GEGEN DIE TRUNKENBOLDE (Migne, PG. XXXI, 444—464)
Inhalt: Klage des Predigers über die Fruchtlosigkeit seiner bisherigen Bemühungen. — Eine weltliche Feier mit Trinkgelage und Tanz am Osterfeste veranlaßt ihn zum scharfen Mahnworte (c. 1). Die Trunkenheit Mutter aller Laster; Trunkenbolden predigen, ist vergeblich (c. 2). Der Trunkene sinkt durch sein psychisches und physisches Unvermögen unter das Tier, wird zum Narren (c. 3). Trunksucht führt zu jeder Unzucht sowie zu körperlicher Verwüstung. — Der Trunkene, weil selbst schuld, verdient kein Mitleid wie andere Unglückliche. — Die Trunksucht unstillbar, und deren Folgen für Körper und Geist werden mit der Zeit immer entsetzlicher, zumal Trunkenbolde sich nichts sagen lassen (c. 4—5). Drastisch anschauliche Schilderung des Verhaltens und Treibens der Trunksüchtigen und der Veranstaltung eines Trinkgelages (c. 6) mit dessen besonderen Auswüchsen und Folgen (c. 7). Die dabei veranstalteten Tänze haben die Unzuchtssünden gemehrt. Keine Entschuldigung für die Gefallenen. — Auf solch ausgelassenes Ostern kann Pfingsten kein Fest der Gnade werden. Solche ausgelassenen Eltern und Herrschaften verlieren das Aufsichtsrecht über Kinder und Dienerschaft. — 318 Mahnung zur Umkehr und Einkehr durch Fasten, Beten, Büßen, Almosengeben und zur Absonderung von den Unverbesserlichen (c. 8).
§ 1
Ich sehe mich zwar zum Reden veranlaßt durch den Aufzug vom letzten Abend; anderseits will die Fruchtlosigkeit meiner bisherigen Bemühungen meinem Eifer Einhalt tun und mir die Lust nehmen. Auch der Landmann, dem die ersten Samen nicht aufgegangen sind, kann sich nur schwer dazu entschließen, dieselben Felder ein zweites Mal zu besäen. Denn wenn die vielen Ermahnungen, die wir in der früheren Zeit unablässig an euch richteten, und dann das Evangelium von der Gnade Gottes, das wir in den letzten sieben Fastenwochen ununterbrochen bei Tag und Nacht euch verkündeten, nichts gefruchtet haben, mit welchen Aussichten können wir dann heute zu euch reden? O wie viele Nächte habt ihr umsonst gewacht, wie viele Tage euch umsonst versammelt! Wenn doch bloß umsonst! Wer nämlich in Verrichtung guter Werke bereits vorangekommen ist, dann aber zur alten Gewohnheit zurückkehrt, verliert nicht nur den Lohn für seine Mühen, sondern hat auch ein härteres Gericht zu gewärtigen, da er das herrliche Wort Gottes gekostet hat und der Kenntnis der Geheimnisse gewürdigt worden ist, und trotzdem, von flüchtiger Lust geködert, alles verloren hat. „Denn der Geringste erlangt Barmherzigkeit; die Machthaber aber“, heißt es, „werden gewaltig gestraft.“ Ein einziger Abend und ein einziger Angriff des Feindes hat alle unsere Mühe zerstört und vernichtet. Wie soll ich also zum Reden Lust haben? Daher hätte ich denn auch geschwiegen, wißt es wohl, wenn ich nicht das Beispiel des Jeremias fürchten müßte, der für seine Weigerung, zum widerspenstigen Volke zu reden, nach 319 seiner eigenen Erzählung Furchtbares litt: Es entstand nämlich in seinen Eingeweiden Feuer, und er ward kraftlos und war nicht imstande, es zu ertragen.
