ERMAHNUNG ZUR HL. TAUFE (Migne, PG. XXXI, 424—444)
Inhalt: Im Reiche der Übernatur muß man zuerst sterben (dem Fleische nach), um dann zu geistigem Leben zu erstehen. Der Tod der Seele besteht in der Unkenntnis Gottes. Ohne Erleuchtung ist, wer nicht getauft. — Zur Taufe jeder Tag geeignet, besonders der Ostertag. Die Johannes-Taufe einst begehrt, nicht so jetzt die höhere christliche Taufe. Keine Ausrede und kein Bedenken rechtfertigt deren Aufschub von Jahr zu Jahr (c. 1). Israel verstand sich zur Beschneidung um deren Segnungen willen; noch mehr muß der Katechumene verlangen nach der Taufe mit ihren reicheren Gnadenfrüchten (c. 2). Der himmelwärts fahrende Elias ein Vorbild für Taufwasserscheue. Die 301 Wirkung der Taufe vorgebildet im Brandopfer des Elias. — Materielle Güter zu bekommen, beeilt man sich, um übernatürliche Gnaden kümmert man sich so wenig und so lässig — aus Furcht, auf Weltlust verzichten zu müssen (c. 3). Weder große noch kleine Sündenschuld kann den Aufschub begründen. — Nur die Getauften sind als Schützlinge der Engel und als Kinder Gottes erkennbar (c. 4). Unschuldige Jugend wie beflecktes Alter sollen sich ihr Glück sichern durch die Taufe und mit deren Früchten sich bereichern. — Aber der Hang zur Sünde rät zum Aufschub der Taufe. Und doch bringt die Sünde keine Beseligung; das Verharren in ihr ist Lieblosigkeit gegen Gott und vermessentliche Gefährdung des ewigen Heiles. Selbstbetrug die Vertröstung auf ein besseres Greisenalter. Enthaltsamkeit in der Jugend ist gottgefällig; im Alter ist sie nicht Tugend, sondern Naturnachlaß. Zudem hohes Alter ungewiß und das Sterbebett nicht geeignet, zum Empfange der Taufe sich vorzubereiten (c. 5). Der Kämmerer von Äthiopien ein Vorbild für ein entschiedenes Verlangen nach der Taufe. — Der Teufel rät zum Aufschub, um uns zu verderben (c. 6). Dringliche Mahnung zur Taufe und zu christlichem Wandel. Das Christenleben opfervoll, doch lohnend. Viele Mittel zu heiligem Wandel. Verschieben der Taufe bis zur Sterbestunde so töricht wie vermessen (c. 7). Den Säumigen droht schließlich eine verzweifelte Lage. Zu späte Reue und Gewissensvorwürfe der Verdammten. — Schlußermahnung zu baldigstem Empfange der Taufe (c. 8).
§ 1
Der weise Salomon, der die Vorgänge des Lebens auf bestimmte Zeiten verteilt und jeder Betätigung die geeignete Zeit anweist, sagt: „Alles hat seine Zeit, und jedes Ding hat seine Zeit; es gibt eine Zeit der Geburt und eine Zeit des Todes.“ Ich möchte aber den Ausspruch des Weisen etwas abändern und euch als Verkündiger der Heilslehre sagen: „Es gibt eine Zeit des Todes und eine Zeit der Geburt.“ Weshalb diese 302 Versetzung der Worte? Salomon sprach vom Entstehen und Vergehen der Dinge, hielt sich an den Naturlauf der Körperwelt und setzte daher die Geburt vor den Tod; unmöglich kann ja jemand des Todes sterben, der nicht zuvor geboren worden. Ich aber will von der geistigen Wiedergeburt reden; deshalb stelle ich den Tod vor das Leben. Wenn wir nämlich dem Fleische nach sterben, werden wir dem Geiste nach geboren, wie ja auch der Herr sagt: „Ich werde töten und lebendig machen.“ Laßt uns also sterben, damit wir leben! Laßt uns ertöten den Sinn des Fleisches, der sich dem Gesetze Gottes nicht unterordnen kann, damit der Sinn des Geistes, durch den Leben und Friede kommen, in uns erstarke! Laßt uns begraben werden mit Christus, der für uns gestorben ist, damit wir mitauferstehen mit ihm, der uns die Auferstehung erwirkt hat!
