HOMILIE ZU LUK. 12, 18. — DIE HABSUCHT (Migne, PG. XXXI, 261—277)
Inhalt: Trübsal wie Glück kann Versuchung werden, wie die Bibel in Job einerseits, im Reichen des 227 Evangeliums (Luk. 12, 18) anderseits zeigt. Immer neue Güte Gottes machte letzteren immer undankbarer und habsüchtiger, erschwerte seine Verantwortung und machte ihn schon hienieden unglücklich (c. 1). Der Begüterte ist nur Verwalter seiner Güter und hat darnach zu handeln — einem ägyptischen Joseph gleich. Der Geizige weigert sich, mitzuteilen, mißgönnt dem Nächsten die kleinste Gabe (c. 2). Warnung vor dem Geize. Geben bringt vielfachen Segen und höhere Ehre als angehäufter Reichtum, lohnt sich unendlich und ewig im anderen Leben (c. 3). Die Habsucht eines Einzigen ist Quelle vielfachen Elends und Familienruins. Der Habsüchtige ist blind dafür (c. 4). Der Habsüchtige will alles zu Geld machen. Und doch kommt er oft jäh um sein Vermögen. Mahnung zu guter Verwendung der überflüssigen Habe (c. 5). Habsucht ist gemein und macht gemein und kurzsichtig zugleich. Der Habsüchtige vertröstet heuchlerisch sich und andere auf späteres Geben, ist oft versucht, sich und andere zu belügen (c. 6). Der Habsüchtige beruft sich auf das Eigentumsrecht. Ein uneingeschränktes Eigentumsrecht besteht nicht zu Recht, ist vielmehr Raub an anderen (c. 7). Ewige Belohnung winkt dem Freigebigen, ewige Strafe droht dem Geizhals. — Schlußermahnung zu christlicher Verwendung des Reichtums (c. 8).
§ 1
Zweifacher Art sind die Versuchungen: Die Trübsale erproben die Herzen wie Gold im Feuer, indem sie durch Geduld ihre Tugend bewähren; anderseits werden auch oft glückliche Lebensumstände sehr vielen zur Versuchung. Es ist ja gleich schwer, in mißlichen Lagen stark und aufrecht zu bleiben, wie in glänzenden Verhältnissen nicht übermütig zu werden. Ein Beispiel für die erste Art von Versuchungen ist der große Job, der unbesiegte Kämpfer, welcher aller Gewalt des Teufels wie dem Ungestüm eines Gießbaches mit unerschrockenem Herzen und unerschütterlichem Vorsatze trotzte und um so mehr den Versuchungen sich 228 überlegen zeigte, je schwerer und schwieriger die Kämpfe schienen, die der Feind ihm anbot. Für die Versuchungen einer glücklichen Lebenslage ist nebst anderen Beispielen zu erwähnen auch der eben von uns verlassene Reiche, der zu dem Reichtum, den er schon hatte, noch weiteren erhoffte. Der gütige Gott verdammte ihn ja nicht gleich anfangs wegen seiner undankbaren Gesinnung; vielmehr ließ er zum vorhandenen Reichtum noch neuen Reichtum hinzukommen, um schließlich doch noch sein Herz zu befriedigen und ihn zur Freigebigkeit und Milde zu bewegen.
