DIE DANKSAGUNG (Migne, PG. XXXI, 217—237)
Inhalt: Gegenvorstellungen auf die paulinische (b01. Thess. 5, 16—18) Aufforderung zu ständiger Freude 196 und Danksagung — im Hinblick auf die vielen Widerwärtigkeiten des Lebens. Die Einwände verfangen nicht, da Paulus an himmlisch Gesinnte sich wendet und zu heiliger, göttlicher Freude aufruft. Irdische Heimsuchungen stören die Christenseele nicht, erhöhen vielmehr deren Freude. Die vielen natürlichen und übernatürlichen Gnadenerweise Gottes den Menschen gegenüber sind ebenso viele Anlässe zur Freude (c. 1—2). Im Sinnengenusse Befangene so bedauernswert wie glücklich die, welche in die Ewigkeit hineinleben. Dafür sprechen biblische Beispiele. Die Hoffnung auf ewigen Lohn verklärt die zeitlichen Trübsale. Die Trauer der biblischen Heiligen gilt den Glücksgütern dieser Welt und dem geistigen Elend (c. 3). Dieses Mitweinen der Heiligen mit den Leidenden stammt aus ihrer Gottesliebe, erwirkt ihnen neue Freude, ist gleichsam Samen ewiger Freude (c. 4). Jesus weinte, um die natürlichen Regungen des Herzens zu veredeln und zu verklären und uns zur Mäßigung der Gefühle zu erziehen. Sein Weinen eine Äußerung seiner menschlichen Natur. Tränen sind übrigens eine Auslösung und damit eine Erlösung von innerem Kummer, wie auch eigene Erfahrung bezeugt (c. 5). Der weinende Heiland rechtfertigt nur die mäßige Trauer. Maßlose Trauer ist unheilig — ein Vorbild ist Job — (c. 6). Schmerzlichen Todesfällen soll keine trostlose Trauer folgen, sondern die Vertröstung mit dem Gedanken irdischer Vergänglichkeit und des allgemeinen Glückswechsels und mit der Hoffnung auf die künftigen Güter. Für alle Leiden hat der Himmel seine besonderen Freuden (c. 7).
§ 1
Ihr habt die Worte des Apostels gehört, mit denen er zu den Thessalonichern spricht und für das ganze Leben ein Gebot gibt. Wohl galt ja die Unterweisung zunächst für die, die von überallher bei ihm sich einfanden, aber der Nutzen daraus geht auf das ganze Menschengeschlecht über. „Freuet euch allezeit,“ sagt er, „betet ohne Unterlaß; bei allem sagt Dank!“ Was es 197 nun ist um dieses Sichfreuen, welcher Gewinn daraus zu erhoffen, wie man dem anhaltenden Gebete obliegen und bei allem Gott Dank sagen kann, das wollen wir, so gut wie möglich, etwas später auseinandersetzen. Zunächst müssen wir nun mit den Einwänden unserer Gegner, die dies Gebot als eine Unmöglichkeit verlästern, beschäftigen.