Schamlose Weiber haben, vergessend auf die Furcht Gottes und verachtend das ewige Feuer, eben an dem Tage, an dem sie in Erinnerung an die Auferstehung hätten zu Hause bleiben und jenes Tages gedenken sollen, an dem der Himmel sich öffnen und der Richter vom Himmel her uns erscheinen wird, die Posaunen Gottes erschallen und die Toten auferstehen werden, gerechtes Gericht gehalten und einem jeden nach seinen Werken vergolten wird, solche Weiber haben, anstatt mit solchen Gedanken sich zu beschäftigen und ihre Herzen von bösen Begierden zu reinigen, die früheren Sünden mit Tränen abzuwaschen und sich auf die Begegnung mit Christus am großen Tage seiner Ankunft vorzubereiten, das Joch der Dienstbarkeit Christi abgeschüttelt, haben die Schleier der Sittsamkeit von ihrem Haupte entfernt, Gott verachtet, seine Engel verachtet, haben sich jedem männlichen Blicke schamlos ausgesetzt, die Haare schüttelnd, die Kleider schleppend, mit den Füßen trippelnd, mit lüsternem Blicke und ausgelassenem Gelächter wie rasend sich in den Tanz gestürzt, haben allen Mutwillen der jungen Leute gegen sich herausgefordert und vor der Stadt bei den Gräbern der Märtyrer Tänze aufgeführt und so die geheiligten Orte zur Werkstätte ihrer Schamlosigkeit gemacht. Sie haben die Luft mit ihren buhlerischen Gesängen entweiht, entweiht mit ihren unreinen Füßen die Erde, die sie bei ihren Tänzen stampften, haben einen Schwarm junger Leute als Zuschauer um sich versammelt, wahre Buhldirnen und ganz verrückt, daß sie verrückter hätten nicht sein können. Wie kann ich dazu schweigen? Wie das recht beklagen?
Der Wein hat uns um die Seelen gebracht, der Wein, jene Gabe Gottes, die den Mäßigen zur Labung in der Krankheit gegeben ist, aber jetzt bei den Unmäßigen ein Werkzeug der Zügellosigkeit ward.
§ 2
320 Die Trunkenheit, jener selbstgewählte Dämon, der sich mit Wollust auf die Seelen stürzt, die Trunkenheit, die Mutter des Lasters, die Feindin der Tugend, macht den Tapferen feige, den Sittsamen unzüchtig, sie kennt keine Gerechtigkeit und ertötet die Vernunft. Wie das Wasser das Feuer bekämpft, so löscht Übermaß des Weines die Besinnung aus. Deshalb zögerte ich auch, etwas gegen die Trunkenheit zu sagen, nicht als ob das Übel klein oder der Beachtung nicht wert wäre, sondern weil ich mir vom Reden keine Frucht verspreche. Denn der Betrunkene ist ja besinnungslos und umnebelt; wer ihm Vorwürfe macht, redet umsonst; er hört ja nicht. Mit wem sollen wir dann reden, wenn der, welcher die Mahnung nötig hat, das Gesagte nicht hört? Der Mäßige und Nüchterne braucht ja die nachhelfende Rede nicht, weil er von dieser Leidenschaft frei ist. Was soll ich also in dieser Lage tun, wenn das Reden unnütz, das Schweigen aber unmöglich ist? Sollen wir von diesem Anliegen ganz absehen? Aber diese Gleichgültigkeit wäre gefährlich. Aber was soll ich gegen Trunkene predigen? Wir rufen ja doch nur in tote Ohren hinein. Doch wie bei ansteckenden Krankheiten die Ärzte die Gesunden durch vorbeugende Mittel sicherstellen, die von der Krankheit bereits Erfaßten aber nicht behandeln, so mag auch euch zur Hälfte die Rede von Nutzen sein und den von dieser Leidenschaft Freien ein Schutzmittel an die Hand geben, ohne den von der Leidenschaft Beherrschten Befreiung und Heilung zu bringen.