„Der Acker eines reichen Mannes“, heißt es, „trug reiche Frucht. Da dachte er bei sich selbst: Was soll ich tun? Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen.“ Warum trug denn der Acker des Mannes Frucht, wenn er doch trotz des Erntesegens nichts Gutes tun wollte? Damit die Langmut Gottes noch mehr sichtbar würde, wenn sich seine Güte auch auf solche Kreaturen erstreckte. „Denn er läßt regnen über Gerechte und Ungerechte und seine Sonne aufgehen über Böse und Gute.“ Aber eine solche Güte Gottes erwirkt den Lasterhaften eine um so größere Strafe. Gott hat regnen lassen auf das von habsüchtigen Händen bebaute Land; er schickte die Sonne, die Samen zu erwärmen und den Ernteertrag zu vervielfältigen. Von Gott empfängt man solche Wohltaten, wie geeignetes Erdreich, gedeihliche Witterung, reichlichen Samen, der Stiere Arbeit, überhaupt alles, was den Landbau lohnend macht. Was hatte aber dieser Mensch als Antwort? Ein verbittertes Benehmen, Menschenhaß, Hartherzigkeit. So vergalt er dem Wohltäter. Er dachte nicht an die gemeinsame (Menschen-) Natur, glaubte nicht, vom Überflusse den Bedürftigen mitteilen zu müssen. Er kümmerte sich nicht um das Gebot: „Sei bereit, dem Dürftigen zu helfen,“ und: „Almosen und Glaube sollen dich nicht verlassen,“ und: „Brich’ dem Hungrigen dein Brot!“ Er 229 hörte auf keinen Propheten und Lehrer; und mochten die Scheunen für die Menge des aufgespeicherten Vorrates zu enge sein und fast bersten — das habsüchtige Herz ward nicht voll. Er schüttete immer eine neue Ernte zur alten und vermehrte so jährlich den Vorrat, konnte sich vom alten Vorrate aus Habsucht nicht losmachen und anderseits doch den neuen überreichen Ertrag nicht fassen, und so kam er in jene Verlegenheit, aus der er keinen Ausweg sah. So härmte er sich immer ab mit Plänen und Sorgen: „Was soll ich tun?“ Wer sollte nicht Mitleid haben mit einem so bedrängten Manne? Er ist unglücklich wegen der reichen Ernte, bedauernswert wegen der Schätze, die er schon hat, und noch bedauernswerter ob der zu erhoffenden Güter. Ihm bringt das Land keine Erträge, ihm verursacht es nur Seufzer; ihm bringt es keinen Überfluß an Früchten, sondern Sorgen, Betrübnis und quälende Verlegenheit. Er jammert wie die Armen. Oder redet er nicht dieselbe Sprache wie ein Armer in seiner Not? „Was soll ich tun?“ „Woher Nahrung, woher Kleider nehmen?“ Dasselbe sagt auch der Reiche betrübten Herzens und von Sorgen gequält. Denn was die andern erfreut, darüber härmt der Geizige sich ab. Es freut ihn nicht, daß alle seine Scheunen voll sind; vielmehr quält der übermäßige Reichtum, den seine Vorratshäuser nicht fassen können, seine Seele mit der Furcht, er möchte andern zugute kommen und eine Wohltat für die Armen werden.
§ 2
Mir scheint seine Seelenverfassung ähnlich der von Schlemmern zu sein, die lieber vor Gefräßigkeit bersten, als dem Armen die Reste ihrer Mahlzeiten überlassen wollen. Denk’ doch, o Mensch, an den Geber! Denk’ an dich selbst, betrachte, wer du bist, was du verwaltest, von wem du es empfangen, weshalb du vielen vorgezogen worden. Du bist Diener des gütigen Gottes geworden, ein Haushalter der Mitknechte. Glaube nicht, daß alles für deinen Bauch da sei! Was du in Händen hast, damit geh’ um wie mit fremdem Gut! Nur kurze Zeit erfreut es dich, dann fließt und schwindet es dahin; du wirst aber darob genaue Rechenschaft abzulegen haben. Du aber hältst alles hinter Tür und Riegel 230 verschlossen, verwahrst es unter Siegel, wachst voll Sorge darüber, und als dein eigener törichter Berater ersinnst du Pläne wider dich selbst. —
„Was soll ich tun?“ Entschlossen hättest du antworten sollen: „Ich will die Hungrigen sättigen, will meine Scheunen öffnen und alle Dürftigen herbeirufen. Ich will Joseph in seiner Menschenliebe nachahmen; ich will das großmütige Wort sprechen: Kommt alle zu mir, die ihr kein Brot habt! Ihr alle sollt teilhaben an der von Gott kommenden Gabe wie an einer gemeinsamen Quelle, ein jeder nach Bedarf.“ Doch ganz anders du, und warum? Weil du den Menschen die Nutznießung mißgönnst und, einer erbärmlichen Eingebung deines Herzens folgend, darauf bedacht bist, wie du, statt jedem nach Bedürfnis zu geben, alles zusammenraffen und dem allgemeinen Nießbrauch entziehen kannst. Während die schon dastanden, die seine Seele von ihm forderten, besprach er sich noch mit seiner Seele über Lebensmittel. Noch in derselben Nacht ward er hinweggenommen, während er vom Genusse vieler Jahre träumte. Es war ihm vergönnt, alles wohl zu überlegen und seine Gesinnung zu verraten, um so seinem Entschluß entsprechend gerichtet zu werden.
