GEGEN DIE ZORNIGEN (Migne, PG. XXXI, 353—372)
Inhalt: Erst die Befolgung einer Ermahnung erweist deren Segen. Die Schrift redet vom Unheil des Zornes, und ihr gibt recht die Erfahrung, welche die fluchwürdigen Folgen des Zornes für den Zornigen selbst und seine Umwelt bestätigt (c. 1). Gebaren des Zornigen, den seine Leidenschaft förmlich entstellt und körperlich gefährdet (c. 2). Warnung, Böses mit Bösem oder noch größerem Unrecht zu vergelten, dem Zornigen noch erregter zu erwidern. Von Anfang an muß man der Leidenschaft widerstehen und Böses mit Gutem vergelten, die Schmähung in Demut hinnehmen. So entwaffnet man den Gegner am sichersten (c. 3). Auch Lohn und Strafe, die im andern Leben den Geduldigen bzw. Zornigen erwarten, mahnen zur Nachgiebigkeit. Daß der andere den Streit entfacht, entschuldigt und rechtfertigt die Rache nicht. Der Nachgiebige ist eigentlicher Sieger. Zudem hat der Christ im Herrn ein Vorbild (c. 4). Wichtig, der Leidenschaft vorzubeugen durch Vergegenwärtigung Gottes und hl. Vorbilder, durch die Tugend der Demut und durch die Erwägung, daß Unrecht leiden besser als Unrecht tun. Man hüte sich, die innere Erregung äußerlich zu verraten. — Indes gibt es auch einen berechtigten und heilsamen Zorn, der sich in den Dienst der Vernunft und der Tugend stellt (c. 5). Die Biblische Geschichte berichtet von Beispielen des gerechten 276 Zornes. Zorn der Sünde, Nachsicht dem Sünder! Augenblicklicher Zorn wie anhaltender Ingrimm sind sündhaft (c. 6). Bestes Mittel gegen Zorn und Grundlage der Geduld ist die Demut. — Schlußermahnung zur Entfernung dieser Wurzelsünde im Hinblick auf den Himmel (c. 7).
§ 1
Wie bei den Verordnungen der Ärzte, wenn glücklich und kunstgerecht getroffen, deren Nutzen meist erst nach dem Versuche sich zu zeigen pflegt, so offenbart sich bei den geistlichen Ermahnungen deren Weisheit und Ersprießlichkeit zur Besserung des Lebens und zur Vervollkommnung ihrer Befolger erst recht dann, wenn die Lehren den bestätigenden Erfolg haben. Hören wir auf die Sprüche, die ausdrücklich sagen: „Der Zorn stürzt auch die Klugen ins Verderben.“ Hören wir sodann die Ermahnungen des Apostels: „Aller Zorn und Grimm und alles Geschrei werden entfernt aus euch samt aller Bosheit.“ Hören wir ferner den Herrn sagen, daß der, welcher über seinen Bruder freventlich zürne, des Gerichtes schuldig sei, machen wir dann noch unsere Erfahrung mit der Leidenschaft, nicht mit der, die in uns ist, sondern mit der, die von außen her wie ein unerwarteter Sturm auf uns losstürzte, dann erst haben wir so recht in das Wunderbare der göttlichen Gebote Einsicht gewonnen. Haben wir selbst einmal dem Zorne Raum gegeben, ihm wie einem gewaltigen Strom freien Lauf gelassen oder in Ruhe die häßliche Verzerrung der von dieser Leidenschaft Erfaßten beobachtet, dann wurde uns ja in der Tat klar die Richtigkeit des Wortes: „Ein zornmütiger Mann hat kein anständiges Aussehen.“ Hat nämlich diese Leidenschaft einmal die vernünftige Überlegung verdrängt und die Herrschaft über die Seele erhalten, so vertiert sie den Menschen vollständig und läßt ihn überhaupt nicht Mensch sein, da ihm ja die Vernunft nicht mehr zu Gebote steht. Was bei 277 den giftigen Tieren das Gift, das ist bei den gereizten Menschen der Zorn. Sie wüten wie die Hunde, schnellen vorwärts wie die Skorpione, beißen wie die Schlangen. Es weiß auch die Schrift die von der Leidenschaft Erfaßten mit den Namen der Tiere zu benennen, denen sie mit ihrer schlimmen Eigenschaft gleichen. Sie nennt sie nämlich „stumme Hunde“, „Schlangen“, „Natternbrut“ und dgl.. Denn die, welche zur Schädigung