Was ist denn das für eine Tugend, fragen sie, Tag und Nacht in Ausgegossenheit der Seele heiter und fröhlich zuzubringen? Wie wäre das auch möglich, wo tausendfaches, unvorhergesehenes Unheil uns umlagert, das die Seele notwendig in Trauer versetzt? Dabei sich noch freuen und fröhlich sein, ist unmöglicher, als auf einem Roste gebraten keinen Schmerz empfinden oder durchbohrt keine Qual erleiden. Vielleicht leidet auch der eine oder andere von den hier Herumstehenden an dieser Geisteskrankheit, schützt für seine Sünden Entschuldigungen vor und wagt sogar, bei seiner Lässigkeit in Beobachtung der Gebote dem Gesetzgeber Vorwürfe zu machen, als schreibe dieser Unmögliches vor. — Wie ist es mir denn möglich, mich allezeit zu freuen, sagt man, wo doch die Ursachen der Freude nicht bei mir liegen? Von außen kommt ja, was Freude schafft; es liegt nicht an uns: so die Ankunft eines Freundes, langes Zusammensein mit den Eltern, gefundene Schätze, Ehren bei den Menschen, Wiedergesundung von schwerer Krankheit und was sonst noch das Leben glücklich macht: ein Haus ohne jeden Mangel, ein reichgedeckter Tisch, willkommene Genossen der Freude, Ohrenschmaus und Schauspiele zum Ergötzen, Gesundheit der nächsten Angehörigen und sonst ein glücklicher Verlauf ihres Lebens. Denn schmerzlich berühren nicht bloß eigene Leiden, sondern auch die, welche Freunde und Verwandte treffen. Aus all dem zusammen muß die Freude und Fröhlichkeit der Seele sich ergeben. Darf man dazu noch den Sturz der Feinde erleben, Niederlagen von Verfolgern, Vergeltung von Wohltaten, kurz, wenn überhaupt nichts in der Gegenwart noch für die Zukunft Mißvergnügen erregt oder unser Leben beunruhigt, dann kann 198 in der Seele die Freude erstehen. Warum ist uns also ein Gebot gegeben, dessen Beachtung nicht vom freien Willen abhängt, sondern die Begleiterscheinung vorhin genannter Umstände ist? — Wie soll ich sodann ohne Unterlaß beten, da des Leibes Bedürfnisse die Aufmerksamkeit der Seele notwendig für sich in Anspruch nehmen und das geistige Vermögen doch unmöglich auf zwei Sorgenkreise sich verteilen kann?
§ 2
Ja, auch bei allem Dank zu sagen, ist mir geboten. Danken soll ich, wenn man mich martert, geißelt, aufs Rad spannt, mir die Augen aussticht? Soll ich danken, wenn ich mißhandelt werde mit einem entehrenden Schlage von der Hand des Hassers, wenn ich vor Kälte starr, vor Hunger ausgemergelt bin, auf die Folterbank gebunden, mit einem Schlage aller Kinder und sogar der Gattin beraubt werde? Danken, wenn ein Schiffbruch mir plötzlich meinen Wohlstand raubt, wenn ich auf dem Meere unter Seeräuber oder auf dem Lande unter Straßenräuber gerate? Danken, wenn ich verwundet werde, verleumdet, wenn ich im Elende umherirre, im Kerker schmachten muß? — Dies und noch weit mehr als das tragen die Ankläger des Gesetzgebers zusammen und wähnen ihre Sünden rechtfertigen zu können, wenn sie das uns auferlegte Gebot als etwas Unerträgliches verlästern. Was wollen wir nun antworten?
Der Apostel hat etwas anderes im Auge; er sucht unsere Seelen von der Erde zur Höhe emporzuführen und zu einem himmlischen Wandel umzustimmen. Die also den hohen Sinn des Gesetzgebers nicht erreichen, die auf der Erde und im Fleische, wie Würmer im Kote, in ihren sinnlichen Lüsten sich winden, diese verbitten sich die apostolischen Gebote als unerträglich. Der Apostel lädt darum auch nicht den nächsten Besten ein, sich allezeit zu freuen, sondern nur den, der ihm ähnlich ist, ihm, der nicht mehr im Fleische lebte, sondern Christum lebendig in sich hatte, da ja die Verbindung mit dem höchsten Gute ganz und gar für die Belästigungen des Fleisches unempfindlich macht. Im 199 Gegenteil, wird auch das Fleisch zerschnitten, der zerteilende Schnitt verbleibt dem leidenden Teile des Körpers, und eine Vermittlung des Schmerzes an den geistigen Teil der Seele ist nicht möglich. Wenn wir auf den Rat des Apostels hin die irdischen Glieder töten und den Tod Jesu an unserm Leibe herumtragen, so kann die Wunde vom abgetöteten Leibe nicht bis zur Seele dringen, die die Verbindung mit ihm gelöst hat. Kränkungen, Verluste und Todesfälle von