165 DAS FASTEN (Migne, PG. XXXI, 163—184)
Inhalt: Basilius ruft zu frohem Feste auf (c. 1); dem äußeren Fasten entspreche die innere Verfassung (c. 2). Das Fasten ist altehrwürdige Sitte, so alt wie der Mensch; durch die Sünde ist es Pflicht geworden (c. 3). Unsegen des Nichtfastens, Vorteile des Fastens. Fasten nicht schädlich noch unmöglich, sondern gesund (c. 4). Geschichtlicher Nachweis des Fastens mit seinem Segen, des Nichtfastens mit seinem Fluche (c. 5). Geistiger und seelischer, sozialer und materieller Gewinn aus dem Fasten, erläutert an biblischen Beispielen (c. 6, 7). Fasten bewahrt vor Wucher und Schulden, erhöht den Lebensgenuß (c. 8). Fasten nötig in Hinsicht auf die ewige Zukunft, zuträglich körperlichem Wohlbefinden und Bedingung für vornehmes Betragen. Das vorbildliche Fasten berühmter Männer (Johannes Baptista, Paulus, Jesus selbst). Das Fasten verhilft dem Geiste zum Sieg, Nichtfasten läßt das Fleisch obsiegen und in alle Laster fallen. Fasten wendet das Unheil ab, Nichtfasten beschwört es herauf (c. 9). Das wertvollste Fasten ist Enthaltung von der Sünde. Es gibt eine Trunkenheit der Leidenschaftlichkeit und eine Trunkenheit von übermäßigem Weingenuß. Solch Übermaß ist keine Vorbereitung auf die Fasttage: es erzeugt nur morose Stimmung. Das natürliche Bedürfnis sei maßgeblich (c. 10). Die Aufnahme des Herrn und des Geistes bedingt Hut 166 vor Trunkenheit, die nur lauten Lärm bringt. Bitte zum Herrn um die Gnade beharrlichen Fastens und darauffolgender ewiger Belohnung (c. 11).
§ 1
„Blast mit der Posaune,“ sagt der Psalmist, „am Neumonde, am feierlichen Tage eures Festes!“ Das ist eines Propheten Befehl. Uns aber kündigen lauter als jede Posaune und vernehmlicher als jedes musikalische Instrument die vorgelesenen Schrifttexte die Feier an, die diesen Tagen vorausgeht. Wir vernahmen ja vom Segen des Fastens aus Isaias, der das jüdische Fasten verurteilt und uns das wahre Fasten lehrt mit den Worten: „Nicht zu Streit und Hader fastet, sondern löset alle Bande der Ungerechtigkeit!“ Und der Herr sagt: „Seid nicht finsterer Miene, sondern wasche dein Antlitz und salbe dein Haupt!“ Zeigen wir uns alle, wie belehrt, für die kommenden Tage nicht niedergeschlagen, sondern froh gestimmt, wie es Heiligen ziemt! Kein Mutloser wird gekrönt; kein Trauriger errichtet ein Siegeszeichen. Sei nicht betrübt, wenn du geheilt wirst! Töricht, ob der Gesundheit der Seele sich nicht zu freuen, dafür aber über den Wechsel der Speisen zu trauern und so sich mehr besorgt zu zeigen um des Bauches Lust als um der Seele Wohl. Die Sättigung geschieht dem Bauche zulieb; Fasten aber bringt der Seele Gewinn. Sei froh, daß dir vom Arzte ein Heilmittel gegeben worden, das die Sünde tilgt. Wie die Würmer im Gedärm der Kinder durch gewisse sehr bittere Arzneien vertrieben werden, so tötet das Fasten, das wirklich diese Bezeichnung verdient und auch in die Seele eindringt, die tief wurzelnde Sünde.
