“WIDER DIE WUCHERER“ (Psalm 14, 5) [Hebr. Ps. 15, 5]
Inhalt: Ps. 14, 5 [Hebr. Ps. 15, 5] erheischt wegen seines lebenswichtigen Inhaltes und seiner praktischen Bedeutung ausführliche Erörterung. Verurteilung des Wuchers als eines Verbrechens — in der Schrift und aus rein menschlicher Erwägung. Arglist und erbarmungslose Ausbeutungssucht des Wucherers (c. 1). Des Entleihers Lage anfänglich scheinbar rosig, bald aber dornig. Warnung vor dem Entlehnen. Borgen macht Sorgen (c. 2). Lieber Entbehrung und Einschränkung, als Anleihen aufnehmen und damit der Ehre, Freiheit, des Frohsinns und des Restes seiner Habe verlustig gehen. Zinseszins eine schlimme Mißgeburt (c. 3). Geldaufnehmen schon unehrenhaft, meist Sache auf hohem Fuße Lebender, gibt Scheinreichtum und bringt unfehlbar wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ruin. Nicht Armut schändet, sondern Schuld (c. 4). Die Reichen sollen Geld ausleihen in der Hoffnung auf Gotteslohn. Zinsgeben und Zinsnehmen moralisch 361 verhängnisvoll. Zinsloses Geben läßt einmal ruhig sterben (c. 5).
§ 1
Gestern sprachen wir zum 14. Psalm, konnten aber infolge vorgerückter Stunde mit unserer Rede nicht zum Schlusse komme n. Heute sind wir nun da, um als ehrliche Schuldner die rückständige Schuld (euch) abzutragen. Was aber noch erübrigt, ist, wie es scheint, rasch angehört und ist vielleicht den meisten aus euch entgangen, so daß sie den Psalmteil nicht einmal mißten. Doch wir wissen, dieser kurze Vers hat für das praktische Leben eine hohe Bedeutung; deshalb glaubten wir, den Nutzen aus dessen Erörterung nicht beiseite lassen zu dürfen.
Wo der Prophet hier den vollkommenen Mann, der „zum unwandelbaren Leben gelangen“ soll, schildern will, hat er unter dessen wackere Leistungen auch die gezählt, daß er sein Geld nicht auf Zinsen leiht. Häufig wird in der Schrift diese Sünde gegeißelt. So zählt es Ezechiel zu den größten Verbrechen, Zins zu nehmen und durch Wucher sich zu bereichern. Und das Gesetz untersagt das ausdrücklich: „Du sollst deinem Bruder und deinem Nächsten nicht auf Zinsen leihen.“ Wiederum heißt es: „Trug auf Trug, und Wucher über Wucher.“ Und was sagt der Psalm über eine Stadt, die in einer Flut von Sünden wohlgedeiht? „Nimmer weicht von ihren Straßen Wucher und Betrug.“ Auch hier vermerkt der Prophet als charakteristisch für den vollkommenen Mann eben das: „Er gab sein Geld nicht auf Wucher.“ Es ist ja in der Tat mehr als unmenschlich, wenn der, welcher nicht das Lebensnotwendige hat, 362 zur Fristung seines Daseins ein Darlehen sucht, der Darleiher aber mit dem Kapital sich nicht begnügt, sondern darauf sinnt, aus der Not des Armen Gewinn zu ziehen und sich Schätze anzuhäufen. Der Herr hat uns doch ausdrücklich geboten: „Wer von dir borgen will, den weise nicht ab!“ Aber wenn der Geizhals einen Mann in Not sieht, der händeringend vor ihm auf die Knie sinkt — wie verdemütigt ein solcher sich nicht in Wort und Tat! —, so erbarmt er sich des unverschuldet Unglücklichen nicht, er nimmt keine Rücksicht auf seine Lage, hört nicht auf sein Flehen, sondern bleibt unbeugsam und unerbittlich; kein Bitten stimmt ihn um, keine Tränen können ihn erweichen, er beharrt auf seinem „Nein“. Er schwört und beteuert, daß er absolut kein Geld habe und selber nach einem Darleiher sich umsehe. Durch Schwüre sucht er seine Lüge zu