1. Vor einem bösen Rathe muß man sich in Acht nehmen. Wie nämlich zuweilen zwei prächtig Gekleidete zugleich auf dem Platze einherschreiten und einer davon aus Unachtsamkeit anstoßend in den Koth fällt und das glänzende Gewand ganz beschmutzt, dann aber aufgeregt von Neid auch den Nächsten in den Koth wirft, damit er nicht allein garstig aussehe: ebenso bestreben sich oft Diejenigen, welche von der Tugend abgefallen sind, auch die Übrigen zum Falle zu bringen, auf daß sie nicht allein in schändlicher Lebensweise sich befinden. Sie führen gar demüthige Reden und geben 372 süße Antworten her, damit sie ihre folgsamen Schüler von der Eingezogenheit abwendig machen und in Sünden stürzen. Ohne Scheu verüben sie die Schlechtigkeiten und muntern den Nächsten dazu auf, indem sie sagen: „Warum verabscheust du uns? Verdammst du uns, weil wir Sünder sind? Thun Dieser und Jener, von denen man so viel hört, nicht auch das Nämliche? Weißt du nicht, daß diese ganze Geschichte nichts Anderes ist als Fallen und wieder Aufstehen?“ Solche Reden führen sie, ohne sich zu schämen.
2. Und warum? Weil einmal gefallen, wollen sie nicht mehr aufstehen, sondern gereichen auch Vielen zum Ärgernisse, Falle und Verderben, und der Teufel bedient sich ihrer eines Köders im Angelhacken. Zuweilen kommen sie so weit, daß sie sogar die heiligen Propheten lästern (als Träumer ausgeben), um schwankende Seelen anzulocken. O des verkehrten Herzens solcher Menschen! O des Mundes voll Bosheit und Arglist! O Kehle, offenes Grab, das die Hineinfallenden auf der Stelle zu Grunde richtet! Mit Recht werden sie schmählichen Gelüsten preisgegeben, weil sie die Kenntniß Gottes verworfen haben. Darum werden sie auch wegen der Menge ihrer Gottlosigkeiten von Gott verstoßen werden, weil sie weder Gott fürchteten noch die Gottesfurcht der Christen achteten, indem sie die Seelen junger Leute berückten.
3. Hüte dich deßhalb, o Lieber, vor ihnen, damit sie dich nicht durch, ihre weichlichen Reden entzünden (zu böser Lust)! Fliehe das Zusammentreffen mit ihnen, damit du nicht bitterer als Galle werdest und in ein zweischneidiges Schwert fallest, nach der Ermahnung Salomons. Sonst bemüht sich doch Jeder, welchem am Wohle des Nebenmenschen etwas gelegen ist, wenn er ihn straucheln und fallen sieht, ihm wieder aufzuhelfen, und wenn er aufgestanden ist, hält er ihn kräftig aufrecht, damit er nicht mehr falle. Diese 373 jedoch, als Verderber, bieten alle ihre Kräfte auf, um die Stehenden niederzuwerfen, die Gefallenen aber, die schon zu Boden liegen, morden sie durch Verzweiflung, anstatt zu sagen: „Geliebter, hab’Acht auf dich selbst! Nichts übertrifft die Gottesfurcht. Nichts ist schätzbarer als ein tugendhaftes Leben. Du hast gesündigt; fahre nicht fort, sondern bitte wegen deiner vorigen Sünden um Verzeihung!“
4. Noch sind wir bei einander, allein nach kurzer Zeit werden wir von einander getrennt. Haben wir dem Nächsten Schaden zugefügt, so wird er seufzend uns die Schuld geben, sprechend: „Das Zusammentreffen mit diesem Menschen hat mir Schaden gebracht. Hätte ich ihn doch nie kennen gelernt! Er hat nämlich meiner Seele Ärgerniß gegeben. Wie viel Unheile hat mir die Verbindung mit ihm gebracht!“ Haben wir hingegen dem Nebenmenschen zum Guten genutzt, so wird er auch unser gedenken und sagen: „Hilf, o Herr, diesem Bruder, wie er mir geholfen hat, um deines Namens willen! Er hat meine Seele bestärkt in deiner Furcht, und als ich in Gefahr war zu Grunde zu gehen, hat er mich durch deine Gnade gerettet.“