Alles und jedes Ding hat also seine Zeit: Der Schlaf hat seine Zeit, und das Wachen hat seine Zeit; der Krieg hat seine Zeit, und der Friede hat die seinige. Die Zeit für die Taufe aber ist das ganze Leben. Wie der Körper nicht leben kann, ohne zu atmen, so kann die Seele nicht bestehen ohne Kenntnis des Schöpfers. Denn Gott nicht kennen, ist der Tod der Seele; und wer nicht getauft ist, ist auch nicht erleuchtet. Ohne Licht kann aber das Auge die Gegenstände nicht wahrnehmen und die Seele Gott nicht schauen. Jede Zeit ist also wohlgelegen, um die Taufgnade zu empfangen, sei es Tag, sei es Nacht, jedwede Stunde, der kürzeste Augenblick. Als die passendste erscheint freilich die, die mit der Taufe in nächster Beziehung steht. Was steht aber mit der Taufe in innigerem Zusammenhang als der Ostertag? Dieser Tag dient je zur Erinnerung an die Auferstehung; die Taufe aber ist die Kraft zur Auferstehung. Laßt uns daher am Auferstehungstage die Auferstehungsgnade empfangen! Deshalb ruft die Kirche ihre Pfleglinge mit lauter Stimme von fern her zusammen, um denen jetzt 303 das Leben zu geben, die sie schon lange mit Wehen getragen, um denen die künftige Kost der Glaubenslehren zu reichen, die sie der Milch des ersten Unterrichtes entwöhnt hat.
Johannes predigte die Taufe der Buße, und ganz Judäa ging zu ihm hinaus. Der Herr predigte die Taufe der Kindschaft Gottes, und wer von denen, die auf ihn gehofft haben, wird nicht auf ihn hören? Jene Taufe leitete nur ein, diese vollendet. Jene war Abkehr von der Sünde, diese ist Vereinigung mit Gott. Johannes war allein, als er predigte, und zog alle zur Buße hin. Du aber, von den Propheten unterrichtet: „Wascht, reinigt euch!“, von dem Psalmisten ermahnt: „Kommt zu ihm, und laßt euch erleuchten!“, von den Aposteln mit der frohen Botschaft beglückt: „Tuet Buße, und ein jeder von euch lasse sich taufen im Namen des Herrn Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, und ihr werdet empfangen die Verheißung des Hl. Geistes!“, vom Herrn selbst eingeladen: „Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; und ich will euch erquicken!“ — all das ist ja heute in der Vorlesung zusammengetroffen —, du säumst, überlegst, zögerst? Du, von Kindheit an im Glauben unterrichtet, stimmst der Wahrheit noch nicht bei? Immer lerntest du, und bist noch nicht zur Erkenntnis gekommen! Du prüfst dein ganzes Leben lang, forschest bis zum Greisenalter; wann wirst du ein Christ werden? Wann dürfen wir dich als den Unsrigen begrüßen? Im Vorjahre hast du den gegenwärtigen Zeitpunkt abgewartet; jetzt willst du wieder auf das nächste Jahr warten. Sieh zu, daß du nicht Versprechungen machst über dein Leben hinaus! „Du weißt nicht, was der kommende Tag bringt.“ Versprich nicht, was nicht dein ist! Zum Leben rufen wir dich, o Mensch. Warum folgst du dem Rufe nicht zur Teilnahme an den Gütern? Warum schmähst du das Geschenk? Das Himmelreich ist geöffnet. Der da einlädt, trügt nicht. Der Weg ist leicht; du hast nicht viel Zeit, nicht Aufwand, nicht Mühe 304 nötig. Was besinnst du dich? Was zögerst du? Warum fürchtest du das Joch wie eine Färse, die noch kein Joch getragen? „Es ist süß, es ist leicht.“ Es schabt den Nacken nicht, sondern ziert ihn. Denn es wird nicht um den Hals gebunden, sondern will freiwillig getragen sein. Siehst du: Ephraim wird angeklagt, daß es wie eine von der Bremse gestochene Färse wild herumirrt, das Joch des Gesetzes verachtend. Beuge deinen ungebändigten Nacken! Werde ein Jochtier Christi, damit du nicht, ohne Joch und ungebunden im Leben, eine leichte Beute der wilden Tiere werdest.