beglaubigen und erwuchert sich so den Meineid als schlechten Nebengewinn der Unmenschlichkeit. Sobald aber der, welcher das Darlehen sucht, von Zinsen spricht und Hypotheken nennt, dann legt er die finstere Miene ab, er lächelt zu und spricht etwas von väterlicher Freundschaft. Er nennt ihn seinen guten Bekannten und Freund und sagt: „Wir wollen sehen, ob wir irgendwo Geld haben. Es sind freilich Depositengelder, die ein befreundeter Mann bei uns auf Gewinn angelegt hat. Ja, er hat drückende Zinsen darauf gelegt. Allein wir wollen jedenfalls etwas nachlassen und das Geld gegen geringere Zinsen abgeben.“ Indem er sich so stellt, mit solchen Worten den Unglücklichen streichelt und ködert, fesselt er ihn durch Schuldscheine, raubt dem schon unter der Armut seufzenden Mann auch noch die Freiheit und geht davon. Denn der Mann hat sich zu Zinsen verpflichtet, die er nicht zahlen kann, und hat sich damit für sein ganzes Leben eine freiwillige Knechtschaft aufgebürdet. Sage mir, suchst du Geld und Gewinn bei dem Armen? Wenn er dich reicher machen könnte, hätte er dann vor deiner Türe gebettelt? Um Hilfe kam er; einen Feind fand er. Ein Heilmittel suchte er; Gift ward ihm gereicht. Pflicht wäre es gewesen, des Mannes Armut zu 363 lindern; du aber vergrößerst die Not und suchst den Armen vollends auszubeuten. Wie wenn ein Arzt, der zu Kranken geht, anstatt ihnen die Gesundheit zu bringen, ihnen den kleinen Rest ihrer Lebenskraft noch nähme, so machst auch du dir die Notlage der Unglücklichen zur Gewinnquelle. Wie die Landleute zur Mehrung der Samen den Regen wünschen, so wünschest auch du Armut und Not von Leuten, um dein Geld rentabel zu machen. Weißt du nicht, daß das Maß deiner Sünden um so voller wird, je größer der Reichtum, den du mit deinem Wucher erzielst?
Wer das Darlehen sucht, steht vor der einen oder anderen Schwierigkeit: Sieht er auf seine Armut, so möchte er an der Rückzahlung verzweifeln; sieht er auf seine augenblickliche Not, so will er die Aufnahme eines Darlehens riskieren. So gibt er schließlich nach im Hinblick auf seine Not; der Wucherer aber geht davon — mit Schuldscheinen und Pfändern gesichert.
§ 2
Wer das Geld erhalten hat, zeigt sich zunächst splendid und voller Freude, tut sich etwas zugute auf fremden Schmuck und prunkt mit seinem veränderten Lebenshaushalt. Sein Tisch ist luxuriös, seine Kleidung vornehmer, seine Dienerschaft gibt sich nobler. Schmeichler, Zechgenossen und Hausdrohnen schwirren an ohne Zahl. Wie aber das Geld zerrinnt und die vorrückende Zeit von ihm die Zinsentrichtung erheischt, da lassen ihm die Nächte keine Ruhe mehr, der Tag wird nimmer froh, die Sonne nicht heiter; vielmehr ekelt ihn das Leben an, er haßt die Tage, die den nahen Termin bringen, er fürchtet die Monate als Väter der Zinsen. Schläft er, dann hat er einen schweren Traum, sieht im Schlafe zu seinen Häupten den Wucherer. Wacht er, dann ist das Zinsen sein Denken und Sorgen. „Wenn der Gläubiger“, heißt es, „und der Schuldner einander begegnen, erleuchtet beide der Herr.“ Der eine stürzt sich wie ein Hund auf seine Beute, der andere erschrickt wie ein gemachter Fang vor der Begegnung; die Notlage nimmt ihm allen Mut zum Sprechen. Beide haben die 364 Rechnung an den Fingern: Der eine freut sich über den Zuwachs der Zinsen, der andere seufzt ob des zunehmenden Elendes.
