181 „HAB’ ACHT AUF DICH SELBST!“ (Deut. 15, 9) (Migne, PG. XXXI, 197—217)
Inhalt: Der Gedankenaustausch mit Menschen als sinnlich-geistigen Wesen kann kein unmittelbarer, sondern nur ein sprachlich vermittelter sein. Voraussetzung beim Hörer stilles Lauschen, zumal wenn Gott spricht — so tief und bündig wie in Deut. 15, 9. Dieser Ausspruch wehrt innerer Versündigung. Gedankensünden viel häufiger und rascher geschehen als Tatsünden. So mancher ist trotz äußerer Gerechtigkeit Gedankensünder, dem Allwissenden offenbar. Die Gedankensünden müßen darum noch wirksamer verhütet und rascher geheilt werden können (c. 1). Wie dem Tier der Instinkt zu seiner Selbsterhaltung, so dem Menschen die Vernunft, der Sünde zu entgehen. „Hab’ acht!“ — nicht mit dem leiblichen Auge, sondern mit der Gnadenerleuchtung des Heiligen Geistes (c. 2). „Hab’ acht auf dich selbst!“ — d. i. deine Seele, nicht so fast auf die äußeren Güter (Leib, Gesundheit, Habe). Gib dem Körper, was nötig — mehr zu geben ginge auf Kosten der Seele —, sieh aber vorab auf das Wohl der Seele (c. 3). „Auf sich achtgeben“ rät der Leibarzt, noch mehr der Seelenarzt. Erstes und Wichtigstes — richtige Diagnosestellung. „Achtzugeben auf sich“ hat jeder, „achtzugeben“ auch auf andere hat, wem ein besonderer Beruf im Reiche Gottes (c. 4). Es gilt achtzugeben, um nicht zu verlieren, was man hat. Oberflächliche Jugend macht sich grenzenlose Zukunftsillusionen. Heilmittel dagegen nüchterne Selbstbetrachtung. Mehr auf sich achten als auf andere. „Auf sich achten“ heißt, sich stets der Vergänglichkeit aller irdischen Güter bewußt bleiben (c. 5). Der an irdischen Gütern Arme schaue auf die ewigen. Übrigens ist jeder groß und reich als Kreatur Gottes, als Ebenbild des Schöpfers und weil berufen zur Engelswürde. Auch sind die höheren Güter, das Erlösungswerk, Gottes Lehren und 182 Gebote und sein Lohn allen angeboten (c. 6). „Achtgeben“ auf sich lehrt den Zorn meistern, die Zunge zügeln, die Sinnlichkeit beherrschen, führt zur Gotteserkenntnis und zur Verähnlichung mit ihm und heißt die Wechselwirkung von Leib und Seele bewundern (c. 7). „Acht’ auf dich!“ — deinen Leib mit seinem majestätischen Bau und der kunstvollen Gestaltung all seiner Glieder (c. 8).
§ 1
Den Gebrauch der Rede hat uns Gott, der uns erschaffen, gegeben, damit wir einander die Gesinnung des Herzens offenbaren und dank der gemeinsamen Natur einander die Gedanken mitteilen, die wir aus den Gründen des Herzens wie aus Vorratskammern hervorholen. Beständen wir nur aus Seele, so könnten wir unmittelbar gegenseitigen Gedankenaustausch pflegen. Nun arbeitet aber unsere Seele unter einer Fleischeshülle verborgen ihre Gedanken aus; sie braucht also Worte und Namen, um das in der Tiefe Ruhende kund zu tun. Hat dann unser Geist einen bestimmten Ausdruck gefunden, so fährt er in der Rede wie in einem Kahn dahin, durchfurcht die Luft und geht vom Redenden zum Hörenden über. Findet er tiefe Stille und Ruhe vor, so landet die Rede in den Ohren der Schüler wie in ruhigen, sicheren Häfen. Bläst ihr aber wie ein wilder Sturm der Lärm der Zuhörer entgegen, so verhallt sie in der Luft und erleidet Schiffbruch. Schafft also mit Schweigen Ruhe für die Rede; vielleicht enthält sie doch etwas Wertvolles, was ihr mitnehmen könnt.