Angehörigen werden also nicht bis zum Geiste vordringen, werden also nicht die höchste Seite der Seele in Mitleidenschaft ziehen. Wenn nun diejenigen, welche in schwierige Verhältnisse geraten sind, ebenso denken wie der eifrige Mann, so werden sie keinem anderen Kummer machen, da sie ja durch die Prüfungen selbst nicht schmerzlich berührt sind. Leben sie aber nach dem Fleische, so werden sie auch in diesem Falle zur Trauer keinen Anlaß geben, wohl aber bedauernswert befunden, nicht so fast der Umstände wegen als vielmehr deshalb, weil sie ihre Pflicht versäumt haben. Überhaupt wird eine Seele, die einmal von Verlangen nach dem Schöpfer gefesselt ward und an dieser Schönheit ihr Gefallen fand, diese Wonne und Freude nicht mit dem vielfachen Wechsel sinnlicher Lüste vertauschen; vielmehr wird das, was andere traurig stimmt, ihren Frohsinn steigern. Ein Beispiel ist der Apostel, der an Schwachheiten, Bedrängnissen, Verfolgungen, Nöten sein Wohlgefallen hatte und sich seiner Armut rühmt. Bei Hunger und Durst, bei Kälte und Blöße, in Verfolgungen und Ängsten, worüber andere seufzen und des Lebens überdrüssig werden, da frohlockte er. Diejenigen, die des Apostels Gesinnung nicht kennen noch verstehen, daß er uns zu einem evangelischen Leben aufruft, wagen Paulus anzuklagen, daß er uns Unmögliches zumute. Möchten sie doch sich sagen lassen, wieviel Anlaß zu berechtigter Freude die Freigebigkeit Gottes uns gibt!
200 Wir sind ins Dasein gerufen worden, da wir nicht waren; nach dem Bilde des Schöpfers wurden wir. Wir haben Geist und Vernunft, die unser Wesen ausmachen, die uns Gott erkennen lassen. Und betrachten wir aufmerksam die Schönheiten der Schöpfung, so lesen wir in ihnen, wie in Buchstaben, die allumfassende, große Vorsehung und Weisheit Gottes. Wir können zwischen gut und bös unterscheiden und sind von der Natur selbst in der Auswahl des Nützlichen wie in der Abkehr vom Schädlichen belehrt worden. Durch die Sünde Gott entfremdet, sind wir wieder in die Gemeinschaft mit Gott zurückberufen worden, durch das Blut des Eingeborenen aus der schimpflichen Knechtschaft erlöst. Und erst die Hoffnung auf die Auferstehung, der Genuß der Engelsgüter, das himmlische Reich, die verheißenen Güter, die alle Fassungskraft übersteigen!
§ 3
Sollte man nicht diese Güter als ergiebige Quellen beständiger Freude und unversieglichen Frohsinns erachten? Soll man vielmehr glauben, der führe ein freudevolles Dasein, der dem Bauche dient, am Flötenspiel sich ergötzt, auf weichem Bette sich wälzt und schnarcht? Da möchte ich denn doch sagen, daß letztere mit Recht von den Vernünftigen beweint werden, erstere aber selig gepriesen, da sie das gegenwärtige Leben in der Hoffnung auf eine andere Welt zubringen und gegen die zeitlichen Güter die ewigen eintauschen. Mögen die, die mit Gott vereint sind, in Flammen weilen, wie die drei Jünglinge zu Babylon, mögen sie mit Löwen eingeschlossen, oder von einem Walfische verschlungen sein, wir müssen sie selig preisen; sie leben ja in Freude und trauern nicht über ihre gegenwärtige Lage, sondern frohlocken ob der Hoffnung auf die Güter, die uns für später aufbehalten sind. Denn ich meine, der wackere Kämpfer, der sich einmal für den Kampfplatz der Gottseligkeit gerüstet hat, muß die Streiche der 201 Gegner heldenmütig aushalten — in der Hoffnung auf den Ruhm der Krönung. Denn auch bei den Kampfspielen lassen die, welche an die Anstrengungen der Ringschule gewöhnt sind, durch den Schmerz eines Hiebes sich nicht entmutigen, sondern sehen über das augenblickliche Opfer hinweg und gehen direkt auf den Gegner los — voll Verlangen, als Sieger ausgerufen zu werden. So wird auch der Eifrige die Freude sich nicht verderben lassen, wenn ihm etwas Widriges passiert, eben deshalb, weil „die Trübsal Geduld bewirkt, Geduld aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung, die Hoffnung aber nicht zuschanden macht“. Daher werden wir auch anderswo von demselben Apostel aufgefordert, geduldig zu sein in der Trübsal und uns zu freuen in der Hoffnung. Die Hoffnung ist es also, die der Seele des Tugendhaften die Freude als Gefährten mitgibt.