5. Jene (oben erwähnten) Verführer haben aber die gerade entgegengesetzte Gesinnung und betrügen die Seelen; denn sie thun Dieß nicht bloß selbst, sondern sie geben auch Andern, die es so machen, ihre Zustimmung. Allein wenn sie wieder Jemanden von einer schändlichen Handlung sich enthalten sehen, so führen sie eine Masse sinnloser Vorwände auf und sagen z. B. „Der da hat ein kaltes Temperament“ (und enthält sich nur deßwegen). Sie werden jedoch auch in dieser Hinsicht überwiesen, daß sie es nicht mit gutem Grunde sagen; denn wenn der Andere sich bloß deßwegen (wegen des weniger feurigen Temperamentes) enthalten würde, so hätte der Apostel nicht sagen sollen: „Wer da kämpft, enthält sich von Allem,“ sondern er hätte sagen müssen: «Jeder, der kämpft und ein hitziges Temperament 374 hat, enthält sich von Allem.„ Wenn also (nach dem Vorgeben dieser Betrüger) nur die Einen (mit hitzigem Naturell) Enthaltsamkeit nöthig haben, die Andern (mit kälterem Temperament) aber nicht, wer von Denjenigen, welche den Herrn lieben, wird nicht eine so thörichte Meinung tadeln? Denn welchen Menschen, seien es männliche oder weibliche Personen, bekriegt und bedrängt der Widersacher nicht (ohne Rücksicht auf das Temperament)?
6. Die Enthaltsamkeit ist daher nothwendig, nur daß sie mit frommer Gesinnung verbunden sein muß. Seien wir deßwegen auf uns’rer Hut, daß wir uns ja nicht, weder in diesem Leben noch nach dem Ende desselben, eine furchtbare Verdammung zuziehen! Wer heute noch wohlgestaltet ist, kann morgen mißgestaltet aussehen; denn dieser unser Körper unterliegt großer Gebrechlichkeit. Die nach einem tugendhaften Leben Verlangen tragen, werden also nicht bloß in ihrem blühenden Alter deßhalb gelobt werden, daß sie die Enthaltsamkeit sich erwählt haben, sondern sie werden deßwegen auch im Greisenalter hoch bewundert werden; denn eine schöne Saat ergötzt Jene, welche sie sehen, nicht bloß wenn sie auf dem Felde emporsproßt, sondern sie erfreut auch, wenn die Felder schon weiß zur Ernte sind und die Ähren sich gebeugt zur Erde neigen, gar sehr Diejenigen, welche sie anschauen. Das größte Gut ist dem zu Folge ein tugendhaftes Leben. Hab’ also Acht, daß du ja nicht von wollüstigen Menschen dahingerissen wirst, welche durch allerlei ausschweifende Handlungen ihre Leiber beflecken, nach den Worten dessen, der da sagt: “Was heimlich von ihnen verübt wird, ist schon abscheulich auszusprechen.„
7. Allein auch der Verfasser der Sprüchwörter tadelt die lasterhafte Lebensweise, indem er sagt: “So ist auch der Weg (das Betragen) eines ehebrecherischen Weibes, welches nach begangener Lasterthat sich den Mund abwischt und sagt, sie habe nichts Böses gethan.„ Ebenso sind auch 375 Diese, durch die sündhafte Gewohnheit dahingerissen, über ihre schändlichsten Handlungen so gleichgiltig, als hätten sie gar nichts Böses verübt. Ihr ganzes Streben ist auf teuflische Fleischeslust gerichtet, und daher setzen sie sogar die hl. Schrift in die Reihe lächerlicher Albernheiten und spotten darüber; “ihre Verdammung aber ist gerecht,„ Diese halten sich gern in Schenken auf und trinken bis zur Berauschung Wein; daher ist auch die Gottseligkeit und Enthaltsamkeit bei ihnen verabscheut. Ja, Solche sind noch viel unverschämter als die Verworfensten unter dem Pöbel.
8. Es ist in Wahrheit kläglich und bejammernswürdig, daß wir die glänzende und herrliche Tugend zu so großer Erniedrigung herabgezogen haben; allein Gott, der groß und menschenfreundlich ist, reich an Erbarmen und mächtig in Thaten, möge uns’re Schwäche unterstützen und den Satan unter uns’re Füße treten und uns Kraft und geistiges Verständniß geben, auf daß wir die uns noch übrige Lebenszeit in Wahrheit zubringen und vor ihm Gnade finden an jenem großen und schrecklichen Tage des Gerichts! Ihm gebührt Lobpreisung und Herrschaft und Macht von Geschlecht zu Geschlecht in alle Ewigkeiten. Amen!
