ÜBER DIE DEMUT (Migne, PG. XXXI, 525—540)
Inhalt: Hochmut machte den Menschen unglücklich. Demut kann ihn retten. — Verschiedene Formen und Quellen der Hoffart (Reichtum, Ehre, körperliche Vorzüge) (c. 1). Auch Weisheit kann zum Stolze verleiten. Sie ist aber ohne Weisheit Gottes Torheit. Biblische Belege (c. 2). Die Schrift lehrt, daß wahre Weisheit und Ehre nur in Gott zu finden (c. 3). Alle Güter danken wir Gott, weshalb kein Grund zur Hoffart gegeben. Übermut verliert diese Güter, Demut erhält sie uns (c. 4). Auch eigene Verdienste dürfen uns nicht stolz machen, weil, durch Gottes Gnade gewirkt, Überhebung zum Falle führt und die sündige 331 Vergangenheit dem Stolze wehrt (c. 5). Christus und die Apostel Vorbilder der Demut (c. 6). Mittel und Wege zur Demut: Einfachheit in der Lebensart, Bescheidenheit im Reden und Auftreten andern gegenüber. Nicht von sich und seinen Vorzügen, eher von seinen Fehlern reden. Nicht den Richter spielen, noch bei anderen um Ruhm geizen (c. 8).
§ 1
Wäre doch der Mensch im Besitze der Ehre geblieben, die er bei Gott hatte, dann hätte er keine eingebildete, sondern eine wahre Erhabenheit gehabt, wäre durch Gottes Macht geadelt, durch göttliche Weisheit erleuchtet, mit dem ewigen Leben und dessen Gütern beglückt gewesen. Doch wie ihn nach anderer als nach göttlicher Ehre gelüstete — in der Erwartung einer größeren und mit dem Anspruche, etwas zu bekommen, was er nicht bekommen konnte —, da verlor er, was er haben konnte. Das größte Glück für ihn, die Heilung von seiner Krankheit und die Rückkehr zum ursprünglichen Zustand, liegt in der Demut begründet und darin, daß er sich nicht irgendeine Ruhmesherrlichkeit aus eigenem Vermögen träumen läßt, sondern solche von Gott erbittet. So wird er den Fehler wieder gutmachen, so die Krankheit heilen, so zum hl. Gebote, das er verlassen, zurückkehren.
Allein der Teufel, der den Menschen durch die Hoffnung auf falschen Ruhm gestürzt hat, ruht nicht, ihn mit denselben Lockungen zu reizen und zu diesem Zwecke tausend Ränke zu ersinnen. Als etwas Großes hält er ihm den Besitz von Reichtum vor, damit er darauf stolz werde und darum sich bemühe. Freilich dient das nicht zur Ehre, bringt nur große Gefahr. Erwerb von Schätzen ist Gegenstand der Habsucht; doch ihr Besitz trägt keineswegs zum guten Namen bei, führt vielmehr zu törichter Verblendung, eitler Selbstüberhebung und verursacht in der Seele eine Krankheit, die einer Entzündung ähnlich ist. Denn die Geschwulst der entzündeten Körperteile ist nicht gesund noch nützlich, sondern eine Krankheitserscheinung, schädlich, der Anfang einer Gefahr und Ursache des Endes. Etwas Ähnliches ist es um den Hochmut der Seele.