des Nächsten und zur Vernichtung ihrer Volksgenossen bereit sind, dürfen füglich zu den wilden und giftigen Tieren gerechnet werden, die von Natur einen unversöhnlichen Haß gegen die Menschen tragen. Im Zorn wird die Zunge frech und der Mund unverschämt; frevlerische Hände, Schmähungen, Lästerungen, Verleumdungen, Schläge und sonstige Ausbrüche, die man nicht einmal alle aufzählen kann, sind Folgen des Zornes und der Leidenschaft. Der Zorn schärft das Schwert, verübt Menschenmord mit Menschenhand, verschuldet, daß Brüder einander verkennen, Eltern und Kinder auf die Natur vergessen. Die Zornigen kennen ja sich selbst nicht, geschweige denn alle ihm Verwandten. Wie die talwärts stürzenden Flüsse alles, was sich ihnen in den Weg stellt, mit sich fortreißen, so richten sich die ungestümen und unbändigen Angriffe der Zornigen gegen alle ohne Unterschied. Nicht das graue Haar ist den Zornmütigen ehrwürdig, nicht der tugendhafte Wandel, nicht Blutsverwandtschaft, nicht empfangene Wohltaten noch sonst etwas Achtbares. Der Zorn ist gleichsam ein kurzfristiger Wahnsinn. Die Zornigen stürzen sich oft selbst ins offene Verderben und denken in ihrer Rachgier nicht an ihr eigenes Interesse. Beim Gedanken an diejenigen, von denen sie gekränkt worden, fühlen sie sich wie von einer Bremse gestochen; der Zorn flammt und wallt auf in ihrer Brust, und sie geben nicht eher nach, als bis sie sich am Beleidiger gerächt oder auch gelegentlich sich selbst geschadet haben; denn schon oft hat der heftig auffallende Hammer mehr gelitten als gewirkt und ist am Amboß zerschmettert.
§ 2
278 Wer könnte das Gebrechen genügsam schildern: wie die Jähzornigen bei der geringsten Veranlassung aufbrausen, schreien, toben, wilder wie jedes giftige Tier losstürzen und nicht eher ruhen, als bis sie ein großes, unheilbares Unglück angerichtet haben, worauf dann der Zorn wie eine in ihnen angeschwollene Blase zerplatzt und die Flamme erlischt? Denn weder die Schärfe des Schwertes noch Feuer noch sonst ein Schrecknis ist imstande, der vor Zorn rasenden Seele Einhalt zu tun, so wenig wie den von Teufeln Besessenen, denen die Zornerregten im Äußern wie in ihrer Seelenverfassung gleichen. Denn in den Racheschnaubenden wallet das Herzblut, wie durch Feuersgewalt zum Sieden und Brausen gebracht, und, an die Oberfläche des Körpers getrieben, zeigt es den Zornigen in einer anderen Gestalt; es verwandelt das gewöhnliche, normale Aussehen wie etwa die Maske die Person auf der Bühne verändert. Ihre Augen, nicht mehr natürlich und wie sonst, erkennt man nicht; der Blick ist verstört und sprüht förmlich Feuer. Sie fletschen die Zähne wie kämpfende Eber. Das Gesicht ist blau und mit Blut unterlaufen, die Körpermasse aufgedunsen. Die Adern möchten springen; der Atem ist erregt vom inneren Sturme. Die Stimme ist rauh und schreiend, die Rede ungeordnet, unüberlegt, erfolgt nicht absatzweise, nicht in richtiger Reihenfolge, nicht in verständlichem Tone. Wann aber der Zorn auf Grund von Sticheleien wie eine mit Brennstoff reichlich genährte Flamme unbändig auflodert, dann aber, dann kann man unbeschreibliche und unerträgliche Schauspiele erleben: Hände, die sich gegen Verwandte erheben und keinen Teil des Leibes verschonen, Füße, die schonungslos auf die edelsten Teile losspringen, eine Raserei, die alles, was sie sieht, als Waffe gebraucht. Stoßen aber die Zornigen auf einen Gegner, der ebenso leidenschaftlich ist, wie sie selber sind, stoßen sie auf einen anderseitigen Zorn und eine gleiche Raserei, so fallen sie übereinander her, tun und leiden gegenseitig alles, was füglich denen widerfährt, die von einem solchen Dämon sich leiten lassen: Verstümmelte Glieder und oft den Tod tragen solche Kämpfer als Preis des Zornes davon. Der eine erhob 279 zuerst seine Frevlerhand, der andere wehrte sich; der erste griff wieder an, der letztere gab nicht nach. So wird der Körper mit Streichen zerschlagen; der Zorn aber macht gegen den Schmerz unempfindlich. Denn die haben keine Zeit, auf den Schmerz zu achten, weil ihre ganze Aufmerksamkeit darauf gerichtet ist, am Beleidiger Rache zu nehmen.
