342 WARNUNG VOR DER LIEBE ZUR WELT. — ÜBER EINEN BRAND AUSSERHALB DER KIRCHE. (Migne, PG. XXXI, 540—564)
Inhalt: Basilius rechtfertigt seine scharfe Sprache, die nur zum Nutzen der Hörer gesprochen war und gewirkt hat. Die eindringliche Mahnung tut not, weil der Teufel immer am Werk ist und durch die Erdengüter die Menschen fangen will (c. 1). Das Leben ein Weg, den wir gehen müssen (c. 2). Wir Menschen suchen und nehmen auf diesem Wege mit vergängliche Güter, statt uns mehr um die wahren, unverlierbaren Güter zu kümmern (c. 3). Auch Sinnengenuß, zumal Fleischeslust fördert nicht, hemmt und schädigt nur (c. 4). Unser wirkliches Eigentum ist die Seele und ihr Organ, der Leib. — Beruf des Menschen. Auch die Tugend ist unser Eigentum, während Reichtum es weder war noch sein wird (c. 5). Die Seelsorge, unsere höchste Aufgabe, verlangt Beherrschung und Abtötung des sinnlichen Lebens. Dabei gewinnt auch der Leib — besonders den Vorteil, daß er dem Himmel entgegenreift. Auch verhilft er der Seele zum Guten. Der verzärtelte Leib wird tierisch und ganz erdhaft (c. 6). Wer bisher falschen Gütern nachgejagt (Gold und Genuß), entäußere sich derselben und tausche dafür die ewigen Güter ein (c. 7). Man soll den Reichtum gut verwenden; nur so hat man Gewinn von ihm; sonst schadet er zeitlich und ewig (c. 8). —
Die Kirche, in der Basilius predigte, war vom Brande, der die ganze Umgebung niederlegte, 343 verschont geblieben — dank Gottes Huld. Der Teufel schuldig am Brande. Aufforderung, den Brandgeschädigten mit Almosen zu helfen und so den Teufel doppelt zu schlagen (c. 9). Den vom Brande Betroffenen sei die Heimsuchung Mittel zur Tugend. Job sei ihnen ein Vorbild in allen, auch den schwersten Prüfungen (c. 10—11). Job sah aber seine Standhaftigkeit reichlich zeitlich und ewig belohnt (c. 12).
§ 1
Ich glaubte zwar, Geliebte, euch lästig zu sein, weil ich meiner Rede jedesmal einen schärferen Stachel gebe, und ihr könntet meinen, daß ich einen zu großen Freimut zeigte, der einem Gaste und einem Manne, der mit den gleichen Fehlern behaftet ist, nicht ansteht. Allein euch hat der Tadel zum Wohlwollen gestimmt, und die Wunden, die euch meine Zunge geschlagen, haben euch zu einem innigeren Verlangen entflammt. Keineswegs auffallend! Ihr seid ja weise in geistlicher Beziehung. „Tadle den Weisen, und er wird dich lieben“, sagt Salomon irgendwo in seinen Schriften. Deshalb, Brüder, kam ich auch jetzt zu derselben Vermahnung, um euch, so gut ich dazu imstande bin, von den Fallstricken des Teufels fernzuhalten.
Geliebte! Einen schweren und mannigfaltigen Krieg führt der Feind der Wahrheit tagtäglich wider uns. Er geht gegen uns vor, wie ihr wißt, indem er unsere Begierden zu Geschoßen gegen uns macht und von uns immer wieder Kraft entlehnt, um uns zu schaden. Der Herr hat ja wohl die Hauptmacht des Teufels durch unauflösliche Gesetze gefesselt und ließ ihn nicht mit einem Ansturme das Menschengeschlecht von der Erde vertilgen; aber eben deshalb stiehlt sich jetzt der Mißgünstige den Sieg über uns auf Grund unserer eigenen Torheit. Böse, habsüchtige Menschen, deren Tun und Treiben auf Bereicherung durch fremdes Gut abzielt, die aber dies Ziel mit offener Gewalt nicht erreichen können, pflegen an den Wegen aufzulauern, und wenn sie in der Nähe eine Stelle finden mit tiefen Schluchten oder dichtem Baumbestand, verstecken sie sich dahin und 344 entziehen sich hinter solcher Deckung dem Blicke der Wanderer, fallen dann auf einmal über diese her, die ja die gefährlichen Fallstricke nicht zeitig sehen konnten. So verbirgt sich ja auch unser Widersacher und Feind von alters her, der Teufel, unter dem Schatten der weltlichen Genüsse, die auf dem Wege dieses Lebens von Natur wie geschaffen sind, den Räuber zu verbergen und den Nachsteller unsichtbar zu machen; eben da legt er uns Ahnungslosen die Fallstricke des Verderbens.