§ 3
Möge es dir nicht so ergehen! Uns zur Warnung steht ja das geschrieben. Ahme die Erde nach, o Mensch! Trage Früchte wie jene und zeige dich nicht weniger gut als die seelenlose (Erde)! Sie brachte nun die Früchte nicht zu eigenem Genusse, sondern zu deiner Nutznießung hervor. Du aber sammelst jegliche Frucht deiner Wohltätigkeit für dich selber, eben weil aus den Wohltaten Gnade und Segen auf die Spender zurückfließt. Gabst du dem Hungrigen, so wird das, was du gegeben, dein und kommt mit Zuwachs zurück. Wie das Getreide, das in die Erde fällt, dem Sämann Gewinn bringt, so wird das Brot, das du dem Hungrigen reichst, dir später reichen Gewinn abwerfen. Darnach soll dir der Endzweck des Landbaus Anfang der Aussaat für den Himmel sein. „Säet doch“, sagt der Prophet, „für 231 euch selbst zur Gerechtigkeit!“ Warum ängstigst du dich, warum quälst du dich ab, den Reichtum mit Lehm und Ziegelsteinen zu verschließen? „Ein guter Name ist mehr wert als viel Reichtum.“
Wertest du aber den Reichtum so hoch wegen der Ehre, die er bringt, so bedenke, wie viel rühmlicher es ist, Vater zahlloser Kinder genannt zu werden, als eine Unmenge Münzen in der Kasse zu haben. Das Geld wirst du hier lassen, magst du wollen oder nicht; aber die Ehre aus guten Werken wirst du zum Herrn hinübertragen, wenn einmal beim allgemeinen Gerichte alles Volk um dich herumsteht, dich einen Nährvater und Wohltäter nennt und dir alle Titel der Menschenliebe beilegt. Siehst du nicht, wie manch ein Theater auf Fechter, Schauspieler und Tierkämpfer, die man ohne Abscheu nicht einmal ansehen kann, für die kurze Ehre, für den Lärm und das Beifallklatschen des Volkes ihren Reichtum verwenden? Du aber bist karg im Aufwande und in Ausgaben, womit du doch so großen Ruhm ernten könntest? Gott wird dich aufnehmen, die Engel werden dich loben, die Menschen seit Erschaffung der Welt dich selig preisen; ewiger Ruhm, die Krone der Gerechtigkeit, das Himmelreich wird dein Lohn sein für die gute Verwaltung der vergänglichen Güter. Um all das kümmerst du dich nicht und übersiehst in deiner Sucht nach irdischen Gütern die ewigen. Wohlan — verfüge über deinen Reichtum verschiedentlich! Suche deine Ehre und Herrlichkeit in dessen Verwendung zugunsten der Armen! Man sage auch von dir: „Er streute aus, gab den Armen; seine Gerechtigkeit währt ewig.“ Sei nicht so teuer (mit den Dingen), und achte auf das Bedürfnis! Warte nicht eine Hungersnot ab, um dann deine Scheunen zu öffnen! „Denn wer den Getreidepreis steigert, ist beim Volke verflucht.“ Warte nicht auf Hunger des Goldes wegen, noch hoffe auf allgemeinen Mangel ob des eigenen Überflusses! Sei kein Spekulant mit 232 menschlichem Unglück! Mach’ den Zorn Gottes nicht zu einer überreichen Gewinnquelle! Reiß die Wunden der von der Gottesgeißel Betroffenen nicht weiter auf! — Doch du schaust auf das Gold; auf den Bruder siehst du nicht. Du kennst das Gepräge der Münze und weißt die falsche von der echten zu unterscheiden; aber den Bruder in der Not kennst du gar nicht.