332 Nicht bloß auf Reichtum ist man stolz, nicht bloß mit prunkender Lebensart und Kleidung, die der Reichtum erlaubt, prahlen die Menschen — sie leisten sich nämlich unnötig kostspielige, luxuriöse Mahlzeiten, machen unnötigen Kleideraufwand, bauen mächtige Häuser und schmücken sie herrlich aus, halten viele Diener und schleppen Scharen zahlloser Schmeichler nach sich —, sondern sie fühlen sie auch ungemein wegen der Würden, zu denen sie berufen worden. Wenn das Volk ihnen ein Amt verleiht oder sie mit einem Vorsitze beehrt oder für sie eine ganz besondere Auszeichnung beschließt, dann glauben sie dadurch über die menschliche Natur hinauszuragen, fast auf den Wolken zu thronen, halten ihre Untergebenen für eine Art Fußschemel, erheben sich gegen die, welche ihnen die Würde gegeben haben und lassen die ihren Übermut fühlen, denen sie ihren Scheinglanz danken. Freilich ist das ein höchst törichtes Handeln; denn ihre Ehre ist nichtiger als ein Traum, und der Glanz, der sie umgibt, ist eitler als nächtliche Erscheinungen, da er ja mit einem Winke des Volkes da ist und auf einen Wink hin verschwindet. Ein Beispiel solcher Torheit war jener Sohn Salomons, der, jung an Alter und noch jünger an Verstand, das Volk, das eine mildere Regierung verlangte, mit einer härteren bedrohte und durch seine Drohung das Reich verlor, also eben durch die Drohung seiner Würde verlustig ging, kraft der er königlicher zu erscheinen hoffte. — Übermütig macht den Menschen ferner die Stärke seiner Hände, die Schnelligkeit der Füße, des Körpers Schönheit, lauter Dinge, die von Krankheiten verzehrt und vom Zahn der Zeit zerstört werden, und er merkt nicht, daß „alles Fleisch Gras ist und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blume; das Gras verdorrt, und die Blume fällt ab.“ Dergleichen Prahlereien waren die der Riesen mit ihrer Stärke, der gegen Gott ankämpfende Hochmut des törichten Goliath; solche Prahler waren 333 der auf seine Schönheit stolze Adonias und der auf sein langes Haar stolze Absalom.
§ 2
Doch auch das, was unter den sonstigen Gütern der Menschen das höchste und verlässigste zu sein scheint, die Weisheit und Klugheit, auch das gibt Anlaß zu eitler Überhebung und verschafft keine wahre Größe; fehlt diesen Eigenschaften die Weisheit Gottes, dann gelten sie nichts. Es mißlang ja selbst dem Teufel sein listiger Anschlag auf den Menschen, und was er dem Menschen zugedacht hat, hatte er, ohne es zu merken, gegen sich selbst erwirkt. Denn er schadete nicht so sehr dem Menschen, den er Gott zu entfremden und um das ewige Leben zu bringen hoffte, wie er sich selbst verraten hat, da er Gott abtrünnig und zum ewigen Tode verdammt wurde. Auch ward er mit der Schlinge, die er dem Herrn legte, gefangen, gekreuzigt an dem Kreuze, an dem er (ihn) zu kreuzigen hoffte, und dem Tode überantwortet, den er dem Herrn zugedacht hatte. Wenn nun der Fürst der Welt, der erste und größte sichtbare Meister in weltlicher Weisheit in seinen eigenen Sophismen gefangen wird und zur größten Torheit sich verleiten läßt, wie viel mehr sind dann seine Schüler und Jünger, mögen sie tausend Spitzfindigkeiten ersinnen und sich für weise ausgeben, Toren geworden!
Voll Arglist brütet Pharao gegen Israel Verderben. Aber ohne es zu ahnen, ward ihm diese Arglist vereitelt von einer Seite, woher er es nicht erwartete. Das Kind, das auf seinen Befehl dem Tode ausgesetzt worden, wurde heimlich im königlichen Hause auferzogen, das Kind, das dann Pharaos und seines ganzen Volkes Macht zerstören und Israel zur Freiheit und Rettung führen sollte. — Der Mörder Abimelech, Gideons natürlicher Sohn, tötete die siebzig rechtmäßigen Söhne und glaubte das wohlweislich ersonnen zu haben, um seine Herrschaft zu sichern; dann reibt er auch seine Mordgehilfen auf, wird aber von ihnen gestürzt und kommt schließlich um durch die Hand eines Weibes und einen Steinwurf. — 334 Und es ersann die ganze Judenschaft einen selbstmörderischen Anschlag wider den Herrn, da sie sprach: „Wenn wir ihn gewähren lassen, werden alle an ihn glauben und die Römer werden kommen und unser Land und Volk wegnehmen.“ Auf diesen Ratschluß hin schritten sie zur Ermordung Christi, im Wahne, dadurch ihr Land und Volk zu retten. Aber gerade dieser Ratschluß brachte ihnen den Untergang: Sie wurden ihres Landes verwiesen und ihrem Gesetze und Gottesdienste entfremdet. Kurz, aus tausend Beispielen kann man ersehen, daß die Macht menschlicher Weisheit eine hinfällige ist, eher klein und bescheiden, als groß und erhaben.