Wir müssen, wollen wir den vor uns liegenden Lebensweg sicher bis zum Ende gehen, Seele und Leib zugleich frei von schmachvollen Wunden Christo darstellen und, wollen wir die Siegeskronen erlangen, stets wachsam das Auge unserer Seele nach allen Seiten wenden, alles Reizende für verdächtig ansehen und schnell daran vorbeigehen, dürfen an nichts das Herz hängen, selbst wenn das Gold haufenweise daläge, und man nur die Hände darnach auszustrecken brauchte — „denn wenn der Reichtum herbeiströmt,“ spricht der Psalmist, „hänge das Herz nicht daran.“ Wir dürfen uns nicht fesseln lassen, auch wenn die Erde alle Lust erzeugte und prächtige Paläste anböte — denn „unser Wandel ist im Himmel, woher wir auch den Heiland, Christum, erwarten“ —, auch nicht, wenn Tänze, Schmausereien, Trinkgelage, Mahlzeiten und Flötenspiel uns einlüden — denn „Eitelkeit der Eitelkeiten“, heißt es, „alles ist Eitelkeit“ —, auch nicht, wenn sich schöne Leiber mit schlechten Seelen darin anböten — denn „vor dem Angesichte eines Weibes fliehe wie vor dem Angesichte einer Schlange!“ sagt der Weise —, auch nicht, wenn Macht und Herrschaft, Scharen von Trabanten und Schmeichlern, selbst ein erhabener, glänzender Thron, dem Völker und Städte willig sich fügten, in Aussicht stände — denn „alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit der Menschen wie des Grases Blume; das Gras verdorrt, und die Blume fällt ab.“ Unter all diesen Gütern lauert ja der gemeinsame Widersacher 345 und wartet, ob wir nicht einmal, von ihrem Anblicke gelockt, den rechten Weg verlassen und in seinen Hinterhalt geraten. Ja, es ist sehr zu befürchten, wir möchten einmal unvorsichtig uns nähern und in der Meinung, im Genusse des Vergnügens liege nichts Schädliches, die im ersten Genusse verborgene Angel der Arglist verschlucken und, durch sie dann teils freiwillig, teils unfreiwillig an diese Dinge gefesselt, unbemerkt von den Vergnügungen in die schreckliche Herberge des Räubers, in den Tod, geschleppt werden.
§ 2
Brüder! Es ist deshalb für uns alle notwendig und nützlich, nach Art der Wanderer und Läufer uns zu gürten, und daran zu denken, der Seele auf alle mögliche Weise den Lauf zu erleichtern und unverwandt dem Ziele zuzueilen.
Glaube keiner, ich bringe neue Bezeichnungen auf, wenn ich das menschliche Leben einen „Weg“ genannt habe. Hat ja schon der Prophet David das Leben so bezeichnet, der bald sagt: „Selig, die makellos auf ihrem Wege sind, die im Gesetze des Herrn wandeln“, bald aber zu seinem Herrn ruft: „Den Weg der Ungerechtigkeit wende ab von mir, und nach deinem Gesetze erbarme dich meiner!“ Ein andermal rühmt er irgendwo Gottes schnelle Hilfe gegen die, welche ihn anfeindeten, und singt frohlockend zur Harfe: „Und wer ist Gott außer unserm Gott? Gott ist es, der mich gürtet mit Kraft und unbefleckt machte meinen Weg .“ Er war der richtigen Meinung, man müsse überall das Leben des Menschen auf Erden, möge es bewundernswert oder schlecht sein, so benennen. Wie diejenigen, die eine verabredete Reise zu machen haben, im Wettschritt vorwärts eilen und stetig Bein vor Bein stellen und so leicht ans Ziel des Weges kommen, so gelangen auch jene, welche vom Schöpfer in das Leben eingeführt worden sind und gleich im Anfange die Zeitteile nützen und immer einen um den andern hinter 346 sich lassen, sicher an das Ziel des Lebens. Scheint nicht auch euch das gegenwärtige Leben gewissermaßen ein fortlaufender Weg zu sein, eine Reise, die in den Lebensaltern ihre Stationen hat? Den Anfang nimmt die Reise des Lebens mit den Geburtswehen der Mutter; am Ende des Lebenslaufes liegen die Grabeshügel. Dahin führt das Leben alle, die einen schneller, die andern langsamer, die einen, nachdem sie alle Zeiträume durchwandert, die andern, nachdem sie nicht einmal über die ersten Lebensstationen hinausgekommen sind. Alle sonstigen Wege, die von einer Stadt zur anderen führen, kann man meiden, und man braucht sie nicht zu gehen, wenn man nicht will. Dieser Weg aber erfaßt uns mit Gewalt, auch wenn wir den Lauf verschieben wollten, und zieht die auf ihm Wandernden zu dem vom Herrn gesetzten Ziele. Und es ist nicht möglich, Geliebte, daß der, der einmal das Tor zu diesem Leben passiert und diesen Lebensweg beschritten hat, nicht auch an dessen Ziel käme. Jeder aus uns, der einmal den mütterlichen Schoß verlassen hat, wird alsbald vom Strome der Zeit erfaßt und mitfortgerissen, läßt immer den verlebten Tag hinter sich und kann nie zum gestrigen zurückkehren, wenn er auch wollte.