§ 3
Heilt nicht Böses mit Bösem, noch sucht einander im Schadenanrichten zu übertreffen! Denn in sündhaften Kämpfen ist der Sieger schlimmer daran, weil er mit der größeren Schuld von dannen geht. Gehöre also nicht zu denen, die Böses mit gleicher Münze bezahlen und eine Verruchtheit mit noch größerer vergelten! Es hat dich einer im Zorn beleidigt? Beantworte die Bosheit mit Schweigen! Du aber nimmst den Zorn des Beleidigers wie einen Strom in dein Herz auf und ahmst die Winde nach, die im Gegenstoß zurücktreiben, was ihnen entgegenkommt. Nimm den Feind nicht zum Lehrmeister, und mach’ nicht nach, was du hassest! Sei nicht gleichsam ein Spiegel des Zornigen, indem du sein Aussehen in dir darstellst. Jener ist rot, und bist nicht auch du gerötet? Seine Augen sind mit Blut unterlaufen; sag’ mir, verraten etwa die deinigen Ruhe? Seine Stimme klingt roh; die deinige etwa sanft? Nicht einmal das Echo in der Wüste gibt so deutlich die Töne des Rufenden wieder, wie die Schmähungen auf den Lästerer zurückkehren. Ja, das Echo gibt nur dieselben Töne wieder; die Schmähung aber kehrt mit einem Zuwachs zurück. Wie antworten denn die Schimpfer einander? Der eine nennt den andern einen obskuren Mann aus obskuren Verhältnissen; letzterer aber schilt den ersteren einen Sklaven und Sklavenbuben; sagt der eine „Bettler“, so schilt der andere „Landstreicher“. Schimpft der eine „Tor“, so ruft der andere „Narr“, und so geht es fort, bis sie alle ihre Schimpfworte verschossen haben. Hat dann ihre Zunge jegliche Lästerung hinausgeschleudert, dann gehen sie zu tätlichem Angriffe über. Denn der Zorn erregt Streit, der Streit gebiert Schmähungen, den 280 Schmähungen folgen Schläge, den Schlägen Wunden und den Wunden nicht selten der Tod. —
Gleich im Anfange müssen wir der Leidenschaft widerstehen und den Zorn auf jede Weise aus dem Herzen verbannen. Denn nur dann werden wir in der Lage sein, zugleich mit dieser Leidenschaft die vielen Übel, die sie im Gefolge hat, mit Stumpf und Stiel auszurotten. Schmäht dich jemand, segne du ihn! Schlägt er dich, ertrage es mit Geduld! Spuckt er dich an und verachtet er dich, so denk’ bei dir, daß du aus Erde geworden bist und wieder zu Erde werden wirst. Wer sich mit solchen Grundsätzen wappnet, der wird finden, daß keine Schmach die volle Wirklichkeit erreicht. So wirst du sogar dem Feinde die Rache unmöglich machen, wenn du (nämlich) zeigst, daß die Schmähungen dich nicht verwunden; und du wirst dir die herrliche Krone der Geduld erwerben, wenn du die Wut des andern zum Anreiz eigenen weisen Handelns nimmst. Ja, wenn du mir folgen willst, so wirst du den Schmähungen sogar noch etwas hinzufügen. Hat der Gegner dich einen obskuren, unbekannten, x-beliebig Dahergelaufenen geschmäht, dann nenne dich selbst Staub und Asche. Du stehst nicht höher als unser Vater Abraham, der sich so genannt hat. Hat er dich unwissend, arm und nichtswürdig gescholten, so sag’ dir mit den Worten Davids, daß du ein Wurm bist und aus dem Kote dein Dasein hast. Zu dem hin nimm dir das schöne Verhalten des Moses zum Vorbild: Von Aaron und Maria geschmäht, klagte