1. Einer von den Heiligen sagte: „Trachte sorgfältig nach guten Dingen, damit du nicht nach schlechten trachtest; 385 denn der Geist hält es nicht aus, unthätig zu bleiben.“ Beschäftigen wir daher unsern Geist mit der Betrachtung von Aussprüchen Gottes, mit Gebet und guten Gedanken; denn das Nachsinnen über unnütze Dinge bringt auch unnütze Werke hervor. Nachdenken aber über Gutes gibt eine gute Frucht.
2. Tragen wir auch Dieß im Geiste, daß viele Herrscher Länder und Festungen im Besitze hatten; ihr Ruhm aber erlosch, und sie wurden, als wenn sie gar nie da gewesen wären. Wie viele Könige herrschten über eine Menge Völker, errichteten sich Bilder und Denksäulen, in der Meinung, dadurch nach dem Hinscheiden aus dem Leben ihre Namen zu verewigen! Allein es kamen Andere nach ihnen, zerstörten die Bilder und zertrümmerten die Säulen, ließen die Abbildungen wegnehmen und stellten ihre eigenen Porträte dafür auf; doch auch die Werke Dieser werden von Andern wieder zu Grunde gerichtet werden. Andere aber erbauten sich prächtige Grabmäler, indem sie sich dadurch einen ewigen Namen festzugründen einbildeten, da sie in der Grabschrift ihren Charakter darstellen ließen. Es kamen jedoch andere Geschlechter; der Ort kam unter die Herrschaft Anderer. Diese wollten natürlicher Weise da den Schutthaufen wegräumen und führten ihre Gebeine wie Kalksteine weg. Was nützte ihnen dann die kostbare aufgehäufte Pracht oder eine Pyramide? Alle diese Werke thörichter Eitelkeit also lösen sich in Nichts auf.
3. Die aber in Hinsicht auf Gott reich und vor (in) ihm verherrlicht sind, haben nicht ein solches Loos; denn sie haben sich das ewige Leben und eine unzerstörbare Herrlichkeit bereitet. Gleichwie nämlich das Licht der Sonne und des Mondes und Sternenchors bis jetzt weder verfinstert noch in Veraltung umgewandelt worden ist von ihrer Erschaffung an bis nun (denn jedes Geschlecht aus Fleisch und 386 Blut wird gleich dem reifen Getreide zu seiner Zeit geerntet und eingesammelt, das Licht der Sonne und des Mondes und der Gestirne aber bleibt immerfort jung und blühend und heiter nach der Anordnung des Schöpfers, die er ihnen bestimmt hat zu herrschen über Tag und Nacht), ebenso hat er auch Denjenigen, die ihn lieben, das himmlische Reich und eine unverwüstliche Freude vorherbestimmt, und wie er in Jenem ohne Lüge ist, so ist er auch in Diesem (was die Gerechten betrifft) wahrhaft. Jene (d. i. die Himmelskörper) werden vergehen, wann der Schöpfer will; allein die Glorie der Heiligen dauert ohne Ende fort.
4. Bestreben wir uns daher, eifrig Früchte der Buße zu bringen, damit wir von jener Freude nicht ausgeschlossen und verbannt werden in jenes dunkle und düstere Land, in das Land ewiger Finsterniß. Geh’ einmal, wenn es dir gefällt, in dein Schlafgemach und verschließ’ die Thüre, verstopfe auch Alles, wodurch Licht hineinschimmern könnte, und bleibe darin sitzen! Dann wirst du sehen, wie traurig es schon in dieser Finsterniß ist, wo du doch ohne Schmerz und Qual sitzest, weil es in deiner Macht liegt, wann du öffnen und herausgehen willst. Wie schmerzlich, denkst du nun, muß es erst in jener äussern Finsterniß sein, wo Heulen und Zähneknirschen ist!
5. Betrachte inwendig die Rauchfänge deines Herdes und erhebe dann die Augen zum Aufgange der Sonne und betrachte den Unterschied und fliehe die Werke der Finsterniß! Die Bosheit ist Finsterniß, die Tugend aber Licht. Die Bosheit macht, wenn man ihr nachforscht, Diejenigen schwarz, welche sie begehen; die Tugend hingegen verleiht, wenn man sich ernstlich darin übt, ihren Verehrern einen herrlichen Lichtglanz.
6. Glaube ja nicht, Geliebter, daß du ganz allein mehr bedrängt werdest als alle Andern! Denn „jeder Kopf fühlt Schmerzen und jedes Herz Betrübniß.“ Wie es unmöglich ist, daß irgend Jemand, der sich auf der Erde befindet, dieser Luft entgehe, ebenso ist es für den Menschen, der da lebt, unmöglich, von Bedrängnissen und Leiden nicht geprüft zu werden. Die sich mit den zeitlichen Dingen abmühen, werden dadurch bedrängt werden; die aber den geistigen Angelegenheiten nachtrachten, haben geistige Leiden zu ertragen. Diese werden jedoch selig sein; denn ihre Frucht ist reich im Herrn.
7. Halte in dem Werke, wozu du berufen bist, mit vollkommener Beharrlichkeit aus! Befestige die Anker und Seile wohl, damit dein Schilflein nicht sobald in’s offne Meer hinaus verschlagen werde und dann die Erfahrung dich belehre, welchen Frieden du genossen habest, solang du dich im Hafen aufhieltest! Die Welt ist unter dem Bilde des Meers dargestellt, das ascetische Leben aber unter dem Gleichnisse des Hafens. Sei kein Liebhaber des Herumschweifens, sondern erwirb dir vielmehr durch Ausdauer Gewinnste, anstatt in der Fremde Ärgernisse zu sehen! Ja, ich sage auch Dieses noch: Wenn wir auch die ganze Welt durchzogen haben, wartet zuletzt auf uns nicht dennoch nur die Zelle, wenn wir anders selig werden wollen? Können wir weder in einer Genossenschaft aushalten noch in einer Einöde Ruhe finden, wo werden wir uns dann noch niederlassen können? Das heißt ebenso viel als sagen: Ich kann weder die Sonnenhitze ertragen noch den Schatten aushalten. Wo werden wir uns also hinstellen? Ich fürchte daher, es möchte jener Feuerofen (die Hölle) uns aufnehmen.
