AUF DIE MÄRTYRIN JULITTA Fortsetzung und Schluß der Rede über „Die Danksagung“ (Migne, PG. XXXI, 237—261)
Inhalt: Am Gedächtnistage der hl. Märtyrin Julitta hielt Basilius ihr zu Ehren eine Lobrede, welche die zwei ersten Kapitel der nachstehenden Homilie füllt. Julitta hatte das Gericht angerufen zum Schutze ihres Rechtes und ihrer Habe gegen einen brutalen Machthaber. Letzterer nahm die Richter gegen sie ein, indem er Julitta als Christin anzeigte. Die Christin wurde vor die Alternative gestellt, entweder Christum zu verleugnen und damit den Rechtsschutz sich zu sichern, oder, Christo treu bleibend, bürgerliche Rechte und Ehre zu verlieren (c. 1). Aber Julitta opferte lieber Gut und Leben für ihren Glauben, mahnte noch 210 die umstehenden Frauen zum standhaften Glauben und bestieg freudig den Scheiterhaufen. Gott verherrlichte die Märtyrin, indem er neben ihrem Begräbnisorte eine wunderbare Heilquelle hervorsprudeln ließ (c. 2).
Die Kapitel 3—9 sind Fortsetzung und Schluß der vorausgegangenen Homilie über „Die Danksagung“, die Basilius nicht unvollendet lassen will. — „Betet ohne Unterlaß!“ verlangt kein stetes aktuelles Beten, sondern „alles zur Ehre Gottes tun“, immer die „gute Meinung“ machen (c. 3). Selbst ein Teil der Nacht soll dem Gebete gehören. „Für alles danken“, auch für Leiden, können wir, wenn wir uns Gott, dem souveränen Herrn und weisen Vater, ganz anheimstellen. Das Sterben von Angehörigen kann man verschmerzen im Gedanken an die allgemeine Hinfälligkeit (c. 4). Auch der herbste Todesfall kann nicht trostlos machen: für den Verstorbenen war der Tod eine Erlösung, und die Hinterbliebenen werden ihm früher oder später folgen (c. 5). Oft lehrt erst der Tod von Angehörigen sie recht schätzen und lieben. Dank schulden wir für unsere Lebenslage, da sie — wie die vieler andern — weniger gut oder mißlicher sein könnte. Zeitliche Strafen bewahren übrigens vor ewigen. Gott undankbar sind die, die immer ein besseres Los wünschen. Und doch sind der Wohltaten Gottes unzählige (c. 6). Besonders groß und zahlreich die übernatürlichen Gnadenerweise Gottes. Gott krönt eigentlich seine Gaben. Gebet ist Mitfreude mit Fröhlichen, gemessene Mittrauer mit Weinenden, um letztere zu trösten (c. 7). Vorwürfe machen nützt nichts, Gefühllosigkeit macht unsympathisch bei den Menschen. Mitleid und Mitleiden darf nicht krankhaft traurig stimmen, was für Trauernde und Betrauerte nachteilig wäre (c. 8). Unsere Tränen gelten vorab den Sünden. Biblische Beispiele. Nicht in Völlerei dürfen die Sorgen vergessen werden. Sich in der Trauer Speise und Trank versagen, hilft nichts, aber Trunkenheit heilt noch weniger, nur die Vernunft, die des Apostels Gebot empfiehlt (c. 9).
§ 1
211 Die Veranlassung zu dieser Versammlung ist die Feier zu Ehren der seligen Märtyrin.. Wir verkündeten euch den heutigen Tag als den Erinnerungstag des großen Kampfes, den aufs mannhafteste in einem weiblichen Leibe zur höchsten Verwunderung der damaligen Zeugen des Schauspiels wie der künftigen Generation, die von ihrem Martyrium hören werden, Julitta, die seligste der Frauen, gekämpft hat, wenn anders man die noch eine Frau nennen darf, die mit ihrem Starkmut die Schwäche der weiblichen Natur verbarg, die meines Erachtens unsern gemeinsamen Widersacher am schwersten getroffen hat, da er eine Niederlage durch Frauen nicht erträgt. Er, der sich rühmte und prahlte, die ganze Welt erschüttern, sie wie ein Vogelnest erfassen und wie verlassene Eier ausheben zu können und Städte entvölkern zu wollen, erschien weiblicher Tugend erlegen. Er versuchte in einer Stunde der Prüfung ihr zu zeigen, daß sie bei ihrer natürlichen Schwäche nicht bis ans Ende ihrem Gottesglauben treu bleiben könne. Aber er mußte erfahren, daß sie durch die Prüfung über ihre Natur hinauswuchs und sie um so weniger auf seine Schreckmittel gab, je mehr er sie durch Martern einzuschüchtern glaubte.