„Trink Wasser aus deinen Gefäßen!“ D. h. sieh auf dein Vermögen, geh nicht zu fremden Quellen, sondern aus den eigenen Quellen bereite dir des Lebens Trost! Hast du eherne Geschirre, Kleider, Vieh, allerhand Hausgerät, verkaufe das, gib gern all das hin, nur die Freiheit nicht! Aber ich schäme mich, das im öffentlichen Aufstreich zu verkaufen, sagt man. Wieso, wenn doch kurz hernach ein anderer dasselbe ausbietet, deine Habe versteigert und vor deinen Augen es um einen Schleuderpreis veräußert? Geh nicht zu fremden Türen! In der Tat, „ein enger Brunnen ist der fremde.“ Besser, in längeren Sorgen die Not (allmählich) mildern, als sie mit fremden Mitteln auf einmal haben und hinterdrein all seiner Habe zugleich verlustig gehen. Hast du also Mittel, zu bezahlen, warum steuerst du damit nicht der augenblicklichen Not? Bist du aber außerstande, zu bezahlen, so heilst du ein Übel durch ein anderes. — Laß dich nicht ein mit einem dir dräuenden Wucherer! Laß dich nicht wie ein Wild aufspüren und aufsuchen! Geld borgen ist der Anfang zum Lügen, Anlaß zum Undank, zur Unverschämtheit und zum Meineid. Anders lauten die Worte des Entlehnenden, anders die des Angeforderten: „O daß ich doch dich damals nicht gesehen hätte! Ich hätte schon Mittel gefunden, der Not zu steuern. Hast du nicht wider meinen Willen mir das Geld in die Hand gegeben? Dein Geld war unten von Kupfer, die Münze gefälscht.“
Ist nun der Wucherer dein Freund, so hüte dich davor, seine Freundschaft zu verlieren! Ist er dein Feind, so werde dem Gegner nicht untertan! Nur kurz kannst du mit fremdem Gut dich brüsten; dann wirst du auch das väterliche Erbe einbüßen. Arm bist du jetzt, doch frei. Nimmst du aber Geld zu Lehen, dann wirst du nicht reich, wohl aber der Freiheit beraubt werden. Ein Sklave des Borgers wird der Borgende, ein Lohnsklave 365 in unablöslicher Knechtschaft. Die Hunde werden begütigt, wenn sie etwas bekommen; der Wucherer aber wird durch das Empfangene immer mehr gereizt. Er hört nicht auf zu bellen, sondern fordert immer mehr. Schwörst du, so glaubt er nicht; er forscht nach, was du im Hause hast, und erkundigt sich nach deinen Erwerbsverhältnissen. Verläßt du das Gemach, so zieht er dich an sich und schleppt dich mit sich fort. Verbirgst du dich darin, so steht er vor dem Hause und klopft an die Türe. Vor deiner Gattin beschämt er dich, vor deinen Freunden schmäht er dich, auf dem Markte setzt er dir zu. Schlimm eine Begegnung mit ihm an einem Festtage; unerträglich macht er dir das Leben.
Doch groß, sagt man, ist die Not, und kein ander Mittel verhilft zu Geld. — Was nützt es, das Heute hinauszuschieben? Die Armut wird ja doch wie ein „guter Läufer“ wieder zu dir kommen, und es wird wieder dieselbe Not sein, nur größer. Die Anleihe bringt keine völlige Abhilfe, sondern nur einen kurzen Aufschub der Ratlosigkeit. Heute wollen wir die Härten der Not tragen und sie nicht auf morgen verschieben. Wenn du keine Anleihe aufnimmst, dann wirst du heute wie in der Folgezeit gleich arm sein; machst du aber eine Anleihe, so wirst du in noch mißlichere Lage kommen, weil der Zins deine Armut vergrößert. Zudem macht dir jetzt niemand die Armut zum Vorwurfe; das Unglück ist ja nicht verschuldet. Wirst du aber Zinsschuldner, dann wird dich alle Welt wegen deiner Torheit verurteilen.