Doch wir freuen uns, wenn wir vorwärts schreiten und die Altersstufen wechseln und sind froh darob wie über einen Gewinn; wir halten es für ein Glück, wenn jemand aus einem Knaben zum Manne, aus einem Manne zum Greise wird. Wir wissen also nicht, daß wir jedesmal soviel Zeit verlieren, als wir gelebt haben, und bemerken nicht, daß das Leben hinschwindet, obschon wir es immer nach dem vergangenen und verflossenen bemessen. Auch beherzigen wir nicht, daß es denn doch ungewiß ist, wieviel Zeit derjenige, der uns auf diese Wanderung geschickt hat, uns zum Laufe geben will, und wann er einem jeden der Wanderer die Tore zum Eingange öffnen wird, so daß wir täglich auf den Abschied von hier gefaßt sein und mit unverwandten Augen den Wink des Herrn erwarten müssen. Er sagt ja: „Eure Lenden sollen umgürtet sein und eure Lampen brennen. Und seid gleich Leuten, die auf ihren Herrn 347 warten, wann er heimkehrt von der Hochzeit, damit, wann er kommt und anklopft, sie ihm sogleich öffnen.
§ 3
Auch wollen wir nicht ernstlich ins Auge fassen, welche Bürden für eine solche Reise uns leicht fallen und mit ihren Trägern hinübergehen können, um dort, zum Eigentum der Besitzer geworden, unser Leben wonnevoll zu gestalten, und welche schwer, drückend und mit der Erde verwachsen sind und ihrer Natur nach nie den Menschen eigen werden noch ihren Besitzern durch jene enge Pforte folgen können. Im Gegenteile: Was wir hätten sammeln sollen, ließen wir beiseite, und was wir verachten sollten, das sammeln wir; was mit uns sich vereinigen und wirklich ein entsprechender Schmuck für Seele und Leib werden kann, darauf achten wir nicht einmal; was aber stets fremd bleibt, und nur Schmach einträgt, das suchen wir zu sammeln in vergeblichem Bemühen und Anstrengen — wie einer, der in Selbsttäuschung ein durchlöchertes Faß füllen wollte. Das ist doch wohl, meine ich, längst allen Kindern bekannt, daß keiner von den Lebensgenüssen, nach denen der große Haufe hascht, wirklich unser Eigentum ist oder werden kann, daß vielmehr diese Dinge allgemein gleich fremd sind, sowohl denen, die sie zu genießen scheinen, als auch denen, die ihnen fern bleiben. So bleibt das Gold, das einige haufenweise im Leben sich sammeln, nicht ewig ihr Eigentum; vielmehr entflieht es ihnen schon bei Lebzeiten, so fest sie es auch halten mögen, und geht zu Mächtigeren über, oder es verläßt sie auf dem Sterbebette und will nicht mit den Besitzern hinübergehen. Ja, wenn der Tod die Seele gewaltsam vom armseligen Leibe trennt und sie auf den unvermeidlichen Weg zwingt, dann schauen die Leute häufig nach ihrem Geld um und beweinen die Schweißtropfen, die es sie von Jugend an gekostet hat. Der Reichtum wandert jetzt in andere Hände, während sie selbst nur die Mühe des Sammelns und den Vorwurf der Habsucht davon hatten. Und besitzt einer tausend Morgen Land, prächtige Häuser, Viehherden aller Art, hat einer alle Macht 348 über Menschen, er genießt diese Dinge nicht ewig; nur kurz hat er einen Ruf davon; dann gehen sie auf einen andern über, und ihm selbst bleiben nur einige Fuß Erde. Oft muß man aber auch sehen, wie schon vor der Beerdigung und vor dem Ableben das Vermögen an andere, gar an Feinde übergeht. Oder wissen wir nicht, wieviele Äcker, wieviele Häuser, wieviele Völker und Städte noch bei Lebzeiten ihrer Herrn die Namen anderer Gebieter angenommen haben? Wissen wir nicht, wie solche, die vordem Sklaven waren, den Herrscherthron bestiegen, aber solche, die Herr und Gebieter genannt wurden, damit zufrieden waren, mit zu den Untergebenen zu gehören, und sich vor ihren früheren Sklaven bückten, nachdem sich ihr Glück, wie beim Würfelspiel, gewendet hatte?
§ 4
Ferner frage ich: Wann wird das, was wir zu Speis’ und Trank erdacht und mit dem übermütigen Reichtum über Bedürfnis zum Dienste des undankbaren und nichts behaltenden Bauches ersonnen haben, wann wird das unser, auch wenn beständig dazugeschöpft wird? Kaum hat ja das Genossene beim Durchgange dem Gaumen eine kurze Lust bereitet, dann können wir es als etwas Überflüssiges und Belästigendes schon nicht mehr ertragen und entfernen es schleunigst, wie wenn wir in die größte Lebensgefahr kämen, wenn es länger in den Eingeweiden bliebe. Die Übersättigung hat ja schon vielen den Tod gebracht und war schuld daran, daß sie nichts mehr genießen konnten. Unzüchtige Beilager und unkeusche Umarmungen und alle Werke einer tollen, maßlosen Sinnlichkeit, sind sie nicht oft der Ruin für die Natur und deren augenscheinliche Schädigung? Sind sie nicht ein Verlust oder doch eine Schwächung der einem jeden wahrhaft eigenen Gaben und Kräfte, da der Leib durch den Geschlechtsverkehr geschwächt und der besten und zur Ernährung der Glieder geeignetsten Säfte beraubt wird? Daher überkommt denn auch einen jeden, der den unreinen Lüsten frönte, unmittelbar nach der Tat eine bittere Reue ob seiner Unenthaltsamkeit: wenn nämlich der Stachel des Fleisches abgestumpft ist und nach Befriedigung des abscheulichen 349 Verlangens der Verstand kommt und wie nach einem Rausche oder einem Sturme Zeit gewinnt, zu bedenken, wohin es mit ihm gekommen. Denn er merkt, daß sein Leib schwächer und zu den nötigen Arbeiten träge und ganz schlaff geworden ist. Das haben denn auch die Jugenderzieher eingesehen und für die Übungsplätze das Gesetz der Enthaltsamkeit aufgestellt, das die Körper der Jünglinge vor Sinnenlust bewahren und ihnen während des Kampfes nicht einmal den Anblick schöner Gestalten gestatten sollte, wenn sie ihr Haupt bekränzt sehen wollten, weil die Unenthaltsamkeit beim Ringen Gelächter, nicht aber einen Siegeskranz eintrage.