Schwer faßlich ist die Rede der Wahrheit und kann den Unachtsamen leicht entgehen, zumal da der Hl. Geist dafür gesorgt hat, daß sie bündig und kurz sei, so daß sie in wenig Worten vieles ausdrückt und dank der Kürze leicht im Gedächtnis haftet. Auch ist es ein natürlicher Vorzug der Rede, daß sie den Sinn nicht durch Unklarheit verdunkelt und nicht mit unnützen Phrasen um die Sache herumgeht. Derart nun ist die von uns eben verlesene Stelle aus den Büchern Mosis, deren ihr als aufmerksame Zuhörer euch sicher wohl erinnert, es sei denn, ihr hättet sie etwa bei ihrer Kürze überhört. Die Stelle lautet also: „Hab’ acht auf dich selbst, daß nicht 183 etwa ein geheimes Wort in deinem Herzen eine Sünde werde!“
Wir Menschen sind stark zu Gedankensünden geneigt. Deshalb hat der, welcher unsere Herzen einzeln gebildet hat, eben in der Erkenntnis, daß die meisten Sünden freiwillige Begierdesünden sind, die Reinheit der Seele als das leitende Prinzip aufgestellt. Denn das, womit wir am ehesten sündigen, hat er eines besonderen Schutzes und erhöhter Fürsorge gewürdigt. Wie vorsichtigere Ärzte schwächere Konstitutionen mit prophylaktischen Weisungen von Anfang an zu schützen suchen, so hat auch der allwaltende Schirmherr und wahre Seelenarzt für den Teil an uns, den er am meisten der Sünde ausgesetzt weiß, stärkere Wachen vorgesehen. Die körperlichen Handlungen erfordern ja Zeit, Gelegenheit, Anstrengung, Mitarbeiter und sonstige Beihilfe. Die Regungen der Seele aber erfolgen ohne Zeitaufwand, kosten keine Mühe, entstehen ohne Manipulationen; für sie ist jede Zeit recht. Und so mancher, der hochmütig und stolz auf seine Heiligkeit ist, der nach außen den Eindruck eines Enthaltsamen macht, der sich gern unter die setzt, die ihn ob seiner Tugend rühmen, eilt in Gedanken an den Ort der Sünde, der geheimen Regung seines Herzens folgend. Er sieht in seiner Phantasie, wornach ihn gelüstet, vergegenwärtigt sich eine unehrbare Zusammenkunft, malt sich ganz in der verborgenen Werkstätte seines Herzens ein deutliches Bild der Lust aus, und begeht so ohne Zeugen im Innern die Sünde. Sie bleibt allen unbekannt, bis der kommt, der das im Finstern Verborgene offenbart und die Absichten der Herzen aufdeckt.
Hüte dich also, daß nicht etwa ein verborgenes Wort in deinem Herzen zur Sünde werde! „Denn wer ein Weib ansieht mit Begierde nach ihr, der hat in seinem Herzen schon die Ehe gebrochen.“ Den körperlichen Handlungen stellt sich mancherlei in den Weg; 184 wer aber in Begierde sündigt, bei dem hält die Sünde gleichen Schritt mit der Schnelligkeit der Gedanken. Wo nun der Fall ein jäher, da ist uns auch ein sofortiger Schutz dagegen gegeben. Es wird ja bezeugt, „daß nicht etwa ein geheimes Wort in deinem Herzen zur Sünde werde“. Doch laßt uns lieber auf den Anfang der Stelle selbst zurückkommen!
§ 2
Es heißt: „Hab’ acht auf dich selbst!“ Ein jedes Tier hat von Haus aus, von seiten Gottes, der alles erschaffen, die Fähigkeiten zum Schutze seines eigenen Daseins. Du kannst bei aufmerksamer Beobachtung finden, daß die meisten Tiere ohne Belehrung das Schädliche zu meiden wissen und anderseits durch einen natürlichen Trieb zum Genusse des ihnen Nützlichen angetrieben werden. Deshalb hat auch uns der erzieherische Gott dies große Gebot gegeben, damit uns mit Hilfe der Vernunft zuteil werde, was jenen von Natur, damit von uns mit Aufmerksamkeit und anhaltendem Nachdenken geschehe, was bei den Tieren unüberlegt richtig zuwege kommt, damit wir ferner gewissenhafte Verwalter der uns von Gott gegebenen Fähigkeiten seien, indem wir nämlich die Sünde fliehen wie die Tiere das giftige Futter, und nach Gerechtigkeit streben, wie jene nach genießbaren Kräutern suchen. „Hab’ also acht auf dich selbst!“ damit du imstande seiest, das Schädliche vom Heilsamen zu unterscheiden.