Doch derselbe Apostel befiehlt uns auch, zu weinen mit den Weinenden; und im Briefe an die Galater beweint er die Feinde des Kreuzes Christi. Soll ich noch erwähnen, daß Jeremias weinte, daß Ezechiel auf Gottes Befehl die Klagen des Fürsten niederschrieb, und daß noch viele andere Heilige wehklagten? „Wehe mir, Mutter! Warum hast du mich geboren?“ „Wehe mir! Weg sind die Frommen aus dem Lande; Rechtschaffene gibt es unter den Menschen nicht mehr!“ Ferner: „Weh mir! Mir geht es wie einem, der in der Ernte Stoppeln sammelt“. Überhaupt, such’ nach den Aussprüchen der Gerechten; wo irgend du einen noch schmerzlicheren Laut vernimmst, du wirst dich überzeugen, daß alle diese Welt und das elende Leben auf ihr beweinen. „Wehe mir, daß meine Pilgerschaft so lange währt!“ Denn er verlangt, aufgelöst zu werden und 202 mit Christus zu sein. Er beklagt also die Verlängerung der Pilgerschaft hienieden als Störung der Freude. Auch David hat in seinen Gesängen uns eine Klage über seinen Freund Jonathas hinterlassen, in der er zugleich auch seinen Feind betrauerte: „Ich trauere um dich, mein Bruder Jonathas!“ „Töchter Israels, weinet um Saul!“ Letzteren beklagt er, weil er in der Sünde gestorben, den Jonathas, weil er zeitlebens sein bester Freund war. Wozu noch weiter andere Beispiele? Weinte doch auch der Herr über Lazarus und Jerusalem und preist die Trauernden und Weinenden selig!
§ 4
Wie steht aber das, fragen sie, im Einklang mit dem Worte: „Freuet euch allezeit!“? Träne und Freude haben doch nicht denselben Entstehungsgrund. Tränen gibt es doch gewöhnlich, wenn ein unvorhergesehenes Ereignis wie ein Schlag die Seele trifft und entmutigt, und wenn der Atem um das Herz zusammengepreßt wird; die Freude ist aber gleichsam ein Aufhüpfen der Seele, wenn sie über Gelungenes jubelt. Daher sind auch die Symptome am Körper jeweils verschieden: Die Traurigen bieten eine blasse, bleifarbene und kalte Erscheinung; die Fröhlichen aber haben ein blühendes, rotwangiges Aussehen, da die Seele geradezu aufhüpft und vor Wonne nach außen drängt. — Darauf antworten wir, daß auch die Klagen und Tränen der Heiligen von ihrer Liebe zu Gott herrührten. Immer mit dem Blick auf den Geliebten, erhöhten sie dadurch ihre eigene Glückseligkeit und kümmerten sich auch um ihre Mitknechte, beweinten sie, wenn sie sündigten, und besserten sie durch ihre Tränen. Wie die, welche am Ufer stehen und mit den im Meere Ertrinkenden Mitleid haben, bei ihrer Sorge für die Gefährdeten ihre eigene Sicherheit nicht verlieren, so büßen auch die, welche die Sünden des Nächsten beweinen, ihren eigenen Frohsinn nicht ein. Im Gegenteil erhöhen sie ihn, da sie für ihre Tränen über den Bruder der Freude des Herrn gewürdigt werden. 203 Daher selig die Weinenden, selig die Trauernden; sie werden getröstet werden und lachen. Lachen aber nennt er nicht den bei aufwallendem Blute durch die Wangen hervorgestoßenen Schall, sondern die reine, ganz ungetrübte Heiterkeit. Der Apostel gestattet also, mit den Weinenden zu weinen, weil diese Träne gleichsam Same und Unterpfand der ewigen Freude wird. Schwing dich im Geiste empor und betrachte das Leben der Engel, ob es etwas anderes sein kann als lauter Freude und Wonne! Sie sind ja gewürdigt worden, neben Gott zu stehen und die unsagbare Schönheit der Herrlichkeit unseres Schöpfers zu genießen. Zu diesem Leben ermunterte uns der Apostel und befahl uns, uns immerdar zu freuen.