§ 5
An diesen Dingen, die ganz fremdartig und überflüssig sind und keinem zu eigen werden können, mit verschlossenen Augen vorüberzugehen, ist recht und gut; aber ebenso ziemt es sich, auf die Güter, die wirklich unser sind, volle Sorgfalt zu verwenden. Was ist aber „wirklich unser“? Die Seele, durch die wir leben, die zart und verständig ist und nichts von dem benötigt, was belästigt, und der Leib, der ihr vom Schöpfer als ihr Träger in diesem Leben gegeben ist. Denn das ist der Mensch: Geist, vereinigt mit einem zuträglichen und entsprechenden Fleische. Dies Wesen wird vom allweisen Schöpfer des Weltalls im Mutterschoße gestaltet; die Stunde der Geburt bringt es aus jenen dunklen Gemächern ans Licht. Dies Wesen ist bestellt, zu herrschen auf der Erde; ihm ist die Schöpfung zur Übungsschule der Tugend hergerichtet; ihm obliegt das Gesetz, nach Kräften den Schöpfer nachzuahmen und von der Ordnung im Himmel einen Schattenriß auf Erden zu geben. Dieses Wesen scheidet, von hinnen abgerufen, und wird vor den Richterstuhl Gottes gestellt, der es gesandt hat, wird gerichtet und empfängt den Lohn für das, was es hienieden getan hat.
Auch die Tugenden wird man als unser Eigentum erkennen, wenn sie mit unserem Wesen sich innig verbinden. Auch wollen sie uns in unseren Trübsalen auf Erden nicht verlassen, wenn wir sie nicht freiwillig mit Gewalt vertreiben durch Aneignung schlechter Eigenschaften. Den ins Jenseits Eilenden gehen sie voraus 350 und stellen ihren Besitzer unter die Engel, um ewiglich zu glänzen vor den Augen des Schöpfers. Reichtum aber, Macht, Ansehen, Schwelgerei und der ganze Schwarm solcher Dinge, der täglich durch unsere Torheit vergrößert wird, ist weder mit uns ins Leben eingetreten noch je mit einem von hinnen gegangen. Vielmehr gilt und bestätigt sich bei jedem Menschen, was einst der Gerechte gesagt hat: „Nackt bin ich aus dem Leibe meiner Mutter gekommen und nackt werde ich dahin zurückkehren.“
§ 6
Der rät sich also am besten, der besonders für seine Seele sorgt und sie allzeit rein und unbefleckt zu bewahren sucht, auf das Fleisch aber, mag es durch Hunger abnehmen oder mit Kälte und Hitze kämpfen oder von Krankheiten geplagt werden oder von irgendeiner Seite her Gewalt erdulden, wenig Rücksicht nimmt und in allen Widerwärtigkeiten mit Paulus klagt: „Wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, so wird doch unser innerer von Tag zu Tag erneuert.“ Und wenn er Gefahren über sein Leben kommen sieht, wird er sich nicht verzagt zeigen, sondern vertrauensvoll bei sich sprechen: „Wir wissen, daß, wenn dies unser irdisches Zelt abgebrochen wird, wir einen Bau von Gott empfangen, ein Haus, nicht von Hand gefertigt, ein ewiges im Himmel.“
Will aber jemand auch des Leibes sich annehmen als des einzigen Besitzes, der der Seele notwendig und zum Leben auf Erden behilflich ist, so wird er für dessen Bedürfnisse wenig zu sorgen haben, eben so viel, um ihn zu erhalten und um ihn mit einiger Sorgfalt für den Dienst der Seele gesund zu bewahren, nicht aber, um ihn durch Übersättigung mutwillig werden zu lassen. Sieht er ihn aber einmal flammen vor Begierde nach mehr und Unzuträglichem, so wird er ihm im Tone des Befehles das Wort des Apostels zurufen: „Wir haben nichts hereingebracht in die Welt und können ohne 351 Zweifel auch nichts mit hinausnehmen. Haben wir aber Nahrung und Kleidung, so laßt uns damit zufrieden sein.“ Wenn er das dem Leibe in einem fort vorsagt und zuruft, wird er ihn nicht nur folgsam und stets bereit für die himmlische Reise machen, sondern noch mehr an ihm auch einen Gehilfen zur Erfüllung seiner Aufgaben haben. Läßt er ihn aber übermütig werden und wie ein wildes Tier täglich mit allem Möglichen sich überfüllen, so wird er zuletzt dadurch gewaltsam zur Erde hinabgezogen und in vergeblichem Seufzen daliegen. Und wann er vor den Herrn geführt und nach den Früchten seiner Pilgerschaft auf Erden gefragt wird, und dann keine anzugeben hat, dann wird er lange weinen, in ewiger Finsternis hausen und seine Schwelgerei und Torheit bitter beklagen, in der er die Gelegenheit zur Rettung verpaßte. Allein die Tränen haben dann keinen Wert mehr. „Wer wird in der Hölle dich preisen?“ sagt David.
