AN DIE REICHEN (Migne, PG. XXXI, 277—304)
Inhalt: Die ernst gestellte Frage des reichen Jünglings im Evangelium (Matth. 19, 16) gibt Basilius Veranlassung zu nachstehender Homilie.
Des Jünglings Frage stellte ihm ein schönes Zeugnis aus, seine schließliche Antwort aber verurteilt ihn. Seine Nachahmer trifft dasselbe Urteil. Das Gebot der Nächstenliebe so leicht wie lohnend. Der angesammelte Reichtum spricht laut für versäumte Liebespflichten (c. 1). Vermeintliche Vorteile aus dem Reichtum. Nur verteilter Reichtum macht wirklich reich. Reichtum verführt zu tausendfachem Luxus in der Lebenshaltung (c. 2) und zu habsüchtiger Fürsorge für die Zukunft, die das Gold selbst in die Erde vergräbt. Und doch sind wertlos alle Tugenden ohne tätige Nächstenliebe. Töricht, an den Reichtum sich zu hängen, klug, sich davon loszumachen (c. 3). Brutale Verwendung des Reichtums, oft gerade von der Frau mitverschuldet, zieht der Richter zur Verantwortung. Die Herrlichkeit, die der Reichtum verschafft, vergeht. Mit unnützen Kostbarkeiten Weniger könnte man oft vielen helfen (c. 4). Die unersättlichen Reichen nie innerlich zufrieden; sie hungern nach neuem Reichtum, und Konkurrenzneid quält sie. Die Habsucht macht ungerecht gegen andere, vergewaltigt und verschlingt fremdes Recht und Gut (c. 5). In solchem Erraffen kennt der Reiche nicht Rast noch Ruh’. Am 240 Ende bleibt dem Sterbenden nichts; nur die Verantwortung für all die Missetaten folgt ihm vor den Richter (c. 6). Nichtig Gold und Edelstein, wahnwitzig die Jagd darauf, schrecklich die Folgen des Reichtums (Krankheit, Tod, Lüge, Haß, Mord und Krieg). Fürsorge für Kinder nur beschönigender Vorwand der Habsucht. Vererbter Reichtum bringt selten Segen. Erst kommt das Seelenheil des Erblassers (c. 7). Der Vorwand des Geizes. Testamentarische Freigebigkeit lohnt sich schlecht. Die Abfassung eines Testamentes dem Sterbenden erschwert, wenn nicht unmöglich; das Testament wird häufig umgestoßen (c. 8). Erst vollauf den Reichtum genießen, dann den Rest den Armen vermachen, verrät unedle Gesinnung, kommt meist aus unedlem Motiv — das Erbe gehört der Wohltätigkeit, weil man es dem verwünschten Erben nicht gönnt — und kann Gott nicht gefallen. Nicht einmal mit feierlichem Begräbnis und schönem Grabmal dankt man dem reichen Erblasser. Aufforderung zur Wohltätigkeit (c. 9).
§ 1
Erst jüngst haben wir über die Perikope vom (reichen) Jüngling gesprochen, und ein aufmerksamer Zuhörer erinnert sich jedenfalls noch an das, was damals gesagt worden, vor allem daran, daß er nicht identisch ist mit dem Gesetzeslehrer bei Lukas. Denn der letztere war ein Versucher, der verfängliche Fragen stellte. Der erstere aber fragte aufrichtig, ohne allerdings der Antwort sich völlig zu fügen. Er wäre doch sicher nicht betrübt ob der Antwort des Herrn hinweggegangen, wenn er ihn nur sarkastisch gefragt hätte. So stand er vor uns gleichsam als ein gemischter Charakter, den die Schrift einerseits lobenswert zeichnet, anderseits als höchst unglücklich und ganz verloren schildert. Daß er den wahrhaftigen Lehrer erkannte und frei vom Übermute der Pharisäer, vom Dünkel der Gesetzeslehrer 241 und vom Stolze der Schriftgelehrten diese Bezeichnung dem allein wahren und guten Lehrer beilegte, das war es, was gelobt wurde. Und daß er sich darum besorgt zeigte, wie er das ewige Leben erlange, auch das verdient Anerkennung. Aber ein weiterer Umstand verriet seine ganze Gesinnung als eine, die nicht auf das wahrhaft Gute abzielte, sondern auf das, was dem großen Haufen gefällt: Er schrieb sich die heilsamen Lehren, die er vom wahrhaftigen Lehrer zu hören bekam, nicht ins Herz, noch setzte er die Weisungen in die Tat um; vielmehr ging er traurig von dannen, von der Leidenschaft der Habsucht geblendet. Dies verrät die Unbeständigkeit seines Charakters und den Zwiespalt in seinem Innern. Du nennst ihn Lehrer, tust aber nicht, was Schülern obliegt! Du heißest ihn gut, willst aber nichts wissen von seinen Gaben! Und doch gibt, wer gut ist, wahrhaftig Gutes. Und du frägst ihn nach dem ewigen Leben, zeigst dich aber ganz den Genüssen dieses Lebens ergeben.