§ 5
Jedoch zum Weinen des Herrn über Lazarus und die Stadt haben wir folgendes zu sagen: Er aß und trank auch, nicht weil er Bedürfnis darnach hatte, sondern um dir Maß und Grenzen für die natürlichen Empfindungen der Seele zu hinterlassen. Und so weinte er auch, um das maßlose und unwürdige Verhalten der weinerlichen und ewig klagenden Seelen zu regeln. Denn wenn etwas, so bedarf das Weinen der Regelung durch die Vernunft, über wen, wie sehr, wann und wie geweint werden darf. Denn daß das Weinen des Herrn kein leidenschaftliches war, sondern ein vorbildliches, erhellt aus folgenden Worten: „Lazarus, unser Freund, schläft; doch ich gehe hin, ihn aufzuwecken.“ Wer von uns beklagt einen schlafenden Freund, von dem er hofft, daß er kurz hernach erwache? „Lazarus, komm heraus!“ Und der Tote ward lebendig, und der Gebundene wandelte einher. Wunder über Wunder! Die Füße waren mit Tüchern gebunden, und er ward doch nicht gehindert am Gehen. Eine Kraft war da, die größer war als die Fessel. Wie sollte nun der Herr, der solches tun wollte, das Ereignis beweinenswert gefunden haben? Ist 204 nicht klar, daß er, der in allweg unserer Schwäche zu Hilfe kommt, den natürlichen Empfindungen Maß und Ziel setzen wollte? Die Gefühllosigkeit vermied er als etwas Tierisches; übermäßigem Weinen und Klagen aber wehrte er als etwas Unedlem. Den Freund beweinend, bewies er seine Teilnahme an der menschlichen Natur und gleichzeitig heilte er uns von einer doppelten Übertreibung, indem er nicht zuläßt, daß wir uns zu weichlich den Affekten überlassen oder bei schmerzlichen Vorfällen gefühllos bleiben. Wie der Herr nach Verdauung der festen Speise den Hunger verspürte, nach dem Aufbrauch der Flüssigkeit im Körper Durst empfand und infolge der Anspannung der Muskeln und Sehnen auf der Reise ermüdete, ohne daß seine Gottheit davon berührt wurde, sondern weil eben sein Körper naturgemäß für jene Zuständlichkeiten empfänglich war, so gab er auch den Tränen nach und ließ so am Fleische eine natürliche Erscheinung eintreten. Die Tränen aber stellen sich ein, wenn die Höhlen des Gehirns mit Dünsten als den Folgeerscheinungen der Traurigkeit angefüllt sind und den Niederschlag der Feuchtigkeit durch die Poren der Augen wie durch Kanäle ausscheiden. Daher kommt auch ein gewisses Klingen, ein Schwindel, ein Dunkelwerden (vor den Augen), wenn man unerwartete Trauernachrichten bekommt; dem Kopfe wird schwindlig von den Dünsten, welche die im Innern angehäufte Hitze nach oben treibt. Alsdann lösen sich, wie ich meine, die verdichteten Dünste ebenso in Tränen auf wie die Wolken in Regentropfen. Daher liegt im Weinen für die Trauernden eine gewisse Erleichterung, weil durch die Tränen das, was sie beschwert, unversehens entfernt wird. Diese Tatsache wird durch die tägliche Erfahrung bestätigt. Wir haben schon viele kennen gelernt, die in furchtbaren Heimsuchungen gewaltsam der Tränen sich erwehrten, nachher aber in unheilbare Krankheiten fielen oder vom Schlage getroffen oder an den Gliedern gelähmt wurden, zum Teil sogar starben, weil die schwache Stütze ihrer Kraft unter der Schwere der Trauer zusammenbrach. Ähnliches läßt sich ja auch bei der Flamme beobachten: Sie wird vom eigenen Rauch erstickt, wenn dieser keinen Abzug hat, sondern die Flamme einhüllt. 205 Dasselbe soll auch der Fall sein bei der Lebenskraft des Geschöpfes: sie schwindet unter den Schmerzen dahin und erlischt, wenn sie keinen Weg nach außen findet.