§ 2
„Salbe dein Haupt und wasche dein Antlitz!“ Zu Geheimnissen ruft dich die Schrift. Der gesalbt ward, 167 hat gesalbt; der abgewaschen ward, hat abgewaschen. Auf die inneren Glieder bezieh das Gebot! Wasche die Seele rein von Sünden! Salb’ das Haupt mit hl. Salbe, damit du Christi teilhaft werdest, und so geh dann an das Fasten! Verhülle dein Antlitz nicht wie Schauspieler! Das Antlitz wird verhüllt, wenn die innere Stimmung durch künstlichen Schein äußerlich verdunkelt und mit der Lüge wie mit einem Schleier verdeckt wird. Ein Schauspieler ist, wer im Theater eine andere Person vorstellt, oft den Herrn spielt, indes er Knecht ist, oder den König, obschon er Privatmann ist. So spielen auch in diesem Leben die meisten Menschen wie auf einer Bühne ihr Leben lang Theater, indem sie anders im Herzen gestimmt sind und anders sich vor der Öffentlichkeit geben. Verstell’ also dein Antlitz nicht! Wie du bist, so gib dich! Stell’ dich nicht mürrisch und finster, um so in den Ruf eines Asketen zu kommen! Eine Wohltat, die man ausposaunt, bringt keinen Nutzen, und ein Fasten, das man offen zur Schau stellt, keinen Gewinn. Was man aus Prahlerei tut, trägt nicht Frucht für das künftige Leben, sondern endet mit dem Lobe der Menschen. Eile daher freudig zum Geschenke des Fastens! Ein altes Geschenk ist das Fasten, nicht veraltet und alternd, sondern immer sich verjüngend und frisch blühend.
§ 3
Glaubst du etwa, ich leite das Alter des Fastens vom Gesetze ab? Das Fasten ist älter als das Gesetz. Wenn du ein wenig Geduld hast, sollst du die Wahrheit dieser Behauptung bewiesen haben. Glaube nicht, der Versöhnungstag, der Israel für den siebenten Monat auf den zehnten Tag des Monats angeordnet war, sei der Anfangstermin des Fastens. Geh bis dahin die Geschichte durch und forsche nach dem Alter des Fastens! Es ist keine Erfindung neueren Datums, sondern ein kostbares Erbstück von unseren Vätern. Alles, was durch 168 hohes Alter sich auszeichnet, ist ehrwürdig. Halte das Fasten seines hohen Alters wegen in Ehren! Es ist gleichaltrig mit der Menschheit: Das Fasten war schon im Paradiese ein Gebot. Das erste Gebot, das Adam erhielt, lautete: „Vom Baume der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollt ihr nicht essen!“ Die Worte aber: „Ihr sollt nicht essen“, sind ein Gebot des Fastens und der Abstinenz. Hätte Eva nicht vom Baume genossen, dann hätten wir jetzt dieses Fasten nicht nötig. „Denn nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken.“ Durch die Sünde sind wir krank geworden; durch die Buße müssen wir wieder gesunden. Buße aber ohne Fasten ist wertlos. „Verflucht sei die Erde; Dornen und Disteln soll sie dir tragen.“ Zu trauern ist dir befohlen, nicht zu schwelgen. Durch Fasten rechtfertige dich vor Gott! Ja selbst das Leben im Paradiese ist ein Vorbild des Fastens, nicht bloß insofern der Mensch engelgleich wandelte und durch Genügsamkeit die Ähnlichkeit mit den Engeln bewahrte, sondern auch, weil alles, was hernach Menschenverstand ersann, wie das Weintrinken, das Schlachten der Tiere, überhaupt alles, was den Menschengeist trübt, den im Paradiese Lebenden noch nicht bekannt war.
§ 4
Weil wir nicht fasteten, verloren wir das Paradies. Laßt uns also fasten, daß wir wieder dahin zurückkehren! Siehst du nicht, wie Lazarus durch Fasten ins Paradies eingegangen? Ahme nicht den Ungehorsam der Eva nach; nimm nicht wieder die Schlange zur Beraterin, die dem Fleische schmeichelt und zum Genuß auffordert! Schütze nicht Körperschwäche und Unvermögen vor! Denn nicht mir nennst du solche Entschuldigungsgründe, sondern dem, der es weiß. Ei wie, du kannst nicht fasten? Aber zeitlebens dich voll sättigen und den Leib durch überreiche Kost aufreiben kannst du? Und doch weiß ich, daß die Ärzte den Kranken nicht allerhand Speisen, 169 sondern Fasten und Abstinenz verschreiben. Wenn du nun das fertig bringst, wie magst du vorgeben, jenes nicht zu vermögen? Was ist dem Bauche zuträglicher, nach mäßiger Speisung die Nacht zuzubringen oder mit Speisen überladen dazuliegen — nein, nicht zu liegen, sondern sich ächzend und stöhnend hin und her zu wälzen? Du müßtest nur einwenden, daß Seeleute ein mit Gütern beladenes Schiff leichter retten als ein weniger beschwertes und leichtes. Das schwer beladene sinkt bei mäßigem Wogenanprall, während das Schiff mit mäßiger Ladung leicht über die Wogen dahingleitet, da es ohne Schwierigkeiten höher gehen kann. So wird auch der Körper des Menschen, der ständig sich sättigt und mit Speisen beschwert, leicht ein Opfer der Krankheiten; wer aber mit mäßiger und leichter Kost vorlieb nimmt, entgeht nicht bloß dem gefürchteten Übel der Krankheit wie einem drohenden Sturm, sondern überwindet auch bereits eingetretene Unpäßlichkeit wie einen Anprall gegen eine Klippe.