388 8. Seien wir daber nicht nachlässig, und lieben wir nicht den Abscheu vor Anstrengung! Wenn wir Gebundene unsers göttlichen Heilandes sind (wie der hl. Apostel Paulus sich an mehreren Stellen nennt), so sollen wir uns über die Ketten der Drangsale nicht schämen, sondern sie mit Freuden ertragen, indem wir seine Ankunft vom Himmel erwarten, damit er uns dem Chore der Heiligen beizähle. Die nämlich an seinen Leiden Antheil genommen haben, werden auch Theilnehmer am Troste sein. Fällt aber Jemanden die Mühe der Anstrengung zu schwer: Wie Viele gibt es in der Welt, die am Chiragra oder Podagra leiden, reiche und von vielen Dienern umgebene Leute, die aber Tag und Nacht keine Ruhe genießen, indem sie von der Noth der Leiden gepeinigt und wie mit Banden und Ketten gefesselt werden! Übernehmen wir daher, um der Gottesfurcht wegen, eine selbstgewählte Beschwerde mit freiwilliger Geduld! Vernachlässigen wir auch nicht die Geduld, Demuth, Enthaltsamkeit und das Mitleid!
9. Mitleid aber verstehe ich nicht in dem Sinne, als solltest du an der Schlechtigkeit des Nebenmenschen Antheil nehmen; sondern du sollst dem Bruder in geistlichen Angelegenheiten beistehen, daß er Zerknirschung und Thränen (der Buße) erlange. Wenn auch das Weinen nicht sichtbar zum Vorschein kommt, soll dennoch die Zerknirschung des Herzens fortdauernd bleiben; denn in Bezug auf die Thränen findet ein Unterschied statt. Selig ist Derjenige, welcher 389 den Herrn in seiner eigenen Seele wie in einem Spiegel betrachtet und mit Weinen vor seiner Güte sein Lob ergießt; denn sein Gebet wird erhört werden.
10. Ich gebe dir als einem Menschen, der Gott geweiht ist und selig werden will, noch ein anderes Depositum (eine andere Lehre. Vergleiche in dem ersten und zweiten Briefe des hl. Paulus an Timotheus das Depositum des Glaubens, die anvertraute Glaubenslehre). Wenn du vom Essen aufgestanden bist, so gehe nicht in die Zellen herum, sondern bleibe ruhig in deiner Zelle; denn Viele schon hat der Teufel durch den Wein betrogen. Wenn du dich also nach dem Aufstehen von dem Mahle in einer andern Zelle finden lässest, so ist dieß ein Zeichen von Furchtlosigkeit (vor Gott) und von verkehrter Gesinnung. Aus solchen heimlichen Zusammenkünften folgen nämlich Unfälle (das Verlorengehen) von Seelen, und zwar vorzüglich, wenn die Zuchtruthe des Vorstehers ruhig liegen bleibt. Denn die durch die Gottesfurcht ihren Sinn nicht zügeln wollen, bedürfen der Menschenfurcht, um dadurch von nutzlosen Dingen abgehalten zu werden, gleichwie ein Sklave durch die Strenge seines Herrn im Zaume gehalten wird! Habe also Acht auf dich selbst und sei nicht gleichgiltig; denn wenn du einmal das Weintrinken gut lernst, so wirst du weder Nutzen stiften noch Nutzen gewinnen.
11. Wenn du auch die ganze hl. Schrift auswendig gelernt hast, so überhebe dich deßwegen im Geiste nicht, da ja die ganze von Gott eingegebene Schrift Demuth lehrt! Wer aber dem, was er gelernt hat, Entgegengesetztes denkt oder thut, erweist sich dadurch als einen Übertreter. Beunruhigt dich der Geist des Hochmuths oder der Herrschsucht oder der Begierde nach Reichthum, so laß dich nicht davon hinreissen, sondern widersetze dich vielmehr hochherzig dem Angriffe des bösen und betrügerischen Geistes! Denke an alte Gebäude und veraltete Bilder und vom Roste zerfressene 390 Statuen, und überlege bei dir und betrachte, wo denn jetzt jene Künstler sind, welche diese erwähnten Werke künstlich ausgearbeitet haben, und beeifere dich dem Herrn zu gefallen, damit du des Himmelreichs gewürdigt werdest! „Denn alles Fleisch ist Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie die Blume des Grases.“
12. Was gibt es Größeres und Herrlicheres als ein Königreich? Einige, die darnach strebten und es erlangten, verachteten aber wegen der damit verbundenen Sorgen und Unfälle die Herrlichkeit und trachteten sogar sich selbst nach dem Leben, indem sie den Tod dem Leben vorzogen, weil sie Gott nicht suchten und ihre Hoffnung nicht auf sein Heil setzten. Die aber des Himmelreichs gewürdigt werden, werden Nichts von Diesem allen (Gefahren und Nöthen nämlich) erfahren, sondern sie leben im Frieden und Jubel im Himmel mit den Engeln ohne Schmerz und Trauer und Seufzen, mit Freude und Frohlocken preisend und verherrlichend und erhebend den König der Himmel und Herrn der ganzen Erde, dem Lob und Ehre und Verherrlichung gebührt in alle Ewigkeiten. Amen.