§ 3
Wir wollen also nicht zu den ungewollten Übeln schuld unserer Torheit noch ein gewolltes Übel fügen. Es ist kindisch dumm, nicht nach seinem Vermögen sich einzuschränken, sondern unsicheren Hoffnungen sich zu überlassen und augenscheinlichen, sicheren Schaden zu riskieren. Zeitig bedenke, womit du bezahlen willst! Etwa mit dem Geld, das du bekommst? Doch das reicht doch nicht zur Steuerung der Not und zur Heimzahlung. Denkst du vollends an die Zinsen, woher soll dir das Geld so anwachsen, daß es einerseits deiner Not 366 abhilft, anderseits die volle Kapitalsumme ausmacht und dazu noch die Zinsen abwirft? Mit dem, was du erhältst, wirst du das Darlehen nicht heimzahlen. Womit dann? Laßt uns also keine solche Hoffnungen abwarten und nicht wie Fische auf den Köder hereinfallen! Wie diese mit der Speise die Angel schlucken, so werden wir um des Geldes willen durch die Zinsen angespießt. Armsein ist keine Schande. Was sollen wir dann mit einem Schuldnerverhältnis uns Schande bereiten? Niemand heilt Wunde durch Wunde, niemand wehrt einem Übel mit einem andern, und niemand hebt die Armut durch Verzinsung. Du bist reich? Entlehne nicht! Du bist arm, entlehne nicht! Denn wenn du wohlhabend bist, brauchst du kein Darlehen; hast du aber nichts, so wirst du das Darlehen nicht heimgeben können. Überantworte nicht dein eigen Leben zu später Reue! Preise nie die Tage vor dem Zinstermin! Das eine haben wir Arme den Reichen voraus, die Sorglosigkeit. Wir lachen über sie, die nicht schlafen können, indes wir schlummern über sie, die immer in Spannung und Sorge sind, indes wir sorgenfrei und froh leben. Der Schuldner aber ist arm und voll Sorge dazu. Schlaflos bei Nacht, schlaflos am Tage, sinniert er die ganze Zeit. Bald schätzt er seine Habe, bald die kostspieligen Häuser und die Grundstücke der Reichen, die Kleider der Passanten, das Tischservice der Gastgeber. Wenn diese Dinge mein wären, sagt er sich, so würde ich sie um soviel und soviel verkaufen und damit den Zins bestreiten. Diese Gedanken beklemmen bei Nacht sein Herz, und beschäftigen seinen Kopf am Tage. Klopfst du an die Türe, so schlupft der Schuldner unter sein Bett. Läuft jemand rasch auf ihn zu, so pocht ihm das Herz. Bellt der Hund, dann kommt er in Schweiß, Todesangst befällt ihn, und er schaut sich nach einem Ausweg um. Naht der Termin, dann besinnt er sich auf eine Lüge, sucht nach einer Ausrede, mit der er den Gläubiger vertrösten will.
Denke also nicht bloß daran, daß du empfängst, sondern, daß du auch wieder angefordert wirst. Warum hältst du es mit dem fruchtbaren Wild? Die Hasen, sagt man ja, bringen Junge zur Welt, ziehen 367 gleichzeitig andere auf und werden schon wieder geschwängert. So wird auch von den Wucherern das Geld gleichzeitig auf Zinsen angelegt und wird fruchtbar und wächst nach. Denn du hast das Geld noch nicht in Händen, und doch wird dir der Zinsertrag für den laufenden Monat schon abgefordert. Und dies Geld, wieder verzinst, ernährt ein weiteres Übel, und dies wieder ein anderes und so ins Unendliche. Deshalb wird auch diese Art von Bereicherung mit dieser Bezeichnung (τόκος) [tokos] gebrandmarkt. Τόκος [Tokos] (= Geburt, Zins) wird sie meines Erachtens genannt wegen der besonderen Fruchtbarkeit des Übels. Weshalb denn sonst? Oder heißt sie τόκος [tokos] wegen der Wehen und Schmerzen, die sie den Herzen der Entlehnenden verursacht? Denn was die Geburtswehen für die Gebärende, das ist der Zinstermin für den Schuldner. Zinseszins ist eine böse Ausgeburt schlimmer Eltern. Diese Ausgeburten des Wuchers soll man füglich Natterngezücht nennen. Die Nattern sollen bei der Geburt den Mutterleib zernagen. Auch die Zinsen werden geboren, indem sie die Häuser der Schuldner verzehren. Die Samen wachsen mit der Zeit, und die Tiere bringen nach einer gewissen Zeit ihre Jungen zur Welt; der Zins aber, heute geboren, fängt schon heute an zu gebären. Die Lebewesen, die bald gebären, hören auch bald wieder auf zu gebären; allein das Geld, das so bald anfängt sich zu mehren, erhält immer neuen, noch größeren Zuwachs. Jedes Gewächs, das seine natürliche Größe erreicht hat, hört auf zu wachsen; das Geld der Geizigen aber mehrt sich zu aller Zeit. Die Tiere, die ihrer Brut die Kraft, zu gebären, weitergegeben haben, tragen selber nicht mehr; beim Geld der Wucherer aber gebiert der Zuwachs und verjüngt sich das alte. Mögest wenigstens du mit diesem unnatürlichen Tier nicht deine Erfahrung machen!