Oder ist wohl nach deiner Ansicht Ruhen mühsamer als Laufen, und Nichtstun beschwerlicher als Ringen? Du sagst ja, es sei den Kranken bekömmlicher zu schwelgen, als mit mäßiger Kost sich zu begnügen. Allein der tierische Organismus verdaut leicht eine mäßige und einfache Nahrung und eignet sich dieselbe an; wird er aber mit vielerlei köstlichen Speisen überladen, die er nicht mehr verdauen kann, dann holt er sich allerlei Krankheiten.
§ 5
Doch mein Vortrag kehre wieder zur Geschichte zurück, weise das Alter des Fastens nach und zeige, wie alle Heiligen diese Übung als ein von den Vätern überkommenes Erbe hochgehalten haben, das der Vater dem Sohne überlieferte, wodurch das Gut in ununterbrochener Überlieferung bis auf uns erhalten worden ist. Im Paradiese gab es keinen Wein, wurden keine Tiere geschlachtet, kein Fleisch genossen. Nach der Sündflut kam der Wein; nach der Sündflut hieß es: „Esset alles, wie das grüne Kraut!“ Als man die Vollkommenheit 170 aufgab, wurde der Genuß dieser Dinge erlaubt. Ein Beispiel dafür, daß man vom Weine nichts wußte, ist Noe, dem der Gebrauch des Weines unbekannt war. Er hatte sich noch nicht ins Leben eingeschlichen, und er gehörte noch nicht zum Lebensbedürfnis der Menschen. Noe hatte nie einen andern Wein trinken sehen, noch hatte er selbst ihn versucht, und so mußte er unversehens die schlimmen Folgen des Weingenusses an sich erfahren: „Denn Noe pflanzte einen Weinberg und trank von dessen Erzeugnis und wurde berauscht“ — nicht weil er ein Trinker war, sondern weil er beim Genusse das Maß nicht kannte. Folglich ist das Aufkommen des Weintrinkens später als das Paradies, und die Heiligkeit des Fastens ist uralt.
Doch auch von Moses wissen wir, daß er auf dem Wege des Fastens den Berg bestieg. Denn er hätte nicht gewagt, den rauchenden Gipfel zu besteigen, noch den Mut gehabt, in die Wolke hineinzugehen, hätte er nicht zuvor durch Fasten sich gewappnet. Durch Fasten erhielt er das vom Finger Gottes auf die Tafeln geschriebene Gesetz. Und während oben (auf dem Berge) das Fasten die Gesetzgebung erwirkte, raste unten die Schlemmerei sich aus zum Götzendienst. „Denn das Volk setzte sich nieder, zu essen und zu trinken, und stand auf, zu tanzen.“ Was der Diener in vierzigtägigem, anhaltendem Fasten und Beten erreichte, vereitelte eine einzige Trunkenheit. Denn die vom Finger Gottes geschriebenen Tafeln, die das Fasten erlangt hatte, zerschmetterte die Trunkenheit, da der Prophet ein berauschtes Volk nicht für würdig hielt, von Gott Gesetze zu empfangen. In einem Augenblicke stürzte sich das Volk, das seinen Gott an Hand der größten Wunder kennen lernen durfte, durch Völlerei in den Götzenwahn der Ägypter. Stell’ beides nebeneinander: wie das Fasten zu Gott führt, und wie Schwelgerei die Seligkeit raubt. Steig herab und geh auf dem eingeschlagenen Wege weiter!
