Ephräm der Syrer · Auswahl ascetischer Abhandlungen über die christliche Tugend und Vollkommenheit. · Buch 3 · Kapitel 2
1. Ohne die Demuth ist jede Tugendübung, alle Enthaltsamkeit, aller Gehorsam, alle Armuth und alle Gelehrsamkeit eitel. Wie nämlich die Demuth der Anfang und das Ende alles Guten ist, so ist der Hochmuth der Anfang und das Ende alles Bösen.
360 2. Dieser unreine Geist (des Hochmuths nämlich) ist gewandt und vielgestaltig; denn er ringt nach der Herrschaft über Alle und weiß Jedem gerade auf dem Wege, den er wandelt, einen Fallstrick zu legen. Den Weisen sucht er durch seine Weisheit zu fangen, den Starken durch die Stärke, den Reichen durch den Reichthum, den Wohlgebildeten durch die Schönheit, den Beredten durch seine Beredsamkeit, den mit einer schönen Stimme Begabten durch den Wohllaut seiner Stimme, den Künstler durch seine Kunstfertigkeit, den Gewandten durch seine Gewandtheit.
3. Auf ähnliche Weise versucht er auch ohne Unterlaß Diejenigen, welche sich dem geistlichen Leben widmen. Denjenigen, welcher der Welt entsagt hat, versucht er durch eben diese Entsagung, den Enthaltsamen durch die Enthaltsamkeit, den Ruhigen durch die Ruhe, den Dürftigen durch die Dürftigkeit, den Gelehrten durch die Gelehrsamkeit, den Gottesfürchtigen durch seine Gottesfurcht, den Einsichtsvollen durch die Einsicht. Die wahre Einsicht aber ist mit der Demuth innigst verbunden. So bemüht er (nämlich der Geist des Hochmuths) sich, sein Unkraut in die Herzen Aller zu säen.
4. Deßwegen hat der Herr, wohl kundig der Verderblichkeit dieser Leidenschaft (denn wo sie einmal eingewurzelt ist, macht sie den ganzen Menschen mit aller seiner Thätigkeit unnütz), uns ein Mittel in die Hände gegeben, den Stolz zu besiegen, die Demuth nämlich, indem er sagt: „Wenn ihr auch Alles gethan habt, was euch aufgetragen worden ist, so sagt: Wir sind unnütze Knechte.“
5. Warum ziehen wir uns also selbst Geringschätzung und Täuschung zu, da doch der Apostel sagt: „Wenn Jemand wähnt Etwas zu sein, da er Nichts ist, so betrügt er sich selbst. Ein Jeder prüfe daher sein Werk, und dann wird er an sich selbst Ruhm haben, aber nicht bei einem Andern.“ Warum täuschen wir uns also selbst, indem wir uns gegen 361 einander erheben, als wären wir angesehen in den Augen der Welt, und die Geringern verachten? Wir finden ja, daß unser Herr lehrt: „Was bei den Menschen hoch angesehen ist, ist vor Gott verabscheuungswürdig.“
6. Allein vielleicht erheben wir uns Enthaltsame über die Schwächern? Da werden wir aber wieder vom Apostel zurechtgewiesen, der da spricht: „Nicht wer sich selbst empfiehlt, ist bewährt, sondern wen Gott empfiehlt.“ Oder rühmen wir uns etwa als Solche, die übermäßig im Dienste (der Religion oder Bruderliebe) sich abgemüht, gegenüber den in Ruhe dahin Lebenden, so finden wir, daß der Herr die Maria (Schwester des Lazarus) mehr gelobt und erklärt hat, daß sie den bessern Theil erwählt habe. Allein wir erheben uns vielleicht als Ruhige (in Beschaulichkeit Lebende) im Vergleiche zu Solchen, die sich eifrig im Dienste (thätigen Leben) abmühen? Da finden wir aber wieder, daß der Herr gelehrt und gesprochen hat: „Ich bin nicht gekommen, mich bedienen zu lassen, sondern zu dienen und mein Leben für Viele hinzugeben.“
7. Wir müssen demnach dem Hochmuth in jeder Hinsicht entsagen. Oder bilden wir uns vielleicht viel ein als Bewohner der Einöde und Sandwüsten? Doch die Beschaffenheit des Ortes wird uns zu Nichts frommen, wenn wir nicht in Demuth wandeln, indem der Apostel sagt, man solle nicht auf das Sichtbare schauen, sondern auf das Unsichtbare; denn das Sichtbare sei nur zeitweilig, das Unsichtbare ewig. Aber vielleicht sind wir aufgeblasen, weil wir in einer Zisterne oder Höhle uns’re Behausung haben? Dieß sind äussere Zeichen der Abtödtung und Sorglosigkeit gegen die irdischen Dinge. Was du dir also zur Beförderung der Tugend gewählt hast, soll dir nicht zum Falle in Übermuth gereichen. Sonst würdest du einem thörichten Schmied’ ähnlich, der das Handwerk nicht versteht und 362 anstatt eines Stückes Eisens Holz im Feuer glühend machen wollte.