§ 2
„Kostet und seht, wie lieblich der Herr ist!“ Wie soll ich den Unkundigen die Süßigkeit des Honigs klar machen? „Kostet und sehet!“ Überzeugender als jede Rede spricht die eigene Erfahrung. Der Jude verschiebt die Beschneidung nicht — wegen der Drohung: „Jede Seele, die am achten Tage nicht beschnitten ist, soll ausgerottet werden aus ihrem Volke!“ Du aber schiebst die Beschneidung hinaus, die nicht mit der Hand geschieht, sondern im Ausziehen des Fleisches in der Taufe sich vollzieht. Und doch hast du vom Herrn selbst gehört: „Wahrlich, wahrlich, sage ich euch, wenn jemand nicht wiedergeboren wird aus dem Wasser und dem Hl. Geiste, so kann er in das Reich Gottes nicht eingehen!“ — Dort ist doch Schmerz und Wunde, hier Tau der Seele und Heilung der Herzenswunden. Du betest den an, der für dich gestorben? Nun dann laß dich auch mit ihm in der Taufe begraben! Bist du nicht mit ihm vereint in der Ähnlichkeit des Todes, wie wirst du dann an seiner Auferstehung teilnehmen? Jenes Israel wurde auf Moses getauft, in der Wolke und im Meere, dir zum Vorbild und zur Bezeichnung der Wahrheit, die „am Ende der Zeiten“ sich offenbaren sollte. Du aber fliehst vor der Taufe, die nicht im Meere vorgebildet, sondern in der Wahrheit vollendet 305 wird, nicht in der Wolke, sondern im Geiste, nicht auf Moses, der auch Knecht war, sondern auf Christus, den Schöpfer. Wäre Israel nicht durch das Meer gegangen, so wäre es von Pharao nicht losgekommen. Auch du wirst nicht von der grausamen Herrschaft des Teufels befreit werden, wenn du nicht durch das Wasser gehst. — Auch hätte Israel nicht aus dem geistigen Felsen getrunken, wäre es nicht vorbildlich getauft worden. Auch dir wird niemand den wahren Trank reichen, wenn du nicht wahrhaft getauft bist. — Jenes Israel aß nach der Taufe Engelbrot; wie willst du denn das lebendige Brot essen, wenn du nicht zuvor die Taufe empfangen hast? Altisrael ging durch die Taufe in das Land der Verheißung ein; wie aber willst du ins Paradies kommen, wenn du nicht mit der Taufe besiegelt bist? Oder weißt du nicht, daß ein feuriges Schwert aufgepflanzt ist, um den Weg zum Lebensbaume zu bewachen, für die Ungläubigen furchtbar und flammensprühend, für die Gläubigen leicht zugänglich und mild strahlend? Auch hat es der Herr beweglich gemacht: Wenn es einen Gläubigen sieht, zeigt es den Rücken; sieht es aber einen Nichtbesiegelten, dann hält es ihm die Schneide entgegen.
§ 3
Elias erschrak nicht vor dem feurigen Wagen und den feurigen Rossen, die auf ihn zukamen, sondern wagte im Verlangen nach der himmlischen Reise das Schreckliche, bestieg hochentzückt den flammenden Wagen, obschon er noch im Fleische lebte. Du aber hast keine feurige Wagen zu besteigen, sondern sollst durch Wasser und Geist zum Himmel emporsteigen. Und du willst nicht auf den Ruf herbeieilen? — Elias zeigte die Kraft der Taufe auf dem Altare der Brandopfer, als er nicht durch Feuer, sondern mit Wasser das Opfer verbrannte. Sonst kämpft die Natur des Feuers mit dem Wasser. Damals aber, als das Wasser geheimnisvoll dreimal auf den Altar gegossen wurde, entzündete es 306 Feuer und nährte wie Öl die Flamme. „Nehmt nur“, heißt es, „Krüge mit Wasser und gießt es auf die Brandopfer und auf die Scheiter!“ Und dann sprach er: „Tut es noch einmal; und sie taten es zum zweiten Male. Und tut es zum dritten Male; und sie machten es so zum dritten Male.“ Dadurch gibt die Schrift zu verstehen, daß der Täufling durch die Taufe mit Gott vereinigt wird, und daß lauteres himmlisches Licht mit dem Glauben an die Dreifaltigkeit in den Seelen derer aufleuchtet, die sich (der Taufe) nahen.