Es gibt nun ein doppeltes Achthaben: eines, wobei man mit leiblichen Augen auf die sichtbaren Dinge schaut, das andere, wobei sich mit der Erkenntniskraft der Seele auf die Betrachtung der unkörperlichen Dinge verlegt. Wollten wir nun sagen, das Gebot gelte der Tätigkeit der Augen, so werden wir uns sofort überzeugen, daß dies nicht sein kann. Wie kann denn jemand sich ganz mit den Augen erfassen? Das Auge kann ja nicht einmal sich selbst sehen; es reicht nicht bis an den Scheitel, sieht den Rücken nicht, nicht das Gesicht, nicht die Lage der Eingeweide im Innern. Nun wäre es gottlos, zu sagen, die Gebote des Geistes seien undurchführbar. So bleibt nur übrig, jenes Gebot für die geistige Betätigung gelten zu lassen. „Hab’ acht auf dich selbst!“ 185 heißt also: Sieh dich um nach allen Seiten! Halte wach das Auge deiner Seele zu deinem Schutze. „Du wandelst mitten unter Schlingen.“ Überall hat der Feind verborgene Fallstricke gelegt. Sieh auf alles ringsum, „damit du wie das Reh den Schlingen entrinnst und wie der Vogel dem Netze“! Denn das Reh kann mit Schlingen nicht eingefangen werden dank seiner Sehschärfe; eben von dieser seiner Sehschärfe hat es auch seinen Namen. Der Vogel aber, der „achtgibt“, schwingt sich auf leichtem Fittich hoch über die Schlingen der Vogelsteller hinweg. Sieh zu, daß du nicht weniger auf der Hut zu sein scheinst als die unvernünftigen Geschöpfe, und du nie, in den Schlingen gefangen, eine Beute des Teufels werdest, „von ihm gefangen gehalten nach seinem Wollen.“
§ 3
„Hab’ also acht auf dich selbst!“ d. h. nicht auf das Deinige, nicht auf die Dinge um dich her, sondern auf dich allein hab’ acht! Denn etwas anderes sind wir, etwas anderes ist das Unsrige, etwas anderes sind die Dinge um uns her. Wir sind Seele und Geist, insofern wir nach dem Ebenbilde des Schöpfers geschaffen sind. Das Unsrige aber ist der Leib mit seinen Sinnesorganen, um uns her aber sind äußere Habe, Künste und der übrige Lebensapparat. Was sagt nun unsere Stelle? Hab’ nicht acht aufs Fleisch, such’ nicht sein Wohlbehagen auf alle mögliche Weise! Verlang’ nicht Gesundheit, Schönheit, Sinnengenuß, Langlebigkeit! Bewundere nicht Geld und Ehre und Macht! Und was alles dir zu diesem zeitlichen Leben dient, schätz’ das nicht hoch, damit du nicht durch die Sorge für diese Dinge dein vorzüglicheres Leben vernachlässigst! Vielmehr „hab’ acht auf dich“, d. h. auf deine Seele! Sie schmücke, für sie sorge, damit durch deine Achtsamkeit aller Unrat, der ihr von der Sünde her anklebt, entfernt, alle Schmach des Lasters beseitigt werde, und sie im 186 vollen Schmucke der Tugend erstrahle und glänze. Erforsch’ dich selbst, wer du bist, lern’ deine Natur kennen; wisse, daß sterblich dein Leib, unsterblich die Seele! Wisse, daß zweifach unser Leben: das eine fleischlich, rasch vorübergehend, das andere der Seele verwandt und endlos.