§ 4
Der Glanz des Goldes freut dich ungemein; aber wieviel Seufzen von Armen du verschuldest, bedenkst du nicht. Wie soll ich dir die Leiden der Armen vor Augen stellen? Überschaut der Arme seine Habe, so sieht er, daß er kein Geld hat noch je bekommen wird, er sieht, wie sein Inventar und seine Kleider in dem Zustande, in dem nun einmal diese Dinge bei den Armen sind, zusammen nur wenige Pfennige wert sind. Was jetzt? Nun wirft er seinen Blick auf seine Kinder, um sie auf den Markt zu führen und zu verkaufen, um so die Gefahr des Hungertodes zu beschwichtigen. Betrachte hier den Kampf der Hungersnot und der väterlichen Liebe! Der Hunger droht mit dem jammervollsten Tode; die Natur hält ihn zurück und rät ihm, mit seinen Kindern zu sterben. Oft hin- und hergetrieben, erliegt er schließlich der unerbittlichen Not. Wie will es der Vater nun angehen? Welches Kind soll ich zuerst verkaufen? Welches wird der Getreidehändler gerne sehen? Soll ich das älteste nehmen? Doch muß ich die Rechte seines Alters respektieren. Oder das jüngste? Doch mich erbarmt sein Alter, das vom Elend noch nichts weiß. Das eine Kind hat genau die Züge seiner Eltern, das andere ist befähigt für das Studium. Ach, welche Verlegenheit! Was soll aus mir werden? An welchem soll ich mich vergreifen? Welche Tierseele soll ich annehmen? Wie soll ich die eigene Natur vergessen? Behalte ich sie alle, so werde ich sie alle des Hungers sterben sehen. Verkaufe ich eines, mit welchen Augen soll ich dann die andern anschauen, da ich mich schon der Untreue an ihnen verdächtig gemacht habe? Wie kann ich noch das 233 Haus bewohnen, wenn ich mich selbst kinderlos gemacht habe? Wie kann ich mich an den Tisch setzen, der auf solchem Wege zu seinem reichlichen Gedeck kam? Schließlich kommt der Vater doch, um unter tausend Tränen sein liebstes Kind zu verkaufen. Dich aber rührt sein Leid nicht; du nimmst keine Rücksicht auf die Natur? Der Hunger quält den Unglücklichen; du aber zögerst und spottest und verlängerst ihm das Elend. Er gibt als Preis für die Lebensmittel sein Herzblut hin; aber deine Hand erstarrt nicht nur nicht, aus solchem Elend Gewinn zu ziehen, sondern du feilschest gar um höheren Preis, zankst, um möglichst viel zu bekommen und möglichst wenig zu geben, und erschwerst so auf alle mögliche Weise dem Unglücklichen sein bitteres Los. Keine Träne rührt dich, kein Seufzer erweicht dein Herz; du bleibst hart und gefühllos. Du siehst nur Gold, denkst nur an Gold; davon träumst du im Schlafe, darnach trachtest du wachend. Wie die Wahnsinnigen nicht die wirklichen Dinge sehen, sondern die Ausgeburten ihrer Leidenschaft, so sieht auch deine vom Goldteufel besessene Seele überall nur Gold und Silber. Lieber siehst du das Gold als die Sonne. Du möchtest alles in Gold verwandelt sehen, darauf geht all dein Sinnen und Trachten.