§ 6
So sollen denn die Weinseligen die Tränen des Herrn nicht zur Entschuldigung ihrer Leidenschaftlichkeit vorschützen. Denn wie die Speise, die der Herr genoß, für uns kein Anlaß zum Wohlleben ist, im Gegenteil, die äußere Grenze der Enthaltsamkeit und Mäßigkeit, so sind auch die Tränen für uns kein Gesetz, daß wir weinen sollen, sondern ein taktvollstes Maß und eine genaue Regel, wonach wir würdig und taktvoll innerhalb der Grenzen der Natur bleiben und die schmerzlichen Fügungen ertragen können. So ist es weder Frauen noch Männern erlaubt, lange zu klagen und viel zu weinen, wohl aber mäßig zu trauern ob des Unglücks und es kurz zu beklagen, und zwar in der Stille, ohne lautes Jammern und Heulen, ohne das Kleid zu zerreißen oder sich mit Asche zu bestreuen oder sonstwie taktlos von denen Manieren anzunehmen, die vom Himmlischen nichts wissen. Denn wer durch die göttliche Lehre gereinigt ist, muß von der gesunden Vernunft wie durch eine feste Mauer geschützt sein und tapfer und standhaft den Ansturm solcher Leidenschaftlichkeit abwehren, darf nicht die Wogen der Affekte in eine niedergeschlagene, schlaffe Seele wie in eine Grube einströmen lassen. Es ist das Zeichen einer unmännlichen Seele, einer Seele, die aus der Hoffnung auf Gott keine Stärke schöpft, wenn sie zu sehr sich beugen läßt und den Prüfungen erliegt. Wie die Würmer vorab in den weicheren Holzarten vorkommen, so greift die Traurigkeit besonders in den weicheren Naturen Platz. Hatte etwa Job ein Herz aus Diamant? Waren etwa seine Eingeweide aus Stein? Zehn Kinder starben ihm in kurzer Zeit, mit einem Schlage dahingerafft im Hause der Freude, in einer Stunde der Lustbarkeit, als der Satan das Haus über ihrem Kopf zu Falle brachte. Er sah den Tisch mit Blut bespritzt; er sah seine Kinder, zu verschiedenen Zeiten geboren, zu gleicher Stunde ums Leben gekommen. Und doch jammerte er nicht, raufte sich nicht die Haare aus, stieß kein gemeines Wort aus, sondern sprach jenes 206 berühmte, allgemein gepriesene Dankeswort: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen; wie es dem Herrn gefallen, so ist es geschehen. Der Name des Herrn sei gepriesen!“ War der Mann gefühllos? Wie? Er, der von sich selbst sagt: „Ich weinte über jeden, der betrübt war“. Log er etwa, wenn er so sprach? Doch die Wahrheit bezeugt ihm, daß er zu den andern Tugenden hin auch wahrhaftig war. „Der Mann“, sagt sie, „war unbescholten, gerecht, fromm und wahrhaftig.“ Du aber mißbrauchst gewisse Lieder, die für die Trauernden verfaßt sind, zum Weinen und willst deine Seele durch Trauergesänge rühren. Und wie die Schauspieler für die Bühne eine besondere maskierte Kleidung haben, so verlangst du auch für den Leidtragenden ein besonderes Aussehen, ein schwarzes Kleid, aufgelöstes Haar, Dunkelheit im Hause, Schmutz, Staub, Klagegesang, um die Wunde der Traurigkeit in der Seele immer frisch zu erhalten. Das überlaß doch jenen, die keine Hoffnung haben. Du aber bist über die, welche in Christus entschlafen sind, also belehrt worden: „Gesäet wird (der Leib) in Verweslichkeit, auferstehen wird er in Unverweslichkeit; gesäet wird er in Schwäche, auferweckt in Kraft; gesäet wird ein tierischer Leib, auferstehen wird ein geistiger Leib.