„Hab’ also acht auf dich selbst!“ Häng’ dich nicht ans Vergängliche, als wäre es ewig, und verachte nicht das Ewige, als wäre es vorübergehend! Übersieh das Fleisch; denn es schwindet dahin. Sei besorgt um die Seele; sie ist ein unsterbliches Wesen. Hab’ acht auf dich mit aller Sorgfalt, damit du jedem Teil das Zuträgliche zuzuweisen verstehst: dem Körper Nahrung und Kleidung, der Seele die Lehren des wahren Glaubens, eine gute Anleitung, Übung der Tugend, Beherrschung der Leidenschaften. Mach’ deinen Leib nicht übermäßig fett, noch kümmere dich um eine Masse Fleisch! „Es gelüstet ja das Fleisch wider den Geist, den Geist aber wider das Fleisch, und sie sind einander entgegen.“ Sieh also zu, daß du nie dem Fleische den Vorzug gibst und so dem minder guten Teil die Oberherrschaft einräumst! Es ist da wie bei der Wage: Je mehr du die eine Schale beschwerst, desto leichter machst du die andere. Genau so bedeutet bei Leib und Seele der Überfluß des einen Teils die Schwächung des andern. Ist der Leib behäbig und mästig, dann muß der Geist für seine Aufgaben träge und abgespannt sein. Ist es aber um die Seele wohl bestellt und erschwingt sie sich durch Übung im Guten zu ihrer natürlichen Größe, so wird die Folge sein, daß das körperliche Wohlbehagen abnimmt.
§ 4
Eben dies Gebot ist für die Kranken sehr nützlich und auch für die Gesunden sehr angezeigt. In den Krankheiten legen ja die Ärzte den Patienten nahe, auf sich recht achtzugeben und nichts zu versäumen, was zur Heilung dient. Auf gleiche Weise heilt auch unser Seelenarzt, das Schriftwort die von der Sünde 187 geschädigte Seele mit diesem kleinen Heilmittel. „Hab’ also acht auf dich selbst“, daß du auch das dem Vergehen entsprechende Heilmittel anwendest! Ist groß und schwer die Sünde, dann bedarf es strenger Buße, bitterer Tränen, anhaltenden Wachens und ununterbrochenen Fastens. Ist der Fall leicht und erträglich, so soll dem auch die Buße entsprechen. Nur hab’ auf dich acht, damit du den Gesundheits- und Krankheitszustand der Seele erkennest. Denn viele leiden an schweren und unheilbaren Krankheiten und wissen aus zu großer Unachtsamkeit nicht einmal, daß sie krank sind. Doch aus dem Gebote erwächst auch für die ein großer Gewinn, die ihrem Berufe rüstig nachkommen. So macht eben das, was die Kranken heilt, die Gesunden vollkommen.
Ein jeder von uns Jüngern des Wortes dient doch irgendeinem von den Berufen, die im Evangelium für uns vorgesehen sind. In diesem großen Hause der Kirche gibt es nicht nur allerlei Gefäße, goldene und silberne, hölzerne und irdene, sondern auch allerlei Künste und Gewerbe. Es hat nämlich das Haus Gottes, das da ist die Kirche des lebendigen Gottes, Jäger, Wanderer, Baumeister, Bauleute, Bauern, Hirten, Fechter und Soldaten. Für sie alle paßt jener kurze Spruch, indem er einen jeden zur Gewissenhaftigkeit in seiner Arbeit und zum Eifer in seinem Berufe anspornt. Ein Jäger bist du, gesandt vom Herrn, der da spricht: „Siehe, ich sende viele Jäger, und sie sollen auf sie Jagd machen auf allen Bergen.“ Gib also fleißig acht, daß dir die Beute nicht entwischt, d. h. daß du diejenigen, die in Lastern verwildert sind, durch das Wort der Wahrheit einfangest und dem Erlöser zuführest. — Ein Wanderer bist du gleich jenem, der da betete: „Leite meine Schritte!“ „Hab’ acht auf dich selbst“, daß du nicht vom Wege abirrst, nicht abweichst zur Rechten oder zur Linken. Wandle auf königlichem Pfade! Der Baumeister lege sicher den Grund des Glaubens, der da ist Jesus Christus. Die Bauleute sehen zu, wie sie bauen — 188 nicht mit Holz, Heu und Stoppeln, sondern mit Gold, Silber und Edelsteinen. Bist du Hirte, so gib acht, daß du nichts von dem vernachlässigst, was zu deinem Hirtenamte gehört. Was heißt aber das? Das Verirrte führ’ zurück, verbinde das Verwundete, heile das Kranke! Bist du Bauer, so umgrab’ den unfruchtbaren Feigenbaum und wirf hinein, was die Fruchtbarkeit fördert! Bist du Soldat, so „dulde mit mir für das Evangelium“, kämpfe den guten Kampf gegen die Geister der Bosheit, gegen die Lüste des Fleisches, ziehe an die volle Waffenrüstung Gottes, verwickle dich nicht in weltliche Geschäfte, damit du dem gefallest, der dich zum Kriegsdienst erwählt hat. Bist du Fechter, so gib acht auf dich, daß du nicht etwa eine der Kampfregeln übertrittst. „Denn niemand wird gekrönt, der nicht regelrecht gekämpft hat.“ Ahme Paulus nach, der da läuft und ringt und kämpft. Und wie ein guter Kämpfer habe einen festen Blick der Seele! Die lebenswichtigen Körperteile schütz’ durch Vorhaltung der Hände; unverwandt sei dein Auge auf den Gegner gerichtet. Im Laufe streck’ dich nach dem aus, was vor dir liegt. Lauf so, daß du es erlangst! Im Ringen stell’ dich gegen die unsichtbaren Feinde! Der Ausspruch will dich für das ganze Leben als einen Mann wissen, der nicht wankt noch schläft, sondern nüchtern und wachsam sich selbst beherrscht.