§ 7
Laßt uns also so schnell als möglich fliehen, daß wir nicht freiwillig uns selbst ersticken. Hat nun einer, schon seit langem geködert, den Staub des Reichtums sündhaft bei sich aufgehäuft und sein Herz an solche Sorgen gefesselt, oder steckt das Laster der Unzucht so tief in seiner Natur, daß es kaum wegzubringen ist, oder ist er voll anderer Fehler, so lege er, solange es noch Zeit ist, und ehe er vollends ganz verdirbt, den größten Teil der Last ab, und werfe, ehe das Schiff versinkt, die Waren über Bord, die er sich unrechtmäßig gesammelt hat, und mache es so den Seeleuten nach! Wenn nämlich letztere auch notwendige Dinge auf dem Schiffe führen, entlasten sie in dem Augenblicke, wo ein starker Sturm auf dem Meere sich erhebt und das schwerbeladene Schiff zu versenken droht, so schnell als möglich das Schiff von einem großen Teil der Ladung und werfen die Waren schonungslos ins Meer, um das Schiff über den Wellen zu halten und um nur, wenn möglich, Leib und Leben aus der Gefahr zu retten. Noch weit mehr sollten 352 wir so denken und handeln. Denn was jene über Bord werfen, ist für sie sofort verloren, und Armut ist jetzt ihr unvermeidliches Los; wir aber sammeln unserer Seele einen um so größeren und besseren Reichtum, je mehr wir uns der schlechten Bürde entledigen. Denn Unzucht und alles der Art verschwindet, wenn es einmal abgeworfen ist, versinkt ins Nichts, wenn es durch Tränen ausgelöscht wird; an dessen Stelle treten dann Heiligkeit und Gerechtigkeit, leichte Gegenstände, die von keinen Fluten verschlungen werden können. Vernünftig ausgeworfenes Geld geht ja denen, die es weggeben und auswerfen, nicht verloren, sondern geht gleichsam auf andere sicherere Lastschiffe über, kommt nämlich in den Magen der Armen und wird dort gerettet, gelangt in den Hafen und wird so denen, die es geopfert haben, Schmuck statt Gefahr.
§ 8
Geliebte, geben wir uns daher selbst den wohlmeinenden Rat, die Last des Reichtums, wenn wir überhaupt unsern Nutzen daraus ziehen wollen, auf viele zu verteilen, die sie voll Freude tragen und im Schoße des Herrn wie in einem sicheren Schranke niederlegen, „wo die Motte nicht verzehrt, noch Diebe ausgraben und stehlen.“ Geben wir doch dem Reichtum, wie er will, die Erlaubnis, über die Dürftigen sich zu ergießen. Gehen wir doch nicht an den Lazarusmenschen vorüber, die heute noch vor unseren Augen liegen, und mißgönnen wir ihnen doch nicht die Brosamen unseres Tisches, die hinreichen, sie zu sättigen, damit wir nicht jenem hartherzigen Reichen gleichen und mit ihm in dasselbe höllische Feuer kommen. Wir können dann den Abraham und alle, die hienieden gut gelebt haben, noch so inständig bitten, unser Rufen wird uns nichts nützen. „Denn ein Bruder erlöst nicht. Wird ein Mensch erlösen?“ Vielmehr wird ein jeder von ihnen uns zurufen: „Suche kein Mitleid, das du selbst gegen andere nicht kanntest, und denke nicht daran, so Großes zu bekommen, der du 353 mit Kleinem kargtest! Genieße nun, was du im Leben gesammelt hast! Weine jetzt, der du damals, als du deinen Bruder weinen sahest, kein Mitleid hattest!“ So werden sie zu uns reden, und zwar mit Recht. Ich fürchte, sie werden uns mit noch bittereren Reden überhäufen, zumal wir ja, wie ihr wißt, jenen Reichen an Bosheit über sind. Denn nicht um überhaupt zu sparen, gehen wir an den Brüdern vorüber, die auf dem Boden liegen, nicht um unser Vermögen den Kindern oder sonstigen Angehörigen zu vermachen, verschließen wir den Bitten der Armen unser Ohr, sondern um es schlechteren Dingen dienstbar zu machen, um aus der Freigebigkeit ein Reizmittel zur Schlechtigkeit zu machen für die, die ihr (erwerbsmäßig) dienen. Wieviele Frauen und Männer stehen manchmal um den Tisch herum? Die einen ergötzen den Gastgeber mit unflätigen Witzen, andere entfachen mit unanständigen Blicken und Gebärden das Feuer der Wollust, andere wollen mit gegenseitigen Neckereien dem, der geladen hat, Spaß machen; wieder andere aber täuschen ihn mit erlogenen Lobsprüchen. Doch ist das nicht ihr einziger Gewinn, daß sie so glänzend bewirtet werden; sie nehmen auch die Hände voll kostbarer Geschenke mit fort und lernen so von uns, daß es für sie nützlicher sei, solchen Dingen nachzugehen und sie zu tun, als die Tugend zu üben. Stellt sich aber ein Armer bei uns ein, der vor Hunger kaum noch sprechen kann, so wenden wir uns von ihm ab, der doch