Sie hatte nämlich einen Prozeß mit einem Mächtigen der Stadt, einem habsüchtigen, gewalttätigen Manne, der durch Raub und Beute reich geworden war. Dieser nahm ihr viel Land weg, eignete sich Felder und Höfe, Vieh und Sklaven und die ganze übrige Fahrnis der Frau an. Dann nahm er die Gerichte für sich ein und stützte sich dabei auf Verleumder, falsche Zeugen und die Bestechlichkeit der Richter. Als der Verhandlungstermin da war, der Gerichtsdiener vorlud und die Verteidiger bereitstanden, da begann die Frau die Brutalität des Menschen zu schildern, wollte erzählen, wie sie zu ihrem Vermögen gekommen, und nachweisen, wie die Länge der Zeit für 212 sie als die rechtmäßige Besitzerin spreche, um daraufhin den Mann ob seiner Gewalttätigkeit und Habsucht anzuklagen. Jetzt erhob sich der Angeklagte und erklärte, dieser Streitfall könne beim Gerichte nicht anhängig gemacht werden; denn es sei nicht erlaubt, daß diejenigen gleiche Rechte genießen, welche die Götter der Kaiser nicht verehrten und dem Glauben an Christus nicht abschwüren. Dem Vorsitzenden schien diese Erklärung berechtigt und wohlbegründet. Alsbald wurde Kohlenbecken und Weihrauch beigeschafft und den Parteien folgender Vorschlag gemacht: Verleugneten sie Christum, so sollten sie den Rechtsschutz der Gesetze genießen; wer aber am Glauben festhielte, dem stünde weder Gericht noch Gesetz noch überhaupt der Rechtsschutz des Bürgers zu, da solche nach dem Gesetze der damaligen Herrscher ehrlos waren.
§ 2
Was geschah nun? Ließ sie sich vom Reichtum verlocken? Oder übersah sie im Prozeß mit dem ungerechten Menschen ihr wahres Glück? Oder ließ sie sich schrecken durch die Drohungen der Richter? Keineswegs; vielmehr sprach sie: „Fort mit dem Leben, fort mit den Gütern! Eher nehme man mir den Leib, als daß ich ein gottloses Wort gegen Gott, meinen Schöpfer, ausspreche!“ Und je mehr sie den Gerichtsvorsitzenden durch solche Worte erbittert und zur äußersten Wut gegen sich gereizt sah, desto mehr dankte sie Gott, weil sie sah, wie sie im Kampfe um irdische Güter sich den Besitz der himmlischen sicherte und für den Verlust der Erde das Paradies eintauschte, wie sie, mit Schande gebrandmarkt, der Kronen der Herrlichkeit gewürdigt werden, wie sie, zerfleischt und ihres gegenwärtigen Lebens beraubt, die selige Hoffnung haben sollte, mit allen Heiligen in der Freude des Himmels gefunden zu werden.
Wie sie nun, immer wieder gefragt, ebensooft dieselbe Antwort gab und sich als Dienerin Christi bekannte und die verwünschte, die sie zur Verleumdung des Glaubens aufforderte, da sprach ihr der ungerechte Richter nicht nur die Güter ab, die ihr gesetzwidrig und unrechtmäßig genommen worden waren, sondern ließ sie auch noch mit dem Leben zahlen, wie er meinte, und 213 verurteilte sie zum Feuertod. Julitta aber hätte zu keinem Vergnügen der Welt so sich beeilen können, wie sie jetzt zur Flamme drängte, und im Antlitz, in der Haltung, in ihren Worten, in der frohen Heiterkeit sprach sich ihres Herzens Wonne aus. Sie sprach noch den umstehenden Frauen zu, nicht weichlich zu erbeben vor den Leiden um des Glaubens willen und nicht die Schwäche ihrer Natur vorzuschützen. „Wir sind“, sagte sie, „aus demselben Stoffe wie die Männer. Nach dem Bilde Gottes sind wir erschaffen — wie sie. Für die Tugend empfänglich ist das weibliche Geschlecht vom Schöpfer geschaffen, genau so wie das männliche. Wie? Sind wir nicht in allem den Männern verwandt? Nicht bloß Fleisch ward von ihm genommen zur Schaffung des Weibes, sondern auch Bein von seinem Bein. Deshalb schulden wir dem Herrn genau so wie die Männer Standhaftigkeit, Starkmut und Geduld.“ — Nach diesen Worten sprang sie auf den Scheiterhaufen. Wie ein glänzendes Brautgemach umschloß dieser den Leib der Heiligen, schickte die Seele hinüber in das himmlische Vaterland und in die ihr gebührende Ruhe; den ehrwürdigen Leib aber ließ er unversehrt den Verwandten. Dieser wurde in der schönsten Vorhalle der Stadtkirche beigesetzt, heiligt den Ort und heiligt die, die ihn besuchen. Sogar die Erde wurde durch die Ankunft der Seligen gesegnet und ließ das köstlichste Wasser aus ihrem Schoße emporquillen.. So ward die Märtyrin zur Mutter der Stadt und erquickte alle Bewohner gleichsam mit derselben Milch. Dies Wasser ist ein Schutzmittel für die Gesunden, für Mäßige eine Spende von Genuß, für Kranke ein Trost. Die Märtyrin erwies uns dieselbe Wohltat, die einst Elisäus den Einwohnern von Jericho erwiesen hatte: Sie verwandelte das von Natur aus salzige Wasser der Gegend durch Segnung in süßen, mundenden und allen Sinnen bekömmlichen Trank.