Wenn ich in der Kirche Gold austeilen würde, dann würdest du mir nicht sagen: „Ich werde morgen kommen; gib mir morgen.“ Du würdest es sofort nehmen, würdest auf Verteilung dringen und über etwaige Zögerung unwillig werden. Da aber der hochherzige Geber dir kein blinkendes Metall, sondern Reinigung der Seele anbietet, suchst du nach Ausreden und machst allerlei Gegengründe geltend, statt zu den Geschenken zu eilen. O Wunder! Du wirst erneuert, ohne umgeschmolzen, umgeprägt, ohne gebrochen zu werden, geheilt ohne Schmerzen, und du schenkst der Gnade keine Beachtung! — Wärest du eines Menschen Sklave, und würden den Sklaven die Freiheit urkundlich angeboten, würdest du nicht an dem festgesetzten Tage kommen, Anwälte dingen und Richter beschwören, um dir so mit allen Mitteln die Freiheit zu sichern? Gern würdest du dir auch den Backenstreich, den letzten Schlag, den die Sklaven erhalten, gefallen lassen, um dann der Mißhandlungen enthoben zu sein. Nun bist du nicht Sklave von Menschen, aber Sklave der Sünde, und als solchen ruft dich der Herold zur Freiheit, um dich aus der Knechtschaft zu erlösen, dich den Engeln ebenbürtig zu machen, dich durch die Gnade zum Kinde Gottes zu erheben und zu erklären und zum Erben der Güter Christi. Und nun sagst du, du habest keine Zeit, die Gaben in Empfang zu nehmen! Ach, diese unseligen Hindernisse, diese erbärmliche, endlose Geschäftigkeit! Wie lange noch sollen die Vergnügungen, die Ergötzlichkeiten dauern? Wir haben doch schon lange genug für 307 die Welt gelebt; laßt uns nunmehr für uns leben! Was kommt der Seele an Wert gleich? Was ist dem Himmelreich gleichzuachten? Wer ist ein verlässigerer Ratgeber als Gott? Wer klüger als der Weise? Wer nützlicher als der Gute? Wer steht dir näher als der Schöpfer? Es nützte wahrlich der Eva nicht, dem Rate der Schlange mehr gefolgt zu haben als dem des Herrn. O die törichten Reden: Ich habe keine Zeit, mich heilen zu lassen; zeige mir das Licht noch nicht! Vereinige mich noch nicht mit dem König! Sagst du das nicht offen heraus? Ja, nicht noch Törichteres als das? — Stünde dein Name im Schuldbuche des Staates und es würde den Schuldnern ein Nachlaß angekündigt, und wollte dich dann jemand widerrechtlich um diese Vergünstigung bringen, so würdest du vor Ingrimm schreien, daß man dir den dir anfallenden Anteil an der Vergünstigung entziehen wolle. Nun aber wird dir nicht bloß die Verzeihung einer sündigen Vergangenheit, es werden dir auch Geschenke in Aussicht gestellt; du aber fügst dir ein größeres Unrecht zu, als irgendein Feind verschulden könnte, und glaubst dich doch gut beraten und wohlweislich für dich gesorgt zu haben, wenn du den Nachlaß nicht annimmst, sondern in Schulden stirbst! Und das tust du, obschon du weißt, daß der, welcher zehntausend Talente schuldig war, Nachlaß erlangt hätte, wenn er nicht durch seine Unmenschlichkeit gegen den Mitknecht die Schuldanforderung des Herrn erneuert hätte. Laßt uns auf der Hut sein, daß es uns nicht auch so geht, wenn wir nämlich nach Erhalt der Gnade unsern Schuldnern nicht vergeben würden; uns soll das Geschenk gesichert bleiben.
§ 4
Geh in das Gemach deiner Seele und wecke die Erinnerung an deine Werke! Sind deine Sünden zahlreich, laß den Mut nicht sinken ob der Menge! „Denn als die Sünde voll war, ward übervoll die Gnade“; du brauchst die Gnade nur anzunehmen. Wer viel schuldet, dem wird auch viel erlassen, damit er mehr liebe. Sind 308 deine Sünden aber klein, leicht und nicht zum Tode, was ängstigt dich dann die Zukunft, da du dich doch in der Vergangenheit so ritterlich gehalten, also zu einer Zeit, da du im Gesetze noch nicht unterwiesen warst? Stelle dir vor, deine Seele stünde gleichsam auf einer Wage und würde hier von Engeln, dort von Teufeln angezogen. Wohin wird nun dein Herz den Ausschlag geben? Was wird bei dir siegen, die Lust des Fleisches oder die Heiligung der Seele? Der Genuß der augenblicklichen oder das Verlangen nach den künftigen Gütern? Werden die Engel dich aufnehmen oder die dich festhalten, die dich bereits fesseln? An der Front geben die Heerführer ihren Untergebenen die Parole, damit die Freunde sich einander leicht zurufen und von den Feinden, mit denen sie im Handgemenge sind, sich ohne Verwirrung loslösen können. Niemand kann wissen, ob du zu uns gehörst oder zum Feind, wenn du nicht mit den geheimnisvollen Symbolen die Verwandtschaft nachweisest, wenn nicht auf dich gezeichnet ist das Licht des Antlitzes des Herrn. Wie soll der Engel sich deiner annehmen? Wie soll er dich dem Feinde entreißen, wenn er das Siegel nicht wahrnimmt? Wie willst du sagen: Ich gehöre Gott an, wenn du nicht die Merkmale an dir trägst? Oder weißt du nicht, daß der Würgengel an den bezeichneten Häusern vorüberging, in den nichtbezeichneten aber die Erstgeburt tötete? Ein unversiegelter Schatz fällt leicht Dieben in die Hände; ein ungezeichnetes Schaf fängt man ohne Gefahr ein.