§ 5
Was ersinnst und unternimmst du nicht des Goldes wegen? Das Getreide wird dir zu Gold; der Wein verdichtet sich dir zu Gold; die Wolle verwandelt sich dir in Gold; jeder Handel, jedes Unternehmen schafft dir Gold herbei. Das Gold erzeugt sich selbst, indem es sich durch Zinsen mehrt. Und doch wirst du nie satt, und deine Gier findet nie ein Ziel. Naschhaften Kindern gestatten wir zwar öfters, sich von den erwünschten Leckereien voll zu essen, um ihnen durch den übermäßigen Genuß einen Abscheu davor beizubringen. Bei dem Habsüchtigen kommt es aber nicht so weit, sondern je mehr er bekommt, desto mehr verlangt er. „Wenn Reichtum herbeiströmt, so hängt das Herz nicht daran.“ 234 Du aber hältst den Vorüberströmenden fest und verrammelst die Ausgänge. Hast du ihn dann, und ist er gleichsam zum See geworden, was tut er dir dann? Er durchbricht die Schranken, und, eben noch gewaltsam eingeschlossen und zum Überlaufen voll, reißt er jetzt die Scheunen des Reichen nieder und macht wie ein Einbrecher seine Magazine dem Boden gleich. Aber er wird größere bauen? Doch ist es ungewiß, ob er nicht die niedergerissenen seinem Erben hinterlassen wird; denn er kann schnell hinweggerafft werden, ehe noch die Scheunen nach dem habsüchtigen Plane erstellt sind. Doch der Reiche hat ein Ende gefunden, das seiner verruchten Gesinnung entsprach. Ihr aber werdet, wenn ihr mir folgt, alle Türen eurer Vorratshäuser öffnen und dem Reichtum möglichst weite Ausgänge gewähren. Ein großer Fluß ergießt sich in tausend Kanälen über fruchtbares Land; ebenso laßt den Reichtum auf mannigfachen Wegen in die Wohnungen der Armen gelangen! Wenn man die Brunnen ausschöpft, dann geben sie mehr und reinlicheres Wasser; werden sie aber nicht ausgenützt, so wird das Wasser faul. So ist auch der Reichtum, der brach liegt, wertlos; kommt er aber in Bewegung und Umlauf, so wird er gemeinnützig und fruchtbar.
O welches Lob harrt deiner seitens der Unterstützten, ein Lob, das du nicht verachten darfst! Welch ein Lohn vom gerechten Richter, woran du nicht zweifeln darfst! Überall halte dir das warnende Beispiel des angeklagten Reichen vor, der seine Schätze ängstlich hütete, um die künftigen bangte und, ohne zu wissen, ob er morgen noch leben werde, heute schon für morgen sündigte. Noch kam kein Bittsteller, und doch zeigte er schon seine Härte; noch hatte er die Früchte nicht geerntet, und doch war er wegen seiner Habsucht schon gerichtet. Die Erde zeigte sich wohl freundlich gegen ihn durch ihre Früchte, zeigte ihm dichte Saaten auf den Äckern, viele Trauben an den Reben, reiche Frucht am Ölbaume und verhieß ihm vollsten Ertrag von den Fruchtbäumen. Er aber war unfreundlich und unfruchtbar: noch hat er die Ernte nicht, und doch mißgönnt er sie schon den Dürftigen. Und wieviele Gefahren bedrohen doch die Früchte vor der Ernte! Bald schlägt sie der 235 Hagel nieder; bald reißt die Hitze sie uns aus den Händen, bald verdirbt sie unzeitiger Regen. Warum bittest du denn nicht den Herrn, daß er dir die Gabe ganz reiche? Warum machst du vielmehr im voraus dich unwürdig, das zu empfangen, was er dir anzeigte?