Ihr Männer, zeigt euch im Glauben nicht weniger stark als die Frauen! Und ihr Frauen, weicht nicht ab 214 von diesem Vorbilde, sondern haltet fest am Glauben ohne Ausrede! Ihr habt ja jetzt erfahren durch die Tat, daß keine Schwäche der Natur irgendeine gute Tat unmöglich macht.
§ 3
Ich war entschlossen, ausführlich über die Märtyrin zu reden. Doch die gestern von uns begonnene und unvollendet gebliebene Rede gestattet kein längeres Verweilen bei diesem Thema. Ich habe nämlich einen natürlichen Widerwillen gegen alles Stückwerk. Einen unangenehmen Eindruck macht ja auch ein halbfertiges Bild, und es lohnt sich die Mühe einer Reise nicht, wenn der Wanderer nicht ein gestecktes Ziel und seinen bestimmten Haltepunkt erreicht. Auch eine sehr geringe Jagdbeute ist so gut wie keine; und die Rennbahnläufer kommen um den Siegespreis, wenn sie auch nur um einen Schritt zurückbleiben. So erging es auch uns, als wir gestern die Worte des Apostels zitierten und deren Sinn in kurzen Worten erklären zu können hofften; es stellte sich heraus, daß wir mehr wegließen als eigentlich sagten. Deshalb halten wir es für nötig, das Versäumte nachzuholen.
Der Apostel sagte also: „Freuet euch allezeit; betet ohne Unterlaß; bei allem sagt Dank!“ Über den ersten Punkt, man solle sich allezeit freuen, habe ich gestern genug gesagt, wenn auch das Thema nicht erschöpfend. Ob wir aber ohne Unterlaß beten müssen, und ob das Gebot durchführbar, darauf erwartet ihr von mir eine Antwort, und ich will das Gebot, so gut ich kann, verteidigen.
Gebet ist die Bitte um eine Gabe, die der Gläubige an Gott richtet. Diese Bitte äußert sich aber durchaus nicht bloß in Worten. Wir nehmen ja nicht an, daß Gott mit Worten (an etwas) erinnert werden muß, daß er vielmehr, auch ohne daß wir bitten, weiß, was uns frommt. Was wollen wir damit sagen? Daß unser Gebet nicht in Silben aufgehen darf, sondern daß die Kraft des Gebetes mehr in der Gesinnung der Seele und in tugendhaften Handlungen, die auf das ganze Leben sich erstrecken, 215 ruht. „Denn mögt ihr essen“, sagt Paulus, „oder trinken oder etwas anderes tun, tut alles zur Ehre Gottes!“ Setzest du dich zu Tisch, so bete! Nimmst du Brot, so dank’ dem Geber! Stärkst du den schwachen Leib mit Wein, so denk’ an den, der dir die Gabe zur Freude deines Herzens und zur Behebung deiner Schwächen reicht! Ist die Einnahme der Mahlzeit vorüber, so soll damit die Erinnerung an den Wohltäter nicht vorübergehen. Ziehst du das Kleid an, so dank’ dem, der es dir gegeben! Wirfst du den Mantel um, so wachse in der Liebe zu Gott, der uns für Winter und Sommer mit passenden Kleidern versehen hat, mit Kleidern, die unser Leben schützen und unsere Scham decken. Ist der Tag vorüber, so danke dem, der uns die Sonne für das Tagewerk gegeben und das Feuer zur Erhellung der Nacht und zur Befriedigung der übrigen Lebensbedürfnisse verliehen hat! Die Nacht biete weitere Anlässe zum Gebet! Schaust du zum Himmel empor und betrachtest die Schönheit der Sterne, so bete zum Herrn der sichtbaren Welten, bete an den großen Meister des Weltalls, der alles in Weisheit gemacht hat! Siehst du die ganze lebende Kreatur in Schlaf versenkt, so bete wieder den an, der auch wider unseren Willen durch den Schlaf unsere Arbeiten unterbricht und durch kurze Ruhe uns wieder zur vollen Kraft kommen läßt.
§ 4
Es soll also die Nacht nicht gleichsam ausschließliches Eigentum des Schlafes sein. Laß nicht die Hälfte deines Lebens in trägem Schlafe verloren gehen, sondern teile die Nachtzeit in Schlaf und Gebet! Ja, der Schlaf selbst soll eine Übung der Frömmigkeit sein. Die Vorstellungen im Schlafe sind ja doch meist Nachklänge unserer Tagessorgen. Denn wie unsere Lebensbeschäftigungen, so natürlich auch unsere Träume. — Auf diese Weise wirst du ohne Unterlaß beten, wenn du also dein Gebet nicht auf Worte einschränkst, sondern in deinem ganzen Lebenswandel dich mit Gott vereinigst, so daß dein Leben ein anhaltendes, ununterbrochenes Gebet ist.