§ 3
O Mensch, wodurch unterscheidest du dich von den Tieren? Nicht durch das Geschenk der Vernunft, das du von deinem Schöpfer empfangen, und wodurch du Herr und Gebieter der ganzen Schöpfung wardst? Wer sich also mit der Trunkenheit die Besinnung raubt, „der stellt sich den unvernünftigen Tieren gleich und ist ihnen ähnlich.“ Ja, ich möchte sagen, daß die Berauschten unvernünftiger sind als Vieh: alle Vierfüßler, auch die Bestien, haben ihren geregelten Trieb zur Begattung. Diejenigen aber, die im Banne der 321 Trunkenheit stehen, und deren Leib mit unnatürlicher Hitze gesättigt ist, werden jeden Augenblick und jede Stunde zu unlautern und schamlosen Umarmungen und Lüsten gereizt. Aber nicht bloß dieser Hang macht sie unvernünftig, sondern die Verwirrung der Sinne verrät, daß der Trunkene noch tiefer steht als jedes Tier. Welches Tier sieht und hört so schlecht wie der Trunkene? Erkennen sie denn noch ihre vertrautesten Freunde? Laufen sie nicht auf Fremde zu, als wären es ihre Verwandten? Springen sie nicht oft über Schatten, als wären es Gräber und Spalten? In ihren Ohren tost und brauset es wie das Rauschen des schäumenden Meeres. Den Boden sehen sie in die Höhe sich heben und die Berge im Kreise sich drehen. Bald lachen sie in einem fort, bald klagen und weinen sie untröstlich. Bald sind sie kühn und unerschrocken, bald furchtsam und feige. Ihr Schlaf ist schwer, tief, fast erstickend und wirklich dem Tode ähnlich; ihr Wachen aber ist noch besinnungsloser als der Schlaf. Ein Traum ist ihnen das Leben; obschon sie keine Kleider, noch auf morgen zu essen haben, spielen sie in ihrem Rausche den König, kommandieren Heere, bauen Städte, verteilen Geld. Mit solchen Hirngespinsten und Täuschungen erfüllt der erhitzende Wein ihre Herzen. Wieder andere geraten in entgegengesetzte Stimmungen: Sie geben alle Hoffnung auf, sind niedergeschlagen, traurig, weinerlich, furchtsam und ängstlich. So erregt derselbe Wein je nach der Körperkonstitution in den Seelen verschiedene Stimmungen. Diejenigen, bei denen er das Blut in Wallung bringt und an die Oberfläche treibt, macht er heiter, freundlich, lustig. Deren Blut er aber zusammenzieht und verdickt, und denen er beschwerlich wird, diese versetzt er in die entgegengesetzte Stimmung. Was soll ich den Haufen der ungemütlichen Wirkungen aufzählen, das mürrische Benehmen, die Reizbarkeit, die Unzufriedenheit mit seinem Lose, die Empfindlichkeit, das Schreien, das Toben, den Hang zu jeglichem Betrug, den unbändigen Jähzorn?
§ 4
Die ausschweifende Lust entspringt offenbar der Quelle des Weines, und den Ausschweifenden befällt zugleich die krankhafte Unzucht, welche zeigt, daß alle 322 Brunst des Viehes hinter der Geilheit der Trunkenen zurücksteht: Die Tiere kennen die Grenzen der Natur; die Betrunkenen aber suchen im Manne das Weib und im Weibe den Mann. Es fällt nicht gerade leicht, alle schändlichen Folgen der Betrunkenheit aufzuzählen. Das Unheil, das die Pest anrichtet, kommt im Laufe der Zeit über die Menschen, da die verdorbene Luft ihr Miasma nur allmählich den Körpern einsenkt; die verderblichen Folgen des Weines aber stellen sich sofort ein. Sind die Leidenschaftlichen nämlich seelisch so verwüstet, daß sie mit allen Makeln befleckt sind, dann ruinieren sie auch noch ihre körperliche Konstitution, indem sie nicht bloß vor übermäßiger Wollust, die sie zur Geilheit stachelt, hinschwinden und hinsiechen, sondern auch einen aufgedunsenen, mastigen und kraftlosen Körper herumschleppen. Ihre Augen sind glanzlos wie Blei, ihre Haut blaßgelb, der Atem stockend, die Zunge schwer, ihr Lallen unverständlich, die Füße unsicher wie bei Kindern; die natürlichen Entleerungen gehen von selbst ab wie bei Toten. Ihre Schwelgerei macht sie bedauernswert, bedauernswerter als die auf dem Meere vom Sturm Erfaßten, welche die einander stoßenden und überschlagenden Wogen nicht aus der Flut auftauchen lassen. So treiben auch ihre mit Wein getauften Seelen unter der Flut daher. Wie die überladenen, vom Sturm gepeitschten Schiffe durch Auswerfen des Balastes erleichtert werden müssen, so müssen auch die Trunkenen erbrechen, was sie beschwert. Kaum durch Erbrechen und Entleeren befreien sie sich von der Last.