8. Es ist daher unumgänglich nothwendig, sich mit aller Kraft an der Demuth festzuhalten. Doch — du bist reich und bleibst dabei in den Schranken der Gerechtigkeit. Du hast aber noch nicht die Tugendgröße Abrahams erreicht, der sich Staub und Asche nannte. Vielleicht ist dir die Sorge über ein Volk anvertraut; allein auch Moses hatte die Sorge für ein Volk übernommen. Nachdem nämlich Gott Ägypten durch die Hand des Moses und Aaron geschlagen, das rothe Meer ausgetrocknet, Israel trockenen Fußes hindurchgeführt und es durch jene furchtbare Wüste geleitet hatte, so kamen sie nahe an die Grenze von Moab, und als die Moabiter diese Volksmenge erblickten, so sagten sie, wie da geschrieben steht, zu den Ältesten der Madianiter: „Nun wird dieses Volk Alle, die um uns her sich aufhalten, zu Grunde richten, wie ein Rind das Grün (Gras, Kräuter) vom Felde abweidet.“ Die Musterung der Volksmenge betrug nämlich, abgerechnet die Weiber, Kinder und Leviten, bloß an Männern von zwanzig Jahren und darüber, die alle kampffähige Israeliten waren, sechshundert und dreitausend fünfhundert und fünfzig. Von Diesen allen war Moses der Anführer. Zudem durfte er mit Gott auf das vertraulichste umgehen und hatte die Herrlichkeit des Herrn geschaut. Dennoch wurde er nicht hochmüthig und vernachlässigte die Demuth nicht. Daher gibt ihm auch die hl. Schrift das Zeugniß: „Moses war der sanftmüthigste unter allen Menschen auf Erden.“
363 9. Vielleicht bist du schön von Gestalt, ausgerüstet mit Stärke und etwa gar mit einer Krone geschmückt? Allein du bist nicht zur Größe des Königs David gelangt, der in demüthigem Sinne sagte: „Ich bin ein Wurm und nicht ein Mensch.“ Oder du besitzest Einsicht, Weisheit und Enthaltsamkeit? Du kommst aber darin doch nicht den drei Jünglingen und dem Propheten Daniel gleich, von denen dieser sagte: „Dein, o Herr, ist die Gerechtigkeit, unser hingegen die Beschämung, wie an diesem Tage;“ Jene aber beteten: „Mit zerknirschter Seele und dem Geiste der Verdemüthigung mögen wir angenommen werden.“ Wenn nun die Gerechten eine so große Demuth bewiesen, wie demüthig müssen erst wir Sünder sein! Übermuth und Hoffart sind nämlich eine Gesinnung des Fleisches; allein der Apostel sagt: „Wenn ihr nach dem Fleische lebet, so werdet ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die Werke des Fleisches ertödtet, so werdet ihr leben.“ Es ist jedoch nicht möglich, über die Leidenschaften Herr zu werden, wenn man nicht in dieser Tugend (der Demuth) fest gegründet ist.
10. Hast du nicht gehört, wie Vieles der hl. Paulus für die Religion ausgestanden hat? Er schreibt ja in einem Briefe an die Korinther: „Ich habe viel mehr gearbeitet, habe viel mehr Schläg’ erlitten. Von den Juden hab’ ich fünfmal neununddreissig Streich’ erhalten, dreimal ward ich mit Ruthen gestrichen, einmal gesteinigt. Dreimal erlitt ich Schiffbruch und brachte Tag und Nacht auf der See zu. Ich machte sehr viele Reisen, war in Gefahren von Flüssen, in Gefahren von Räubern, in Gefahren von meinem Volk, Gefahren von den Heiden, Gefahren in der Stadt, Gefahren in der Wüste, Gefahren auf dem Meere, Gefahren unter falschen Brüdern, in Arbeit und Mühe, in oftmaligenNachtwachen, in Hunger und Durst, oft in Fasten, in Kälte und 364 Blöße“ u.s.w. Können wir dem gegenüber auch nur den Mund aufthun? Und nun betrachtet die Tugend (der Demuth in ihm)! Nach so vielen Gefahren und so großen herrlichen Thaten sagte er demüthig gesinnt: „Brüder, ich denke von mir nicht, daß ich es (das Ziel) schon erreicht habe.“ Dieß aber sprach er aus, indem er die Selbsterhebung verbannte, da er wohl wußte, welches Strafgericht dieselbe Denjenigen zuziehe, welche sie lieben.