216 Doch der Apostel sagt auch: „Bei allem dankt!“ Wie ist es möglich, sagt man, daß eine Seele im Weh der Heimsuchungen und gleichsam durchbohrt vom Schmerzgefühl nicht in Klagen und Tränen ausbrechen, sondern wie für Guttaten danken soll für Dinge, die in Wahrheit verwünscht sind? Treffen mich Leiden, die der Feind mir wünschte, wie soll ich dafür danken können? Wird der Mutter vorzeitig ein Kind entrissen, und verwunden Schmerzen, bitterer als die ersten Geburtswehen, ihr Herz bei der Trauer über den Liebling, wie sollte sie da die Tränen zurückhalten und Dankesworte finden? Wie? Indem sie bedenkt, daß Gott für das von ihr geborene Kind der eigentliche Vater, der weisere Beschützer und Lenker des Lebens ist. Was wollen wir also den weisen Herrn über sein Eigentum nicht nach Gutdünken verfügen lassen, sondern ungehalten werden, als würden wir unseres Eigentums beraubt? Und was bedauern wir die Verstorbenen, als wäre es ihnen schlecht ergangen? Du aber denk’ daran, daß das Kind nicht gestorben, sondern zurückgegeben, und der Freund nicht mit Tod abgegangen ist, sondern sich nur verabschiedet und etwas früher den Weg angetreten hat, den auch wir gehen müssen. Gottes Gebot sei dir Gefährte, der dir unablässig gleichsam Licht und Helligkeit zur Unterscheidung der Dinge spendet! Wenn dies Gebot schon von weitem der Seele die Richtung angibt und das richtige Urteil über jedes Vorkommnis schon im voraus festlegt, dann kann nichts von dem, was dir zustößt, dich aus der Fassung bringen, sondern bestvorbereitet und gefaßt wirst du wie ein Fels im Meere sicher und unerschüttert den Anprall heftiger Stürme und Wogen aushalten. Warum hast du denn nicht schon früher dich daran gewöhnt, Sterbliches für sterblich zu halten, und warum kommt dir der Tod deines Kindes so unerwartet? Wenn man dich in dem Augenblick, da man dir die erste Nachricht von der Geburt des Sohnes brachte, gefragt hätte, was denn das Geborene sei, was hättest du wohl geantwortet? Hättest du wohl etwas anderes zu sagen gewußt als: das Geborene sei ein Mensch? Wenn aber ein Mensch, dann offenbar auch sterblich. Was ist es also auffallend, wenn der Sterbliche gestorben ist? Siehst 217 du nicht, wie die Sonne auf- und untergeht? Siehst du nicht, wie der Mond zu- und abnimmt? Nicht, wie die Erde grünt und verdorrt? Was um uns her hat denn Bestand? Was hat denn eine unveränderliche, unwandelbare Natur? Schau auf zum Himmel, sieh die Erde an! Auch sie bleiben nicht ewig. „Denn Himmel und Erde werden vergehen“, heißt es; „die Sonne wird verfinstert werden; der Mond wird seinen Schein nicht mehr geben.“ Was Wunder also, wenn auch wir, ein Teil der Welt, der Welt Schicksal teilen? Auf das sieh hin, wenn auch dich der Teil vom allgemeinen Lose trifft, und dulde schweigend, nicht sinn- und gefühllos — denn welcher Lohn harrt dem Stumpfsinn? —, sondern mit Selbstüberwindung und unzählig vielen Schmerzen! Halte nur aus wie ein hochgemuter Kämpfer, der seine Stärke und Tapferkeit nicht bloß dadurch zeigt, daß er auf seine Gegner losschlägt, sondern auch dadurch, daß er ihre Streiche standhaft aushält. Halte aus wie ein Steuermann, der weise und durch lange Erfahrung zur See unerschrocken geworden, einen aufrechten, nie sinkenden, jedem Sturme trotzenden Mut bewahrt! Der Verlust eines geliebten Kindes, einer treuen Gattin, eines lieben Freundes oder eines Verwandten voll lauteren Wohlwollens fällt einem Einsichtsvollen nicht schrecklich schwer, der die gesunde Vernunft zur Führerin des Lebens hat und nicht gewohnheitsmäßig dahinschlendert. Trennung von einer Gewohnheit ist ja für Tiere sehr empfindlich. Ich sah selbst einmal einen Ochsen an einer Futterkrippe weinen, da ihm sein Weide- und Jochgefährte gestorben war. Auch bei den anderen Tieren kann man sehen, daß sie sehr an der Gewohnheit hangen. Du aber bist nicht so belehrt und unterrichtet worden. Es ist ja nichts Unrechtes, wenn aus langem Zusammensein und täglichem Umgang eine Freundschaft sich anknüpft; aber ganz unvernünftig ist es, über die Trennung zu klagen wegen eines sehr langen früheren Umganges miteinander.