§ 3
Daher wird kein Vernünftiger auf seine Weisheit stolz sein noch auf die anderen erwähnten Vorzüge sich etwas einbilden, sondern der herrlichen Ermahnung der seligen Anna und des Propheten Jeremias folgen: „Der Weise rühme sich nicht seiner Weisheit, und der Starke rühme sich nicht seiner Stärke, und der Reiche rühme sich nicht seines Reichtums.“ Worin besteht dann der wahre Ruhm, und wodurch ist der Mensch groß? „Wer sich rühmen will“, heißt es, „der rühme sich, daß er erkenne und wisse, daß ich der Herr bin.“ Darin besteht die Hoheit des Menschen, darin sein Ruhm und seine Größe, daß er das Große wirklich erkennt, ihm anhängt und seine Ehre beim Herrn der Herrlichkeit sucht. Es sagt ja der Apostel: „Wer sich rühmt, der rühme sich im Herrn!“ — wo er nämlich sagt: „Christus ist uns von Gott gegeben zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung, damit, wie geschrieben steht, wer sich rühmt, im Herrn sich rühme.“ Dann aber rühmt sich jemand ganz und voll in Gott, wenn er sich nicht wegen seiner eigenen Gerechtigkeit erhebt, sondern erkennt, daß ihm die wahre Gerechtigkeit mangelt, 335 und er allein durch den Glauben an Christus gerechtfertigt wird. Auch rühmt sich Paulus, er hätte seine eigene Gerechtigkeit verachtet und suche sie durch Christus, die Gerechtigkeit aus Gott durch den Glauben: daß er ihn erkennt und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden, indem er ihm ähnlich wird im Tode, um zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. Da fällt alle Größe des Stolzes.
So bleibt nichts mehr übrig, worauf du stolz sein könntest, o Mensch; dein Ruhm und deine Hoffnung liegt darin, daß du alles an dir ertötest und das künftige Leben in Christus suchest. Im Besitze der Erstlinge jenes Lebens, wandeln wir bereits in diesen Gütern, da wir ganz in der Gnade und Gabe Gottes leben. „Denn Gott ist es, der in uns sowohl das Wollen als auch das Vollbringen bewirkt nach seinem Wohlgefallen.“ Auch ist es Gott, der seine Weisheit, die er zu unserer Herrlichkeit bestimmt hat, durch seinen Geist offenbart. Und Gott gibt seine Kraft zu den Arbeiten. „Ich habe mehr als alle gearbeitet,“ sagt Paulus, „doch nicht ich, sondern die Gnade Gottes in mir.“ Gott erlöst aus den Gefahren gegen alle menschliche Erwartung. „Wir hatten“, sagt Paulus, „uns selbst das Todesurteil gesprochen, damit wir nicht auf uns selbst vertrauten, sondern auf Gott, der die Toten erweckt, der uns aus so großer Todesnot errettete und rettet, auf den wir die Hoffnung setzen, daß er uns auch ferner retten wird“.
§ 4
Warum nun, sag’ es mir, erhebst du dich, als wären es deine Güter, anstatt dem Geber für die Gaben zu danken? „Denn was hast du, das du nicht empfangen hast? Hast du es aber empfangen, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“ Nicht du hast Gott erkannt durch deine Gerechtigkeit, sondern Gott erkannte dich durch seine Güte. „Da ihr Gott erkannt habt,“ sagt Paulus, „oder vielmehr von Gott erkannt 336 wurdet.“ Nicht du hast Christum durch deine Tugend ergriffen, sondern Christus hat dich durch seine Ankunft ergriffen. „Ich strebe darnach,“ heißt es, „ob ich es wohl ergreife, worin ich auch von Christus ergriffen worden bin.“ „Nicht ihr habt mich erwählt,“ spricht der Herr, „sondern ich habe euch erwählt.“ — Doch, weil du geehrt worden, bist du stolz darauf und machst die Barmherzigkeit zum Anlaß deiner Hoffart? Dann brauchst du nur dich selbst zu erkennen, wer du bist! Ein aus dem Paradies verstoßener Adam, ein vom Geiste Gottes verlassener Saul, ein von der hl. Wurzel abgeschnittenes Israel. „Durch den Glauben“, heißt es, „stehst du; sei nicht hoffärtig, sondern fürchte!“ Ein Gericht folgt der Gnade, und der Richter wird prüfen, wie du die Gnadengaben ausgenutzt hast.