§ 5
Der Tag würde mir nicht ausreichen, wollte ich all die Berufe derer, die am Evangelium Christi mitarbeiten, durchgehen, jeweils den Sinn des Gebotes angeben und zeigen, wie trefflich es für alle paßt. „Hab’ acht auf dich selbst!“ Sei nüchtern, laß dir raten, gib acht auf das, was du augenblicklich hast, und sieh dich vor für die Zukunft! Gib nicht leichtsinnig preis, was du schon hast; träume aber auch nicht vom Genusse dir 189 vermeintlich sicherer Güter, die nicht da sind noch vielleicht je sich einstellen werden. Ist nicht diese Krankheit den jungen Leuten zur zweiten Natur geworden, daß sie das Erhoffte in ihrem Leichtsinne schon zu besitzen wähnen? Denn wenn sie einmal eine freie Stunde haben oder die Nachtruhe genießen, dann bauen sie sich Luftschlösser und kommen in ihrem flatterhaften Sinne an allem herum: Sie versprechen sich ein herrliches Leben, glänzende Heiraten, Kindersegen, hohes Alter und allseitige Ehrung. Ja, sie versteigen sich, obschon sie ihre Hoffnungen auf nichts zu gründen vermögen, zum Höchsten, was es unter Menschen gibt: Sie erwerben sich große, schöne Häuser, füllen sie mit allerlei kostbarem Hausrat, umgeben sie mit so viel Land, als eben ihre törichte Phantasie von der ganzen Schöpfung abtrennt. Sodann verwahren sie die reichen Erträgnisse daraus in ihren eingebildeten Scheunen. Dazu fügen sie Vieh, ein zahlloses Hausgesinde, Staatsämter, Herrschaft über ganze Völker, Feldherrnstellen, Kriege, Trophäen, sogar die Königswürde. Auf all das kommen sie in ihrer hohlen Einbildung und wähnen vor lauter Torheit, das Erhoffte zu genießen, als wäre es schon da und läge ihnen zu Füßen.
Diese Krankheit, in wachem Zustande Träume zu sehen, verrät eine müßige, leichtfertige Seele. Um nun diese Aufgeblasenheit des Geistes und diese Erhitzung der Gedanken zu dämpfen und der Schwärmerei des Kopfes wie mit einem Zügel Einhalt zu tun, verkündet die Stelle das große und weise Gebot: „Hab’ acht auf dich selbst!“ d. h. versprich dir nicht, was nicht vorhanden, sondern mach’ dir, was sich dir bietet, zunutze!