§ 5
Du bist jung? Sichere deine Jugend mit dem Zaume der Taufe! Ist die Jugendblüte dahin? Hüte dich, daß du nicht die Wegzehrung verlierst, bringe dich nicht um das Schutzmittel und denke nicht von der elften Stunde wie von der ersten; muß doch schon der, welcher das Leben anfängt, das Ende vor Augen haben. Wenn ein Arzt dir verspräche, er werde dich durch 309 gewisse Mittel und Kunstgriffe aus einem Greise wieder zum Jünglinge machen, würdest du dich nicht nach jenem Tage sehnen, an dem du dich zur Jugendblüte zurückkehren sähest? Wo dir aber die Taufe verspricht, deiner gealterten und schuld deiner Sünden durch Runzeln und Flecken entstellten Seele die frühere Blüte wiederzugeben, da verachtest du den Wohltäter und drängst nicht zur Verheißung hin. Willst du denn das große Wunder der Verheißung nicht schauen — wie der Mensch ohne Mutter wiedergeboren wird, wie der „alte und durch trügerische Lüste verderbte Mensch“ wieder voll Kraft sich verjüngt und zur wahren Jugendblüte zurückkehrt?
Die Taufe ist für Gefangene ein Lösegeld, der Schulden Vergebung, der Sünde Tod, Wiedergeburt des Geistes, ein lichtes Gewand, ein unzerstörbares Siegel, ein Fahrzeug zum Himmel, Vermittlerin des Reiches, das Gnadengeschenk der Kindschaft Gottes. Und so hohen und erhabenen Gütern ziehst du, erbärmlicher Mensch, die Lust vor? Ich kenne deinen Aufschub — trotz deiner Ausreden. Deine Handlungen rufen laut genug, mag auch dein Mund schweigen: „Laß mich das Fleisch zu schändlichem Genusse mißbrauchen, im Schlamme der Wollust mich wälzen, die Hände mit Blut beflecken, fremdes Gut rauben, betrügen, falsch schwören, lügen; und dann, wenn ich einmal an den Lastern genug habe, will ich die Taufe empfangen!“ — Ist denn die Sünde etwas so Schönes? Dann behalte sie bis zum Ende bei! Ist sie aber dem Missetäter zum Schaden, warum verbleibst du bei dem, was schadet? Niemand, der die Galle durch Erbrechen aus dem Körper schaffen will, häuft noch mehr solche in seinem Leibe an durch eine schlechte unordentliche Lebensweise. Reinigen muß man den Körper vom Schädlichen, nicht die Krankheit verschlimmern, bis es zu spät ist. Das Schiff ist solange sichtbar, als es die Last der Ladung zu tragen vermag; wird es überladen, so sinkt es unter. Hüte dich, daß es dir nicht ähnlich ergeht und du vor Erreichung des erhofften Hafens Schiffbruch erleidest, wenn du nämlich 310 unverzeihliche Sünden begehst. Sieht Gott nicht, was geschieht, oder kennt er deine Gedanken nicht? Oder fördert er deine Ruchlosigkeit? „Du meintest ruchlos,“ spricht er, „ich sei dir gleich.“ Bewirbst du dich um die Freundschaft eines Sterblichen, so suchst du ihn durch Güte zu gewinnen; du redest und tust das, worüber er, wie du beobachtest, sich freut. Willst du aber Gott angehören und in seine Kindschaft aufgenommen werden, so tust du, was Gott verhaßt ist, entehrst ihn durch Übertretung des Gebotes und erhoffst die Vereinigung mit ihm auf Grund von Dingen, mit denen du ihn am meisten beleidigst! Sieh zu, daß du nicht in vermessener Hoffnung auf Begnadigung eine Menge Sünden auf dich lädst, die Sünde aufhäufst und der Verzeihung verlustig gehst! „Gott läßt seiner nicht spotten.“ Treibe mit der Gnade nicht Handel! Sag’ nicht: „Schön ist das Gesetz, aber süßer die Sünde!“ Die Wollust ist die Angel des Teufels und zieht in den Abgrund. Die Wollust ist der Sünde Mutter, die Sünde des Todes Stachel. Die Wollust ist die Amme des ewigen Wurmes, die eine Zeitlang den Wollüstigen streichelt; nachher aber lohnt sie mit Folgen, die bitterer sind als Galle. Nichts anderes ruft der Aufschub als dies: „Zuerst soll in mir die Sünde herrschen, später einmal mag auch der Herr herrschen. Meine Glieder will ich zu ruchlosen Werkzeugen der Sünde machen; später einmal will ich sie auch als Werkzeuge der Gerechtigkeit Gott zur Verfügung stellen.“ — In dieser Gesinnung brachte auch Kain seine Opfer dar. Die ersten galten seinem Genusse, die nachfolgenden Gott, dem Schöpfer und Spender. Solange du imstande bist zu wirken, vergeudest du deine Jugend in Sünden. Wenn die Glieder schlaff geworden, dann weihst du sie Gott, wenn sie zu nichts mehr taugen, sondern ruhen müssen, weil mit der Zeit der Naturnachlaß eingetreten und die Kraft geschwunden ist. Im Alter ist Enthaltsamkeit keine Enthaltsamkeit, sondern das 311 Unvermögen zur Ausschweifung. Kein Toter wird gekrönt, und niemand ist gerecht wegen des Unvermögens zur Missetat. Solange du Kraft hast, beherrsche die Sünde durch die Vernunft! Denn die Tugend besteht darin, daß man das Böse unterläßt und das Gute tut. Die Unterlassung des Bösen verdient an sich weder Lob noch Tadel. Lässest du des Alters wegen ab von der Sünde, so gebührt der Dank der Schwäche. Wir loben die freiwillig Guten, nicht die naturnotwendig am Bösen Behinderten.