§ 4
Frei siehst du die Sonne. Was mißgönnst du dir selber die Freiheit des Lebens? Kein Fechter weicht den Hieben seines Gegners so aus wie der Schuldner einer 368 Begegnung mit dem Gläubiger; hinter Säulen und Mauern versteckt er den Kopf. — Wie dann mich durchschlagen? frägt man. Du hast Hände, hast ein Handwerk; arbeite um Lohn, diene! Es gibt viele Wege, viele Möglichkeiten, sich sein Brot zu verdienen. Doch, du hältst das für unmöglich? Dann gehe die Wohlhabenden um ein Almosen an! Aber das Betteln ist eine Schande? Noch schimpflicher ist es, den Gläubiger um sein Darlehen zu betrügen. Ganz gewiß will ich damit keine Richtschnur angeben, sondern nur zeigen, daß dir alles erträglicher, als ein (verzinsliches) Darlehen aufnehmen. Die Ameise kann, ohne zu betteln und Geld zu entlehnen, sich ernähren. Die Biene reicht den Überrest ihrer Nahrung den Königen. Und doch hat diesen Tierchen die Natur weder Hände noch Handwerke gegeben. Du aber, ein Mensch, ein sinnreiches Geschöpf, sollst unter allen Künsten keine einzige finden, dein Leben zu fristen?
Indes, wir sehen, wie nicht die, welche mit des Lebens Notdurft ringen, auf eine Anleihe ausgehen — diese finden ja auch keine Gläubiger; vielmehr nehmen Darlehen Leute auf, die hohen Aufwand machen und sich unnützen Luxus gestatten, Leute, die weiblichen Neigungen und Leidenschaften zu Willen sind. Ich brauche, heißt es da, ein kostbares Kleid und goldenen Schmuck; die Kinder müssen standesgemäß, vornehm gekleidet sein; auch die Dienerschaft braucht eine schmucke, bunte Livree; die Tafel muß ausgesuchte Speisen bieten. Wer damit einem Weibe dienen will, geht zum Wechsler, und ehe er mit dem empfangenen Gelde seine Einkäufe macht, bekommt er einen Herrn über den andern, macht sich immer neuen Gläubigern verbindlich, und mit solch fortgesetztem unseligen Tun entgeht er dem Vorwurfe der Armut. Und wie die Wassersüchtigen im Rufe der Wohlbeleibtheit stehen, so steht auch ein solcher im Rufe eines Reichen, da er immer einnimmt, immer ausgibt, alte Schulden mit neuen bezahlt und so in fortschreitendem Verhängnis sich Kredit schafft, um wieder aufnehmen zu können. Wie Cholerakranke immer das zuerst Genossene wieder von sich geben und vor gänzlicher Entleerung jede neue Speise 369 unter Schmerzen und Konvulsionen ausspeien, so haben auch die, welche Zinsen mit Zinsen vertauschen und vor Tilgung der ersten eine neue Anleihe aufnehmen und eine Zeitlang mit fremdem Geld großtun, schließlich den Verlust ihres eigenen Vermögens zu beklagen. — O wieviele Menschen hat fremdes Gut zugrunde gerichtet! Wieviele waren im Traume reich und stürzten dann in größtes Elend!
Aber, sagt man, viele sind durch Anleihen auch reich geworden. Doch noch mehr, glaube ich, haben den Strick genommen. Du siehst nur auf die, die reich geworden, zählst aber die nicht, die sich erhängten, die unter dem Drucke der Schande ob der Zahlungsunfähigkeit den Tod durch den Strang einem schimpflichen Leben vorzogen. Ich sah selbst ein erschütterndes Schauspiel mit an, wo zwei freigeborene Söhne wegen väterlicher Schulden auf den Markt geschleppt wurden. Kannst du deinen Kindern kein Vermögen hinterlassen, nimm ihnen doch nicht auch noch ihre Freiheit! Diesen einen Besitz, das Kleinod der Freiheit, wahre ihnen, dies hinterlegte Gut, das du von deinen Eltern übernommen! Keinem ward je des Vaters Armut vorgeworfen; aber die Schuld des Vaters führt ins Gefängnis. Hinterlaß keinen Schuldschein, der wie ein väterlicher Fluch auf Kinder und Kindeskinder sich vererbt!