Welch hartes, lästiges oder gar unerträgliches Wort hat denn der Lehrer gesprochen? „Verkauf’ alles, was du hast, und gib es den Armen!“ Hätte er die ländliche Arbeit oder die Gefahren des Handels oder all die sonstigen Opfer der Erwerbstätigen vorgelegt, so hättest du ob solcher Auflage traurig und unwillig werden können. Wenn er dir aber jetzt zu zeigen verspricht, wie man auf bequemem Wege ohne Schweiß und Mühe Erbe des ewigen Lebens werden kann, freust du dich nicht ob der Leichtigkeit, mit der du dich retten kannst, sondern gehst betrübt und traurig weg und machst so alles für dich unnütz, was du schon erduldet hast. Wenn du nämlich nicht getötet hast, wie du sagst, noch Ehebruch 242 begangen, noch gestohlen, noch gegen jemand falsches Zeugnis gegeben, so machst du dir alle darauf verwendete Sorgfalt dadurch sinnlos, daß du nicht noch das Fehlende hinzufügst, wodurch allein du in das Reich Gottes eingehen kannst. Wenn ein Arzt dir die von Natur oder durch Krankheit verkrüppelten Glieder normal zu machen verspräche, so würdest du das nicht mit trauriger Miene mitanhören. Weil aber der große Seelenarzt dich, dem es am Notwendigsten gebricht, vollkommen machen will, nimmst du die Gnade nicht an, sondern bist traurig und niedergeschlagen! Du stehst eben jenem Gebote offenbar noch recht fern und belügst dich selbst, wenn du meinst, deinen Nächsten wie dich selbst zu lieben. Denn sieh, eben dies Gebot des Herrn beweist, daß es dir noch ganz und gar an der wahren Liebe fehlt. Denn wäre es wahr, was du behauptest, du habest von Jugend auf das Gebot der Liebe beobachtet und jedermann so viel wie dir selbst gegeben, woher hättest du denn deinen riesigen Reichtum? Denn die Sorge für die Armen verzehrt den Reichtum: Soll jeder auch nur wenig für seine Lebensbedürfnisse bekommen, so müssen alle zugleich ihr Vermögen verteilen und an die Armen geben. Wer daher den Nächsten liebt wie sich selbst, besitzt nicht mehr als der Nächste; allein du scheinst viele Reichtümer zu haben. Woher hast du sie? Offenbar daher, daß du den eigenen Genuß höher stellst als die Linderung der allgemeinen Not. Je mehr du dich bereicherst mit Reichtum, desto mehr gebricht es dir an Liebe. Denn du wärest schon längst darauf bedacht gewesen, dein Vermögen mit anderen zu teilen, wenn du deinen Nächsten geliebt hättest. Nun aber sind die Schätze inniger mit dir verwachsen als die Glieder deines Leibes, und die Trennung davon schmerzt dich wie das Abnehmen wichtigster Glieder. Hättest du den Nackten bekleidet, dem Armen Brot gegeben, hätte deine Türe jedem Fremden offengestanden, wärest du ein Vater der Waisen gewesen, hättest du jedes Schwachen dich erbarmt, über welche Schätze würdest du jetzt traurig werden? Wie könnte es dir jetzt schwer fallen, noch auf den letzten Rest zu verzichten, wenn du schon früher 243 daran gedacht hättest, dein Vermögen an die Armen zu verteilen? Zudem ist zur Marktzeit niemand traurig, wenn er sein Geld hingibt, um seinen Bedarf zu decken. Im Gegenteil, je wohlfeiler er Preiswertes einkauft, desto mehr freut er sich über den guten Handel, den er gemacht hat. Du aber bist traurig, wenn du Gold, Silber und Schätze, d. h. Steine und Staub hingeben sollst, um das ewige Leben zu erlangen.
§ 2
Doch was willst du mit dem Reichtum anfangen? Ein kostbares Gewand willst du um dich werfen? Es genügt dir doch ein Rock von zwei Ellen und der Überwurf eines Mantels; damit ist dein ganzer Bedarf an Kleidung gedeckt. Oder soll dir der Reichtum eine üppige Tafel decken? Ein einziges Brot reicht hin, den Magen zu füllen. Was bist du also traurig, als hättest du eine Einbuße erfahren? Etwa das Ansehen, das der Reichtum im Gefolge hat? Indes, wenn du deine Ehre nicht hinieden suchst, wirst du jene wahre, herrliche Ehre finden, die dich ins Himmelreich geleitet. — Doch Besitz von Reichtum ist an sich schon begehrenswert, auch wenn man keinen besonderen Nutzen davon hat. Daß nun das Streben nach unnützen Dingen sinnlos ist, ist allgemein zugegeben. Mag dir nun das, was ich gleich sagen will, sonderbar vorkommen, es ist gleichwohl volle Wahrheit: der Reichtum, so verteilt, wie der Herr anrät, verbleibt; zusammengehalten aber geht er auf andere über. Hütest du ihn, so wird er nicht dein bleiben; verteilst du ihn, so wirst du ihn nicht verlieren. Denn „er teilte aus und gab den Armen; seine Gerechtigkeit bleibt ewig.“
Allein nicht der Kleider oder Nahrung wegen ist der Reichtum den meisten sehr begehrenswert; es handelt sich vielmehr um eine vom Teufel ersonnene Taktik, die die Reichen vor tausend Gelegenheiten zum Aufwande stellt, so daß sie (schließlich) das Überflüssige und Unnötige als etwas Notwendiges anstreben und nicht genug Ansprüche an das Leben machen können. Sie verteilen ihren Reichtum auf ihre augenblicklichen 244 und zukünftigen Bedürfnisse, bestimmen den einen Teil für sich, den andern für ihre Kinder. Sodann verteilen sie den Reichtum je nach den verschiedenen Ausgaben, die sie machen wollen. Höre einmal von ihren Verfügungen! Diese Geldsumme, sagen sie, soll aufgebraucht werden, die andere bleibe hinterlegt. Was für die Bedürfnisse aufgeht, soll natürlich die Grenze des Notwendigen überschreiten. Diese Summe sei für kostbare