse empfänglich? Weil sie einen freien Antrieb hat, der gerade einem vernünftigen Wesen zukommt. Denn frei von jedem Zwange und vom Schöpfer mit einem freiwollenden Lebensprinzip ausgestattet, weil nach Gottes Ebenbild erschaffen, erkennt sie das Gute und weiß um dessen Genuß und hat auch die Möglichkeit und Kraft, in der Betrachtung des Guten und im Genusse der geistigen Güter zu verharren und so ihr natürliches Leben zu erhalten; sie hat aber auch die Möglichkeit, gelegentlich vom Guten abzuweichen. Letzteres geschieht, wenn sie, der seligen Wonne satt, gleichsam von der Schlafsucht befallen und von den himmlischen Dingen abgekommen, zur Befriedigung schändlicher Gelüste mit dem Fleische sich einläßt.
§ 7
Adam stand einst hoch erhaben da, nicht räumlich, sondern kraft seines Willens, da er, beseelt, zum Himmel aufschaute, hoch erfreut über die Dinge, die er sah, voll Liebe gegen seinen Wohltäter, der ihm den Genuß des ewigen Lebens verliehen, ihn in die Wonne des Paradieses versetzt, ihm wie den Engeln Herrschaft gegeben, ihn zum Tischgenossen der Erzengel und zum Hörer göttlicher Stimme gemacht hat. Zu all dem hin stand er unter dem besonderen Schutze Gottes und freute sich seiner Güter. Aber bald wurde er all dieser Dinge satt und, gleichsam durch Übersättigung übermütig geworden, stellte er das, was dem fleischlichen Auge lockend schien, über die Schönheit der geistigen Welt und achtete die Sättigung des Bauches höher als die geistigen Genüsse. Alsbald wurde er nun aus dem Paradiese verstoßen, und vorüber war es mit dem seligen Leben, weil er nicht aus Zwang, sondern aus Torheit böse geworden war. Er sündigte also aus freiem bösem Willen und starb infolge seiner Sünde. „Denn der Sünde Sold ist der Tod.“ So weit er sich vom Leben entfernte, ebenso stark näherte 384 er sich dem Tode. Gott ist ja das Leben; Beraubung des Lebens aber ist der Tod. Folglich verschuldete Adam seinen Tod durch seine Abkehr von Gott, wie geschrieben steht: „Siehe, die weit von dir sich abkehren, kommen um.“ So hat nicht Gott den Tod erschaffen, sondern wir haben ihn uns durch unsere verdorbene Gesinnung selbst zugezogen. Er hat aber auch aus den oben genannten Gründen unsere Auflösung nicht verhindert, damit die Krankheit nicht unsterblich würde. Man will ja auch ein rinnendes Töpfergeschirr nicht ans Feuer bringen, ehe man nicht die etwa schadhafte Stelle an ihm durch Umformung ausgebessert hat.
Aber warum ward uns, sagt man, bei der Erschaffung nicht das Unvermögen, zu sündigen,so daß wir, auch wenn wir wollten, nicht sündigen könnten? — Du siehst aber doch auch deine Diener nicht für gutgesinnt an, wenn du sie in Banden hältst, sondern wann sie freiwillig ihre Pflicht dir gegenüber erfüllen. So ist auch Gott nicht die naturnotwendige Leistung lieb, sondern die Tugendübung. Die Tugend ist aber Sache freier Entschließung, nicht Folge natürlicher Nötigung. Die freie Entschließung aber steht bei uns. Was aber in unserer Macht steht, ist eben der freie Wille. Wer also den Schöpfer tadelt, daß er uns von Natur nicht unsündlich geschaffen hat, stellt die unvernünftige Natur höher als die vernünftige und die bewegungs- und willenlose höher als die freitätige.
Diese Abschweifung war notwendig, damit du dich nicht in einen Abgrund von Spitzfindigkeiten verlierst und neben dem Verluste dessen, was dein Liebstes, auch noch Gottes beraubt würdest. Hören wir also auf, den Weisen verbessern zu wollen! Hören wir auf, nach etwas Besserem zu suchen, als was er verfügt! Sind uns auch die Gründe für seine einzelnen Anordnungen unbekannt, so soll doch wenigstens das eine Dogma bei uns feststehen, daß vom Guten nichts Böses kommt.
§ 8
385 An die Untersuchung dieser Frage schließt sich in richtiger Gedankenfolge auch die Frage über den Teufel an. Woher der Teufel, wenn das Böse nicht von Gott kommt? Was wollen wir antworten?