er nicht bei Gott über sie, sondern betete für sie. Wessen Jünger willst du lieber sein, der solch gottliebender, seliger Männer, oder Jünger der vom Geiste der Bosheit erfüllten Menschen? Regt sich in dir die Versuchung, zu schmähen, so denke, du werdest geprüft, ob du durch Langmut Gott dich nahen oder durch Zorn zum Gegner entweichen willst. Laß deinen Gedanken Zeit, den besseren Teil zu wählen! Denn entweder wirst 281 du jenem mit dem Beispiele der Sanftmut nützen oder durch Ignorierung (der Kränkung) ihn um so empfindlicher strafen. Was kann denn einen Gegner peinlicher berühren, als sehen zu müssen, wie sein Feind über Schmähungen sich erhaben zeigt? Laß dir deinen Gleichmut nicht rauben und zeige dich für Schmähungen unempfindlich! Laß ihn doch ruhig bellen; er mag darob bersten. Wer auf einen Gefühllosen losschlägt, straft sich selbst — er rächt sich ja nicht am Feinde, noch stillt er seinen Zorn; ebenso kann auch der, der einen für Schmähungen Unempfindlichen lästert, keine Beruhigung seiner Leidenschaft finden. Im Gegenteile, wie gesagt, er berstet schließlich. Wie beurteilen denn im Augenblicke die Anwesenden einen jeden von Euch? Den nennt man einen Schimpfer, dich heißt man großmütig; den nennt man einen Jähzornigen und Polterer, dich rühmt man geduldig und sanftmütig. Der eine hat seine Worte zu bereuen; dich wird aber die Tugend niemals reuen.
§ 4
Was bedarf’s so vieler Worte? Dem einen verschließt die Lästerung das Himmelreich — denn „Lästerer werden das Reich Gottes nicht erben“; dir aber hat das Stillschweigen dieses Reich bereitet. „Denn wer ausharrt bis ans Ende, der wird selig werden.“ Wehrst du dich aber und vergiltst dem Lästerer Gleiches mit Gleichem, wie willst du dich dann rechtfertigen? Etwa mit der Entschuldigung, er habe mit Sticheln angefangen? Wie soll das entschuldigen? Auch der Unzüchtige, der die Schuld auf die Hure als die Verführerin zur Sünde abwälzen will, wird deshalb nicht weniger streng verurteilt. Ohne Gegner keine Siegeskronen, ohne Feinde keine Niederlagen. Höre, was David sagt: „Als der Sünder wider mich auftrat, ward ich nicht zornig und verteidigte mich nicht, sondern ich verstummte und verdemütigte mich und schwieg auch vom Guten.“ Wenn du dich aber über die Schmähung empörst als über etwas Schlimmes, sie aber nachahmst 282 als etwas Gutes, so tust du ja selbst, was du tadelst! Oder besiehst du dir das fremde Gebrechen genau, achtest aber deine eigene Schändlichkeit für nichts? Etwas Verruchtes ist die Schmähung; hüte dich, sie nachzuahmen! Daß ein anderer angefangen hat, kann dich nicht entschuldigen. Nach meiner Überzeugung entspricht es eher der Gerechtigkeit, deshalb den Unwillen über dich zu steigern, weil jener das belehrende Beispiel nicht hatte: Du hast den Zornigen in seiner abstoßenden Gestalt gesehen und dennoch dich nicht davor gehütet, ihm ähnlich zu werden, sondern zeigst dich ungehalten, aufgebracht und zornig wie jener; so wird deine Leidenschaft eher eine Entschuldigung für den, der angefangen. Denn eben durch dein Benehmen befreist du jenen von der Schuld und verurteilst dich selbst. Ist nämlich der Zorn etwas Schlimmes, warum hast du das Böse nicht gemieden? Ist er aber verzeihlich, warum bist du dann über den Zornigen aufgebracht? Wenn du also erst als Zweiter zur Vergeltung geschritten bist, so wird dir das nichts nützen. Auch wird bei den Preis-Kampfspielen nicht der gekrönt, der angefangen, sondern der gesiegt hat. Und verurteilt wird also nicht bloß der, der mit dem Unrecht begonnen hat, sondern auch der, welcher dem verruchten Führer zur Sünde gefolgt ist.