§ 6
171 Was hat Esau erniedrigt und zum Knechte seines Bruders gemacht? Nicht ein einziges Gericht, für das er die Erstgeburt hingab? Hat anderseits nicht das Gebet mit Fasten der Mutter den Samuel geschenkt? Was hat den starken Helden Samson unüberwindlich gemacht? Nicht das Fasten, womit er im Mutterleibe empfangen ward? Fasten hat ihn geboren, Fasten hat ihn gesäugt, Fasten hat ihn zum Manne gemacht, das Fasten nämlich, das der Engel der Mutter geboten hatte: „Von allem, was vom Weinstocke kommt, soll er nicht kosten; Wein und starkes Getränke soll er nicht trinken.“ Fasten erzeugt Propheten und kräftigt die Starken. Fasten erleuchtet Gesetzgeber, ist ein guter Schutz der Seele, ein sicherer Gefährte für den Leib, eine Rüstung für die tapferen Streiter, eine Übungsschule für die Kämpfer. Das Fasten verscheucht Versuchungen, es salbt zur Gottseligkeit, ist ein Gefährte der Nüchternheit und verhilft zur Keuschheit. In Kriegen gibt es Mannesmut, im Frieden lehrt es Ruhe. Es heiligt den Gottgeweihten, macht vollkommen den Priester. Denn ohne Fasten kann und darf man dem hl. Opfer sich nicht nahen. So ist es nicht bloß jetzt im geheimnisvollen und wahren Gottesdienste, sondern so war es auch schon im vorbildlichen, der nach dem Gesetze gefeiert wurde.
Das Fasten machte Elias zum Augenzeugen jenes großen Wunders: Denn nachdem er durch vierzigtägiges Fasten seine Seele gereinigt hatte, wurde er in der Höhle auf Horeb den Herrn zu schauen gewürdigt, soweit ihn ein Mensch zu schauen vermag. Fastend gab er der Witwe ihren Sohn wieder und zeigte sich so durch Fasten selbst gegen den Tod stark. Aus dem fastenden Munde ging eine Stimme aus, die dem 172 lasterhaften Volke den Himmel drei Jahre und sechs Monate verschloß. Um das widerspenstige Herz des hartnäckigen Volkes zu erweichen, verurteilte er freiwillig sich selbst zu demselben Ungemach. Deshalb sprach er: „So wahr der Herr lebt, es soll kein Wasser sein auf Erden als durch meinen Mund.“ Und so brachte er durch die Hungersnot Fasten über das ganze Volk, um die Bosheit der Schwelgerei und des zügellosen Lebens zu sühnen.
Wie war die Lebensweise des Elisäus? Welche Gastfreundschaft genoß er bei der Sunamitin? Wie nahm er selbst die Propheten auf? Bestand das Mahl nicht aus wildem Gemüse und ein wenig Mehl? Da sie auch Koloquinten dazu genommen hatten, so wären die davon Kostenden in Lebensgefahr gekommen, wenn nicht das Gift durch das Gebet des fastenden Elisäus seine Wirkung eingebüßt hätte. — Mit einem Worte, du wirst finden, daß das Fasten alle Heiligen zu einem gottseligen Wandel angeleitet hat.
Es gibt einen gewissen Körper, Amiant genannt, den das Feuer nicht verzehrt. Legt man ihn in die Flamme, so scheint er zu verkohlen; nimmt man ihn aber wieder aus dem Feuer heraus, so sieht er glänzender aus, als wäre er im Wasser gereinigt worden. Dem Amiant ähnlich waren die Leiber jener drei Jünglinge in Babylon, und zwar dank des Fastens. Denn in der heftigen Flamme des Ofens schienen sie die Natur des Goldes zu haben; so wenig vermochte die verzehrende Wirkung des Feuers ihnen anzuhaben. Ja, sie zeigten sich sogar stärker als Gold; denn das Feuer schmolz sie nicht, sondern ließ sie unversehrt. Und doch konnte damals jener Flamme sonst nichts widerstehen, jener Flamme, die, von Harz, Pech und Reisern genährt, etwa 49 Ellen hoch herausschlug, alles ringsum verzehrte und viele Chaldäer hinraffte. In dieses heftige Feuer stiegen die 173 Jünglinge mit Fasten, sie traten es mit Füßen und atmeten in dem schrecklichen Flammenmeer milde und taukühle Luft. Nicht einmal an ihre Haare wagte sich das Feuer, weil diese durch Fasten genährt worden waren.