Ich glaube indes, der Gesetzgeber hat diese Mahnung gegeben, um auch folgende Unart aus der Welt zu schaffen. Ein jeder aus uns findet es bequemer, mit fremden Angelegenheiten sich zu beschäftigen, als bei seinen eigenen nachzusehen. Um dem abzuhelfen, sagt er: Hör’ auf, den Fehlern anderer nachzuspüren, gib nicht Muße deinen Gedanken, die fremde Krankheit zu untersuchen, sondern „hab’ acht auf dich selbst!“, d. h. richte den Blick der Seele auf die eigene Gewissenserforschung! Nach einem Worte des Herrn beachten viele 190 den Splitter im Auge des Bruders, sehen aber den Balken im eigenen Auge nicht. Hör’ also nicht auf, dich selbst zu erforschen, ob dein Leben dem Gebote entsprechend verläuft! Sieh dich nicht um nach dem, was außer dir liegt, ob du nicht etwa an irgendeinem etwas auszusetzen hättest gleich jenem hochmütigen und stolzen Pharisäer, der sich hinstellte, sich selbst rechtfertigte und den Zöllner verachtete. Vielmehr prüf’ dich selbst unaufhörlich, ob du nicht etwa in Gedanken gesündigt hast, ob nicht die Zunge, dem Gedanken vorauseilend, gestrauchelt, ob nicht in der Tat von der Hand etwas Unbedachtes geschehen. Wenn du dann in deinem Leben viele Fehler findest — jedenfalls findest du solche; bist du doch Mensch — , so sprich mit dem Zöllner: „Gott sei mir Sünder gnädig!“
„Hab’ also acht auf dich selbst!“ Dieser Spruch wird dir, auch wenn du einmal herrlich schöne Tage siehst und das ganze Leben ruhig nach Wunsch dir verläuft, nützlich sein und wie ein guter Berater dich an das erinnern, was menschlich ist. Und wenn du auch einmal von Widerwärtigkeiten niedergebeugt wirst, dann dürfte er zur rechten Zeit in deinem Herzen erklingen, daß du nicht aus Stolz und trotzigem Übermut dich fortreißen lässest, noch aus Verzweiflung in kleinlichem Mißmut versinkst. Mit Reichtum willst du prunken, und machst dich groß mit deinen Ahnen? Du bist stolz auf Vaterland und körperliche Schönheit und die allseitigen Ehrenbezeugungen? „Hab’ acht auf dich!“ Bedenke, daß du sterblich bist, daß du Erde bist und zur Erde zurückkehren wirst. Sieh dich um nach jenen, die vor dir in gleichem Glanze gelebt haben! Wo sind die, die einmal eine politische Rolle gespielt haben? Wo die kampferprobten Redner? Wo die Leiter der Volksversammlungen? Wo die berühmten Pferdehalter, die Feldherrn, Satrapen, Tyrannen? Ist nicht alles Staub? Nicht alles Sage? Ruht nicht in wenig Gebein das (ganze) 191 Andenken ihres Lebens? Bück’ dich über die Gräber, ob du unterscheiden kannst, wer der Knecht und wer der Herr, wer der Arme und wer der Reiche war! Unterscheide, wenn du kannst, den Gefangenen vom König, den Starken vom Schwachen, den Schönen vom Häßlichen! Eingedenk deiner Natur wirst du dich nie überheben. Du wirst deiner eingedenk bleiben, wenn du auf dich selbst acht hast.
§ 6
Anderseits, bist du von niederer Abkunft und unbekannt, arm von armen Eltern her, ohne Herd, ohne Heimat, schwach, ohne das tägliche Brot, voll Furcht vor den Machthabern, voll Angst vor allen deiner Niedrigkeit wegen? „Ein Armer hält ja“, heißt es, „eine Drohung nicht aus.