Ausstattung der Wohnung, jene andere Summe soll ein glänzendes Auftreten nach außen ermöglichen; diese soll den Aufwand auf Reisen bestreiten, jene soll die heimische Haushaltung glänzend und respektabel gestalten. Ich muß mich geradezu wundern, wie man auf so überflüssige Dinge kommen kann. Da stehen tausend Vehikel herum; die einen führen das Gepäck, die andern die Menschen; mit Erz und Silber sind sie beschlagen. Man hält eine Unmenge Pferde, und wie bei den Menschen führt man von ihnen nach dem Adel ihrer Väter eigene Geschlechtsregister. Die einen Pferde tragen die Lebemenschen in der Stadt herum, andere nimmt man auf die Jagd, wieder andere braucht man zur Reise. Zäume, Gürtel und Halsbehänge, alles ist silbern und vergoldet. Purpurdecken schmücken die Rosse wie Bräute. Man hält eine Menge Maultiere von verschiedenster Farbe. Dazu (kommt) ein ganzer Zug von Reitern; die einen reiten voraus, die andern folgen. Unendlich ist die Menge der übrigen Dienerschaft, die allen ihren Ansprüchen zu genügen hat: Aufseher, Verwalter, Gärtner, Berufsleute aller Art, wie sie die Notdurft des Lebens erfordert und wie sie Genuß und Wohlleben erfanden, so Köche, Bäcker, Mundschenke, Jäger, Bildhauer, Maler, Genußbereiter jedweder Art. Da sind Herden von Kamelen, die einen mit Lasten auf dem Rücken, die andern auf der Weide, Herden von Pferden und Rindern, von Schafen und Schweinen, Hirten für diese, Ländereien, die für alle diese Tiere Futter genug geben und dazu durch die Mehrerträgnisse den Reichtum vermehren. — Da gibt es Bäder in der Stadt, Bäder auf dem Lande, Häuser im Glanze von allerlei Marmor, Häuser aus phrygischem, lakonischem, tessalischem Steine, Häuser von denen die einen im Winter erwärmen, die andern im Sommer erfrischen. 245 Der Estrich ist mit bunten Steinen geziert; die Decke ist golden umsäumt. Soweit die Wände nicht getäfelt sind, prangen sie im Schmucke gemalter Blumen.
§ 3
Wenn dann der Reichtum trotz tausendfacher Verausgabung immer noch im Überflusse vorhanden ist, so wird er in die Erde verscharrt und in Geheimfächern verwahrt. Wer weiß, was die Zukunft bringt, und welch unerwartete Bedürfnisse bei uns sich einstellen! — Allerdings ist es unsicher, ob du das vergrabene Geld benötigen wirst; aber nicht ungewiß ist die Strafe für dein unmenschliches Gebaren. Da du mit tausend Einfällen deinen Reichtum nicht erschöpfen konntest, vergräbst du ihn jetzt in die Erde. Ein furchtbarer Unsinn, solange das Gold in den Bergwerken war, die Erde zu durchwühlen und, nachdem man es zu Tage gefördert, es wieder in die Erde zu vergraben! Auch, glaube ich, trifft es bei dir zu, daß du mit dem Reichtum dein Herz mitvergräbst. „Denn wo dein Schatz ist,“ heißt es, „da ist auch dein Herz.“ Deshalb ärgern sie sich an den Geboten, die ihnen das Leben nicht lebenswert erscheinen lassen, weil sie solch unnützem Aufwande wehren. Mir scheint das Los eines solchen jungen Mannes oder seinesgleichen ähnlich zu sein dem eines Wanderers, der eine Stadt zu sehen wünscht und wacker seinen Marsch bis zu ihr fortsetzt, dann aber vor den Mauern irgendwo in einem Gasthause Halt macht und aus Scheu vor einer kleinen Anstrengung das gebrachte Opfer vereitelt und sich um den Anblick der Sehenswürdigkeiten der Stadt bringt. Diese Reichen wollen ja auch alle übrigen Gebote erfüllen, nur auf den Reichtum wollen sie nicht verzichten. Ich kenne viele, die fasten, beten, seufzen, alle Werke der Frömmigkeit üben, soweit sie mit keinen Kosten verbunden sind, die aber Notleidenden auch keinen Heller geben. Was nützt solchen ihre sonstige Tugendhaftigkeit? Das Himmelreich nimmt sie nicht auf. „Denn es ist leichter,“ heißt es, „daß ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als ein Reicher in das 246 Himmelreich.“ So deutlich dieser Ausspruch auch ist, und so wahrhaftig der, der ihn getan, es sind doch nur wenige, die auf ihn horchen. Ei, wie sollen wir denn leben, entgegnen sie, wenn wir alles verlassen? Und wie wird es in der Welt aussehen, wenn alle verkaufen und alle das Ihrige verlassen? Frag mich nicht nach dem Sinne der Gebote des Herrn! Der Gesetzgeber weiß auch das (scheinbar) Unmögliche mit dem Gesetze in Einklang zu bringen. Dein Herz wird aber wie auf einer Wagschale geprüft, ob es zum wahren Leben oder zum gegenwärtigen Genusse hinneigt. Die vernünftig denken, müssen zur Ansicht kommen, daß sie den Reichtum zu verwalten haben, nicht zu genießen; sie entäußern sich seiner und freuen sich dabei, wie wenn sie fremdes Gut weggäben, und werden nicht traurig, als verlören sie ihren Besitz. Warum bist du also traurig? Warum schmerzt es dich, zu hören: „Verkaufe, was du hast?“ Wenn die zeitlichen Güter dir ins andere Leben nachfolgten, so dürftest du auch dann nicht ängstlich um sie besorgt sein, weil sie von den dortigen Herrlichkeiten verdunkelt würden. Wenn der Reichtum aber hier zurückbleiben muß, warum sollen wir ihn dann nicht veräußern und den Erlös daraus mitnehmen? Du trauerst doch auch nicht, wenn du Gold hingibst und dafür ein Pferd bekommst; gibst du aber Vergängliches hin und empfängst dafür das Himmelreich, dann weinst du, weisest den Bittsteller ab und verweigerst die Gabe, indes du auf tausend Gelegenheiten zu Ausgaben sinnst.