9. Sei daher klug wie eine Schlange und arglos wie eine Taube! Du hältst dich ja mitten unter Wölfen auf. Nimm zu Herzen, was ich sage, Geliebter! Fürchte dich nicht, für Christus zu sterben, wenn auch Erwürgung oder das Schwert dich bedroht; und wenn sie dich auch in einen Kerker werfen oder in den Strom eines Flusses oder in den Abgrund des Meeres, gib nie aus Menschenfurcht die Enthaltsamkeit Preis, da du doch bald wieder in Staub aufgelöst werden wirst! Verachte Gottes Gebot nicht! Wenn auch Keine gegenwärtig sind, die dich zurechtweisen, so bleibt doch Gott dem Herrn Nichts verborgen, der den Abel gerächt hat. Magst du also in einer Genossenschaft oder Wüste leben, verachte die Keuschheit und Enthaltsamkeit nie; 376 denn der Herr sagt: “Seid heilig, wie ich heilig bin.„ und: «Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“
10. Demüthig aber (wahrhaft) ist Derjenige, der die Tugend durch die That predigt. Wer also daran (an Werke der Demuth) sich hält, ist wirklich demüthig nach dem Willen des Herrn. Ich will jedoch noch etwas Weniges über diese Tugend beifügen, auf daß du dadurch zum Theil ihre Macht vermöge der Gnade Christi erkennest. Der Demüthige strebt nicht nach eitlem Ruhme und beträgt sich nicht hochmüthig in Bezug auf den Dienst des Herrn. Der Demüthige stellt nicht widersprechend seinen eignen Willen der Wahrheit entgegen, sondern gehorcht der Wahrheit. Der Demüthige ist nicht eifersüchtig auf den Fortschritt des Nebenmenschen, noch erfreut er sich über einen, der gestürzt ist, sondern er freut sich vielmehr mit den Freudigen und weint mit den Weinenden. Der Demüthige wird durch Mangel und Noth nicht niedergeschlagen, sowie im Glück und Ruhm nicht hoffärtig, sondern er bleibt beständig in der gleichen tugendhaften Gemüthsstimmung.
11. Der Demüthige verleumdet nicht einen Bruder beim andern, was eine satanische Bosheit ist, sondern er ist ein Friedensstifter und vergilt nicht Böses mit Bösem. Der Demüthige schätzt nicht bloß Jene hoch, die größer sind als er, sondern auch die Geringern. Der Demüthige trachtet mit aller Kraft nach Gottseligkeit. Er läßt sich nicht vom Zorne dahinreissen, beleidigt nicht, lärmt nicht schreiend, sondern alles (ihm etwa zugefügte Unrecht) achtet er aus Gottesfurcht gering. Der Demüthige beträgt sich nicht boshaft und gibt sich nicht der Trägheit bin, sollte er auch um Mitternacht zu irgend einer Arbeit gerufen werden; denn er hat sich einmal dem Gehorsam gegen die Gebote des Herrn geweiht. Der Demüthige weiß Nichts von Bitterkeit und Falschheit, sondern in Einfalt und Arglosigkeit dient er dem Herrn in Heiligkeit und Frieden und geistlicher Freude.
377 12. Der Demüthige berauscht sich nicht mit Wein und ergibt sich nicht der Unmäßigkeit im Essen, indem er das Gebot des Herrn fürchtet. Wenn er ein Schimpfwort hört, so murrt er nicht; empfängt er auch einen Backenstreich, so wird er nicht ungehalten darüber; denn er ist ein Jünger Desjenigen, welcher sogar das Kreuz für uns erduldete. Der Demüthige haßt die Eigenliebe; daher trachtet er auch nicht nach dem ersten Platze, sondern sieht sich nur als einen gemeinen Reisenden in einem Schiffe in diesem Leben an. Er hört gern geistliche Reden an und wendet seinen Geist nicht ab von den Geboten des Allerhöchsten; denn um der Hoffnung auf unsern Herrn Jesus Christus willen hat er sich wahrhaft selbst verläugnet. Solche sind selig, weil der Herr zu ihnen sagen wird: „Ich werde euch nicht mehr Knechte nennen, sondern Freunde und Brüder.“ Ihm sei Ehre in alle Ewigkeiten. Amen!