Indes, wer hat dir die Grenze des Lebens bestimmt? Wer hat dir die Anwartschaft auf ein hohes Alter zugebilligt? Wer ist dir so verlässiger Bürge für die Zukunft? Siehst du nicht, wie Unmündige hinweggerafft, in der Blüte der Jahre Stehende uns entrissen werden? Das Leben hat eben nicht bloß einen Termin. Was willst du die Taufe erhoffen als ein Geschenk des Fiebers? Da kannst du nicht einmal die rettenden Worte aussprechen, vielleicht nicht einmal sie deutlich hören, weil die Krankheit gerade den Kopf einnimmt. Da kannst du die Hände nicht zum Himmel erheben, nicht auf den Füßen stehen, nicht das Knie beugen zum Gebete, nicht mit Nutzen belehrt werden, nicht sicher beichten, nicht mit Gott versöhnt werden, nicht dem Feinde entsagen, vielleicht kaum mit Bewußtsein dem Einweihungsakte folgen, so daß die Anwesenden zweifeln, ob du die Gnade mit Bewußtsein empfangen hast, oder ob du vom Vorgange gar nichts weißt. Wenn du aber auch mit Bewußtsein die Gnade empfangen hättest, dann hast du zwar das Talent, bringst aber keinen (erarbeiteten) Gewinn mit.
§ 6
Ahme den Eunuchen nach! Dieser fand einen, der ihn unterwies, und er verschmähte den Unterricht nicht; vielmehr hob der Reiche den Armen, der Vornehme und Hochgestellte den Einfachen und Unansehnlichen in seinen Wagen. Er ließ sich unterweisen im Evangelium vom Reiche Gottes, nahm den Glauben in 312 seinem Herzen auf und schob die Besiegelung mit dem Hl. Geiste nicht hinaus. Da sie nämlich an ein Wasser kamen, sprach er: „Siehe, hier ist Wasser!“ Und voll Entzücken rief er aus: Siehe hier ist ja, was wir suchen. „Was hindert, daß ich getauft werde?“ Wo die Bereitschaft des Herzens, da gibt es kein Hindernis. Der Rufende ist ja voll Güte, der Diener bereitwillig und die Gnade reichlich. Ist die Bereitschaft da, dann wird es kein Hindernis mehr geben.— Einer nur hindert, der uns die Wege zum Heile verlegt, und den laßt uns durch Klugheit überwinden! Er will uns säumig machen; doch laßt uns ans Werk gehen! Er täuscht unsere Herzen mit eitlen Versprechungen; wir wollen aber von seinen Einflüsterungen nichts wissen. Oder legt er uns nicht nahe, heute die Sünde zu begehen, die Gerechtigkeit aber auf morgen zu verschieben? Deshalb will der Herr seine verderblichen Ränke vereiteln und sagt: „Heute, wenn ihr meine Stimme höret.“ Der Teufel spricht: „Den heutigen Tag mir, den morgigen Gott!“ Der Herr aber ruft anders: „Heute hört meine Stimme!“ Sieh dir den Feind an! Er wagt nicht, dir den Rat zu geben, ganz von Gott abzufallen — er weiß, daß das ein Christ nicht hören kann —, sondern mit trügerischen Kunstkniffen versucht er den Angriff. „Er ist weise im Bösetun.“ Er sieht, daß wir Menschen in der Gegenwart leben und alles Handeln in der Gegenwart geschieht. Daher stiehlt er uns listig den heutigen Tag und vertröstet uns mit der Hoffnung auf den morgigen. Kommt dann der morgige, so naht sich wieder der böse Geselle und verlangt für sich den heutigen, für den Herrn aber den morgigen Tag. So entzieht er uns immer mit Hilfe der Lust die Gegenwart, überläßt die Zukunft unseren Hoffnungen und betrügt uns so unvermerkt um das Leben.