§ 5
Zum Beispiel: Eine Frau ist deine Lebensgefährtin geworden, die dir das Leben auf jede Weise versüßt, 218 Frohsinn schafft und für Heiterkeit sorgt, haushälterisch und sparsam ist, in traurigen Stunden den größten Teil der Bitterkeit auf sich nimmt; sie wurde dir jäh vom Tod hinweggerafft. Reg’ dich nicht auf über das Unglück! Sprich nicht von einem blinden Zufall der Dinge, als wäre kein Lenker, der die Welt regiert. Mutmaße auch keinen bösen Weltenschöpfer und brüte nicht in unmäßiger Trauer verderbliche Lehren aus; fall nicht ab vom wahren Glauben! Ihr waret ja freilich zwei in einem Fleische, und viel Nachsicht verdient der, welcher die Trennung und Auflösung der Gemeinschaft schmerzlich empfindet; aber deshalb Ungehöriges zu denken oder zu reden nützt dir nichts. Denk’ daran, daß Gott, der uns gestaltet und beseelt hat, jeder Seele eine eigene Lebensdauer gegeben und den einen Menschen diese, den anderen eine andere Sterbestunde bestimmt hat. Er verfügte, daß der eine länger im Fleische verbleibe, ein anderer schneller von den Banden des Leibes befreit werde — nach den unaussprechlichen Ratschlüssen seiner Weisheit und Gerechtigkeit. Wie manche von denen, die ins Gefängnis geworfen werden, längere Zeit in den Qualen der Fesseln schmachten müssen, andere eine schnellere Erlösung aus dem Elende finden, so werden auch von den Seelen manche länger, andere kürzere Zeit in diesem Leben zurückgehalten, so wie es jede verdient, und unser Schöpfer in seiner uns unbegreiflichen Weisheit und Tiefe von jeher vorsieht. Hörst du nicht David sprechen: „Führe aus dem Kerker meine Seele!“ Hast du nicht von dem Heiligen gehört, daß seine Seele der Fesseln losgeworden sei? Was tat Simeon, als er unsern Herrn in seine Arme schloß? Welchen Ausspruch tat er? Nicht den: „Nun entlässest du deinen Diener, o Herr“? Denn für den, der nach dem Leben dort oben verlangt, ist der Aufenthalt im Fleische schmerzlicher als jede Strafe und jeder 219 Kerker. Verlange also nicht, daß die Verfügungen über die Seelen nach deinem Geschmack sich richten! Bedenk’ vielmehr, daß die im Leben Geeinten, dann im Tode Getrennten Wanderern gleichen, die denselben Weg gehen und nur dank des ständigen Verkehrs miteinander und durch gegenseitige Angewöhnung sich geeint haben. Haben sie dann den gemeinsamen Weg hinter sich und kommen an den Scheideweg, wo sie sich bei ihrem verschiedenen Zweck der Reise trennen müssen, so vergessen sie nicht ob der gegenseitigen Angewöhnung ihr Ziel, sondern erinnern sich an den ursprünglichen Zweck ihrer Reise und eilen ein jeder an sein Ziel. Wie nun diese einen verschiedenen Zweck der Reise hatten, auf der Wanderung aber aneinander sich gewöhnten und anschlossen, so ist auch denen, die in der Ehe oder sonst in einer Lebensgemeinschaft sich zusammengefunden haben, je ein besonderes Lebensziel gesetzt; dies vorherbestimmte Lebensziel trennt und scheidet notwendig die, welche miteinander verbunden waren.
§ 6
Ein verständiger Mensch wird daher die Trennung nicht schwer nehmen, vielmehr dankbar sein für die vorangegangene Verbindung dem, der sie beschied. Du aber hast in der Zeit, da deine Frau, der Freund oder das Kind oder sonst jemand, den du jetzt beklagst, noch lebte, dem Geber der Gaben keinen Dank gewußt; aber jetzt klagst du über deren Verlust. Wenn du mit der Frau allein zusammenlebtest, so würdest du klagen, daß du nicht Kinder hättest, wie du sie wolltest; wenn du Kinder hättest, wäre die Klage, daß du nicht besonders reich wärest, oder daß du einige deiner Feinde froher Dinge sähest. Sieh zu, daß wir nicht etwa selbst den Verlust der Teuersten uns notwendig machen, da wir ihrer, solange sie am Leben sind, nicht achten, der Dahingegangenen uns aber annehmen. Denn da wir für die gegenwärtigen Güter, die wir von Gott erhalten, nicht danken, so müssen wir ihrer beraubt werden, damit wir sie schätzen lernen. Wie die Augen den zu naheliegenden Gegenstand nicht sehen, sondern einen mäßigen Abstand davon erfordern, so scheinen auch die undankbaren Seelen erst beim Verluste der Güter der 220 genossenen Gnade sich bewußt zu werden. Solange sie das Gute genossen, dachten sie nicht daran, dem Geber zu danken; nach dem Verluste erst preisen sie das Entschwundene.