“ Was beweinst du also einen Menschen, der nur hingeht, um sein Gewand zu wechseln? Auch dich selbst beklage nicht, als hättest du einen Gehilfen für dieses Leben verloren! „Denn es ist besser,“ heißt es, „auf den Herrn zu vertrauen, als auf Menschen zu bauen.“ Beweine ihn nicht, als hätte ihn ein herbes Los getroffen; denn nach kurzer Zeit wird vom Himmel her die Posaune ihn auferwecken, und du wirst ihn vor dem Richterstuhle Christi stehen sehen. Still also mit jenen unwürdigen, ungezogenen Ausrufen, wie: „O das unerwartete Unheil! Wer hätte an so etwas gedacht! Wann hätte ich mich je darauf gefaßt gemacht, das mir teuerste Haupt der Erde 207 übergeben zu müssen!“ — Wenn wir nämlich das einen andern sagen hören, müssen wir erröten, weil uns sowohl die Erinnerung an die Vergangenheit wie die Erfahrung aus der Gegenwart lehrt, daß wir diesen naturnotwendigen Übeln nicht entrinnen können.
§ 7
Daher werden weder unzeitige Todesfälle noch sonst welche Mißgeschicke unerwarteter Art uns jemals aus der Fassung bringen, wenn wir uns von religiösen Erwägungen leiten lassen. Setzen wir den Fall: Ich hatte einen jugendlichen Sohn; er war mein einziger Erbe, meines Alters Trost, die Zierde des Geschlechtes, die Blume seiner Altersgenossen, die Stütze der Familie; er stand in der schönsten Blüte seiner Jahre. Er ist nicht mehr — er ist ein Opfer des Todes geworden. Der eben noch in so süßem Wohllaute sprach und für seines Vaters Auge der liebste Anblick war, er ist zu Staub und Asche geworden. Was soll ich nun tun? Soll ich mein Kleid zerreißen, mich auf dem Boden wälzen und klagen und jammern und mich vor der Umgebung wie ein Kind gebärden, das wegen empfangener Schläge schreit und zappelt? Oder soll ich auf die Notwendigkeit des Geschehens achten, wonach das Gesetz des Todes unerbittlich ist und er gleichmäßig durch jedes Alter schreitet, wonach alles, was zusammengesetzt, nach und nach sich auflöst, und so dem Geschehnis mich nicht fremd gegenüberstellen? Und soll ich nicht so wie ein von einem unerwarteten Schlage Betroffener den Mut sinken lassen, der ich doch schon lange zuvor wußte, daß ich Sterblicher einen sterblichen Sohn hatte, daß nichts Menschliches Bestand hat und daß kein Besitz ewig bleibt? Haben doch auch große Städte, berühmt durch die Pracht ihrer Bauten und durch die Macht ihrer Einwohner und dazu noch ausgezeichnet durch den weiteren Wohlstand des Landes und des Marktes, jetzt nur noch in ihren Ruinen die Zeugen ihrer alten Herrlichkeit. — Und ein Schiff, das oft aus dem Meere sich gerettet und tausend schnelle Fahrten gemacht, das den Kaufleuten unzählige Ladungen vermittelt hat, verschwand durch einen einzigen Windstoß in der Tiefe. Auch Kriegsheere, oft siegreich geblieben in den 208 Schlachten, sind, als