§ 4
Was wirst du dem Richter antworten, wenn du die Wände kleidest, einen Menschen aber nicht kleidest, der du die Pferde schmückst, den in Lumpen gehüllten Bruder aber nicht ansiehst, der du das Getreide verfaulen lässest und den Hungrigen nicht nährest, der du das Gold vergräbst, den Notleidenden aber nicht berücksichtigst? Hast du dann noch eine prunkliebende Gattin, so wird die Krankheit doppelt. Denn sie steigert das Wohlleben, erhöht die Vergnügungssucht, weckt eitle 247 Begierden, sinnt auf kostbare Steine, auf Perlen, Smaragde und Hyazinthe, läßt Gold teils vom Goldschmiede bearbeiten, teils in Stoffe weben und verschlimmert so durch allerhand Geschmacklosigkeiten die Krankheit. Auch geht die Sorge darob nicht nur so nebenher, sondern hält die Gequälten Tag und Nacht im Banne. Und tausend Schmeichler nähren ihre Gelüste, lassen Schönfärber, Goldarbeiter, Salbenkünstler, Weber und Stricker kommen. Diese Frau läßt den Mann keinen Augenblick frei aufatmen, sondern plagt ihn in einem fort mit ihren Befehlen. Kein Reichtum reicht hin, den Wünschen der Frauen zu genügen, auch wenn er in Strömen flösse. Sie verlangen ausländische Salben, als wären sie (zu haben wie) Öl auf dem Markte, Meerblumen, Purpur, Seide mehr als Schafwolle. Kostbare Steine in Goldfassung dienen ihnen als Kopf- und Halsschmuck; Gold schmückt ihre Gürtel, Gold fesselt ihre Hände und Füße. Frauen, die das Gold lieben, lassen sich ja gerne Handfesseln anlegen; nur muß Gold sein, was sie bindet. Wann wird nun der für seine Seele sorgen, der solchen Frauenwünschen zu Willen ist? Wie Stürme und Wogen morsche Schiffe versenken, so ziehen die schlimmen Neigungen von Frauen die schwachen Seelen ihrer Gatten in den Abgrund. Wenn nun Mann und Frau im Ersinnen von Luxusdingen miteinander wetteifern und so den Reichtum zersplittern, so hat er natürlich keine Möglichkeit, mit den Draußenstehenden sich abzugeben. Hörst du aber: „Verkaufe, was du hast, und gib es den Armen“, auf daß du eine Wegzehrung habest für die Reise in die Ewigkeit, dann gehst du traurig von dannen. Hörst du dagegen: Gib es luxuriösen Frauen, gib es Steinmetzen, Zimmerleuten, Musivarbeitern, Malern, dann freust du dich im Glauben, Kostbareres zu bekommen, als dein Gold ist. Siehst du nicht unsere, mit der Länge der Zeit verfallenen Mauern, deren Überreste wie Klippen überall in der Stadt emporragen? Wieviele Arme gab es in der Stadt, als sie aufgeführt wurden! Aber die damaligen Reichen 248 achteten ihrer nicht vor lauter Sorgen um die Mauern. Wo ist nun jener herrliche Bau, wo der, den man um den Prachtbau beneidete? Sind jene Bauten nicht ebenso zerfallen und verschwunden wie die, welche Kinder beim Spiele im Sande bauten? Und liegt nicht der Erbauer in der Hölle voll Reue über den Eifer, mit dem er sich auf so eitle Dinge verlegte? Habe eine große Seele! Kleine Mauern leisten denselben Dienst wie größere! Wenn ich in das Haus eines luxusliebenden Emporkömmlings komme und es mit allerlei Schmuck geziert sehe, so weiß ich, daß ihm die sichtbaren Dinge über alles gehen, ja daß er das Unbeseelte schmückt, die Seele aber ohne Schmuck läßt. Dann sag’ mir, wozu die silbernen Bettstellen, die silbernen Tische, elfenbeinernen Sänften und Sessel, derentwegen der Reichtum den Armen nicht zugute kommen kann, die zu Tausenden vor der Türe stehen und alle Jammertöne hören lassen? Du aber versagst die Gabe mit der Ausrede, es sei dir unmöglich, ihrer Bitte zu willfahren. Du beschwörst mit der Zunge, was deine Hand Lügen straft mit dem funkelnden Diamantringe am Finger. Wieviele könnte dieser eine Ring von den Schulden befreien! Wieviele baufällige Häuser könnte er aufrichten! Ein einziger deiner Kleiderkästen könnte ein ganzes frierendes Volk kleiden, und dennoch bringst du es über dich, den Armen hilflos zu entlassen, ohne die gerechte Vergeltung des Richters zu fürchten! Du hast dich nicht erbarmt; du wirst auch kein Erbarmen finden. Du hast dein Haus nicht geöffnet; du wirst im Himmel nicht Einlaß finden. Du hast kein Brot gegeben; du wirst auch das ewige Leben nicht erlangen.