Aber von uns wird sich niemand aus irgendwelcher Lebenslage dem Danke verschließen, wenn er alles vernünftig überlegen will. Das Leben eines jeden aus uns bietet ja zahlreiche erfreuliche Betrachtungsmöglichkeiten, sofern wir nur auf die unter uns Stehenden schauen wollten und so aus einer Vergleichung unserer guten Lage mit einer weniger guten ermessen möchten, wie gut wir es haben. Du bist Knecht? Du hast dann doch einen, der tiefer als du stehst. Danke, daß du über dem einen stehst, daß du nicht zur Mühle verdammt bist, daß du keine Schläge erhältst! Doch auch diesem verbleibt noch mancher Anlaß zum Danke. Er trägt keine Fesseln, ist an kein Holz gebunden. Der Gefesselte aber hat mit dem Leben Anlaß genug zum Danke: Er sieht die Sonne, atmet die Luft; dafür weiß er Dank. Du wirst ungerecht gestraft? Freue dich der Hoffnung auf die künftigen Güter! Du wardst mit Recht verurteilt? Auch dann danke, daß du hier für deinen Übermut büßen kannst und nicht wegen ungebüßter Sünden ewiger Strafe überantwortet wirst. In diesem Sinne kann ein verständiger Mensch für sein ganzes Leben und in allen Lebenslagen dem Wohltäter für gewährte Güter innig danken. — Nun aber sind die meisten Menschen mißvergnügt, weil sie ihr gegenwärtiges Glück nicht schätzen und nach Gütern verlangen, die nicht zur Verfügung stehen. Sie zählen nicht die, welche dürftiger als sie sind, um so dem gütigen Geber ihrer Gaben zu danken, sondern sie vergleichen sich mit den reicheren und denken an ihr Defizit, jammern und klagen über die Glücksgüter der andern, als wären sie der eigenen beraubt worden. Der Sklave ist darüber ungehalten, daß er nicht frei ist, der in Freiheit Aufgewachsene, daß er nicht von vornehmer Abkunft, nicht von altem Adel ist und sieben Ahnen in aufsteigender Linie aufzählen kann, die berühmte Pferdehalter waren oder ihren Reichtum in Fechterspielen aufgehen ließen. Wer von hohem Adel ist, klagt, daß er nicht großtun kann mit Reichtum. Der Reiche klagt und 221 bedauert, daß er nicht über Staaten und Völker zu gebieten hat, der Feldherr, daß er nicht König ist, der König, daß er nicht über alles Land unter der Sonne herrscht, sondern daß es Völker gibt, die seinem Zepter nicht unterworfen sind. Aus all dem ergibt sich, daß dem Wohltäter für nichts gedankt wird.
Doch wir wollen die Trauer ob der fehlenden Güter fahren lassen und lernen, dankbar zu sein für die, die wir haben. Wir wollen in düsteren Lebensstunden und Lebenslagen zum weisen Arzt sagen: „In kleiner Trübsal kommt deine Zucht über uns.“ Sprechen wollen wir: „Gut ist es für mich, daß du mich gedemütigt hast.“ Sagen wollen wir: „Die Leiden dieser Zeit sind nicht zu vergleichen mit der künftigen Herrlichkeit, die an uns offenbar werden wird.“ Sagen wollen wir: „Wir sind nur wenig für unsere Sünden gezüchtigt worden.“ Rufen wollen wir zum Herrn: „Züchtige uns, o Herr, nur nicht im Gerichte und in deinem Himmel!“ „Denn gerichtet vom Herrn, werden wir gezüchtigt, damit wir nicht mit dieser Welt verdammt werden.“ In glücklicher Lebenslage aber wollen wir mit David sprechen: „Womit soll ich dem Herrn vergelten für alles, was er mir vergolten hat?“ Aus dem Nichts hat er uns ins Dasein gerufen, hat uns mit Vernunft ausgestattet, uns Fertigkeiten gegeben zur Erhaltung unseres Lebens; Nahrung läßt er aus der Erde sprossen; die Tiere hat er uns dienstbar gemacht. Unsertwegen regnet es, unsertwegen scheint die Sonne; unsertwegen schuf er Berge und Täler und bereitete selbst die Gipfel der Berge uns zu Zufluchtsstätten. Unsertwegen strömen die Flüsse, sprudeln die Quellen. Das Meer öffnet sich uns für den Handel; den Reichtum aus den Minen, die allseitigen Genüsse, die uns die ganze Schöpfung anbietet, danken wir der reichen, unerschöpflichen Güte unseres Wohltäters.