das Kriegsglück sich wandte, zum traurigen Schauspiel und Gerede geworden. Selbst ganze Völker und Inseln, die zu großer Macht gelangt waren, die zu Wasser und zu Lande viele Siege erfochten und sich einen großen Reichtum erbeutet hatten, sind entweder im Laufe der Zeit zugrunde gegangen, oder sie haben, unterjocht, die Freiheit mit der Knechtschaft vertauscht. Und überhaupt, was du immer an größten und unerträglichen Übeln nennen magst, die Vergangenheit hat schon ihre Beispiele dafür. Wie wir also die Gewichte mit den Wagschalen prüfen und das Gold durch Reiben am Probierstein untersuchen, so werden wir in Erinnerung an das vom Herrn uns vorgeschriebene Maß nirgends die Grenzen der Mäßigkeit überschreiten. Wenn dir also je etwas Widriges passiert, so laß dich nicht außer Fassung bringen, zumal du ja darauf gefaßt warst; suche dann vielmehr durch die Hoffnung auf die künftigen Güter die Gegenwart dir leichter zu gestalten! Wie diejenigen, die ein schwaches Auge haben, ihren Blick von grell leuchtenden Gegenständen abwenden und ihr Auge auf Blumen und Grün ruhen lassen, so darf auch die Seele nicht immer auf das Traurige hinsehen und bei den gegenwärtigen Trübsalen verweilen, sondern sie muß ihr Auge auf die Betrachtung der wahren Güter einstellen.
So wirst du das „Sichallzeitfreuen“ verwirklichen, wenn nämlich dein Leben immer auf Gott hinzielt, und die Hoffnung auf Vergeltung die Widerwärtigkeiten des Lebens erleichtert. Du bist in deiner Ehre angegriffen worden? Sieh doch auf die Herrlichkeit, die dir für deine Geduld im Himmel vorbehalten ist! Du bist geschädigt worden (am Vermögen)? Blick doch auf den himmlischen Reichtum und den Schatz, den du dir mit deinen guten Werken hinterlegt hast! Du wardst aus der Heimat verjagt? Doch du hast das himmlische Jerusalem als Heimat. Du hast ein Kind verloren? Doch du hast die Engel, mit denen du dich um den Thron Gottes scharen und dich freuen wirst in ewiger Wonne. Wenn du so den gegenwärtigen Trübsalen die künftigen Güter gegenüberstellst, wirst du deine Seele vor Trauer und Kummer bewahren, wozu uns eben das Gebot des Apostels mahnt. So sollen freudige Lebensereignisse deine 209 Seele nicht zu übermäßiger Fröhlichkeit stimmen, noch sollen betrübende Vorkommnisse durch Traurigkeit und Beängstigung ihren Frohsinn und Schwung niederschlagen. Denn wenn du nicht so vorgeschult bist in den Fragen des Lebens, dann wirst du nie ein ruhiges, sturmloses Leben führen. Das kannst du dir aber leicht verschaffen, wenn du zum Gefährten hast das Gebot, das dich auffordert, dich allezeit zu freuen. Du brauchst nur die Belästigungen des Fleisches fernzuhalten, die Freuden der Seele zu sammeln, dich über die sinnlichen Genüsse der Gegenwart zu erheben und deine Gedanken auf die Hoffnung der ewigen Güter einzustellen, deren Vorstellung allein schon hinreicht, die Seele mit Feuer zu erfüllen und Engelswonne in unsere Herzen zu leiten in Christus Jesus, unserm Herrn, dem Ehre und Macht in Ewigkeit. Amen.