11. Was ist aber die Hoffart? Sich selbst erheben bedeutet ebenso viel, als Gott seine eigenen guten Werke vorwerfen, wie bei menschlichen Angelegenheiten, wenn Jemand seinem Nebenmenschen ein Geschenk gibt und sich deßwegen gegen ihn übermüthig beträgt, der ganze Werth desselben verloren geht und die Freundschaft mit dem Nächsten aufgelöst wird; daher auch ein solcher Mensch verabscheuungswürdig wird. Deßwegen lehrte auch unser Herr, besorgt für unser Heil, indem er uns von dieser verderblichen Leidenschaft fern halten wollte: „Wenn ihr auch alles euch Aufgetragene verrichtet habt, so saget dennoch: Wir sind unnütze Knechte!“ Wenn wir aber (das Aufgetragene) gar nicht einmal thun, so sind wir nicht einmal würdig, unnütze Knechte genannt zu werden: denn groß ist unser Herr, und groß und mächtig sind seine Geschenke.
12. Damit du aber lernest, daß uns der Herr nicht bloß demüthig zu reden gelehrt hat, sondern auch demüthig gesinnt zu sein, hat er uns durch die That selbst unterrichtet, indem er sich mit einem Tuche umgürtete und den Aposteln die Füße wusch. Darum sagt er auch: „Lernet von mir; denn ich bin sanft und demüthig, und ihr werdet für eure Seelen Ruhe finden.“ Wenn du aber die Leiden, welche deinem Sinne zuwider sind, so zu übertragen vermagst, als wären sie ganz nach deinem Sinne, dann wisse, daß du die vollkommne Höhe eines wahrhaft tugendhaften und demüthigen Mannes erreicht hast.
356 13. Mit Entsetzen jedoch hab’ ich in Erfahrung gebracht, wie du dich von einem täuschenden Gedanken einnehmen ließest, welcher dir unerlaubte Dinge vorspiegelt. Ich sage dir daher: Willst du wirklich dadurch dich einnehmen lassen? Wie Vielen hat diese eitle Einbildung nicht schon die Köpfe verrückt! Ich frage dich selbst: Wer bist du wohl? Welche Stufe (der Tugend) hast du erreicht? Bist du vielleicht ein Elias? Hast du gleich ihm Wunder gewirkt? Er hat nämlich durch sein Gebet den Himmel verschlossen, daß es drei Jahr’ und sechs Monate lang nicht regnete; hernach aber regnete um seines Gebetes willen der Himmel wieder. Ferner hat er durch sein Gebet dreimal Feuer vom Himmel herabgerufen. Oder besitzest du vielleicht allen Glauben? Nun wohl, so gib eine Probe davon! Laß Zeichen und Wunder schauen! Erwecke Todte durch dein Gebet! Öffne die Augen von Blinden! Treibe böse Geister aus! Reinige Aussätzige, heile Lahme! Wandle auf dem Meere wie auf trockenem Lande! Verwandle Wasser in Wein! Sättige vermittelst des Gebetes große Mengen mit fünf Broden und zwei Fischen! Denn es lügt nicht, der da sagte: „Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich thue, auch thun, ja er wird noch größere thun.“
14. Vielleicht aber wird Jemand so im Vorübergehen sagen: „Wenn also Jemand nicht jene Gott eigenen Werke thut, so hat er keine Hoffnung des Heils.“ Wir haben die Hoffnung des Heiles (der Seligkeit), wenn auch dergleichen Wunder durch uns nicht gewirkt werden, wofern wir nur uns’re eigne Schwäche und Kleingläubigkeit bekennen; denn der Schwache bedarf Mitleid und nicht Selbsterhebung. Wenn wir aber des Mitleids bedürfen, so bedürfen wir ebenso auch der Demuth, auf daß wir durch Demuth uns Barmherzigkeit vom Herrn erwerben. Es steht nämlich geschrieben: „Bei unsrer Demüthigung hat sich der Herr an uns erinnert und von unsern Feinden uns errettet.“ Und ferner: „Ich ward gedemüthigt, und er hat mich errettet.“ Wenn wir hingegen, auf windige Einbildungen uns stützend, hochmüthig werden, so thun wir nichts Anderes, als daß wir uns selbst in den Abgrund stürzen. Nimm daher die Krankheit des Hochmuths nicht auf, damit dir der Feind nicht urplötzlich die gesunde Vernunft raube.