§ 7
Daniel sodann, der „Mann des Wohlgefallens“, der drei Wochen lang kein Brot aß und kein Wasser trank, lehrte, in die Grube geworfen, selbst die Löwen fasten. Als wär er aus Stein, Erz oder anderem harten Stoff, konnten die Löwen ihm mit ihren Zähnen nicht beikommen. So hatte das Fasten den Körper des Mannes wie mit einem eisernen Panzer geschirmt und für die Löwen unbezwingbar gemacht; denn sie öffneten gegen den Heiligen ihren Rachen nicht. Fasten bezwang die Gewalt des Feuers und verstopfte den Löwen den Rachen. Fasten trägt das Gebet zum Himmel empor, gibt ihm gleichsam Flügel zum Fluge nach oben. Fasten erhöht die Häuserzahl, ist Mutter der Gesundheit, Erzieher der Jugend, ein Schmuck für Greise, ein guter Gefährte dem Wanderer, ein zuverlässiger Hausgenosse für Ehegatten. Der Ehemann argwöhnt keine Gefahr, wenn er sieht, daß seine Frau dem Fasten obliegt. Nicht grämt sich die Gattin aus Eifersucht zu Tode, wo sie den Mann fasten sieht. Wer hat je durch Fasten seinem Hausstand geschadet? Zähle heute den Hausrat, und zähl’ ihn nachher wieder! Wegen des Fastens wird dir nichts im Hause fehlen. Kein Tier beklagt seinen Tod; kein Blut wird vergossen; kein Todesurteil wird von dem unerbittlichen Bauche gegen die Tiere gesprochen. Es ruht das Messer der Schlächter; der Tisch begnügt sich mit dem, was von selbst wächst.
Der Sabbat ist den Juden gegeben, „damit“, wie es heißt, „ausruhe dein Vieh und dein Knecht“. Das Fasten soll ein Ausruhen von den fortlaufenden Arbeiten werden für die Knechte, die das ganze Jahr über 174 arbeiten. Gönne Ruhe deinem Koch; gib Erholung dem, der dir den Tisch serviert; laß ausruhen die Hand des Mundschenks! Es ruhe auch einmal aus der Kuchen- und Pastetenbäcker! Auch das Haus ruhe einmal von dem ewigen Lärm, von dem Rauch und Dampfe, von den Auf- und Ab-, Hin- und Herlaufenden, die dem Bauche als einem unerbittlichen Herrn dienen. Es geben ja doch auch die Steuereintreiber ihren Untergebenen ein wenig Freiheit. Es gebe denn auch der Bauch dem Munde einige Ruhe, und er schließe mit uns auf fünf Tage Waffenstillstand, er, der immer nur fordert und nie zufrieden ist, der heute empfängt und es morgen nicht mehr weiß. Ist er voll, dann philosophiert er über Enthaltsamkeit; ist er leer, dann vergißt er die Lehren wieder.
§ 8
Fasten kennt das Unwesen des Wuchers nicht; des Fastenden Tisch riecht nicht nach Zinsen. Das verwaiste Kind eines fastenden Vaters ängstigen keine väterlichen Schulden, die wie Schlangen umstricken. Übrigens gibt das Fasten auch Veranlassung zu Frohsinn. Wie der Durst den Trunk angenehm und ein vorausgehender Hunger das Mahl wohlschmeckend macht, so würzt auch das Fasten den Genuß der Speisen. Denn es tritt zwischenherein und unterbricht den anhaltenden Genuß köstlicher Speisen und läßt dir deren Genuß, der unterbrochen worden, um von neuem begehrenswert zu erscheinen. Willst du dir also einen wohlschmeckenden Tisch bereiten, so versteh dich zu einer Abwechslung mit Fasten! Du aber, zu sehr in der Genußsucht gefangen, verdirbst dir, ohne es zu wissen, den Appetit für die Leckerbissen und bringst dich mit deiner Genußsucht um den Genuß. Denn nichts ist so begehrenswert, daß es nicht durch steten Genuß zum Ekel würde. Was man aber selten hat, dessen Genuß ist sehr erwünscht. So hat auch unser Schöpfer es so gefügt, daß uns der Genuß an seinen Gaben dank ihrer Abwechslung im Leben verbleibt. Siehst du nicht, daß die Sonne nach der Nacht heiterer, das Wachen nach dem Schlafe angenehmer und die Gesundheit nach dem Verkosten des Gegenteils 175 erwünschter ist? So ist auch das Mahl nach dem Fasten angenehmer, für die Reichen sowohl, die üppig tafeln, wie für die, welche frugal und einfach speisen.