“ Nun dann verzweifle nicht an dir selbst und laß nicht alle frohe Hoffnung fahren, weil du nichts von dem hast, was in diesem Leben wünschenswert ist. Weise vielmehr deine Seele hin auf jene Güter, die Gott dir schon zuteil werden ließ, und die laut Verheißung später deiner harren. Fürs erste bist du ein Mensch, allein von den Lebewesen von Gott gestaltet. Muß nicht, wenn du vernünftig nachdenkst, das dich zur höchsten Freude stimmen, daß du unmittelbar von der Hand Gottes, der alles erschaffen, gebildet worden bist, daß du, ein Ebenbild deines Schöpfers geworden, mit einem guten Lebenswandel zu gleicher Würde mit den Engeln dich erschwingen kannst? — Du hast eine vernünftige Seele erhalten, mit der du Gott erkennst, die Natur der Dinge ergründest, die so süße Frucht der Weisheit pflückst. Alle Landtiere, die zahmen wie die wilden, und alle Tiere, die im Wasser leben und die Luft durchfliegen, sind dir dienstbar und untertan. Hast du nicht Künste erfunden und Städte gegründet, alles Lebensnotwendige und allen Lebenskomfort ersonnen? Sind dir nicht wegsam geworden die Meere dank deiner 192 Vernunft? Ist nicht Erde und Meer deinem Leben dienstbar? Zeigen nicht Luft und Himmel und die Chöre der Sterne dir ihre Ordnung? Warum bist du also kleinmütig, daß du kein goldgezäumtes Roß hast? Hast du doch die Sonne, die im schnellsten Laufe den ganzen Tag ihr Licht wie eine Fackel dir leuchten läßt. Du hast nicht glänzend Gold und Silber, aber du hast den Mond, der dich mit seinem tausendfältigen Lichte umleuchtet. Du besteigst nicht vergoldete Wagen, aber du hast in den Füßen ein eigenes, dir angeborenes Gefährt. Was preisest du die glücklich, die einen vollen Geldbeutel haben und zum Reisen fremder Füße bedürfen? Du schläfst nicht in einer Bettstelle aus Elfenbein; aber du hast die Erde, wertvoller als viel Elfenbein, und genießt auf ihr süße Ruhe und schnellen, sorglosen Schlaf. Du liegst nicht unter einem goldenen Dache; aber du hast den Himmel, der in der unsagbaren Schönheit der Gestirne glänzt. — Und doch sind das nur menschliche Dinge; das andere ist noch größer: Deinetwegen Gott unter den Menschen, die Zuteilung des Hl. Geistes, die Überwindung des Todes, die Hoffnung auf eine Auferstehung, göttliche Gebote zur Vervollkommnung deines Lebens, der Zutritt zu Gott auf dem Wege der Gebote, das bereitete Himmelreich, die Kronen der Gerechtigkeit, bereitgelegt für den, der um der Tugend willen keine Mühen scheut.
§ 7
Wenn du auf dich selbst acht hast, wirst du dies und noch mehr finden, was deinetwegen erfolgt ist; du wirst an dem Bereitliegenden dich freuen und bei etwaigem Mangel nicht kleinmütig werden! Überall dir gegenwärtig, wird das Gebot dir eine große Hilfe sein. Ein Beispiel: Wenn der Zorn über vernünftige Überlegung obsiegt und du in der Aufwallung zu ungehörigen Worten und üblen, bestialischen Handlungen gereizt bist, dann brauchst du bloß auf dich selbst zu achten, und du wirst 193 die Wut wie ein unbändiges, zügelloses Füllen mit dem Hieb der Vernunft wie mit einer Peitsche bändigen; du wirst deine Zunge beherrschen und an den, der dich gereizt, nicht Hand anlegen. Wenn sodann böse Begierden wie Bremsen deine Seele anfallen und ausschweifende, zügellose Regungen verursachen, dann „gib acht auf dich selbst“ und denk’ daran, daß der augenblicklich süße Genuß ein bitteres Ende nimmt und der jetzt unserem Körper aus der Luft erwachsene Kitzel einen giftigen Wurm erzeugt, der uns ewig in der Hölle peinigen wird, und daß die Flamme der Sinnlichkeit die Mutter des ewigen Feuers werden wird. Und alsbald werden die Lüste verscheucht entweichen, und eine wunderbare Stille und Ruhe wird über die Seele kommen, wie der Lärm ausgelassener Mägde verstummt, sobald die züchtige Herrin naht.
