Ephräm der Syrer · Auswahl ascetischer Abhandlungen über die christliche Tugend und Vollkommenheit. · Buch 4 · Kapitel 1
1. Die Belehrung aus Liebe und Gehorsam verfaßt.
Als der Herr zur Erlösung der Menschen auf der Welt wandelte, hat er uns das Gebot gegeben, einander zu lieben. Ein Werk der Liebe ist es aber auch, einander in der Furcht 370 Gottes zu ermahnen. Weil also deine Gottseligkeit verlangt hat, von meiner Wenigkeit eine Belehrung zu vernehmen, so hab’ ich mich aus Gehorsam und mit dem Beistand der Gnade herbeigelassen (nämlich: deinem Verlangen zu entsprechen). Ich habe daher über diese Gegenstände (worüber du Unterricht wünschest) in dieser Denkschrift meine Belehrung niedergelegt.
2. Bescheidene Ermahnung, sie zu benutzen.
Triffst du etwas Brauchbares darin an, so nimm es zu Herzen, damit du dem Herrn Früchte bringest und auch ich auf diese Weise Belohnung für den guten Rath bekomme! Suche jedoch bei mir, der ich unter Ordensbrüdern lebe, die Redekunst nicht, die ich nicht gelernt habe, noch auch eine zierliche Schreibart, von der ich gar Nichts weiß, sondern nimm Dasjenige, was ich einfältig, wahr und kunstlos in Liebe dir geschrieben habe, auch mit Liebe auf und erweitere dir den kurzen Unterricht selbst! Du bist ja geschickter dazu als ich.
3. Der Unterricht selbst vom Leser zu erweitern und Andern mitzutheilen.
Du erhältst von mir gleichsam nur Samen und Stoff; diesen nimm auf und bringe so auf dem Felde deines Geistes reichliche Frucht hervor! Was ich nur mangelhaft und schwach dir angedeutet habe, das stelle du, mein lernbegierigster Freund, den bei dir Weilenden mit kräftigem Nachdrucke vor und rede ihnen zu, daß sie sich vor der Tiefe meiner Unwissenheit in Acht nehmen, da ich weder gewohnt bin, gelehrte Abhandlungen zu schreiben, noch auch geübt in der Redekunst. Die Liebe aber munterte mich auf, dir und allen deinen Mitbrüdern Anweisungen zu geben. Wie ich früher schon eifrig bestrebt war, auf dein Ansuchen Belehrungen über Tugend zu ertheilen, so habe ich auch jetzt 371 mich bereitwillig gezeigt, mit der Gnade Gottes eine Vorschule wahren Unterrichts zu geben. Theile nun auch du mit eifriger Liebe sie den Andern nach der Gnade mit, die dir vom Herrn ertheilt ist, auf daß die Brüder nicht mehr von Täuschung hin und her getrieben werden!