§ 9
Laß dich warnen mit dem Beispiele des Reichen! Ihn hat sein Schwelgerleben dem Feuer überantwortet. Nicht der Ungerechtigkeit, sondern eines weichlichen Lebens beschuldigt, ward er in den Flammen des Feuers gebraten. Um dies Feuer zu löschen, ist uns Wasser nötig. Und nicht bloß für die Zukunft ist das Fasten nützlich, sondern auch diesem unserem Fleische ist es sehr zuträglich. Denn gerade das strotzende körperliche Wohlbefinden ist gern Rückschlägen und Veränderungen ausgesetzt; die Natur versagt und kann die Last der Wohlbeleibtheit nicht mehr tragen. Sieh zu, daß du, der du jetzt das Wasser verachtest, nicht wie der Reiche später einmal nach einem Tropfen verlangst! Niemand hat sich vom Wasser einen Rausch geholt. Nie tat einem der Kopf weh, weil er etwa vom Wasser beschwert war. Kein Wassertrinker bedurfte je fremder Füße. Keinem sind die Füße lahm, die Hände unbrauchbar geworden, wenn sie mit Wasser getränkt wurden. Denn die mangelhafte Verdauung, eine unabweisbare Folge der Schlemmerei, verursacht im Körper schmerzliche Krankheiten. Des Fastenden Farbe ist ehrwürdig, leuchtet nicht in schamloser Röte, sondern hat den Schmuck bescheidener Blässe. Sein Auge ist sanft, der Gang gemessen, seine Gesichtszüge ernsthaft, nicht von zügellosem Lachen entstellt, seine Rede abgemessen, sein Herz rein.
Erinnere dich der Heiligen seit Anfang der Welt, „deren die Welt nicht wert war, die umhergingen in Schafspelzen, in Ziegenfellen, darbend, bedrängt, mißhandelt“. Ihren Wandel ahme nach, wenn du ihr Los erlangen willst! Was hat Lazarus im Schoße Abrahams ausruhen lassen? Nicht das Fasten? Das Leben des 176 Johannes war ein langes Fasten. Er hatte kein Bett, keinen Tisch, keinen Acker, keinen Stier zum Ackern, kein Getreide, keinen Bäcker, überhaupt nichts, was zum Lebensunterhalt gehört. Deshalb „ist unter den von Weibern Geborenen kein Größerer aufgestanden als Johannes der Täufer“. — Den Paulus hat nebst anderen Tugenden auch das Fasten, das er unter den gepriesenen Trübsalen aufzählte, in den dritten Himmel erhoben.
Zum Gesagten kommt aber als Hauptsache, daß unser Herr das Fleisch, das er unsertwegen angenommen hatte, zuerst durch Fasten stärkte und so in ihm die Vorstöße des Teufels auffing. Er wollte damit uns lehren, durch Fasten für die Kämpfe gegen die Versuchungen uns zu salben und zu üben, und anderseits durch Hunger dem Feinde gleichsam eine Blöße zu geben. Denn unnahbar war ihm der Herr wegen der Höhe seiner Gottheit, wenn er sich nicht durch Hunger zur menschlichen Schwäche herabließ. Bevor er aber in den Himmel zurückkehrte, nahm er Speise zu sich, um die natürliche Beschaffenheit seines Auferstehungsleibes zu beglaubigen.