Nennt er dich arm, und sagt er damit die Wahrheit, so nimm die Wahrheit hin! Lügt er aber, was geniert dich dann seine Aussage? Werde nicht stolz bei überschwenglichen Lobsprüchen noch aufgebracht bei Schmähungen, die dich nicht berühren! Siehst du nicht, wie die Pfeile harte, feste Körper gewöhnlich durchschlagen, in weichen, nachgiebigen aber ihre Kraft verlieren? Glaube es: Eine ähnliche Bewandtnis hat es auch mit der Schmähung. Wer dagegen Sturm läuft, nimmt sie in sich auf, wer aber nachgibt und ausweicht, entkräftet durch seine Gelassenheit die gegen ihn geschleuderte Bosheit. Was aber regt dich die Bezeichnung „arm“ so sehr auf? Denke doch an deine Natur; denke, daß du nackt in die Welt hereingekommen bist, und daß du sie nackt wieder verlassen wirst! Was ist aber ärmer als 283 ein Nackter? Du hast nichts Schreckliches gehört, wenn du das Gesagte nicht einzig und allein auf dich beziehst. Wer wurde je wegen Armut ins Gefängnis geworfen? Nicht Armut schändet, wohl aber die Armut nicht in edler Gesinnung ertragen. Denke an den Herrn, der, „obschon reich, unsertwegen arm wurde.“ — Hat der Gegner dich einen unverständigen und unwissenden Menschen genannt, so erinnere dich der Schmähungen, mit denen die Juden die wahre Weisheit überhäuft haben. „Du bist ein Samaritan und hast den Teufel.“ Wenn du nun darob zornig wirst, so bestätigst du die Schmähungen. Denn was ist törichter als der Zorn? Bleibst du aber ruhig, so beschämst du den Schimpfer und zeigst in der Tat Besonnenheit. — Wurdest du geschlagen? Auch unser Herr wurde es. Wurdest du angespien? Auch dem Herrn erging es so. „Er wandte sein Antlitz nicht ab von der Schmach des Anspuckens.“ Wurdest du verleumdet? Der Richter gleichfalls. Zerrissen sie dir das Kleid? Sie haben auch meinen Herrn entkleidet und sein Gewand unter sich geteilt. Du wurdest noch nicht zum Tode verurteilt, noch nicht gekreuzigt. Es fehlt dir noch vieles, um zu seiner Nachfolge zu gelangen.