15. Erwache also von der hochfahrenden Gesinnung der Selbstgefälligkeit! Lege nicht Netze an deine eignen Füße (d. i. sei nicht Sklave der Eigenliebe)! Reinige deinen Geist von diesem tödtlichen Gifte (des Stolzes) durch die Demuth! Belehren wird dich das Gleichniß von einem Menschen, der sein eignes Haus kehrt. Er bückt sich bis auf den Boden, und so säubert er es. Um wie viel sorgfältiger müssen wir uns bücken und erniedrigen, um die Seele zu reinigen und nichts Gott Mißfälliges in ihr zu lassen! Denn in einer demüthigen Seele wohnen der Vater und der Sohn und der Hl. Geist. Es steht ja geschrieben: „Welche Gemeinschaft hat die Gerechtigkeit mit der Gottlosigkeit, oder das Licht mit der Finsterniß? Welche Übereinstimmung ist zwischen Christus und Belial? Welchen Antheil hat der Gläubige mit dem Ungläubigen?“ Wie kann man den Tempel Gottes mit Götzen zusammenstellen? Wir sind nämlich ein Tempel des lebendigen Gottes, wie Gott selbst spricht: „Ich werde unter ihnen wohnen und wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mir Volk sein. Deßhalb geht weg aus ihrer Mitte und trennet euch, sagt der Herr, und rührt nichts Unreines an! Dann werd’ ich euch aufnehmen, 367 und ich werde euer Vater sein, und ihr werdet mir Söhne und Töchter sein, spricht der Herr, der Allmächtige!“
16. Da wir nun solche Verheissungen haben, Geliebte, so sollen wir uns selbst von jeder Befleckung des Fleisches und Geistes reinigen und Heiligkeit in der Furcht Gottes zur Vollendung bringen. Wenn du also zum Kampfe von den Dingen dieses Lebens ausgezogen bist und dich den stürmischen Wogen des mühseligen Lebens entrissen hast, so kämpfe desto eifriger, mit dem unreinen Geiste des Hochmuths ja keine Gemeinschaft zu haben, damit der Herr dich aufnehme! Denn jeder Hochmüthige ist unrein vor dem Herrn. Erinnerst du dich nicht an jenes Feuer durch welches wir geh’n müssen? Wenn wir, nachdem wir durch dasselbe gegangen sind, rein und makellos gefunden werden, dann werden wir uns selbst erkennen, wie wir beschaffen sind; denn jener Tag wird das Werk eines Jeden offenbar machen, wie geschrieben steht: „Denn es wird im Feuer erprobt werden.“ Flehen wir daher zum Herrn mit großer Demuth, damit er uns vor dem Schrecken der Zukunft bewahre und uns jener Entrückung würdige, wann die Gerechten in Wolken, in die Luft dem Könige der Herrlichkeit entgegen dahingetragen, und wir mit den Sanft- und Demüthigen das Himmelreich erben werden, wie da geschrieben steht: „Selig sind die Armen im Geiste; denn ihrer ist das Himmelreich.“ Wehe aber den Stolzen und Hochmüthigen! Denn ihrer ist der Feuerofen!
17. Im Hochmuthe wohnt nämlich Derjenige, welcher da spricht: „Durch meine Kraft werd’ ich es vollbringen, durch die Weisheit des Verstandes will ich die Grenzen der Völker verrücken und ihre Kraft plündernd entreissen. Erschüttern werd’ ich bewohnte Städte und die ganze Erde 368 mit meiner Hand wie eine Vögelbrut ergreifen und wie verlassene Eier wegnehmen. Niemanden gibt es, der mir entrinnen oder widersprechen wird. Gott der Heerschaaren wird aber über seine Ehre Ehrlosigkeit senden, und über seine Herrlichkeit wird verzehrend Feuer sich entzünden.“ Ferner steht geschrieben: „Du aber sagtest in deinem Sinne: In den Himmel will ich emporsteigen, über den Gestirnen des Himmels werd’ ich meinen Thron aufstellen, werde mich setzen auf dem hohen Berge, auf das erhabne Gebirg gegen Norden. Erheben will ich mich über die Wolken und gleich sein dem Allerhöchsten. Nun aber wirst du in die Hölle stürzen und hinab bis zu den Grundfesten der Erde.“
18. Fliehen wir daher die Hoffart, welche dem Herrn verhaßt ist! Lieben wir die Demuth, wodurch alle Gerechten dem Herrn wohlgefällig geworden sind! Ein großes Geschenk ist nämlich die Demuth, ein großer Ruhm, ein großer Gewinn und eine große Ehre für Diejenigen, welche sie besitzen; denn in ihr liegt eine Laufbahn ohne Anstoß und vollkommne Weisheit. Seines Hochmuths wegen wurde der Pharisäer erniedrigt, und der Demuth wegen der Zöllner erhöht. Mit diesem würdige uns der Herr der Erlangung des unverweslichen Antheils mit allen Gerechten! Ihm gebührt Verherrlichung in alle Ewigkeiten. Amen!