unseresgleichen ist, fühlen Ekel vor ihm, gehen schleunigst fort, als fürchteten wir, sein Elend könnte uns anstecken, wenn wir langsamer gingen. Und wenn er vor Scham ob seines Elendes auf den Boden schaut, dann nennen wir ihn einen Ausbund von Heuchelei; blickt er uns aber, vom Stachel des Hungers getrieben, offen ins Auge, dann schelten wir ihn unverschämt und frech. Hat er gerade ganze Kleider an, die ihm jemand geschenkt hat, so jagen wir ihn fort als einen Nimmersatt und schwören, daß er sich nur arm stelle; hat er aber nur eklige Lumpen an sich hängen, so jagen wir ihn wieder weg als Schmutzfink. Mag er in seinen Bitten auch mit dem Namen des Schöpfers kommen und unablässig darum flehen, daß nicht auch über uns das 354 gleiche Elend kommen möge, so kann er doch unseren unbarmherzigen Willen nicht ändern. Daraus schließe ich auf ein peinlicheres Höllenfeuer, als es jener Reiche zu fühlen bekam. — Hätte ich übrigens Zeit und Kraft genug, so würde ich euch seine ganze Geschichte, wie sie die Bibel darstellt, erklären und damit meine Predigtaufgabe abschließen; doch ihr seid jetzt müde, und es ist Zeit, euch zu entlassen. Haben wir aber aus Mangel an Verstand und Redegabe zugleich etwas ausgelassen, so möget ihr selbst es ergänzen und wie Heilpflaster auf die Wunden eurer Seelen legen. „Gib dem Weisen Gelegenheit, so wird er in der Weisheit zunehmen“, sagt ja die Schrift. „Gott aber ist mächtig, euch jede Gnade im Überflusse zu geben, damit ihr in allem allezeit volles Genüge habt und überreich werdet zu jedem guten Werke.“
§ 9
Doch obschon wir, wie ihr seht, unsere Rede zum Hafen geführt haben, so bringen doch einige Brüder unseren Zuspruch wieder in Fluß und wünschen, wir möchten doch die gestrigen Wunderwerke des Herrn nicht übergehen, nicht schweigen von dem Siegeszeichen, das der Heiland gegen die Wut des Teufels aufgepflanzt hat, sondern euch zum Jubelgesang und Frohlocken aufrufen.
Es zeigte ja, wie ihr wißt, der Teufel wieder einmal seine Wut gegen uns: Er bewaffnete sich mit einer Feuerflamme und suchte die Hallen der Kirche zu erstürmen. Doch wieder siegte die gemeinsame Mutter und lenkte den Anschlag auf den Feind selbst; nichts gelang ihm, als seine Feindschaft offen zu verraten. Die Gnade wehte den Angriffen des Feindes entgegen; der Tempel blieb unversehrt. Nicht vermochte der vom Feinde erregte Sturm den Felsen zu erschüttern, auf den Christus den Schafstall seiner Herde gebaut hat. Auch diesmal stellte sich der auf unsere Seite, der einst zu Babylon den Kamin ausgelöscht hat. Wie sehr, meint ihr, mag heute der Teufel seufzen, weil ihm sein Vorhaben nicht 355 gelungen ist! Der Widersacher hat doch den Holzstoß neben der Kirche angezündet, um unser Glück zu zerstören. Und stark blies er in die Flammen, so daß sie von allen Seiten aufloderten, sich über die ganze Nachbarschaft ausbreiteten und mit Hilfe des Windes den Tempel erfassen und uns mit in das Unglück reißen sollten. Allein der Heiland ließ sie gegen den ausschlagen, der sie angefacht hatte, und befahl ihm, seine Wut gegen sich selbst zu kehren. Den Bogen der Tücke hatte der Feind zwar gespannt, aber den Pfeil abzuschießen, ward er verhindert, oder vielmehr, er schoß ihn ab; der Pfeil aber kehrte sich gegen sein eigenes Haupt. Er selbst vergießt nun jene bitteren Tränen, die er uns zugedacht hat.
Indes, meine Brüder, wir wollen dem Widersacher seine Wunde noch schmerzlicher machen, wollen seine Trauer noch vermehren. Über das „Wie“ will ich zu euch reden; ihr aber handelt darnach!
Manche sind vom Schöpfer der verheerenden Macht des Feuers entrissen worden, haben aber jetzt von ihrem Hab und Gut nichts mehr übrig, sind vielmehr nur mit Leib und Leben der Gefahr entronnen. — Wir alle nun, die wir vom Unglücksfall nicht betroffen wurden, wollen unser Vermögen mit ihnen brüderlich teilen; wir wollen die kaum geretteten Brüder umarmen und jeder zum andern sagen: „Er war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden worden!“ Wir wollen den verwandten Leib bedecken. Wir wollen den Verheerungen des Widersachers unsern Trost entgegensetzen, auf daß es nicht den Anschein gewinnt, als hätte er mit seiner Schädigung einen besonders großen Schaden angerichtet und mit seinem Angriffe einen zur Strecke gebracht, und damit er, der unsere Brüder um ihr Vermögen gebracht hat, doch von unserer Freigebigkeit besiegt dasteht.