§ 5
An alle diese Einzelheiten erinnere dich, um die aufflammende Leidenschaft niederzuhalten. Denn solche vorbeugende Gesinnungen halten gleichsam die Aufwallungen und Schläge des Herzens hintan und geben dem Geiste das Gleichgewicht und die Ruhe. Das ist es auch, was David mit den Worten ausgedrückt hat: „Gefaßt bin ich und nicht erschüttert.“ Man muß also die leidenschaftliche, betäubende Aufwallung der Seele durch die Erinnerung an die Beispiele seliger Männer niederhalten, wie z. B. der große David die Verhöhnung durch Semei gelassen ertragen hat. Er ließ dem Zorne 284 keine Zeit, sich zu regen, sondern kehrte sein Herz zu Gott und sprach: „Der Herr hat dem Semei geboten, dem David zu fluchen.“ Als er daher sich einen Blutmenschen und Gottlosen schelten hörte, zürnte er jenem nicht, sondern verdemütigte sich, wie wenn er die Schmähung verdient hätte. Folgende zwei Dinge banne aus deinem Herzen: Halte nicht große Dinge auf dich selbst und wähne anderseits keinen Menschen tief unter dir! Denn so wird trotz einer Flut von Schmähungen niemals der Zorn in uns auflodern. Es ist zwar arg, wenn ein Mensch, der von uns Wohltaten empfangen hat und uns zu größtem Danke verpflichtet wäre, zum Undank noch Schmähung und Schimpf fügt. Es ist das arg. Allein der Schaden ist größer für den, der das Unrecht begeht, als für den, der es leidet. Dieser Mensch mag schmähen; du aber schmähe nicht! Seine Worte sollen dir zur Übung in der Weisheit dienen. Wenn du dich nicht ärgerst, so bist du nicht verwundet. Wenn aber die Worte dir auch in der Seele etwas wehe tun, behalt den Schmerz bei dir! „Denn in mir“, spricht David, „ist mein Herz betrübt,“ d. h. der Schmerz hat sich nicht nach außen ergossen, sondern legte sich wie eine Woge, die sich innerhalb der Ufer bricht. Beruhige dein grollendes, verbittertes Herz! Deine Leidenschaften sollen den Blick deiner Vernunft scheuen wie unartige Kinder die Gegenwart eines ehrwürdigen Mannes.
Wie können wir nun den üblen Folgen des Zornes entrinnen? Wenn wir es dahin bringen, daß die Erregung dem vernünftigen Denken nicht vorgreift, wenn wir vor allem darauf sehen, daß sie niemals der Einsicht vorauseilt, daß wir sie wie ein Pferd im Zaume halten, und daß sie der Vernunft wie einem Zügel folgt, niemals die ihr gewiesenen Schranken durchbricht und sich führen läßt, wohin immer die Vernunft den Weg weist. Es ist ja die Leidenschaft unserer Seele zu vielen Tugendübungen behilflich, wenn sie nämlich wie ein Soldat, der beim Feldherrn Posten steht, auf Befehl willig Dienste leistet und der Vernunft im Kampfe gegen die 285 Sünde hilft . Gleichsam ein Nerv der Seele ist die Erregbarkeit, die ihr zur Vollbringung des Guten die Spannkraft gibt. Ist nämlich die Seele einmal durch Genuß schlaff geworden, so schafft die Leidenschaft die allzu weichliche und matt gewordene zu einer starken, energischen um, wie man ja auch Eisen durch Eintauchen in Wasser härtet. Wenn du nämlich gegen den bösen Geist nicht leidenschaftlich aufgeregt bist, so kannst du ihn nicht hassen, wie er es verdient. Denn ich glaube, man muß mit demselben Feuer die Tugend lieben, mit dem man die Sünde haßt. Dazu ist eben der Zorn behilflich, wenn er der Vernunft folgt wie der Hund dem Hirten, wenn er besänftigt und zutraulich bleibt gegen die, welche ihm nützen, und leicht von der Vernunft sich leiten läßt, dagegen bei fremder Stimme und fremdem Gesicht erregt wird, auch wenn sie ihm willfährig erscheinen, sich aber schmiegt, sobald sein Vertrauter und Freund ihm zuruft. Das ist die beste und dem vernünftigen Teile der Seele angemessenste Hilfeleistung seitens der Leidenschaft. Ein solcher Mensch wird nie mit seinen (wirklichen) Feinden sich versöhnen und verbinden, nie eine üble Freundschaft unterhalten, sondern die feindliche Lust wie einen Wolf immer anbellen und zerfleischen. Solchen Nutzen ziehen also die aus dem Zorn, die ihn zu handhaben wissen. Auch jede andere Seelenkraft wird je nach dem Gebrauche, den der Besitzer von ihr macht, entweder etwas Gutes oder etwas Böses. So z. B. ist derjenige, der das Begehrungsvermögen der Seele zur Fleischeslust und zu unreinen Genüssen mißbraucht, fluchwürdig und unzüchtig; wer es aber auf die Liebe Gottes und das Verlangen nach den ewigen Gütern einstellt, der ist beneidenswert und selig. Ferner ist der, welcher das Erkenntnisvermögen recht zu handhaben weiß, verständig und einsichtsvoll; wer aber seinen Verstand zur Schädigung des Nebenmenschen schärft, ist arglistig und verrucht.