Du aber willst in einem fort dich mästen und mit Fleisch beladen? Du willst den Geist darben und hungern lassen und keine Notiz nehmen von den heilsamen und belebenden Lehren? Oder weißt du nicht, daß, wie an der Kampffront die Waffenhilfe für den einen den Gegner niederzwingt, so auch der, der es mit dem Fleische hält, den Geist niederkämpft, und wer sich auf die Seite des Geistes stellt, das Fleisch dienstbar macht? „Denn sie streiten widereinander.“ Willst du also den Geist stark machen, dann bändige das Fleisch durch Fasten! Das ist’s, was der Apostel meint, wenn er sagt: „Soviel der äußere Mensch aufgerieben wird, soviel wird der innere erneuert“ und „Wann ich schwach werde, dann bin ich stark“. Willst du also 177 die vergänglichen Speisen nicht verachten? Wirst du nicht Verlangen tragen nach dem Tische im Himmelreiche, den das Fasten hienieden dir sicher bereiten wird? Weißt du nicht, daß du durch Übersättigung dir einen dicken, quälenden Wurm erziehst? Wer in Überfluß und Schwelgerei lebte, hat der je eine geistige Gnadengabe empfangen? Moses mußte, um eine zweite Gesetzgebung zu erlangen, zum zweiten Male fasten. Hätten mit den Niniviten zusammen nicht auch die unvernünftigen Tiere gefastet, so wären sie dem angedrohten Untergange nicht entronnen. „Wer waren die, deren Leiber in der Wüste dahingestreckt wurden?“ Nicht jene, die nach Fleisch verlangten? Solange sie mit dem Manna sich begnügten und mit dem Wasser aus dem Felsen, überwanden sie die Ägypter, gingen durch das Rote Meer, „und kein Kranker war in ihren Stämmen“. Wie sie aber der Fleischtöpfe gedachten und sich nach Ägypten zurücksehnten, da durften sie das verheißene Land nicht schauen. Fürchtest du das Beispiel nicht? Entsetzt du dich nicht vor der Völlerei aus Angst, sie möchte dich von den erhofften Gütern ausschließen? Auch der weise Daniel hätte die Gesichte nicht geschaut, hätte er nicht durch Fasten seine Seele erleuchtet. Von dem vielen Essen und Trinken steigen gleichsam rauchartige Dünste auf, die wie eine dichte Wolke die seelischen Erleuchtungen des Hl. Geistes aufhalten. Wenn aber auch die Engel eine Speise haben, so ist es Brot, wie der Prophet sagt: „Engelbrot aß der Mensch“ — nicht Fleisch, nicht Wein, nichts von all dem, wornach die Bauchdiener gelüstet. Das Fasten ist eine Waffenrüstung zum Kampfe gegen die bösen Geister. Denn „dies Geschlecht wird nicht ausgetrieben als durch Gebet und Fasten“.
Soviel Gutes zeitigt das Fasten; die Völlerei ist aber der Anfang der Zügellosigkeit. Denn mit der Schwelgerei, Trunkenheit und den vielen Leckerbissen geht 178 zusammen jede Art viehischer Lust. Wie brünstige Pferde werden die Menschen infolge der Geilheit, welche die Schlemmerei in der Seele erzeugt. Von den Betrunkenen ging die Verkehrung der Natur aus, indem sie im männlichen Geschlechte das weibliche und im weiblichen das männliche suchten. Fasten lehrt aber auch im ehelichen Verkehr Maß halten, verurteilt das Übermaß des im Gesetze gestatteten Genusses und veranlaßt so eine beiderseitige Enthaltsamkeit, um im Gebete zu verharren.