Insofern sind sie bedauernswerter denn unglückliche Seefahrer, als letztere Winden, dem Meere und äußeren Gewalten die Schuld geben können, sie aber geflissentlich den Sturm des Rausches verschulden. Der Besessene ist bedauernswert; der Trunkene aber, obschon gleich elend daran, verdient kein Mitleid, weil er es mit einem freigewählten Dämon zu tun hat. Und diese Leute bereiten Trunkenheitsmittel, nicht um am Weine keinen Schaden zu nehmen, sondern um aus dem Rausche nicht herauszukommen. Denn der Tag ist ihnen zu wenig, zu kurz sogar die Mitternacht, was die Zeit des Trinkens angeht. Das Übel kennt kein Ende. Denn der 323 Wein selbst treibt immer weiter. Er stillt das Bedürfnis nicht, sondern verursacht nur das unabweisbare Bedürfnis nach weiterem Trinken, indem er die Betrunkenen ausbrennt und immer zum Nachgießen von noch mehr Wein reizt. Ein unersättliches Verlangen zu trinken wollen sie haben, machen aber eine andere Erfahrung, als die sie wünschen. Durch die fortgesetzte Schlemmerei stumpfen sie ihre Sinne ab. Wie zu greller Glanz das Gesicht schwächt, und wie die durch starkes Getöse Betäubten eben durch den übermäßigen Lärm schließlich soweit kommen, daß sie gar nichts mehr hören, so verderben auch diese sich durch allzu starken Genuß unvermerkt das Vergnügen. Selbst der ungemischte Wein kommt ihnen geschmacklos und wässerig vor. Nimmt man frischen Wein, so kommt er ihnen lack vor, und mag er noch so rezent sein, und wäre er kalt wie Schnee, so kann er doch die in ihrem Innern lodernde Flamme, die übermäßiger Weingenuß entfacht hat, nicht löschen. „Wer hat Wehe? Wer Unruhe? Wer Zank? Wer Unbehagen und Possen? Wer Wunden ohne Not? Wer trübe Augen? Nicht die, die beim Weine verbleiben und sich nach Trinkgelagen umsehen?“ „Wehe“ ist ein Klageruf. Beklagenswert sind die Trunkenen, weil „Trunkenbolde das Reich Gottes nicht besitzen werden.“ „Unruhe“ haben sie, weil der Wein in ihrem Denken Verwirrung anrichtet. „Unbehagen“ empfinden sie wegen des widrigen Aufstoßens, der Folge der Trinklust. Ihre Füße sind gefesselt, ihre Hände gefesselt durch Säfte, die von der Berauschung herkommen. Ja, schon vor diesen Leiden, schon wenn sie trinken, befallen sie Leiden, wie sie bei Fieberkranken vorkommen. Denn wenn die Gehirnhäute vom aufsteigenden Weindunste angefüllt sind, dann wird der Kopf von unerträglichen 324 Schmerzen befallen, kann sich nicht über den Schultern aufrecht halten und fällt, auf den Wirbeln schwankend, hin und her. — „Possen“ nennt die Schrift das unnütze zänkische Geplauder bei den Trinkgelagen. „Wunden ohne Not“ bekommen die Säufer, wenn sie vor Trunkenheit nicht aufrecht stehen können. Denn sie stürzen und fallen bald so, bald anders und bekommen so selbstverständlich am Körper „Wunden ohne Not“.
§ 5
Doch wer will das den Weinberauschten sagen? Vor Rausch haben sie einen schweren Kopf; sie sind schläfrig, sie gähnen; benebelt ist ihr Blick; alles ekelt sie an. Deshalb hören sie die Lehrer nicht, die ihnen von allen Seiten zurufen: „Berauscht euch nicht mit Wein, in dem Ausschweifung liegt.“ Ferner heißt es: „Der Wein macht schamlos und die Trunkenheit frech.“ Und weil sie das überhören, ernten sie sofort die Früchte der Trunkenheit. Der Körper schwillt an, die Augen werden wässerig, der Mund trocken und heiß. Wie die Schluchten voll zu sein scheinen, solange die Bergströme ihnen zufließen, aber trocken stehen, sobald das Wasser sich verlaufen, so ist auch des Säufers Mund gewissermaßen voll und naß, solange Wein darin ist; ist dieser aber etwas abgelaufen, dann fühlt der Mund sich wieder trocken an und ohne Feuchtigkeit. Aber immer wieder ausgetrocknet und dann übermäßig mit Wein begossen, verliert der Säufer auch noch die Lebensfeuchtigkeit. Welcher Mensch hätte eine so starke Konstitution, daß er den üblen Folgen der Trunksucht widerstehen könnte? Mit welchem Mittel könnte man verhüten, daß der in einem fort vom Weine erhitzte und immer vom Weine triefende Körper nicht endlich erschöpft, hinfällig und siech würde? Daher das Zittern und die Schwäche. Ist nämlich der Geist durch übermäßigen Weingenuß gebrochen, und haben die Nerven ihre Spannkraft eingebüßt, so befällt die ganze Körpermasse ein Zittern. Was willst du den Fluch Kains auf dich laden und dein ganzes Leben lang zittern und 325 umhertaumeln? Hat der Körper seine natürliche Stütze nicht, so muß er schwanken und beben.