§ 6
Hüten wir uns also, das, was uns der Schöpfer zum Heile gegeben hat, zum Anreiz der Sünde zu machen. So schafft ja auch das Gefühl, wenn es zur rechten Zeit und in richtiger Art erregt wird, Mut, 286 Ausdauer und Selbstbeherrschung; betätigt es sich aber vernunftwidrig, dann wird es zur Raserei. Daher mahnt uns auch der Psalm: „Zürnt, aber sündigt nicht!“ Und der Herr droht dem, der ungerecht zürnt, mit dem Gerichte, verbietet aber nicht, da, wo es notwendig ist, vom Zorn gleichsam in Form einer Arznei Gebrauch zu machen. Denn die Worte: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Schlange“, und die weiteren: „Befeindet die Madianiten“, lehren, daß man sich des Zornes als einer Waffe bedienen soll. Daher hat auch Moses, der sanftmütigste Mann von der Welt, zur Bestrafung der Abgötterei die Hände der Leviten zum Morde ihrer Brüder bewaffnet. „Ein jeder“, sagt er, „gürte sein Schwert um die Hüfte und gehet von Tor zu Tor und kehret zurück durch das Lager, und jeder töte seinen Bruder, jeder seinen Freund, jeder seinen Nachbar!“ Und kurz hernach heißt es: „Und Moses sprach: Ihr habt heute dem Herrn eure Hände geweiht, ein jeder an seinem Sohne und an seinem Bruder, damit ihr gesegnet werdet.“ Und was hat den Phines gerechtfertigt? Nicht der gerechte Zorn gegen die Unzüchtigen? Er war sonst überaus sanft und gelassen; als er aber den Zambei mit einer Madianitin öffentlich und ohne alle Scham Unzucht treiben sah und sie nicht einmal den abscheulichen Anblick der Schande verbargen, konnte er sich nicht mehr halten, ließ seinem gerechten Zorn den Lauf und jagte durch beide die Lanze. Hat nicht auch Samuel den Agag, den König von Amalek, der von Saul gegen den Befehl Gottes verschont worden war, in gerechtem Zorn in die Mitte geführt und getötet? So wird oft der Zorn ein Gehilfe zu guten Werken. Der Eiferer Elias hat vierhundertfünfzig Priester der Schande und vierhundert Priester der Haine, die am Tische Jezabels aßen, mit überlegtem und weisem Zorn zum Segen von ganz Israel getötet. — Du aber zürnst ohne Grund 287 deinem Bruder. Wie, nicht ohne Grund, wenn du doch einem andern zürnst als dem, der am Werke war? Du machst es wie die Hunde, die in die Steine beißen, wenn sie den, der sie geworfen, nicht fassen können. Wer sich als Werkzeug benützen läßt, ist bedauernswert, wer aber am Werke ist, ist hassenswert. Dem gelte dein Zorn, dem Menschenmörder, dem Vater der Lüge, dem Urheber der Sünde! Mit dem Bruder aber hab’ Mitleid, weil er beim Verharren in der Sünde — zugleich mit dem Teufel — dem ewigen Feuer überantwortet wird.