Siehst du aber nicht einmal das ein, daß du Gnade erlangt hast, hältst du sie vielmehr in grenzenloser Verstockung für dein eigenes Verdienst, so geht es dir nicht besser als dem seligen Apostel Petrus, den du doch unmöglich an Liebe zum Herrn überbieten kannst, ihn, der den Herrn so innig liebte, daß er für ihn sterben wollte. Aber weil er so selbstbewußt sprach: „Wenn sich auch alle an dir ärgern, so werde ich mich niemals ärgern!“, deshalb wurde er der menschlichen Furchtsamkeit überantwortet und sank bis zur Verleugnung. Durch diesen Fall sollte er zur Behutsamkeit gemahnt und belehrt werden, die Schwachen zu schonen, zugleich auch seine eigene Schwäche erkennen und klar einsehen, daß er, wie auf dem Meere dem Versinken nahe, aber durch Christi Rechte obengehalten, so auch, in der Flut des Ärgernisses schuld seines Unglaubens tödlich gefährdet, durch Christi Macht geschützt wurde; der Herr hatte ihm ja auch vorhergesagt, was kommen würde, da er sprach: „Simon, Simon, siehe, der Satan hat verlangt, euch sieben zu dürfen, wie man den Weizen 337 siebt. Ich aber habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht ausgehe; und wenn du einst bekehrt sein wirst, dann stärke deine Brüder!“ — So zurechtgewiesen, ward dem Petrus mit Recht geholfen; er sollte ja nur seinen Stolz aufgeben lernen und zur Nachsicht gegen Schwache erzogen werden.
Jener strenge und ungemein hochmütige Pharisäer aber, der nicht nur kühn auf sich selbst vertraute, sondern auch den Zöllner vor Gott schmähte, verlor ob seines verdammenswerten Übermutes den Ruhm der Gerechtigkeit. Und der Zöllner ging statt seiner gerechtfertigt nach Hause, weil er dem hl. Gott die Ehre gab und nicht einmal aufzublicken wagte, sondern nur Verzeihung suchte, durch seine Haltung und sein Klopfen an die Brust sich als Schuldigen bekannte und nichts anderes als Barmherzigkeit begehrte. — Sieh dich also vor und laß dich gewarnt sein durch das Beispiel einer schweren Bestrafung des Hochmuts! Der Übermütige büßte seine Gerechtigkeit ein; der Selbstbewußte verlor den Lohn, wurde dem Demütigen und Sünder nachgesetzt, weil er sich über letzteren erhob, nicht das Urteil Gottes abwartete, sondern sein eigenes fällte.
Du erhebe dich nie über jemand, nicht einmal über den größten Sünder! Oft rettet die Demut den, der viele große Sünden begangen hat. Halte dich nicht für gerechter als den Nebenmenschen, damit du nicht einmal mit deiner Rechtfertigung aus eigenem Munde durch Gottes Urteil verdammt wirst! „Ich richte mich nicht selbst“, sagt Paulus. „Ich bin mir ja nichts bewußt, aber deshalb noch nicht gerechtfertigt; der mich richtet, ist der Herr“.