§ 6
Wielange noch Wein? Wielange noch Trunkenheit? Du läufst Gefahr, statt eines Menschen Kot zu werden. So ganz bist du mit Wein vermengt und mit ihm faul geworden, riechst infolge tagtäglicher Berauschung nach Wein, und zwar nach verdorbenem, wie die unbrauchbarsten der Geschirre. Diesen gilt die Klage des Isaias: „Wehe denen, die früh aufstehen, dem Likera nachzugehen und zu trinken bis zum Abend. Der Wein wird sie verbrennen. Sie trinken den Wein bei Zithern und Flötenspiel; aber auf die Werke des Herrn sehen sie nicht, und die Werke seiner Hände betrachten sie nicht.“ „Likera“ pflegen die Hebräer jedes berauschende Getränk zu nennen. Diejenigen also, die mit Anbruch des Tages sich nach Trinkgelagen umsehen, Weinhandlungen und Wirtshäuser aufsuchen, einander zum Trinken einladen und ihre ganze Sorge und Aufmerksamkeit auf diese Dinge richten, diese werden vom Propheten beklagt, weil sie keine Zeit übrig haben, die Wunderwerke Gottes zu betrachten. Ihre Augen haben keine Zeit, zum Himmel emporzuschauen, seine Schönheit kennen zu lernen und die volle Harmonie in der Kreatur zu betrachten, um aus der schönen Welt den Schöpfer zu erkennen. Vielmehr schmücken sie alsbald mit Tagesanbruch ihre Zechräume mit buntfarbigen Tapeten und blumenreichen Decken, sputen und bemühen sich im Herbeischaffen der Trinkgeschirre und stellen ihre Kühl- und Mischkrüge und Becher wie bei einem Aufzuge oder einer Festversammlung auf; die vielen verschiedenen Gefäße sollen sie die Sättigung vergessen lassen und der Wechsel und Tausch der Becher ihnen die nötige Muße zum Trunke schaffen. Sie haben auch ihre Zechmeister, Obermundschenke und Tafelaufseher; und man ist auf Ordnung in der Unordnung und auf gute Verteilung bei der ordnungswidrigen Sache bedacht. Auf diese Weise wollen sie die Trunkenheit wie eine 326 Königin mit einer Dienerschaft umstellen, um so deren Schande möglichst zu verdecken, wie ja ähnlich auch weltliche Herrschaften mit Trabanten ihr Ansehen erhöhen. Dazu kommen Kränze, Blumen, Salben und Rauchwerk und tausend andere äußerliche Ergötzlichkeiten, die für die verlorenen Menschen die Schlingen noch vermehren. Wenn dann das Trinken sich in die Länge zieht, dann kommt es zum Wetttrinken, gibt es gegenseitig Zank und Streit um den Ruhm, die andern an Trunkenheit zu übertreffen. Der Kampfleiter ist hier der Teufel, und der Siegespreis ist die Sünde. Wer den meisten ungemischten Wein trinkt, trägt über die anderen den Sieg davon. Wahrhaftig: „Ihr Ruhm besteht in ihrer Schande.“ Sie wetteifern miteinander und strafen sich selbst. Welche Rede vermag die Schändlichkeit dieser Vorgänge hinreichend zu schildern? Alles ist voll Unsinn, alles voll Verwirrung. Die Besiegten sind berauscht; die Sieger sind berauscht; die Dienerschaft spottet. Die Hand versagt den Dienst; der Mund nimmt nicht mehr auf; der Magen kehrt sich um, und doch läßt das Übel nicht nach. Der elende Leib, seiner natürlichen Kraft beraubt, öffnet alle Schleusen, da er der Gewalt der Unmäßigkeit nicht standhalten kann.
