3. Wie demüthig bist du und wie gewaltig zugleich, o Kindlein! Dein Gericht ist gewaltig, deine Liebe hold; wer vermag dir zu widerstehn? Dein Vater wohnt im Himmel, deine Mutter auf der Erde; wer kann dein Wesen erklären? Erforscht der Mensch deine verborgne Natur, siehe sie ist 36 im Himmel, im großen Schooße der Gottheit! Sucht der Mensch hingegen deinen sichtbaren Leib, so sieht er ihn daliegend und hervorschauend aus dem kleinen Schooße Maria’s. Der Geist irrt zwischen deinen Angelegenheiten, o Reichster, herum. Dichte Hüllen verdecken deine Gottheit; wer kann das große Meer ermessen, das sich selbst klein gemacht? Wir sind gekommen, dich als Gott zu schauen, und sieh, du bist ein Mensch! Wir kamen, dich als Mensch zu sehen; da schimmerte hell das Licht deiner Gottheit hervor. Wer sollt’ es wohl glauben, du seiest der Erbe des Thrones Davids? Eine Krippe hast du von seinen Betten geerbt; von seinen Palästen ist eine Höhle auf dich gekommen. Anstatt seiner Wägen gelangt etwa nur ein armer Esel auf dich.
4. Wie bist du, o Kind, so liebevoll munter! Allen überlässest du dich freundlich, lächelst Jedem zu, der zu dir kommt; nach Jedem, der dich sieht, verlangest du liebreich. Deine Liebe zeigt sich, als wenn sie nach Menschen hungerte. Du unterscheidest deine Ältern nicht von den Fremden, deine Mutter von den Mägden, die dich säugende von den Unreinen. Bringt dieß deine kindliche Heiterkeit mit sich oder deine Liebe, o Allliebender? Was regt dich so an, Jedem, der dich sieht, frei dich hinzugeben, Reichen sowohl als Armen? Du flüchtest dich zu ihnen, ohne daß sie dich riefen. Woher kam dir Dieß, daß es dich so nach Menschen hungert? 36 Was ist das für eine Liebe in dir, daß du sogar, wenn etwa Jemand dich schilt, ihm nicht zürnest und, wenn Jemand dir droht, nicht verwirrt wirst und, wenn Jemand gegen dich unfreundlich sich beträgt, doch nicht betrübt wirst? Erhaben bist du nämlich über das Gesetz Derjenigen, welche Schulden (Beleidigungen) vergelten.
5. Sanftmüthig war Moses und sein Eifer dennoch so streng, daß er zermalmte und tödtete. Auch Elisäus, der einen Knaben wieder lebendig machte, ließ durch Bären eine Rotte von Knaben zerreissen. Wer bist du, o Knäblein, dessen Liebe größer als die der Propheten ist? Hagars Sohn, der Waldesel, schlug gegen Isaak aus. Dieser duldete und schwieg; seine Mutter aber (Sara) entbrannte von Eifer. Warst du wohl sein geheimnißvolles Urbild, oder war er dein Vorbild? Gleichest du Isaak, oder gleicht er dir?
6. Wohlan nun, komm und ruhe still im Schooße deiner Mutter, o Sohn des Erhabensten! Nicht geziemt sich kindliche Herablassung für Königssöhne. O Davids Sohn, hochehrwürdig bist du, bist zugleich auch Maria’s Sohn, der im stillen Gemache schönen Anstand bewahrt.