„Hab’ also acht auf dich selbst“ und wisse, daß der eine Teil der Seele verständig und vernünftig, der andere aber den Begierden unterworfen und unvernünftig ist! Dem ersteren steht es von Natur aus zu, zu herrschen; der letztere hat auf die Vernunft zu horchen und ihr zu gehorchen. Laß darum nie deinen Geist versklavt werden und Knecht der Begierden! Gestatte anderseits auch nicht, daß die Leidenschaften gegen die Vernunft sich erheben und der Herrschaft über die Seele sich bemächtigen! — Überhaupt wird dir eine genaue Selbstbeobachtung eine verlässige Führerin zur Erkenntnis Gottes werden. Wenn du nämlich acht hast auf dich selbst, so wirst du es nicht nötig haben, aus dem Bau des Weltalls den Schöpfer aufzuspüren; vielmehr wirst du in dir selbst wie in einem Mikrokosmos die große Weisheit deines Schöpfers schauen. Aus der körperlosen Seele in dir erkenne den körperlosen und raumlosen Gott. Denn auch dein Geist hat zunächst keinen bestimmten Aufenthaltsort, sondern erst in Verbindung mit dem Leibe wird er räumlich festgelegt. Glaub’, daß Gott unsichtbar ist, wenn du an deine eigene Seele denkst; ist doch auch sie mit leiblichen Augen nicht 194 wahrnehmbar. Sie hat ja weder Farbe noch Gestalt, hat kein körperliches Merkmal an sich, sondern wird nur aus ihren Äußerungen erkannt. Daher suche bei Gott nicht eine durch Augen vermittelte Erkenntnis, sondern schenk’ der Vernunft Glauben und such’ ein geistiges Erfassen seiner! Bewundere den Künstler, wie er die Kraft deiner Seele mit dem Leibe so verbunden hat, daß sie bis zu seinen äußersten Teilen reicht und die entferntesten Glieder zu einer harmonischen Einheit zusammenschließt. Bedenk’, welche Kraft von der Seele dem Fleische mitgeteilt wird, welches Mitgefühl vom Fleische auf die Seele zurückflutet, wie der Leib von der Seele das Leben, die Seele vom Leibe die Schmerzen erhält, welche Verwahrung sie hat für das Erlernte, warum der Zuwachs an neuen Kenntnissen das Wissen um vorher Aufgenommenes nicht verdunkelt, vielmehr die Erinnerung daran unverworren und deutlich bleibt, als wären die Dinge in dem vorzüglichsten Teil der Seele wie in eine eherne Säule eingegraben, wie sie, den Leidenschaften des Fleisches ergeben, ihre natürliche Schönheit verliert, wie sie aber wieder, von der Sünde Schmach gereinigt, durch die Tugend zur Ähnlichkeit mit dem Schöpfer zurückkehrt.
§ 8
Hab’ nach der Betrachtung der Seele gefälligst acht auch auf den Bau des Körpers und bewundere ihn als würdige Wohnung, die der beste Werkmeister für die vernünftige Seele geschaffen hat. Aufrecht hat er von den lebenden Wesen nur den Menschen gestaltet, auf daß du schon von der Gestalt erkennest, daß dein Leben eine überirdische Herkunft hat. Denn alle Vierfüßler blicken zur Erde und neigen sich zum Bauche hin; dem Menschen ist vorbehalten der Aufblick zum Himmel, damit er nicht dem Bauche diene und den Gelüsten des Bauches, sondern sein ganzes Streben auf den Weg nach oben richte. Sodann hat er das Haupt zu oberst aufgesetzt und in ihm den wichtigsten Sinnen den Sitz angewiesen. Hier sind Gesicht, Gehör, Geschmack, Geruch, alle nahe beieinander. Und so eng die Sinne auch beieinander sitzen, keiner hemmt die Betätigung des Nachbarn. Die Augen haben ja die höchste 195 Warte eingenommen, damit ihnen kein Glied des Körpers im Wege stehe, daß sie vielmehr, unter dem kleinen Vorsprunge der Augenbrauen liegend, von ihrer hohen Lage aus frei um sich sehen können. Das Ohr sodann hat seine Öffnung nicht geradeaus, sondern nimmt in einem gewundenen Gange die Töne aus der Luft auf. Auch das ist eine Einrichtung höchster Weisheit: die Stimme kann ungehindert hineindringen oder vielmehr hineintönen, gebrochen durch die Windungen, ohne daß etwas von außen her hineinfallen kann, was dem Sinne hinderlich wäre. Acht’ auch auf die Beschaffenheit der Zunge, wie zart und geschmeidig sie ist, und wie sehr sie mit allen möglichen Bewegungen jedem Bedürfnis der Rede entspricht! Die Zähne sodann sind Stimmorgane, indem sie der Zunge eine feste Stütze geben; zugleich sind sie auch beim Essen Gehilfen, indem die einen die Speise zerschneiden, die andern sie zermalmen. Wenn du so alles gehörig überlegst und durchgehst und beobachtest, wie die Luft durch die Lungen eingesogen, die Wärme im Herzen erhalten wird, beobachtest die Werkzeuge der Verdauung, die Adern des Blutes, so wirst du aus all dem die unerforschliche Weisheit deines Schöpfers ersehen, so daß du auch mit dem Propheten sprechen kannst: „Wunderbar ward (mir) die Erkenntnis deiner aus mir.“
„Hab’ also acht auf dich selbst!“ damit du auf Gott achthabest, dem die Ehre und die Macht in alle Ewigkeit. Amen.