§ 7
Ein klägliches Schauspiel für Christen-Augen: Ein Mann in der Blüte der Jahre, in der Vollkraft des Körpers, ein strammer Soldat wird auf einer Bahre nach Hause getragen, weil er sich nicht aufrichten, noch auf eigenen Füßen gehen kann. Ein Mann, der dem Feinde ein Schrecken sein sollte, ist die Zielscheibe des Spottes für die Buben auf dem Marktplatze, ist gefallen ohne Schwertstreich, getötet ohne Feinde. Ein Waffenfähiger, der gerade in der Blüte seines Lebens steht, ist des Weines Beute geworden und bereit, zu dulden, was die Feinde mit ihm anfangen. Trunkenheit ist der Ruin der Vernunft, Zerstörung der Kraft, ein frühes Greisenalter und ein vorzeitiger Tod. Was sind denn die Betrunkenen anders als die Götzenbilder der Heiden? „Sie haben 327 Augen und sehen nicht, haben Ohren und hören nicht.“ Ihre Hände sind gelähmt, ihre Füße abgestorben. Wer hat dazu geraten? Wer ist schuld an diesen Übeln? Wer mischte uns diesen Trank der Raserei? Mensch, du selbst hast das Trinkgelage zu einer Schlacht gemacht. Du trägst die Jünglinge auf den Händen hinaus, als wären sie im Kampfe verwundet; du hast die Blüte der Jugend durch Wein getötet. Du ladest einen ein als Freund zum Gelage, wirfst ihn aber dann tot hinaus, nachdem du ihn mit Wein das Leben ausgelöscht hast.
Wenn man aber glaubt, die Zecher seien vom Weine satt, dann fangen sie erst recht zu trinken an und trinken wie das Vieh gleichsam aus einer natürlich sprudelnden Quelle, von der ebensoviel Röhren ausgehen, als Gäste da sind. Hat das Trinkgelage bereits eine Weile gedauert, dann tritt ein schöner, breitschultriger Jüngling, der noch nicht betrunken ist, mit einer großen Schale frischen Weines unter sie. Dieser heißt jetzt ihren Weinschenk abtreten, stellt sich in die Mitte und veranlaßt mittelst gebogener Röhren die Zecher zu gleichmäßigem Rausche. Das ist ein neues Maß der Unmäßigkeit, daß sie um den gleichen Anteil untereinander schwelgen und keiner den andern im Trinken überbiete. Haben sie nämlich die Röhren untereinander verteilt, und hat jeder die seinige genommen, dann trinken sie in einem Zuge wie die Stiere aus einem Wasserbehälter und strengen sich an, so viel mit ihren Kehlen einzusaugen, als ihnen von oben her der Humpen durch die silbernen Röhren zuleitet.
Sieh doch auf deinen armseligen Bauch! Betrachte die Größe dieses Gefäßes, das den Wein aufnimmt; es hat ja nur die Höhlung eines einzigen Bechers. Sieh nicht auf den Weinkrug, wann du ihn leeren willst, sondern auf deinen Bauch, der schon längst voll ist! Daher „wehe denen, die früh aufstehen und dem Likera nachgehen und bis zum späten Abend trinken“ und den Tag im Rausche zubringen, so daß sie keine Zeit übrig haben, die Werke des Herrn anzuschauen noch die Werke 328 seiner Hände zu betrachten! Denn „der Wein wird sie verbrennen, weil die Hitze des Weines, die in das Fleisch übergeht, Zündstoff wird für die feurigen Geschoße des Feindes. Denn der Wein versenkt die Vernunft und den Verstand, wie er anderseits die Leidenschaften und Lüste einem Bienenschwarm gleich aufweckt. Wo fährt denn ein mit Fohlen bespannter Wagen, der den Fuhrmann verloren hat, so wild dahin? Wo ist ein Fahrzeug, das auch ohne Steuermann und von den Wellen hin- und hergeworfen nicht noch sicherer wäre als ein Betrunkener?