§ 5
Glaubst du etwas getan zu haben, so danke Gott! Erheb dich aber nicht über den Nächsten! „Ein jeder“, mahnt Paulus, „prüfe sein eigenes Werk; dann wird er den Ruhm bei sich behalten und andere damit verschonen.“ Was hast du denn dem Nächsten genützt, 338 wenn du den Glauben bekannt oder um des Namens Christi willen Verbannung erduldet oder die Beschwerden des Fastens auf dich genommen hast? Keinem andern ward der Nutzen, sondern dir. Fürchte dich davor, ähnlich zu fallen wie der Teufel, der sich stolz gegen den Menschen erhob, aber vom Menschen gestürzt und dem zum Fußschemel gegeben ward, den er sich zum Fußschemel machen wollte. — Ähnlich verhielt es sich mit dem Fall der Israeliten. Sie erhoben sich stolz gegen die Heiden als Unreine, wurden dann aber in Wirklichkeit unrein; die Heiden aber rein. „Ihre Gerechtigkeit wurde wie das Tuch einer Blutflüssigen.“ Die Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit der Heiden aber wurde durch den Glauben getilgt. Kurz: denk’ an den wahren Spruch: „Gott widersteht den Hoffärtigen; den Demütigen aber gibt er seine Gnade.“ Halte bereit das Wort des Herrn: „Jeder, der sich selbst erniedrigt, wird erhöht, und wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden.“ Werde nicht dein eigener, ungerechter Richter, und richte nicht nach Gunst! Meinst du etwas Gutes getan zu haben, und willst du das aufzählen und geflissentlich die (einstigen) Fehler vergessen, werde ja nicht stolz auf deine guten Handlungen von heute, und vergib dir nicht, was du gestern und längst vorher gesündigt, vielmehr ruf dir die Vergangenheit ins Gedächtnis, wenn die Gegenwart dich stolz macht, und dein törichter Stolz wird sich legen. — Und siehst du den Nebenmenschen sündigen, so sieh nicht nur dies an ihm, sondern denk’ auch an das Gute, das er getan oder vollbringt, und du wirst nach allseitiger, reiflicher Prüfung ihn oft besser einschätzen als dich selbst. Gott prüft ja den Menschen nicht einseitig. — „Ich komme,“ heißt es, „ihre Werke und Gedanken zu sammeln.“ Als er einst den Josaphat 339 wegen seiner Sünden tadelte, gedachte er auch seiner guten Werke, da er sprach: „Doch es sind auch gute Werke an dir gefunden worden.“
§ 6
Dies und Ähnliches wollen wir jedesmal gegen den Hochmut uns vorsingen und uns selbst erniedrigen, damit wir erhöht werden und den Herrn nachahmen, der aus dem Himmel zur tiefsten Erniedrigung herabstieg und dann umgekehrt aus der Niedrigkeit zur höchsten Höhe erhoben wurde. Wir finden, daß alles, was der Herr tat, zur Demut erzieht: Schon als Kind lag er in einer Höhle, nicht einmal in einem Bette, sondern in einer Krippe. Im Hause eines Zimmermanns und einer armen Mutter war er untertan der Mutter und ihrem Verlobten. Er lernte und hörte, was er nicht nötig hatte; er fragte, erregte aber zugleich durch die Weisheit der Frage Bewunderung. Er ordnete sich dem Johannes unter, und er, der Herr, empfing vom Knechte die Taufe. Er leistete keinem seiner Gegner Widerstand, machte keinen Gebrauch von der unaussprechlichen Macht, die er hatte, sondern gab ihnen nach, als wären sie mächtiger, und ließ der weltlichen Macht ihre Gewalt. Er wurde als Verbrecher vor die Hohenpriester gestellt und zum Landpfleger geführt, unterzog sich dem Gerichte, und, obschon er die falschen Ankläger hätte widerlegen können, nahm er stillschweigend die falschen Anklagen hin. Angespien von Knechten und feilsten Buben, wurde er dann dem Tode übergeben, einem Tode, der unter Menschen als schmachvollster gilt. So traf ihn alles, was einem Menschen von der Geburt bis zum Tode treffen kann. Nach solcher Erniedrigung offenbart er dann auch die Herrlichkeit und macht auch die Teilnehmer seiner Schmach zu Teilnehmern seiner Herrlichkeit. Die ersten von ihnen sind seine seligen Jünger, die arm und nackt durch die Welt zogen, nicht in der Weisheit der Rede, nicht mit großem Gefolge, allein, ohne bleibende Stätte, verlassen, bald zu Land, bald zu Wasser, gegeißelt, gesteinigt, verfolgt, zuletzt getötet.