§ 6
Du redest zwar im Stillen mit dir selbst; aber deine Worte werden im Himmel geprüft; deshalb kommen dir von dorther die Antworten. Was sind das für Worte, die er spricht? „Seele, du hast großen Vorrat an Gütern; iß, trink, laß dir täglich wohl sein!“ O die Torheit! Hättest du eine Schweine-Seele, was könntest du ihr etwas anderes zurufen? Bist du so viehisch, so verständnislos für die Güter der Seele, daß du sie mit Fleischspeisen regalieren willst? Was die Kloake aufnimmt, das bestimmst du für die Seele? Besitzt sie Tugend, ist sie voll guter Werke, ist sie mit Gott vereint, so besitzt sie viele Güter und soll sich einer entzückenden Seelenwonne erfreuen. Da du aber irdisch gesinnt bist und Gott dein Bauch ist und du ganz fleischlich bist und ein Sklave der Leidenschaften, so höre denn die auf dich passende Bezeichnung, die dir nicht ein Mensch beigelegt hat, die dir der Herr selbst gibt: „Du Tor, in dieser Nacht noch wird man deine Seele von dir fordern; was du nun bereitet hast, wem wird es gehören?“ Der Hohn auf diese Torheit ist schrecklicher als die ewige Strafe. Was macht doch der, der in kurzem weggerafft werden soll, für Pläne? „Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen.“ Du tust gut daran, möchte ich ihm sagen. Denn für den Abbruch reif sind die Scheunen der Ungerechtigkeit. Zerstöre mit eigener Hand, was du schlecht aufgebaut hast! Reiß die Getreidemagazine ein, die noch nie einer getröstet verlassen! Mach’ das ganze Haus, das deine Habsucht aufbewahrt, dem Erdboden gleich. Deck’ die Dächer ab, reiß nieder die Mauern, bring’ das verschimmelte Getreide an die Sonne, führe den gefesselten Reichtum aus dem Kerker, öffne triumphierend die dunklen Gemächer des Mammon!
236 „Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen.“ Hast du dann diese neuen gefüllt, was wirst du dann ersinnen? Wirst du sie etwa wieder abbrechen und wieder aufbauen? Gäbe es noch Törichteres als das — endlos sich abmühen, eifrig bauen und ebenso eifrig wieder abbrechen? Du hast ja Scheunen, wenn du willst, an den Häusern der Armen. „Sammle dir einen Schatz im Himmel!“ Was dort aufbewahrt wird, das verzehren nicht Motten, frißt nicht der Rost, stehlen nicht die Diebe. — Doch ich werde den Armen mitteilen, sobald ich die zweiten Scheunen angefüllt habe. Du hast dir wohl eine lange Lebensdauer bestimmt. Gib acht, daß nicht etwa dein Tag dich vorher jäh überrascht! Dein Versprechen ist ja auch kein Beweis für deine Güte, sondern für deine Bosheit. Denn du versprichst, nicht um nachher zu geben, sondern um dem Geben in der Gegenwart auszuweichen. Was hindert dich denn, jetzt schon mitzuteilen? Gibt es keine Armen? Sind deine Scheunen nicht voll? Liegt der Lohn nicht bereit? Ist das Gebot nicht deutlich? Der Hungrige verschmachtet; der Nackte starrt vor Kälte; der Schuldner wird geängstigt, und du verschiebst das Almosen auf morgen? Höre Salomon! „Sage nicht, geh und komm wieder; morgen will ich dir geben; denn du weißt nicht, was der folgende Tag bringt.“ Welche Gebote verachtest du, der du mit deiner Geldliebe dir die Ohren verstopfst? Wie dankbar solltest du dem Wohltäter sein, wie dich freuen und der Ehre dich rühmen, daß nicht du an den Türen anderer zu klopfen brauchst, sondern daß andere die deinige belagern! Nun aber bist du mürrisch und kaum zugänglich; du weichst jeder Begegnung mit Armen aus, damit du ja nicht genötigt wirst, auch nur etwas Weniges aus der Hand zu geben. Du kennst nur die eine Rede: „Ich habe nichts und werde nichts geben; denn ich bin arm.“ — Arm bist du in der Tat und bar jeglichen guten Werkes, arm an Liebe, arm an Gottesglauben, arm an ewiger Hoffnung. 237 Teile von dem Getreide deinen Brüdern mit! Was morgen fault, gib heute den Armen! Die häßlichste Gestalt zeigt die Habsucht dann, wenn sie nicht einmal von dem, was verdirbt, den Armen mitteilt.