§ 7
Eine ähnliche Arglist beobachtete ich einmal bei einem schlauen Vogel. Da nämlich seine Jungen wegen 313 ihres zarten Alters leicht gefangen werden konnten, bot er sich selbst als leichte Beute an und flatterte vor den Händen der Vogelfänger hin und her, ohne sich jedoch von den Jägern gleich fangen zu lassen, noch ihnen die Hoffnung zu nehmen, seiner habhaft zu werden. Während er aber die Jäger verschiedentlich durch Hoffnungen hinhielt und auf sich lenkte, gab er seinen Jungen Gelegenheit, zu entwischen, und flog dann endlich selbst davon. — Nimm dich in acht, daß es dir nicht ähnlich ergeht und du in der Hoffnung auf das Ungewisse das Gewisse fahren läßt. Hierher also — zu mir! Stelle dich ganz zum Herrn! Gib deinen Namen an! Laß dich in die Kirche einschreiben! Der Soldat wird in die Stammrolle eingetragen; der Kämpfer läßt sich vor dem Kampfe einschreiben; der Mann aus dem Volke wird erst, wenn er als Bürger eingeschrieben, den Zunftgenossen beigezählt. Zu all dem bist du verpflichtet als Soldat Christi, als geistlicher Kämpfer, als Bürger des Himmels. Laß dich in unser Buch eintragen, damit du auch übergeschrieben werdest in das himmlische! Lerne, laß dich lehren den Wandel nach dem Evangelium, die Bewachung der Augen, Beherrschung der Zunge, Dienstbarkeit des Leibes, Demut des Geistes, Reinheit des Herzens, Verbannung des Zornes! Nötigt man dich, so leiste noch mehr! Beraubt man dich, so prozessiere nicht! Wirst du gehaßt, so liebe! Wirst du verfolgt, so dulde! Wirst du geschmäht, so segne! Stirb der Sünde ab! Laß dich kreuzigen mit Christus! Setze deine ganze Liebe auf den Herrn!
Freilich ist das schwer. Aber wo gibt es ein Gut, das wohlfeil zu haben? Wo hat einer im Schlafe ein Siegesdenkmal errichtet? Wo ist einer unter Schwelgen und Flötenspiel mit den Kränzen der Tapferkeit geschmückt worden? Keiner, der nicht gelaufen, trug einen Kampfpreis davon. Mühen erzeugen Ruhm, Anstrengungen verschaffen Kronen. „Durch viele Trübsal 314 müssen wir in das Himmelreich eingehen“, sage auch ich. Auf diese Trübsal aber folgt im Himmelreich die Seligkeit; auf die Mühen der Sünde aber wartet die Pein und Traurigkeit der Hölle. Wer nämlich genau beobachtet, sieht, daß auch die Werke des Teufels den Missetätern Anstrengung kosten. Wo sind die Schweißtropfen, die die Keuschheit kostet? Der Unzüchtige aber trieft vor Schweiß, da die Wollust ihn verzehrt. Entzieht etwa die Enthaltsamkeit dem Körper so viel, wie die schändliche, rasende Unzucht zerstört? Es gibt freilich schlaflose Nächte bei solchen, die im Gebete die Nacht durchwachen; doch weit schädlicher sind die Nächte derer, die sie in Sünden zubringen. Denn die Furcht, ertappt zu werden, und der Stachel der Wollust verscheuchen jegliche Ruhe. Meidest du den schmalen Pfad, der zum Heile führt, und folgst du dem breiten Weg der Sünde, so fürchte ich, daß du, der du die breite Straße bis ans Ende gehst, die dem Wege entsprechende Herberge findest.