§ 8
So haben Männer und Frauen zugleich durch solche Schlechtigkeiten, durch gemeinsame Tänze und Hingabe ihrer Seelen an den Weinteufel, einander mit Pfeilen der Leidenschaft verwundet. Gelächter auf beiden Seiten, schändliche Lieder, unzüchtige Gebärden, die zur Wollust reizen. Du lachst, sage mir, und schwelgst in unkeuscher Lust, der du doch ob deiner Vergangenheit weinen und seufzen solltest? Du singst Buhllieder und schlägst die Psalmen und Hymnen aus, die du gelernt hast. Du regst die Füße, springst wie wahnsinnig und tanzest unangängige Tänze, und solltest doch deine Knie zur Anbetung beugen. Wen soll ich beklagen? Die unverheirateten Mädchen oder die verheirateten Frauen? Die ersteren kehrten zurück ohne ihre Jungfrauschaft; die letzteren brachten ihre Keuschheit ihren Männern nicht mehr heim. Haben vielleicht die einen und andern auch nicht mit dem Leibe gesündigt, so haben sie doch in ihre Herzen das Gift aufgenommen. Das will ich auch von den Männern gesagt haben. Er hat lüstern geschaut und ward lüstern angesehen. „Wer ein Weib ansieht, um es zu begehren, hat die Ehe schon gebrochen.“ Sind schon zufällige Begegnungen arglosen Blicken eine große Gefahr, wieviel mehr dann absichtliche Zusammenkünfte, um berauschte, schamlose Weiber zu sehen, die mit ihren Gebärden zur Unzucht reizen und laszive Lieder singen, die 329 Unzüchtige bloß zu hören brauchen, um die ganze Wut der Leidenschaft zu entfesseln.
Was werden sie sagen, was zu ihrer Entschuldigung vorbringen, wenn sie durch solchen Aufzug einen endlosen Schwarm von Übeln verschuldet haben? Etwa nicht, sie hätten deshalb zugesehen, um die Begierden zu wecken? So sind sie also laut dem unerbittlichen Ausspruche des Herrn des Ehebruches schuldig. — Wie wird euch das Pfingstfest finden, wenn ihr das Osterfest so entweiht habt? Pfingsten ist das Fest der offenbaren und allgemein bekannten Ankunft des Hl. Geistes. Du aber hast dich schon im voraus zur Behausung des feindlichen Geistes gemacht und wurdest ein Tempel von Götzen, anstatt ein Tempel Gottes durch Einwohnung des Hl. Geistes geworden zu sein. Du hast den Fluch des Propheten auf dich geladen, der in der Person Gottes spricht: „Ich werde ihre Feste in Trauer verwandeln.“— Wie wollt ihr eurer Dienerschaft gebieten, wenn ihr selbst wie Sklaven wahnsinnigen, verderblichen Begierden frönt? Wie wollt ihr eure Kinder in Zucht halten, wenn ihr selbst ein zuchtloses, unordentliches Leben führt?
Was nun? Soll ich euch hier verlassen? Allein, ich fürchte, der Unordentliche möchte vielleicht noch schamloser werden, der Zerknirschte aber in allzu große Betrübnis versinken. Denn es heißt: „Ein Mittel wird große Sünden heilen.“ Das Fasten möge die Trunkenheit heilen, der Psalm den buhlerischen Gesang! Die Träne werde ein Heilmittel für das Lachen! Statt des Tanzes beuge das Knie! Statt des Händeklatschens schlage man an die Brust! Statt des Kleiderputzes zeige man die Einfachheit! Vor allem kaufe das Almosen dich von der Sünde los! „Denn eines Mannes Lösegeld ist sein eigener Reichtum.“ Laß viele Bedrängte teilhaben an deinem Gebete, damit dir etwa so das böse Treiben verziehen werde. Als sich das Volk setzte, um zu essen und zu trinken, und wieder aufstand, um zu spielen 330 — sein Spiel war der Götzendienst —, da bewaffneten dich die Leviten gegen ihre Brüder und weihten ihre Hände zum Priestertum.
Daher befehlen wir euch, die ihr den Herrn fürchtet und jetzt das schändliche Treiben der Verurteilten betrauert: Wenn ihr solche seht, die ihre törichten Handlungen bereuen, habt Mitleid mit ihnen wie mit eigenen kranken Gliedern! Sind sie aber hartnäckige Sünder und verachten eure Trauer über sie, dann „geht heraus aus ihrer Mitte, sondert euch ab von ihnen, und rührt nichts Unreines an.“ So sollen jene beschämt werden und zur Erkenntnis ihrer eigenen Bosheit gelangen, ihr aber den Lohn des Eifers eines Phinees empfangen — durch das gerechte Urteil Gottes und unseres Heilandes Jesus Christus, dem die Ehre und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.