§ 5
Doch du nennst dich selbst arm; und ich gebe dir recht. Denn arm ist, wer viele Bedürfnisse hat. Die Unersättlichkeit der Begierde aber macht anspruchsvoll. Zu den zehn Talenten suchst du noch weitere zehn hinzuzufügen; sind es dann zwanzig geworden, so suchst du zu diesen ebensoviele andere, und soviel du immer hinzufügst, du stillst die Begierde nicht, du nährst nur die 249 Flamme der Gier. Es ist wie bei den Trunkenbolden: Je mehr Wein man ihnen gibt, desto stärker wird ihr Hang zum Trinken. So verlangen auch die reichen Emporkömmlinge, je mehr sie haben, nach noch mehr und nähren durch den jeweiligen Zuwachs nur immer mehr die Krankheit, so daß ihr Streben ins Gegenteil umschlägt. Denn die vorhandenen Güter, so groß sie auch sind, erfreuen sie nicht so sehr wie die noch fehlenden sie betrüben, nämlich die, die ihnen ihrer Meinung nach noch fehlen; so ist ihre Seele immer im Banne von Sorgen, da sie im Streben nach Reichtum im Wettstreit mit andern liegen. Denn anstatt sich zu freuen und zu denken, daß sie besser gestellt sind als so viele andere, sind sie niedergeschlagen und traurig, weil sie von dem einen oder andern Reicheren in Schatten gestellt werden. Haben sie aber diesen Reichen eingeholt, dann bemühen sie sich alsbald, den noch Reicheren zu erreichen; haben sie dann auch diesen überholt, dann beginnen sie mit einem andern den Wettlauf. Wie diejenigen, die Leitern ersteigen, den Fuß immer auf eine höhere Stufe heben und nicht eher stehen bleiben, als bis sie zuoberst sind, so lassen auch diese Leute vom Streben nach Macht nicht ab, bis sie endlich obenan sind und beim Falle aus der Höhe sich selbst zerschmettern. Den Vogel Seleukis hat der Schöpfer des Weltalls zum Segen der Menschheit unersättlich geschaffen; du aber hast zum Schaden vieler deine Seele unersättlich gemacht. Was das Auge sieht, begehrt der Habsüchtige. „Das Auge wird nicht satt vom Sehen, und der Geldgierige nicht satt vom Nehmen. Die Hölle sagt nicht: „Es ist genug.“ Auch der Habsüchtige sagt niemals: „Es ist genug.“ Wann willst du das Vorhandene gebrauchen? Wann willst du es genießen, der du immer um den Erwerb dich abmühest? „Wehe denen, die Haus an Haus reihen, Acker an Acker fügen, um dem Nächsten etwas zu nehmen.“ Du aber, was tust du? Suchst du nicht 250 unter tausend Vorwänden das Vermögen des Nächsten an dich zu raffen? Das Haus des Nachbars steht mir im Lichte, heißt es, ist geräuschvoll, es beherbergt Landstreicher, oder was man sonstwie an Anklagen findet, um den Nachbarn zu beunruhigen und zu vertreiben. Man hört nicht eher auf, an ihm herumzuzerren und ihn zu necken, als bis man ihn soweit gebracht hat, daß er seine Wohnung wechselt. Was hat dem Jezraheliten Naboth das Leben gekostet? Nicht Achabs Begierde nach dessen Weinberg? Der Habsüchtige ist ein schlimmer Nachbar — in der Stadt wie auf dem Lande. Das Meer kennt seine Grenzen; die Nacht geht nicht über ihr einmal gestecktes Ziel hinaus. Der Habsüchtige aber scheut keine Zeit, kennt keine Grenzen, kümmert sich um keine Ordnung und Reihenfolge, sondern ahmt die Gewalttätigkeit des Feuers nach, ergreift alles, verzehrt alles. Wie die Flüsse, erst klein im Ursprunge, dann aber allmählich durch die Zuflüsse so anwachsen, daß ihnen nichts widerstehen kann und sie alles, was in den Weg kommt, gewaltsam mit sich fortreißen, so machen es ähnlich auch die Habsüchtigen: Sind sie einmal zu großer Macht gelangt, und haben sie bereits durch die von ihnen schon Vergewaltigten die Macht zu weiterem, noch größerem Unrecht bekommen, dann machen sie alle mit den zuvor Unterdrückten zu Sklaven, und eine gesteigerte Macht gibt ihnen noch reichere Gelegenheit, Unrecht zu tun. Denn diejenigen, die zuerst ihre schlimmen Erfahrungen gemacht haben, leisten (dem Gewalttätigen) die erzwungene Hilfe, wo es gilt, wieder andere zu schädigen und zu kränken. Wo ist ein Nachbar, wo ein Hausgenosse, der mit ihnen zu schaffen hat, ohne mitfortgerissen zu werden? Nichts widersteht der Gewalt des Reichtums; alles beugt sich seiner Tyrannei; alles zittert vor seiner Macht, weil jeder bereits Geschädigte mehr darauf bedacht ist, nicht noch mehr zu verlieren, als darauf, für das erlittene Unrecht sich zu rächen. Der Reiche führt ein Paar Ochsen herbei, pflügt, sät, erntet, was nicht sein ist. Erhebt man Einspruch, dann gibt es Schläge; beklagt man sich, dann wird man wegen 251 Beleidigung angeklagt, als Sklave abgeführt, in den Kerker geworfen; falsche Ankläger sind immer zur Hand, dein Leben in Gefahr zu bringen. Man wird so gern noch etwas opfern, um so der Schikanen überhoben zu sein.