Aber der Schatz ist so schwer zu bewahren. Aber wache nur, lieber Bruder! Du hast Helfer, wenn du willst, am Gebete, das Nächte durchwachen hilft, am Fasten, welches das Haus hütet, am Psalmengesang, der das Herz erquickt. Nimm sie alle mit dir! Sie sollen mit dir wachen, um die Schätze zu hüten! Was ist besser, sage es mir, reich sein und für die Bewachung der Schätze Sorge tragen, oder von vorneherein nichts haben, was wir bewachen könnten? Niemand stößt die Güter ab aus Furcht vor Beraubung. Denn so könnte überhaupt nichts Menschliches bestehen, wenn wir bei allem, was wir anstreben, an die Unfälle dächten. Der Landwirtschaft droht die Mißernte, dem Handel der Schiffbruch, der Ehe die Witwenschaft, der Kinderaufziehung der Verlust der Kinder. Dessenungeachtet legen wir Hand ans Werk, gestützt auf bessere Hoffnungen, und stellen den Ausgang unserer Hoffnungen Gott anheim, der unser Schicksal lenkt. — Du rühmst mit Worten die Heiligkeit, weilst aber in der Tat unter den Verworfenen. Sieh zu, daß dich nicht einmal deine bösen Anschläge 315 gereuen, wann die Reue dir nichts mehr nützt. Das Beispiel der Jungfrauen soll dich warnen. Sie hatten kein Öl in den Lampen und merkten erst, als sie mit dem Bräutigam einziehen sollten, daß es ihnen am Nötigen fehlte. Daher nennt sie auch die Schrift töricht, weil sie die Zeit, da sie das Öl brauchten, mit Herumgehen und Einkaufen verloren und sich unvermerkt von der Freude des Brautgemaches ausschlossen. Möge nicht auch für dich, der du von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat, von Tag zu Tag zögerst, und dich nicht mit Öl zur Unterhaltung des Lichtes versiehst, plötzlich und unerwartet der Tag kommen, wo dich bereits die Lebenskräfte verlassen, überall Not und trostlose Trübsal herrscht, die Ärzte verzweifeln, die Verwandten verzweifeln, wo schnelles, trockenes Atmen dich quält, heftiges Fieber dein Inneres durchglüht und verbrennt, wo du stöhnen wirst aus tiefer Brust, ohne jemand zu finden, der mit dir Mitleid hegt. Du wirst wohl leise und schwach etwas reden, aber niemand wird dich hören. Und all dein Reden wird man als wirres Zeug unbeachtet lassen. Wer soll dir dann die Taufe spenden? Wer dich mahnen, wenn infolge der Krankheit dein Kopf ganz benommen ist? Die Angehörigen sind niedergeschlagen, die Unbeteiligten kümmern sich nicht darum, der Freund zögert mit der Mahnung, um dich nicht zu beunruhigen, oder vielleicht täuscht dich auch der Arzt, und du gibst dich selbst noch nicht auf aus angeborener Liebe zum Leben. Es ist Nacht, niemand da, der hilft, niemand, der dich tauft. Der Tod steht vor dir; die dich wegtragen wollen, kommen schon. Wer wird dich retten? Gott, den du verachtet hast? Ja, er wird dich dann hören; denn du hörst jetzt auf ihn.. Er wird dir einen neuen Termin geben; denn du hast die gegebene Frist so gut benützt!
§ 8
„Niemand täusche dich mit leeren Worten!“ Denn plötzlich wird das Verhängnis über dich 316 hereinbrechen, und die Katastrophe wird wie ein Sturm herannahen. Kommen wird ein trauriger Engel, dich mit Gewalt fortführen und deine mit Sünden gefesselte Seele fortschleppen, während sie sich fortwährend nach dem, was hienieden, umwendet in stummer Klage, da ihr das Organ für die Tränen von nun an verschlossen ist. Oh, wie wirst du dich zerfleischen, wie wirst du seufzen! Wie wirst du vergeblich bereuen deine Gesinnungen, wenn du die Freude der Gerechten bei der herrlichen Verteilung der Gaben und die Trauer der Sünder in der tiefsten Finsternis schaust! Was wirst du dann sagen in der Bitterkeit deines Herzens? „Wehe mir, daß ich diese schwere Last der Sünden, die ich so leicht hätte ablegen können, nicht von mir geworfen, sondern den ganzen Haufen Missetaten mitgeschleppt habe! Wehe mir, daß ich den Schmutz nicht abgewaschen habe, sondern jetzt mit Sünden befleckt bin! Jetzt wäre ich bei den Engeln; jetzt dürfte ich mit Wonnen teilnehmen an den himmlischen Gütern. O das verruchte Treiben! Für einen augenblicklichen Genuß der Sünde leide ich jetzt ewige Qual; für meine Fleischeslust werde ich jetzt dem Feuer überantwortet. Gerecht ist Gottes Gericht. Ich wurde gerufen und hörte nicht darauf; ich ward belehrt und merkte nicht auf; man beschwor mich, und ich lachte darob!“ Dies und dergleichen wirst du reden und dich beweinen, wann du vor der Taufe hinweggerafft wirst. O Mensch, fürchte dich vor der Hölle oder wehre dich um den Himmel! Verachte die Einladung nicht! Sage nicht: „Halt mich für entschuldigt“ — aus diesem oder jenem Grunde! Kein Vorwand kann entschuldigen. Mir kommen Tränen in die Augen, wenn ich bedenke, daß du die Werke der Schande der großen Herrlichkeit Gottes vorziehst, um der Süßigkeit der Lust willen unzertrennlich an der Sünde hängst und dich von den verheißenen Gütern ausschließest, so daß du die Güter des himmlischen Jerusalem nicht schaust. Dort sind die vielen 317 tausend Engel, die Versammlungen der Erstgeborenen, die Throne der Apostel, die Sitze der Propheten, die Zepter der Patriarchen, die Kronen der Märtyrer, die Lobpreisungen der Gerechten. Wünsche, ihnen beigezählt zu werden, abgewaschen und geheiligt durch das Gnadengeschenk Christi, dem Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.