Auf diese Frage genügt uns dieselbe Antwort, die wir bezüglich der Verderbtheit der Menschen gegeben haben. Woher der Mensch böse? Aus eigener freier Wahl. Woher der Teufel böse? Aus demselben Grunde, da auch er die freie Selbstbestimmung hatte, und es in seiner Macht stand, bei Gott zu verbleiben oder dem Guten abtrünnig zu werden. Gabriel ist ein Engel und steht ohne Unterlaß bei Gott. Der Satan war ein Engel, verlor aber seine Stellung ganz. Ersteren hielt seine freie Wahl im Himmel, letzteren stürzte seine Wahlfreiheit in die Hölle. Es hätte auch Gabriel abtrünnig werden können und Satan nicht abfallen. Allein ersteren hielt seine unbegrenzte Liebe zu Gott; letzteren machte seine Abkehr von Gott verdammungswürdig. Das Böse besteht eben in der Abkehr von Gott. Nur eine kleine Wendung des Auges, und wir sind entweder bei der Sonne oder beim Schatten unseres Körpers. Blickst du zur Sonne, so wirst du sofort erleuchtet; wendest du dich aber zum Schatten, so liegt auf dir notwendig Finsternis. Der Teufel ist böse, weil er sich bewußt und frei für die Bosheit entscheidet, nicht weil seine Natur dem Guten entgegengesetzt ist.
Woher dann sein Kampf gegen uns? Weil er, ein Gefäß jeglicher Bosheit, auch die Krankheit des Neides in sich aufnahm und uns die Ehre mißgönnte. Er konnte unser ungetrübtes Leben im Paradiese nicht ertragen, hinterging den Menschen durch List und Ränke, bediente sich zur Verführung derselben Begierde, die er hatte, nämlich Gott gleich zu sein, zeigte dem Menschen den Baum und versprach ihm vom Genusse der Frucht die Gottgleichheit. „Denn wenn ihr“, sprach er, „davon esset, werdet ihr Gott gleich sein und das Gute und Böse erkennen.“ Er wurde also nicht als unser Feind erschaffen, sondern ist aus Neid unser Feind geworden. Als er sich aus dem Kreise der Engel verstoßen sah, 386 fand er es unerträglich, daß der irdische Mensch durch sein Fortschreiten (in der Tugend) zur Würde der Engel erhöht würde.
§ 9
Weil er nun unser Feind geworden war, bestärkte Gott in uns die Feindschaft gegen ihn mit den Worten, mit denen er das Tier, das dem Teufel hier Dienste leistete, anredete, da er die dem Teufel geltende Drohung aussprach: „Feindschaft will ich setzen zwischen dir und ihrem Samen.“ Denn die Freundschaften mit der Bosheit sind in Wirklichkeit schädlich; dies Gesetz der Freundschaft tritt ja bei den unter sich Verbundenen auf Grund ihrer Gleichheit in Kraft. Daher behält der Ausspruch recht: „Böse Reden verderben gute Sitten.“ Wie die in ungesunder Gegend nach und nach eingeatmete Luft bei den Bewohnern verborgene Krankheiten verursacht, so bewirkt auch schlechter Umgang in den Seelen große Übel, wenn man auch das Schädliche nicht sofort merkt. Aus diesem Grunde ist die Feindschaft gegen die Schlange unversöhnlich. Wenn aber schon das Werkzeug so großen Haß verdient, wie groß muß dann unsere Feindschaft gegen den sein, der sich des Werkzeuges bediente!
Aber warum, fragen wir, war denn der Baum im Paradiese, durch den dem Teufel der Anschlag auf uns gelingen sollte? Hätte er keine trügerische Lockspeise gehabt, wie hätte er uns dann durch den Ungehorsam in den Tod führen können? Weil es ein Gebot geben mußte, um unseren Gehorsam zu prüfen. Darum trug der Baum schöne, liebliche Früchte, damit wir mit Recht der Kronen der Standhaftigkeit gewürdigt würden, wenn wir uns des Süßen enthalten und so die Tugend der Selbstbeherrschung zeigen.
Der Genuß hatte aber nicht bloß die Übertretung des Gebotes zur Folge, sondern auch die Erkenntnis der Nacktheit. „Denn sie aßen,“ heißt es, „und ihre Augen wurden aufgetan, und sie erkannten, daß sie nackt seien.“ Sie hätten die Nacktheit nicht merken sollen, 387 damit der Geist des Menschen nicht auf die Ergänzung des Fehlenden bedacht und für Kleider und Bedeckung der Blöße besorgt sein müßte, damit er überhaupt nicht durch die Sorge für das Fleisch von der Betrachtung Gottes abgezogen würde. Warum sind denn die Kleider nicht zugleich mit dem Menschen erschaffen worden? Weil diese weder natürlich noch künstlich sein konnten. Natürliche Bekleidung haben die Tiere, wie Federn, Haare, dicke Haut, womit sie sich gegen den Winter schützen und doch die Hitze ertragen können. Die Tiere unterscheiden sich nicht voneinander; sie haben alle die gleiche Natur. Dem Menschen aber sollten je nach dem Grade seiner Liebe zu Gott herrlichere Güter als Entgelt gegeben werden. Anderseits hätte die Beschäftigung mit der Kunst den Menschen zu ruhelosem Arbeiten veranlaßt, was als Nachteil für ihn vorab zu vermeiden war. Daher denn auch der Herr, wo er uns zu einem paradiesischen Leben zurückrufen will, die ängstliche Sorge um das Leben verbannt mit den Worten: „Sorget nicht ängstlich für euer Leben, was ihr essen werdet, noch für euren Leib, was ihr anziehen werdet!“ Daher sollte der Mensch weder natürliche noch künstliche Kleider haben. Dafür waren ihm, wenn er sich tugendhaft bewies, andere Kleider bereitet, Kleider, die als Gewand göttlicher Gnade am Menschen leuchten und, der glänzenden Gewandung der Engel ähnlich, alle Blumenpracht und die Klarheit und den Glanz der Sterne überstrahlen sollten. Deshalb also hatte der Mensch nicht von Anfang an Kleider, weil ihm Tugendpreise vorbehalten waren, die ihm die Tücke des Teufels verwehrte.