§ 7
222 Doch was soll man die Kleinigkeiten nennen? Unsertwegen wandelte Gott unter Menschen. Des verderbten Fleisches wegen ist „der Logos Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Mit den Undankbaren zusammen wohnt der Wohltäter. Zu denen, die im Schatten sitzen, kommt „die Sonne der Gerechtigkeit.“ Ans Kreuz kommt der Nichtleidensfähige; in den Tod geht das Leben, in die Unterwelt das Licht. Die Auferstehung folgt — wegen der Gefallenen. Dazu der Geist der Kindschaft, die Austeilungen der Gnadengaben, die Verheißungen der Kronen und alles andere, was man nicht einmal leicht aufzählen kann, und worauf der Ausspruch des Propheten paßt: „Womit soll ich dem Herrn vergelten für alles, was er mir vergolten hat?“ Ja, es heißt hier nicht, der großmütige Geber habe gegeben, sondern „vergolten“, wie wenn er nicht den Anfang mit der Gabe machte, sondern nur denen vergälte, die (mit dem Guten) begonnen. Der Dank für erhaltene Gaben wird als Wohltat angerechnet. Er, der dir das Vermögen gab, bittet dich um Almosen durch die Hand der Armen, und obschon er nur das Seinige empfängt, erstattet er dir doch vollkommenen Dank, als hättest du Eigenes gegeben. — „Womit sollen wir dem Herrn vergelten für alles, was er uns vergolten hat?“ Ich komme vom Worte des Propheten nicht weg, der so recht sich verlegen zeigt, seine Armut erkennt und kein entsprechendes Gegengeschenk für den Herrn hat. Er verspricht uns ja zu den so großen und herrlichen Wohltaten hin, als wären sie nicht schon überschwenglich, für die Zukunft noch weit größere: die Wonne des Paradieses, die Herrlichkeit im Himmel, engelgleiche Ehren, die Anschauung Gottes, das größte Gut für die, die deren gewürdigt werden, wonach jedes vernünftige Wesen sich sehnt, und das auch wir nach Reinigung von Begierden des Fleisches erlangen möchten.
Nun sagt man, wie sollen wir denn Anteilnahme und innige Liebe — sie ist doch das erste und höchste Gut; 223 die „Liebe ist ja des Gesetzes Erfüllung“ — dem Nächsten erweisen? Sollen wir denn nicht mitweinen, wenn wir Menschen begegnen, die unter schweren Heimsuchungen leiden; sollen wir nicht mit ihnen Tränen vergießen, sondern für diese Prüfungen danken? Sein eigenes Leid mag man mit Danksagung tragen und so seine Geduld, seinen Starkmut zeigen; für fremde Drangsale aber Gott danken kann doch nur der, der über fremdes Unglück sich freut und den Betrübten noch ärgern will; gebietet uns doch auch der Apostel, mit den Weinenden zu weinen. Was wollen wir darauf antworten? Muß ich euch nochmals an die Worte des Herrn erinnern, mit denen er befohlen hat, worüber man sich freuen und worüber man trauern soll? „Freuet euch“, sagt er, „und frohlockt; denn euer Lohn ist groß im Himmel.“ Ferner: „Töchter Jerusalems, weinet nicht über mich, sondern weinet über eure Kinder!“ Also befiehlt uns das göttliche Wort, mit den Gerechten zu frohlocken und uns zu freuen, mit den reumütig Weinenden aber zu trauern und zu klagen oder auch die Verstockten zu beklagen, weil sie nicht einmal wissen, wie sie zugrunde gehen.
§ 8
Man darf aber ja nicht glauben, daß der, welcher den Tod von Menschen beweint und mit den Leidtragenden laut klagt, das Gebot erfülle. Ich kann doch einen Arzt nicht loben, der, anstatt den Kranken zu helfen, selbst von den Krankheiten sich anstecken läßt, oder den Steuermann, der, anstatt die Schiffsbemannung zu kommandieren, gegen den Sturm zu kämpfen und den Wogen auszuweichen und die Furchtsamen zu ermutigen, selbst seekrank wird und mit den Seeunkundigen den Mut sinken läßt. So steht es auch um den, der die Trauernden besucht, ihnen aber nichts Vernünftiges und Tröstliches zu bieten weiß, der vielmehr eine unangebrachte Teilnahme dem fremden Leid entgegenbringt. Es ist ganz in 224 der Ordnung, daß du ob der Prüfungen der Leidbetroffenen mittrauerst; so wirst du dich zum Vertrauten der Leidtragenden machen, wenn du angesichts ihres Unglücks dich nicht froh zeigst noch gleichgültig bei fremdem Leid. Aber weiter darfst du dich von den Leidtragenden nicht mit fortreißen lassen, nicht mit ihnen laut aufschreien, nicht wehklagen mit den Leidgequälten oder sonstwie die in schwarze Trauer Versenkten nachahmen und es ihnen gleichtun, daß du z. B. dich mit ihnen einschließest, dich schwarz kleidest, auf den Boden dich setzest und das Haar vernachlässigst. Das hieße das Unglück eher steigern als mildern. Siehst du nicht, daß die Schmerzen größer werden, wenn zu Wunden die Geschwulst, zu Fiebern Milzleiden hinzukommt, eine sanfte Berührung mit der Hand aber den Schmerz lindert? Mach’ also mit deiner Gegenwart das Leid nicht noch schmerzlicher, und falle nicht mit den Gefallenen! Wer nämlich einen Liegenden aufrichten will, muß jedenfalls höher stehen als der Gefallene; wer aber gleich tief gefallen ist, bedarf gleichfalls eines andern, der ihn aufrichte.