§ 10
Ihr aber, Brüder, die ihr der Gefahr entronnen seid, nehmt den Unfall nicht allzu schwer und werdet darob nicht kleinmütig, sondern verscheucht die 356 Schatten der Trauer, stärkt die Seele mit mannhafteren Gedanken und nützt den Unfall aus zur Erlangung von Siegeskränzen! Denn wenn ihr unerschütterlich bleibt, werdet ihr im Glauben neu bewährt dastehen, wie echtes Gold nach der Feuerprobe leuchten, und ihr werdet auch die Schmach des Widersachers vermehren, wenn er mit seinen Anschlägen euch nicht einmal eine Träne entlocken konnte. Erinnert euch an die Standhaftigkeit Jobs! Sagt jetzt euch, was er gesprochen: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen; wie es dem Herrn gefallen hat, so ist es geschehen.“ Und niemand lasse sich durch sein Unglück verleiten, zu denken und zu sprechen, als ob nun keine Vorsehung unser Geschick bestimme; niemand klage das Walten und das Gericht des Herrn an! Vielmehr schaue man auf jenen Kämpfer und lasse von ihm sich eines Besseren belehren! Man denke doch der Reihe nach an all die Kämpfe, in denen Job siegte, mit wievielen Geschoßen er vom Teufel beschossen wurde, ohne auch nur eine tödliche Wunde zu erhalten. Der Teufel zerstörte sein häusliches Glück und sann darauf, ihn durch Unglücksbotschaften über Unglücksbotschaften niederzuschmettern. Während der erste Bote noch ein Unglück verkündete, kam schon ein zweiter und brachte die Trauerkunde von einem noch größeren Unglück. Unglück häufte sich auf Unglück, und die Mißgeschicke folgten aufeinander im Wogenlauf. Ehe die erste Träne getrocknet war, kam der Anstoß zur zweiten. Der Gerechte aber stand wie ein Fels da, der allen Stößen des Sturmes standhält, die mächtigen Wogen in Schaum auflöst, und sprach zum Herrn die schönen Worte: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen; wie es dem Herrn gefallen hat, so ist es geschehen.“ Auch nicht ein Mißgeschick würdigte er der Tränen. Als dann ein Bote mit der Nachricht kam, ein heftiger Sturm habe das Haus der Freude über seinen Söhnen und Töchtern, die eben darin beim Festschmause saßen, in Trümmer gelegt, da zerriß er nur sein Kleid, um seinem natürlichen Schmerz Ausdruck zu geben und 357 so zu zeigen, daß er ein Vater sei, der seine Kinder liebt. Doch kannte er auch jetzt noch in seinem Schmerze Maß und Ziel und verklärte den Vorfall mit jenen gottesfürchtigen Worten: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen; wie es dem Herrn gefallen, so ist es geschehen.“ Damit brachte er nur etwa folgendes zum Ausdruck: Ich bin Vater genannt worden, solange es der wollte, der mich zum Vater gemacht hat. Nun hat er beschlossen, mir die Krone der Nachkommenschaft wieder zu nehmen; ich bestreite ihm sein Eigentumsrecht nicht. Es geschehe, was dem Herrn gefällt; er ist Schöpfer des Geschlechtes, ich ein Werkzeug. Was soll ich, der Knecht, mich unnütz grämen und über ein Los klagen, das ich nicht ändern kann? Mit solchen Worten durchschoß der Gerechte den Teufel.
§ 11
Wie aber der Widersacher sah, daß Job wiederum Sieger blieb und durch keine dieser Prüfungen zu erschüttern war, richtete er seinen versucherischen Anschlag auf sein eigenes Fleisch, schlug dem Körper unsägliche Wunden, ließ Würmer daraus hervorbrechen, stürzte den Mann von seinem fürstlichen Throne und setzte ihn auf einen Misthaufen. Doch bei all diesen Prüfungen blieb er unerschütterlich und bewahrte trotz seines zerfleischten Körpers den Schatz der Gottseligkeit unangetastet im Innern seines Herzens. Da nun der Feind nichts mehr aufzubieten wußte, kam er auf seine alte List zurück, verführte das Weib zu einem gottlosen, lästerlichen Entschluß und suchte durch dasselbe den wackeren Kämpfer zum Falle zu bringen. Sein Weib, das in der langen Zeit überdrüssig geworden, stellte sich vor den Gerechten, beugte sich nieder, schlug die Hände zusammen über dem, was sie sah, hielt ihm die Früchte seiner Gottseligkeit vor, sprach einerseits vom früheren häuslichen Wohlstand und wies anderseits auf das gegenwärtige Unglück hin und auf das Leben, das er jetzt gegenüber früher habe, und welchen Dank er für seine vielen Opfer vom Herrn empfangen habe. Sie redete nur Worte, wie sie weiblichem Kleinmute entsprachen, die aber doch jeden Mann erschüttern und auch einem hochsinnigen den Kopf verdrehen konnten. 