§ 6
Ich wünschte, du kämest von den Werken der Ungerechtigkeit ein wenig zu Atem und ließest deiner Vernunft etwas Zeit, zu überlegen, auf was das Streben nach solchen Dingen abzielt. Du hast so und soviel Morgen Ackerland, soviel Baumgüter, Berge, Ebenen, Wiesen, Flüsse, Quellen. Was harrt deiner nach so reichem Besitz? Bleiben dir nicht von all dem nur drei Fuß Erde? Wird nicht die Last weniger Steine ausreichen, dein elendes Fleisch zu verwahren? Wofür mühst du dich ab? Wozu bist du ungerecht? Was sammelst du mit den Händen Unfruchtbarkeit? Ja, wäre es doch nur Unfruchtbarkeit und nicht Stoff fürs ewige Feuer! Wirst du nie nüchtern werden von diesem Rausche? Nie zur Einsicht kommen? Nicht Herr werden über dich selbst? Nicht das Gericht Christi dir vor Augen stellen? Was wirst du zu deiner Verteidigung sagen, wenn die, denen du Unrecht getan, rings um dich stehen und vor dem gerechten Richter ihr Klagegeschrei gegen dich erheben? Was wirst du dann tun, welche Verteidiger dir dingen? Was für Zeugen wirst du stellen? Wie wirst du den unbestechlichen Richter für dich einnehmen? Dort gibt es keinen Redner, keine Überredungskunst mit Worten, um dem Richter die Wahrheit zu verschleiern; dorthin folgen keine Schmeichler, folgt kein Geld, kein Rang, keine Würde. Verlassen von Freunden, verlassen von Gehilfen, wirst du ohne Fürsprache, ohne Verteidiger beschämt dastehen, traurig, niedergeschlagen, vereinsamt, sprachlos. Denn wohin du das Auge wendest, siehst du die deutlichen Zeichen deiner Missetaten: hier die Tränen der Waisen, dort die Seufzer der Witwe, hier die Armen, die du mißhandelt, dort die Knechte, die du gepeitscht, die Nachbarn, die du geärgert hast. Alles wird sich wider dich erheben; der furchtbare Reigen deiner Missetaten wird dich umringen. Denn wie die Schatten den Körpern, so folgen die Sünden den Seelen nach als deutliche 252 Schattenbilder verübter Taten. Darum gilt dort kein Leugnen; vielmehr wird auch der ausgelassenste Mund kleinlaut. Die Werke eines jeden geben Zeugnis, ohne zu reden, nur so sich zeigend, wie sie eben von uns vollbracht worden. Wie könnte ich dir das schaurige Drama vor Augen stellen? Wenn du nun hören, wenn du in dich gehen willst, so denk an jenen Tag, an dem „der Zorn Gottes vom Himmel her offenbar wird“, denk an die glorreiche Ankunft Christi, wo die, die Gutes getan haben im Leben, auferstehen werden zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichtes. Alsdann harrt der Sünder ewige Schande, und ein „eiferndes Feuer wird die Widerspenstigen verzehren.“ Diese Dinge sollen dich betrüben; nicht soll das Gebot dich betrüben. Wie soll ich in dir das Schamgefühl wecken? Was soll ich sagen? Verlangst du nicht nach dem Himmel? Fürchtest du die Hölle nicht? Wo läßt sich noch Heilung für deine Seele finden? Wenn das Schauerliche dich nicht schreckt, das Wonnige dich nicht anspornt, so reden wir zu einem steinernen Herzen.
§ 7
Betrachte doch, o Mensch, das Wesen des Reichtums! Was bewunderst du so sehr das Gold? Stein ist das Gold, Stein ist das Silber, Stein die Perle, Steine sind der Chrysolith, Beryll, der Achat, der Hyazinth, Amethyst und Jaspis. Das sind die Blüten des Reichtums, von denen du die einen so versteckst und verbirgst, daß Finsternis den Glanz der Steine verhüllt, die andern herumträgst und mit ihrem Juwelenglanz prunkst. Sage mir, was nützt es dich, die von Steinen funkelnde Hand umzudrehen? Schämst du dich nicht, wie schwangere Frauen nach Steinen zu gelüsten? Diese nagen ja an Steinen, und du bist lüstern nach den schönsten Steinen, dem Sardonyx, Jaspis, Amethyst. Welcher Stutzer könnte seinem Leben auch nur einen Tag hinzufügen? Wen hat je der Tod des Reichtums 253 wegen verschont? Wen befiel des Geldes wegen keine Krankheit? Wielange noch ist das Gold der Henkerstrick der Seelen, der Angelhaken des Todes, der Köder der Sünde? Wielange noch ist der Reichtum die Veranlassung zum Kriege, wie lange noch ist er es, der die Waffen schmiedet, die Schwerter schärft? Seinetwegen verleugnen Verwandte die Natur, sehen sich Brüder mordgierig an. Wegen des Reichtums gibt es in den Einöden Mörder, auf dem Meere Seeräuber, in den Städten falsche Denunzianten. Wer ist der Vater der Lüge, wer ist schuld an den falschen Anklagen, wer Verführer zum Meineide? Nicht der Reichtum? Nicht die Begierde nach ihm? Was habt ihr durchzumachen, arme Menschen? Wer hat euren Besitz zum Motiv, euch nachzustellen, verkehrt? Das Geld soll zum Unterhalt des Lebens dienen; nicht ist es euch als Mittel zu Missetaten in die Hand gegeben. Ein Lösegeld der Seele soll es sein, nicht aber Führer zum Verderben.