Anderseits ziemt es sich, an den Vorfällen inneren Anteil zu nehmen und im stillen über das Unglück zu trauern, auch in entsprechender Miene und würdevollem Ernste die Seelenstimmung zum Ausdruck zu bringen. Auch ist es nicht angezeigt, im Gespräche sogleich mit Vorwürfen herauszurücken, als wollte man auf die Niedergebeugten losgehen und sie mit Füßen treten. Denn Vorwürfe berühren kummervolle Seelen peinlich, und den Leidtragenden klingen unerträglich und trostesleer die Reden derer, die so ganz gefühllos bleiben. Läßt du sie aber ausklagen und ausjammern — es verschlägt ja nichts —, so wird der Schmerz bald nachlassen und sich legen, und du findest dann die Gelegenheit zu taktvoller, linder Tröstung. Auch die Pferdebändiger halten unbändige junge Rosse nicht gleich mit den Zügeln an, noch spornen sie dieselben — so würden sie die Rosse nur zum Sichaufbäumen und Abwerfen des Reiters erziehen —, sondern sie geben ihnen anfangs etwas nach und folgen ihnen. Sehen sie aber, daß sie ausgetobt haben und ihre Kraft gebrochen ist, dann nehmen sie 225 dieselben fest in die Zügel und machen sie sich mit ihrer Kunst allmählich gefügiger. So wird es nach dem Ausspruche Salomons „besser sein, in ein Trauerhaus zu gehen, als in ein Haus festlichen Gelages“, wenn man in vernünftiger, mildernder Rede dem Leidenden die eigene Gesundheit mitteilen, nicht aber von der fremden Trauer wie von einer Augenkrankheit sich anstecken lassen will.
§ 9
Man muß also weinen mit den Weinenden. Wenn du den Bruder reumütig über seine Sünden weinen siehst, dann weine mit ihm und nimm dich seiner an! So kannst du in fremdem Leiden dein eigenes heben. Wer nämlich über die Sünde seines Nächsten heiße Tränen vergießt, der heilt sich selbst mit den Tränen, die er über den Bruder vergießt. Ein Beispiel ist der, der da sprach: „Bestürzung ergreift mich ob der Sünder, die dein Gesetz verlassen.“ Weine ob der Sünde! Sie ist eine Seelenkrankheit; sie ist der Tod der unsterblichen Seele; sie gehört beklagt und unablässig beweint. Ihr gelte jede Träne und jeder Seufzer aus der Tiefe des Herzens! Paulus beweinte die Feinde des Kreuzes Christi. Jeremias beweinte die, die aus dem Volke verloren gingen. Und da ihm die natürlichen Tränen nicht mehr genügten, suchte er die Tränenquelle und deren letzten Winkel auf. „Ich will mich hinsetzen“, sprach er, „und beweinen dieses Volk viele Tage, sie, die da verloren gehen.“ Solchem Weinen und solcher Trauer spricht die Schrift den Segen, nicht der Bereitschaft zu jeglicher Trauer, nicht der Veranlagung, bei jeder Gelegenheit zu weinen.
Ich habe schon Genußsüchtige gekannt, die in ihrer maßlosen Genußsucht unter dem Vorwand, die Trauer verscheuchen zu wollen, der Völlerei und Trunkenheit sich ergaben und ihre Unmäßigkeit mit den Worten Salomos zu entschuldigen suchten, der da sagt: „Gebt Wein den Traurigen.“ Es ist das einer der Sprüche (Salomos), der aber nicht zügellose Trunkenheit gestattet, sondern das Wohlbefinden des Menschen 226 fördert. Um gar nicht zu reden vom tieferen Sinn des Wortes, wornach mit Wein die vernünftige Fröhlichkeit gemeint wäre; auch der nächstliegende Sinn offenbart die große Vorsorge, daß nämlich die untröstlich und schwermütig Gestimmten nicht in allzu großer Trauer auf die Nahrung vergäßen, sondern daß das Herz des Trauernden mit Brot gestärkt und der schwindenden Kraft mit Wein nachgeholfen werde. Die Weintrinker und Trunkenbolde lindern die Trauer nicht, sondern vertauschen nur ein Übel mit einem andern und sind schlechte Handelsleute, die Krankheiten der Seele für leibliches Weh in Kauf nehmen. Sie machen es denen nach, die die Zünglein an der Wage einander gleichstellen wollen und immer soviel von der Trauer wegnehmen, als sie Vergnügen zulegen. Ich meine aber, man solle mit Wein der Natur nachhelfen, nicht aber soviel Wein einschütten, daß er die Vernunft verfinstert. Auch wird der Wein die Traurigkeit nicht wegschwemmen, wohl aber kommt über die Seele das Laster der Trunkenheit. Ist aber die Vernunft der Arzt für die Traurigkeit, dann ist die Trunkenheit der Übel größtes, da sie der Heilung der Seele im Wege steht.
Wohlan — nimm dir das Gesagte bis ins Einzelne zu Herzen, und du wirst finden, daß des Apostels Gebot zu halten möglich und nützlich ist. Wie wirst du dich allezeit freuen, wenn du der richtigen Einsicht folgst; wie wirst du ohne Unterlaß beten, wie bei allem Dank sagen! Wie wirst du auch die Trauernden trösten, um in allweg vollkommen und vollendet zu sein mit der Hilfe des Hl. Geistes und der innewohnenden Gnade unseres Herrn Jesu Christi, dem die Ehre und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.