Wie die Worte „Aufregung“ und „Zorn“ verschieden klingen, so ist auch deren Bedeutung eine sehr verschiedene. Die „Aufregung“ ist gleichsam ein Aufflammen und heftiges Aufwallen der Leidenschaft; der „Zorn“ aber ist eine anhaltende Betrübnis und ein dauerndes Verlangen, sich am Beleidiger zu rächen, wobei die Seele von Rachgier gleichsam strotzt. Man muß nun wohl bedenken, daß man in beiden Fällen sündigt, sowohl wenn man wahnsinnig und leidenschaftlich gegen den Beleidiger wütet, als wenn man mit List und Tücke dem, der uns gekränkt hat, beizukommen sucht. Vor dem einen wie vor dem andern müssen wir uns hüten.
§ 7
Wie hat man es nun anzugehen, daß die Leidenschaft nicht ungebührlich erregt wird? Zuerst hast du jene Demut zu lernen, die der Herr gelehrt und geboten und auch in der Tat bewiesen hat. Denn einerseits hat er gesagt: „Wer unter euch der erste sein will, sei der letzte unter allen“; anderseits benahm er sich sanft und gelassen gegen den, der ihn schlug. Denn der Schöpfer und Herr Himmels und der Erde, der von aller geist- und sinnbegabten Kreatur angebetet wird, „der alles trägt mit dem Worte seiner Macht“, hat den, der ihn schlug, nicht lebendig in die Hölle verstoßen und nicht die Erde sich öffnen lassen, um den Gottlosen zu verschlingen, sondern ermahnt und belehrt: „Habe ich unrecht geredet, so beweis’ mir das Unrecht; wenn aber 288 recht, warum schlägst du mich?“ Wenn du nun nach dem Gebote des Herrn dich daran gewöhnt hast, der allerletzte zu sein, wann kannst du dann zürnen, als wärest du unwürdig mißhandelt worden? Schmäht dich ein kleiner Bube, so können seine Schmähungen nur dein Lachen erregen; und wann einer, im Fieber um den Verstand gekommen, Schimpfworte ausstößt, so scheint er dir mehr bedauerns- als hassenswert. Demnach sind es in der Regel nicht die Worte, die den Unmut erregen, sondern unsere Überhebung über den Schmähenden und die hohe Einbildung, die jeder von sich hat. Verbannst du daher beides aus deinem Herzen, dann sind die Schmähworte nichts weiter als leerer Schall. „Steh also ab vom Zorn und laß den Ingrimm“, damit du keine Erfahrung machen mußt mit dem Zorne, „der vom Himmel her offenbar wird über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen.“ Wenn du nun mit kluger Besonnenheit die bittere Wurzel des Zorns ausrotten kannst, dann wirst du mit dieser Kapitalsünde zugleich viele andere Fehler ausrotten. Denn Trug, Argwohn, Untreue, Bosheit, Hinterlist, Ausgelassenheit und der ganze Schwarm solch böser Eigenschaften sind Auswüchse dieses Lasters. —
Bewahren wir uns also vor diesem großen Übel, dieser Krankheit der Seele, der Verfinsterung der Vernunft, der Abkehr von Gott, der Mißachtung der Verwandtschaft, der Veranlassung zum Kriege, der Fülle von Elend, dieser Einpflanzung des bösen Geistes in unseren Herzen, der dann wie ein frecher Bewohner unser ganzes Innere in Beschlag nimmt und dem Hl. Geiste den Eingang verschließt. Denn wo Feindschaft, Streit, Zorn, Zank und Hader hausen, die in den Seelen ewige Unruhe stiften, da schlägt der Geist der Sanftmut seine Wohnung nicht auf. Hören wir vielmehr auf die Mahnung des seligen Paulus, allen Zorn, alle Erbitterung und allen Lärm samt aller Bosheit aus uns zu 289 entfernen und gegeneinander gütig und barmherzig zu werden — in Erwartung der seligen Hoffnung, die den Sanftmütigen verheißen ist —, denn „selig sind die Sanftmütigen; sie werden das Erdreich besitzen“ — in Christus Jesus, unserm Herrn, dem die Ehre und die Macht in Ewigkeit. Amen.