Allein der Reichtum ist notwendig der Kinder wegen. — Das ist nur ein beschönigender Vorwand der Habsucht; die Kinder schützt ihr vor, und eures Herzens Lust befriedigt ihr. Schieb’ nicht die Schuld auf den Unschuldigen! Er hat seinen eigenen Herrn, seinen eigenen Verwalter; von einem andern hat er das Leben erhalten, von ihm erwartet er auch seinen Lebensunterhalt. Ist etwa für die Verheirateten das Evangelium nicht geschrieben: „Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkauf’ alles, was du hast, und gibt es den Armen“? Als du den Herrn um eine zahlreiche Nachkommenschaft batest, als du Vater von Kindern zu werden begehrtest, fügtest du da etwa bei: Gib mir Kinder, damit ich nicht in den Himmel komme?. Und wer wird denn für den Willen des Sohnes bürgen, daß er die geerbten Güter wohl gebraucht? Denn schon bei vielen ist der Reichtum Wegbereiter zur Zügellosigkeit geworden. Hörst du nicht, was der Prediger sagt: „Ich habe ein schreckliches Unheil gesehen, Reichtum aufbewahrt dem Kinde, ihm zum Verderben.“ Und 254 wiederum: „Ich hinterlasse ihn dem Menschen nach mir. Und wer weiß, ob er töricht oder weise sein wird?“ Hab’ also acht, daß du nicht in dem mit tausend Mühen aufgehäuften Reichtum andern Stoff zu Sünden gibst, wofür du dich dann doppelt bestraft sähest: einmal für das Unrecht, das du selbst verübt, sodann für das, wozu du anderen verholfen hast. Steht dir deine Seele nicht näher als jedes Kind? Steht sie dir nicht näher als alles? Weil sie nun dir zunächst steht, so gib ihr auch das beste Erbe, gib ihr reichlichen Lebensunterhalt, und dann verteile den Rest unter die Kinder! Haben doch auch solche Kinder, die von den Eltern nichts vererbt haben, oft selbst sich Häuser gebaut. Wer aber wird sich deiner Seele erbarmen, wenn du selbst sie vernachlässigst?
§ 8
Was ich bisher gesagt, habe ich zu Vätern gesagt. Welchen annehmbaren Grund für ihre Sparsamkeit werden die beibringen, die keine Kinder haben? Ich verkaufe meine Habe nicht, noch schenke ich sie Armen, weil ich sie selbst zum Leben nötig brauche. So ist also nicht der Herr dein Lehrer, noch gibt das Evangelium deinem Leben die Richtung, sondern du gibst dir selbst Gesetze. Doch sieh, in welche Gefahr du bei solcher Denkart gerätst! Wenn nämlich der Herr uns etwas zur Pflicht gemacht hat, was du als eine Unmöglichkeit bezeichnest, so behauptest du nichts anderes, als du seiest weiser denn der Gesetzgeber.
Allein (du erwiderst), habe ich die Güter mein ganzes Leben hindurch genossen, dann will ich nach Abschluß meines Lebens die Armen zu Erben meines Vermögens einsetzen und sie urkundlich und testamentarisch zu Herren meiner Habe erklären. Wann du also nicht mehr unter den Menschen weilen wirst, willst du liebreich gegen die Menschen sein; wann ich dich tot sehe, dann soll ich sagen, du liebtest deinen Bruder! Man wird dir deine Freigebigkeit hoch anrechnen, wann du im Grab liegend und zu Staub geworden, freigebig und großmütig geworden bist! Sag’ mir doch, für welche 255 Zeit wirst du einen Dank und Lohn beanspruchen, für die Zeit deines Lebens oder für die nach dem Tode? Doch, solange du lebtest, konntest du vor Vergnügungssucht und Wohlleben nicht einmal den Anblick von Armen ertragen; was kannst du aber tun, wenn du tot bist? Welchen Lohn ist man deiner Tätigkeit schuldig? Weise doch die Werke nach und fordere dann die Vergeltung! Wenn der Jahrmarkt beendet ist, macht niemand mehr Geschäfte; wer nach Abschluß der Kämpfe kommt, wird nicht gekrönt; und wer nach dem Kriege auftritt, wird nicht als tapferer Held gerühmt. So hat man offenbar auch nach Abschluß des Lebens keine Gelegenheit mehr, gottselige Werke zu üben.