§ 7
Wem tue ich Unrecht, fragt der Geizige, wenn ich das Meinige zusammenhalte? Aber sage mir, was ist denn dein? Woher hast du es bekommen und in die Welt gebracht? Wie wenn einer im Theater, der bereits seinen Platz hat, die nachher Eintretenden fernhalten und den allgemein zugänglichen Raum als sein Eigentum ansprechen wollte, so ähnlich gebärden sich die Reichen. Die gemeinsamen Güter nehmen sie zuerst in Beschlag und machen sie durch diese Vorwegnahme zu ihrem Privateigentum. Würde jeder nur soviel nehmen, als er braucht zur Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse, das Übrige aber dem Dürftigen überlassen, dann gäbe es weder Reiche noch Arme. Bist du nicht nackt aus dem Mutterschoße gekommen, und wirst du nicht nackt wieder zur Erde zurückkehren? Woher hast du denn deine Güter? Sagst du: vom Zufalle, dann bist du gottlos, weil du den Schöpfer nicht erkennst und dem Geber keinen Dank weißt. Bekennst du aber, sie seien von Gott, dann nenne mir doch den Rechtstitel, auf den hin du sie erhalten hast! Ist Gott nicht ungerecht, daß er an uns die Lebensgüter so ungleich verteilt? Warum bist du dann reich, jener aber arm? Jedenfalls nur deshalb, damit du für deine Güte und treue Verwaltung einen Lohn erhaltest, der Arme aber mit den herrlichen Preisen der Geduld bedacht werde. Du aber raffst alles im unersättlichen Schoße deiner Habsucht zusammen und glaubst, keinem Unrecht zu tun, wenn du so viele beraubst. Wer ist denn ein Habsüchtiger? Wer sich mit dem Ausreichenden nicht begnügt. Wer ist ein Räuber? Wer jedem das Seinige nimmt. Bist du nun kein Habsüchtiger, kein Räuber, wenn du das, was dir in Verwaltung gegeben worden, als dein Eigentum ansprichst? Wer einem andern die Kleider auszieht und sie nimmt, wird als Räuber bezeichnet; wer aber einen Nackten nicht kleidet, obschon er es machen könnte, verdient der etwa eine andere Bezeichnung? Dem Hungrigen gehört das 238 Brot, das du zurückhältst, dem Nackten das Kleid, das du im Schranke verwahrst, dem Barfüßigen der Schuh, der bei dir verfault, dem Bedürftigen das Silber, das du vergraben hast. Du tust also ebenso vielen Unrecht, als du hättest geben können.
§ 8
Schön sind da deine Worte, sagt der Geizige, aber schöner ist das Gold. Dasselbe erlebt man, wenn man vor Unkeuschen von der Keuschheit redet. Verurteilt man die Dirne, so werden sie schon durch die Erinnerung an sie zu sinnlichen Begierden entflammt. Wie soll ich dir die Leiden des Armen vor Augen führen, damit dir klar werde, aus welchen Seufzern du dir deine Schätze sammelst? O wie wertvoll wird dir am Tage des Gerichtes jenes Wort vorkommen: „Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters; besitzt das Reich, das seit Grundlegung der Welt euch bereitet ist! Denn ich war hungrig, und ihr habt mich gespeist; ich war durstig, und ihr habt mich getränkt; ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet.“ Aber welch ein Schauder, Schweiß und Finsternis wird dich befallen, wenn du das Verdammungsurteil hörst: „Weichet von mir, ihr Verfluchten, in die äußerste Finsternis, die dem Teufel und seinen Engeln bereitet worden. Denn ich war hungrig, und ihr habt mich nicht gespeist; ich war durstig, und ihr habt mich nicht getränkt; ich war nackt, und ihr habt mich nicht bekleidet.“ Es wird also dort nicht der Räuber angeklagt, sondern der wird gerichtet, der von seinen Gütern nicht mitteilte.
Damit habe ich gesagt, was mir zu sagen angezeigt schien, und dir, wenn du folgst, die verheißungsgemäß hinterlegten Güter in Aussicht gestellt. Hörst du aber nicht, so ist für dich die Drohung niedergeschrieben. Laß sie nicht an dir wahr werden, ich bitte dich darum, sondern nimm eine bessere Gesinnung an, damit dir dein 239 Reichtum ein Lösegeld werde und du zu den bereitstehenden himmlischen Gütern gelangst — durch die Gnade dessen, der uns alle zu seinem Reiche berufen hat, und dem Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.