358 „Flüchtig und eine Magd“, sprach sie, „irre ich umher; ich, eine Fürstin, muß dienen, muß auf die Hände meines Hausgesindes sehen, und ich, die ich einst viele ernährte, lasse mich jetzt gern von fremder Hand ernähren. Es wäre besser und schöner, er würde durch gottlose Reden das Zornesschwert des Schöpfers schärfen und sich von der Erde vertilgen, als das Schreckliche geduldig ertragen und so sich und seiner Gattin die Beschwerden des Kampfes verlängern.“ — Obschon Job diese Worte kränkten wie kein anderes Leid zuvor, sein Auge in Zorn erglühte und er gegen sein Weib wie gegen eine Feindin sich kehrte — was sagte er? „Was hast du wie ein törichtes Weib geredet?“ „Laß ab, Weib,“ sprach er, „von solchem Raten! Wielange noch willst du mit solcher Rede unser gemeinschaftliches Leben verbittern? Du hast — ach, hätte Gott es verhütet! — über meinen Wandel Unwahres ausgesagt, hast mein Leben verleumdet. Jetzt glaube ich, zur Hälfte gottlos zu sein; die Ehe hat uns ja zu einem Leibe gemacht, und du bist auf Gotteslästerungen verfallen.“ „Haben wir das Gute aus des Herrn Hand angenommen, warum sollen wir nicht auch das Böse ertragen?“ Denk’ an die entschwundenen Güter! Wäg das Gute gegen das Böse ab! Keines Menschen Leben ist ganz glücklich. Immer glücklich sein, kommt allein Gott zu. Betrübt dich die Gegenwart, so tröste dich mit der Vergangenheit! Jetzt weinst du; früher hast du gelacht. Jetzt bist du arm; früher warst du reich. Du hast den klaren Quell des Lebens getrunken; trink jetzt geduldig auch diesen trüben! Auch der Flüsse Fluten sind nicht immer klar. Ein Fluß aber, wie du weißt, ist unser Leben: es fließt unaufhaltsam dahin, und Wellen folgen auf Wellen. Ein Teil ist bereits vorbeigeströmt, ein Teil ist mitten im Laufe, ein dritter Teil ist eben den Quellen entsprungen, und ein weiterer wird noch entspringen, und wir alle eilen dem gemeinsamen Meere des Todes zu. „Haben wir das Gute aus des Herrn Hand angenommen, warum sollen wir nicht auch das Böse ertragen?“ Können wir den Richter zwingen, daß er uns immer Gleiches schenke? Den Herrn 359 belehren, wie er unser Leben lenken soll? Er hat die Macht über seine Ratschlüsse. Wie er will, ordnet er unsere Angelegenheiten. Er ist weise und mißt seinen Dienern zu, was nützlich ist.
§ 12
Zerbrich dir nicht den Kopf über das Gericht des Herrn! Liebe nur die Verfügungen seiner Weisheit! Was immer er dir gibt, das nimm mit Freuden an! Beweise in den Widerwärtigkeiten, daß du der früheren Freude würdig warst! — So sprach Job und wehrte nicht bloß diesen Angriff des Teufels ab, sondern brachte ihm auch eine vollständige, schmähliche Niederlage bei. Was war nun die Folge davon? Die Krankheit verließ ihn wieder, als hätte sie umsonst sich genaht und nichts weiter bewirkt. Sein Fleisch erblühte zu zweiter Jugend. Sein Leben erfreuten wieder alle Güter, und doppelt strömte der Reichtum von allen Seiten in sein Haus, einerseits um das Verlorene zu ersetzen, anderseits als Belohnung des Gerechten für seine Geduld. Warum aber erhielt er Pferde, Maultiere, Kamele, Schafe, Ländereien und alle Freuden des Besitzes zweifach wieder, indes ihm nur eine Kinderschar entsproßte, die der Zahl nach der der verstorbenen gleich? Weil das unvernünftige Vieh und der vergängliche Reichtum dem völligen Untergang verfallen waren, die Kinder aber auch nach dem Tode mit dem besten Teil der Natur fortlebten. Vom Schöpfer nun mit anderen Söhnen und Töchtern bedacht, hatte er auch dieses Besitztum doppelt. Die einen waren da, um den Eltern in diesem Leben Freude zu machen; die andern aber waren vorausgegangen, um den Vater zu erwarten. Sie alle werden dann den Job umgeben, wann der Richter des menschlichen Lebens die ganze Weltkirche versammeln, wann die Posaune die Ankunft des Königs verkünden und, gewaltig in die Gräber tönend, die Saat der Leiber zurückfordern wird. Dann werden auch die, die jetzt anscheinend tot sind, schneller als die Lebenden vor den Schöpfer des Weltalls hintreten. — Das, glaube ich, ist der Grund, weshalb der Herr dem Job den übrigen Reichtum doppelt zumaß, ihn aber gerechterweise mit der gleichen Kinderzahl entschädigte.
360 Siehst du, wieviele Güter der gerechte Job mit seiner Geduld sich gesammelt hat? Wenn also auch du durch das gestrige Feuer, das die Arglist der bösen Geister angezündet hat, Schaden gelitten hast, trage diesen mit Geduld und beschwichtige deine Trauer ob des Verlustes durch bessere Gedanken; „wirf“, wie geschrieben steht, „deine Sorge auf den Herrn; und er wird dich erhalten.“ Ihm gebührt die Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.