Schwarz auf weiß versprichst du, wohltätig zu werden. Wer wird dir nun die Stunde deines Scheidens kundtun? Wer wird dir für die Todesart bürgen? Wieviele sind schon jähen Unfällen zum Opfer gefallen, so daß sie vor Schmerz nicht einmal einen Laut von sich geben konnten! Wie vielen hat das Fieber den Verstand genommen! Warum wartest du auf einen Augenblick, in dem du vielleicht gar nicht mehr Herr deiner eigenen Gedanken bist? Da ist tiefe Nacht, eine schwere Krankheit, nirgends Hilfe, wohl aber einer, der auf das Erbe lauert, alles zu seinem Vorteile anordnet und deine Absichten vereitelt. Und blickst du dann dahin und dorthin, siehst du dann die Verlassenheit um dich her, dann wirst du deine Torheit einsehen, deinen Unverstand beklagen, daß du die Erfüllung des Gebotes bis auf diesen Augenblick verschoben hast, wo die Zunge den Dienst versagt und die Hand krampfhaft zittert, und du weder mündlich noch schriftlich deinen Willen ausdrücken kannst. Ja, wäre selbst alles genau niedergeschrieben, wäre jedes Wort deutlich ausgesprochen, so reicht doch ein einziger eingeschobener Buchstabe hin, deine ganze Willensäußerung abzuändern; ein falsches Siegel, zwei oder drei falsche Zeugen können das ganze Erbe auf andere übertragen.
§ 9
Was betrügst du dich nun selber, wenn du jetzt den Reichtum gewissenlos in sinnlichem Genusse vergeudest und für die Zukunft Dinge versprichst, die nicht 256 in deiner Macht stehen werden? Verhängnisvoll ist, wie aus dem Gesagten erhellt, dein Vorsatz: „Solange ich lebe, will ich dem Vergnügen leben; bin ich aber tot, dann will ich die Gebote erfüllen.“ Auch zu dir wird Abraham sagen: „Du hast dein Gutes in deinem Leben empfangen.“ Der schmale und enge Weg kann dich nicht aufnehmen, wenn du die Last des Reichtums nicht ablegst. Mit seiner Last bist du aus dem Leben geschieden; du hast sie nicht abgeworfen, wie dir geboten war. Solange du lebtest, hast du dich selbst dem Gebote vorgezogen, nach dem Tode und der Auflösung zogst du das Gebot deinen Feinden vor. Denn nur damit es dieser oder jener nicht bekomme, sagst du, soll es der Herr empfangen. Wie sollen wir das nennen: Rache an den Feinden oder Liebe zum Nächsten? Lies dein Testament! „Ich wünschte zwar noch zu leben und meine Güter zu genießen.“ Dank gebührt also dem Tode, nicht dir. Wärest du unsterblich, so würdest du ja an die Gebote gar nicht denken. „Täuscht euch nicht! Gott läßt seiner nicht spotten.“ Totes führt man nicht zum Altare; bring’ ein lebendiges Opfer! Wer nur vom Überflusse opfert, ist nicht willkommen. Du aber bringst dem Wohltäter das, was dir nach dem ganzen Leben übrig geblieben ist. Wenn du es nicht wagst, vornehme Gäste mit den Überresten des Mahles zu bewirten, wie magst du es dann wagen, Gott mit deinem Restvermögen zu versöhnen?
Seht, ihr Reichen, das ist das Ende der Habsucht! Hört also auf, leidenschaftlich nach Gold zu jagen! Je mehr du den Reichtum liebst, desto mehr sollst du darauf aus sein, nichts von dem, was du hast, zu hinterlassen. Mach’ alles dir zu eigen, nimm alles mit, hinterlaß nicht fremder Hand deinen Reichtum! Vielleicht werden deine Diener dich nicht einmal mit dem Leichenschmuck zieren, dir ein feierliches Begräbnis versagen, um sich so jetzt den Erben gefällig zu erweisen. Oder vielleicht werden sie gar auf 257 deine Kosten philosophieren und sich sagen: „Es ist ungereimt, einen Toten zu schmücken, und den mit vielen Kosten zu bestatten, der doch nichts mehr empfindet. Ist es denn nicht besser, daß sich die Überlebenden mit schönen und kostbaren Gewändern schmücken, als daß ein teurer Anzug mit der Leiche verfault? Wozu ein prächtiges Grabmal, wozu eine kostspielige Leichenfeier und nutzloser Pomp? Die Überlebenden sollen das Geld für die Bedürfnisse des Lebens verwenden.“ So werden sie reden, einerseits um sich an deiner Hartherzigkeit zu rächen, anderseits um sich den Erben gefällig zu zeigen. Begrabe dich also vorher! Ein schönes Sterbekleid ist die Gottseligkeit. Scheide mit allem bekleidet von hinnen; mache den Reichtum zu einem dir verbleibenden Schmucke; behalte ihn bei dir! Glaube Christo, dem wohlmeinenden Ratgeber, der dich liebt, der unsertwegen arm geworden ist, damit wir durch seine Armut reich würden, der sich selbst zum Lösegeld für uns dahingegeben hat.
So wollen wir dem weisen Ratgeber folgen, der einsieht, was uns frommt, oder ihn als unsern Freund aufnehmen oder ihm als unserm Wohltäter vergelten. Jedenfalls wollen wir das tun, was er uns geboten hat, damit wir Erben werden des ewigen Lebens, das in Christus ist, dem die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit. Amen.