§ 10
Beschränk indes die guten Folgen des Fastens nicht auf die bloße Enthaltung von Speisen! Das wahre Fasten besteht in der Entfernung der Fehler. „Löse alle Bande der Bosheit!“ Vergib dem Nebenmenschen die Beleidigung! Vergib ihm die Schulden! „Fastet nicht zu Streit und Hader!“ Fleisch issest du nicht; aber du vertilgest den Bruder. Du enthältst dich des Weines; aber du beherrschest deinen Übermut nicht. Den Abend wartest du ab bis zur Einnahme der Mahlzeit, bringst aber den Tag mit Prozessen zu. Wehe denen, die trunken sind, aber nicht von Wein! Der Zorn ist eine Trunkenheit der Seele; er macht sie sinnlos wie der Wein. Auch die Traurigkeit ist eine Trunkenheit, die den Verstand ersäuft. Eine andere Trunkenheit ist die Furcht, wenn sie kommt, wo sie nicht angezeigt ist. Denn David sagt: „Vor Feindesfurcht bewahre meine Seele!“ Überhaupt jede Leidenschaft, die die geistige Verfassung stört, kann füglich als Trunkenheit bezeichnet werden. Betrachte mir den Zornigen, wie er trunken ist von Leidenschaft! Er ist seiner nicht Herr, kennt sich selbst nicht, kennt auch seine Umgebung nicht; wie in einem nächtlichen Kampfe greift er alle an, fällt über alle her, spricht unüberlegt, läßt sich nicht halten, schimpft, schlägt, droht, schreit, berstet fast. Fliehe diese Trunkenheit; aber lad auch die Weintrunkenheit nicht auf dich! Entschädige dich nicht durch übermäßigen 179 Weingenuß für das nachfolgende Wassertrinken! Nicht soll dich die Trunkenheit in das Fasten einweihen. Trunkenheit ist nicht der Weg, der zum Fasten führt, ebensowenig wie die Habsucht ein Weg zur Gerechtigkeit oder die Unzucht ein Weg zur Keuschheit, oder, kurz gesagt, die Schlechtigkeit ein Weg zur Tugend. Zum Fasten führt eine andere Türe. Trunkenheit führt zur Unzucht, zum Fasten Mäßigkeit. Der Kämpfer übt sich vor dem Kampfe; wer fasten will, bereitet sich vor durch Enthaltsamkeit. Trink dir nicht einen Rausch an vor den fünf Tagen, als wolltest du dich für diese Tage rächen, als wolltest du den Gesetzgeber überlisten! Denn es nützt dir nichts, den Leib zu kasteien, wenn du nicht der Not abhilfst. Der Keller ist unzuverlässig; du gießest in ein durchlöchertes Faß. Der Wein fließt durch und läuft auf seinem Wege ab; die Sünde aber bleibt zurück. Ein Knecht entläuft einem Herrn, der ihn schlägt; du aber bleibst beim Wein, obschon er dich jeden Tag auf den Kopf schlägt? Das beste Maß für den Weingenuß ist des Körpers Bedürfnis. Gehst du aber über die Grenzen hinaus, so kommst du morgen mit einem schweren Kopfe, gähnend, benommen, vom faulen Weine riechend. Alles scheint sich dir zu drehen, alles in Bewegung zu sein. Denn die Trunkenheit führt den Schlaf herbei, den Bruder des Todes, und ein traumhaftes Wachen.
§ 11
Weißt du wohl, wer der ist, den du aufnehmen sollst? Es ist der, der uns verheißen hat: „Ich und der Vater werden kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“ Was betrinkst du dich also und verwehrst so dem Herrn den Eingang? Warum ermunterst du den Feind, vorher deine Schanzen zu besetzen? Trunkenheit nimmt den 180 Herrn nicht auf; Trunkenheit vertreibt den Hl. Geist. Der Rauch vertreibt die Bienen; der Rausch aber verscheucht die Gaben des Hl. Geistes. Fasten ist der Schmuck einer Stadt, der Wohlstand des Marktes, der Friede der Häuser, Schutz und Schirm des Vermögens. Willst du dessen Heiligkeit sehen? Dann vergleich den heutigen Abend mit dem morgigen, und du wirst die Stadt aus Lärm und Unruhe in tiefe Stille versetzt sehen. O möchte auch der heutige Tage dem morgigen an Würde gleichen, und der morgige an Fröhlichkeit dem heutigen nicht nachstehen!
Der Herr aber, der uns diesen Zeitabschnitt erleben ließ, möge uns Kämpfern verleihen, daß wir in diesen Vorübungen eine feste, unerschütterliche Standhaftigkeit zeigen, auf daß wir auch zum herrlichen Tag der Krönung gelangen, daß wir jetzt uns des erlösenden Leidens erinnern, im anderen Leben aber den Lohn empfangen für das, was wir in diesem Leben getan haben — beim gerechten Gerichte Christi selbst, dem Ehre in Ewigkeit. Amen.