340 Dies sind für uns väterliche, göttliche Lehren. Diesen wollen wir nachleben, damit uns aus der Erniedrigung ewiger Ruhm, die vollkommene und wahre Gabe Christi erblühe!
§ 7
Wie werden wir nun die giftige Schwulst des Hochmutes los werden und zur heilsamen Demut gelangen? Wenn unser ganzes Tun und Lassen darauf gerichtet ist und wir nichts übersehen — im Wahne, ein Versehen könnte uns nicht schaden. Denn die Seele gleicht sich ihren Bestrebungen an, bildet und gestaltet sich nach dem, was sie tut. Deine Haltung, Kleidung, dein Gehen und Sitzen, deine Lebensweise, Lagerstätte, Wohnung, all dein Hausrat sei einfach; auch in Rede, Gesang, im Verkehre mit dem Nächsten zeige dich mehr bescheiden als stolz! Deine Rede verrate nicht eine Allerweltsweisheit, dein Gesang keinen übertriebenen Wohllaut, dein Gespräch keine hochmütige, spitzfindige Dialektik; halte dich von aller Großtuerei frei! Sei gefällig gegen den Freund, mild gegen den Diener, nachsichtig mit den Ausgelassenen, leutselig gegen die Niedrigen; tröste die Betrübten, besuche die Leidenden, verachte auch nicht einen ausnahmsweise! Sei freundlich in der Anrede, gefällig in der Antwort, artig, allen leicht zugänglich! Verkündige nicht dein eigenes Lob, noch bestelle andere, es zu verkünden; dulde keine ungeziemende Rede, verbirg soviel als möglich deine eigenen Vorzüge! Dagegen klage dich selbst deiner Sünden an, und warte nicht erst die Vorwürfe anderer ab, damit du jenem Gerechten gleichest, der sich im Eingange seiner Rede selbst anklagt, damit du dem Job gleichest, der sich nicht abhalten ließ, vor einer großen Menge Volkes aus der Stadt seinen Fehler zu bekennen. Sei nicht hart im Tadeln; sei nicht rasch und leidenschaftlich im Zurechtweisen, das verrät Anmaßung. Verdamme auch nicht wegen Kleinigkeiten, wie wenn du die Gerechtigkeit selbst wärest! Nimm dich der Fehlenden an und weise sie geistig zurecht, wie der Apostel uns mahnt, 341 „auf dich selbst sehend, damit nicht auch du versucht werdest“. Wende ebenso großen Fleiß auf, bei den Menschen nicht gerühmt zu werden, als andere aufwenden, um gerühmt zu werden! Du brauchst ja nur an Christus zu denken, der da sagt, daß man seinen Lohn bei Gott verliere, wenn man geflissentlich Ruhm und Ehre bei den Menschen suche, und wenn man das Gute tue, um von den Menschen gesehen zu werden. Denn „sie haben“, sagt er, „ihren Lohn schon empfangen.“ Schade dir also nicht selbst dadurch, daß du dich bei den Menschen in Ansehen setzen willst! Da Gott der große Zeuge ist, so suche Ruhm bei Gott; er gibt ja herrlichen Lohn. — Wurdest du aber eines Vorganges gewürdigt, und ehren und rühmen dich die Menschen, so mache dich den Untergebenen gleich, und „behandle die Anbefohlenen nicht von oben herab“, wie es heißt, oder nach Art der weltlichen Herrscher! „Wer der erste sein will, sei der Diener von allen“, hat der Herr befohlen. — Kurz gesagt: Strebe so nach Demut, wie einer, der sie liebt! Liebe sie, und sie wird dich ehren. So wirst du herrlich die Bahn zum wahren Ruhme wandeln, der bei den Engeln und bei Gott ist. Christus aber wird dich vor den Engeln als seinen Jünger anerkennen und dich verherrlichen, wenn du Nachahmer seiner Demut wirst. Er sagt ja: „Lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen: Und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen.“ Ihm sei Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.