§ 5
Hört, ihr Reichen, was wir den Armen angesichts eurer Unmenschlichkeit raten: Lieber mögen sie den Härten des Lebens trotzen, als die furchtbaren Folgen der Zinsen tragen. Doch wenn ihr auf den Herrn höret, wozu bedarf es dann solcher Worte? Was ist aber der Rat des Herrn? Leiht denen, von denen ihr nichts zurückzubekommen hofft. Was ist das, frägt man, für ein Darlehen, bei dem eine Hoffnung auf Rückvergütung nicht besteht? Achte auf die Bedeutung des Wortes, und du wirst die Menschenliebe des Gesetzgebers bewundern. Wenn du einem Armen um des Herrn willen etwas reichen willst, so ist das Geschenk und Darlehen zugleich; ein Geschenk, weil du keine Rückerstattung 370 erhoffst, ein Darlehen mit Rücksicht auf die Freigebigkeit des Herrn, der für den Armen bezahlt, der die kleine Gabe, die er in der Person des Armen empfangen hat, reichlich vergelten wird. „Wer sich des Armen erbarmt, der leiht Gott“. Willst du nicht den Herrn Aller dir verpflichtet wissen, wenn es zur Bezahlung kommt? Oder nimmst du etwa die Bürgschaft eines Reichen in der Stadt an, der dir für fremde Leistung bürgt, Gott aber willst du als Bezahler für den Armen nicht zulassen? Gib das Geld hin, das bei dir müßig liegt, ohne es mit Zinszuwachs zu beschweren, und es wird um Beide gut stehen. Für dich bleibt es in treuer Hut verwahrt; der Empfänger aber gebraucht es mit Gewinn. Wenn du aber auch einen Zuwachs begehrst, begnüge dich mit Gottes Lohn! Er wird für die Armen den Zins zahlen. Von dem wahrhaft Gütigen erwarte Güte! Denn was du nimmst (vom Armen), das geht über allen Menschenhaß. Aus dem Unglück ziehst du Gewinn, sammelst Reichtum aus den Tränen; du erdrosselst den Nackten, schlägst den Hungrigen; nirgends Mitleid, kein Gedanke an die Verwandtschaft mit dem Unglücklichen! Und den Gewinn daraus nennst du Menschenliebe. Wehe denen, die das Bittere süß, das Süße bitter nennen und Menschenhaß Menschenliebe! Selbst die Rätsel, die Samson seinen Tischgenossen vorlegte, waren nicht derart: „Vom Fresser ging Speise aus, vom Starken Süßigkeit, und von Menschenhaß ist Menschenliebe ausgegangen. Man erntet doch von den Dornen nicht Trauben und von den Disteln nicht Feigen“ und vom Wucherer keine Menschenliebe. Denn jeder faule Baum bringt schlechte Früchte. Es gibt „Hundertprozentler“ und „Zehnprozentler“, Namen, die schon beim Anhören Schauder erregen. Die pro Monat einfordern, fallen wie die Epilepsie bewirkenden Dämonen mit dem periodischen Umlaufe des Mondes über die Armen her. — Verhängnisvoll ist die Gabe für beide Teile, für den Geber wie für den Empfänger; dem einen bringt sie finanziellen, dem andern gar seelischen 371 Ruin. Der Landmann sucht nach der Ernte der Frucht den Samen unter der Wurzel nicht mehr auf; du aber erntest die Früchte und lässest doch die Kapitalsumme nicht fahren. Ohne Grund und Boden pflanzest du; ohne Aussaat erntest du. Ungewiß, für wen du sammelst. Wer ob der Zinsen weint, das weiß man; wer aber den Genuß haben soll von dem daraus quillenden Überflusse, ist ungewiß. Es ist ja nicht sicher, ob du nicht andern die Freude ob dem Reichtum überlassen mußt, indes du dich selbst mit der bösen Frucht der Ungerechtigkeit bereichert hast. „Wer also von dir borgen will, den weise nicht ab!“ Gib dein Geld nicht gegen Zinsen weg, damit du, aus dem Alten und Neuen Testamente über das Nützliche belehrt, mit froher Hoffnung auf den Herrn scheidest, um im Jenseits die Zinsen für die guten Werke zu empfangen in Christus Jesus, unserm Herrn, dem Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.