Der Teufel steht also als unser Widersacher da wegen des Falles, den er uns einst durch seine Arglist bereitet hat; der Herr aber gebietet uns den Kampf gegen ihn; wir müssen in Gehorsam den Kampf gegen ihn wieder aufnehmen und über den Gegner triumphieren. Wollte Gott, er wäre nicht zum Teufel geworden, sondern in jenem Range geblieben, in den er im Anfange vom 388 Ordner versetzt worden! Abtrünnig geworden, ist er jetzt ein Feind Gottes und ein Feind der Menschen, die nach Gottes Ebenbild erschaffen worden. Aus demselben Grunde ist er ein Menschenhasser, aus dem er ein Gottesfeind ist. Er haßt uns als Eigentum des Herrn und haßt uns als Ebenbilder Gottes. Der weise und vorsichtige Lenker der menschlichen Schicksale bediente sich seiner Bosheit zur Erziehung unserer Seelen, gleichwie ein Arzt das Natterngift zur Bereitung heilsamer Arzneien gebraucht. — Wer war nun der Teufel? Welches war sein Rang? Welches seine Würde? Woher hat er überhaupt den Namen Satan? Satan heißt er, weil er dem Guten widerstrebt. Denn das bedeutet das hebräische Wort, wie wir aus den Büchern der Könige wissen, wo es heißt: „Der Herr erweckte dem Salomon einen Satan (Gegner), Ader, den König der Syrer.“ Teufel heißt er, weil er uns zur Sünde behilflich und zugleich unser Ankläger ist, sich über unseren Untergang freut und wegen unserer Handlungen uns anklagt. Von Natur ist er unkörperlich — laut dem Worte des Apostels: „Wir haben nicht zu kämpfen wider Fleisch und Blut, sondern wider die Geister der Bosheit.“ Seine Würde ist die eines Herrschers, denn der Apostel sagt: „Wider die Herrschaften und Mächte, wider die Beherrscher der Welt dieser Finsternis.“ Der Sitz seiner Herrschaft ist in der Luft, wie derselbe Apostel sagt: „Nach dem Fürsten, der die Macht hat in der Luft, dem Geiste, der jetzt wirksam ist in den Kindern des Ungehorsams.“ Daher heißt er auch der Fürst der Welt, weil seine Herrschaft über die ganze Erde sich erstreckt. Sagt ja doch der Herr: „Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgestoßen.“ Und wiederum: „Es kommt der Fürst dieser Welt; an mir aber wird er nichts finden.“
§ 10
389 Weil aber vom Heere des Teufels gesagt ist: „Die Geister der Bosheit sind im Himmel“, so muß man wissen, daß die Schrift den Luftraum gewöhnlich Himmel nennt, wie z. B.: „Die Vögel des Himmels“, und „sie steigen bis zum Himmel“, d. h. sie erheben sich hoch in die Luft. Daher „sah auch der Herr den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen“, d. h. aus seiner Herrschaft herabstürzen und unten liegen, damit er von denen zertreten werde, die auf Christus gehofft haben. Denn Christus hat seinen Jüngern die Macht gegeben, auf Schlangen und Skorpionen zu treten, und Macht über alle Gewalt des Feindes. Da nun seine boshafte Tyrannei gestürzt und die Erde gereinigt ist durch das erlösende Leiden, das allem auf der Erde und im Himmel den Frieden gebracht hat, so wird uns denn schließlich das Himmelreich verkündigt. So sagt Johannes: „Das Himmelreich ist nahe“, und der Herr verkündet überall die frohe Botschaft vom Reiche. Und schon vorher riefen die Engel: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden!“ Auch diejenigen, die beim Einzug unseres Herrn in Jerusalem jubelten, riefen: „Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Überhaupt gibt es unzählige Siegeslieder, welche die endgültige Vernichtung des Feindes dartun, so daß uns dort oben kein Kampf und kein Streit mehr erwartet, es keinen Feind mehr gibt, keinen, der uns das selige Leben verwehrt, daß wir vielmehr fortan ein ungetrübtes Dasein haben und stets vom Baume des Lebens genießen werden, an dem von Anfang an teilzuhaben wir durch die Hinterlist der Schlange verhindert wurden. „Denn Gott hat ein flammendes Schwert hingestellt, um den Weg zum Lebensbaume zu bewachen.“ Mögen wir ungehindert an diesem vorbeikommen und hineingelangen und dort des Genusses der Güter teilhaft werden in Christus Jesus, unserm Herrn, dem die Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.