246 Die ersten zwölf Gedichte haben die Belagerung und Befreiung der Stadt Nisibis sowie damit zusammenhängende Heimsuchungen zum geschichtlichen Hintergrund. In welches Jahr ist nun das erste Ereignis zu setzen? Nisibis hat drei Belagerungen durch Sapor, den tatkräftigen Perserkönig und grausamen Christenverfolger, durchkosten müssen, da er durchaus die östlichste Provinz des Römerreiches und Armenien seinem Reiche einverleiben wollte. Die erste fand nach dem Tode Konstantins, also 338, die zweite 346, und eine dritte 350 statt. Diese dreimalige Einschließung bezeugt sowohl Ephräm als auch Sextus Rufus in seinem etwas nach 369 verfaßten Breviarium rerum gestarum populi Romani, cap. 27, und das aus dem Jahre 380 stammende Chronicon des Hieronymus [Berliner Kirchenväterausgabe, Eusebius VII 1, S. 234, 236 und 237]. Wollen wir dann bei den griechischen und syrischen Chroniken nähere Auskunft suchen, so stoßen wir auf ein Chaos der verschiedensten Darstellungen. Diesem Umstand ist es zuzuschreiben, daß Bickell in der im ersten Gedichte geschilderten Kriegsnot die dritte Belagerung vom Jahre 350 erblickt, während Lamy [S. Ephraem Syri Hymni et Sermones, Bd. 4, S. XXII] ihm Unrecht gibt und alles auf die erste Belagerung vom Jahre 338 bezieht. Woher diese Verschiedenheit in der Datierung? Lamy bringt die dort von Ephräm erzählten Ereignisse mit der Errettung der Stadt durch den Bischof Jacobus zusammen und muß daher, da Jacobus nach einheitlichem Zeugnis der Geschichtschreiber im Jahre 338 gestorben ist, wie es auch Ephräm wenigstens andeutet [13. Hymnus, 80 ff.], die erste Belagerung als Anlaß nehmen. Aber zu dieser Voraussetzung, daß beide Ereignisse, die Errettung aus Wassernot, die als das hervorstechende Kennzeichen der von Ephräm geschilderten 247 Belagerung zu gelten hat, und die Befreiung durch das Gebet des Jacobus bezw. durch das Auftreten von Mückenschwärmen, bei ein und derselben Belagerung stattgefunden hätten, sind wir weder genötigt noch berechtigt. Wie wir sehen werden, haben erst spätere Berichterstatter, die wohl samt und sonders auf Theodoret zurückgehen, dieses Zusammenschmelzen ursprünglich getrennter Ereignisse vorgenommen; Theodoret hat, weil er nur einmal von der Belagerung in seiner Kirchengeschichte und in der Historia religiosa spricht, alles, was er wußte, in dieser einen Schilderung zusammengetragen.
Nun haben wir aber außer der Schilderung Ephräms noch die eines kompetenten Zeitgenossen, nämlich des Kaisers Julian, der in seiner I. und II. oratio ad imperatorem Constantium auch die Befreiung von Nisibis auf das Ruhmeskonto des letzteren schreiben möchte und uns darum eine sehr lebendige Darstellung hinterlassen hat [Juliani imperatoris quae supersunt ed. Hertlein; oratio I, S. 33 f.; II, S. 79 ff.]. Die von ihm gebotene Erzählung gehört ganz sicher in das Jahr 350; andererseits sind die ihr zugrunde liegenden charakteristischen Ereignisse [Wassernot!] entschieden identisch mit den von Ephräm berichteten; also muß auch die im ersten Hymnus geschilderte Belagerung ins Jahr 350 fallen. Die Schwierigkeiten, die sich aus den verschiedenen Angaben über die Dauer der Belagerung nach den Ausführungen Lamys gegen diesen Schluß erheben, halte ich für unerheblich. Auch kann ich nicht glauben, daß etwa Sapor beidemal eine Überschwemmung herbeigeführt hat. Außerdem, wenn die Errettung wirklich auf das unmittelbare Eingreifen des Bischofs Jacobus zurückzuführen wäre, wie es Theodoret dramatisch aufputzt, dann hätte Ephräm, der große Verehrer seines Lehrers Jacobus, schwerlich verfehlt, in seinem Gedicht diesen Zug kräftig zu unterstreichen; er erwähnt ihn gar nicht, nur 13,113 – 115 sagt er, daß die Reliquien jenes die Stadt retteten, und 17,106 f. wünscht er, daß der neue Bischof Abraham der Stadt eine Mauer sei wie Jakob. [Lamy, S. XX führt in die Irre, wenn er beide Zitate so verbindet: Jacobus, qui fuit Nisibenis sicut murus et salvavit 248 urbem.] Ob überhaupt aus der auch von Ephräm vertretenen Anschauung, daß die Reliquien dieses heiligen Bischofs ein rettendes Panier für die Stadt bedeuteten, erst der spätere, und dann als legendär zu betrachtende Zug, daß Jacobus durch sein persönliches Eingreifen die Stadt errettete, entstanden sei, möchte ich dahingestellt sein lassen.<br|>Da die lebhafte, bisweilen von gelehrten Reflexionen unterbrochene Schilderung Julians die zuverlässigste Erläuterung zum ersten Hymnus ist, möge sie hier im Abriß folgen. Sapor zieht mit ungeheuren Truppen und Troß heran und schließt die Stadt ein; durch Dämme gelingt es ihm, den ohnehin zur Frühjahrszeit angeschwollenen Mygdonius so zu stauen, daß die Stadt nur noch wie eine Insel aus dem See hervorragt. Nun schafft er auf Schiffen Belagerungsmaschinen an die Stadt heran. Die Bewohner leisten erbitterten Widerstand, werfen Steine und Feuerbrände auf die Belagerer, die große Verluste an Soldaten und Maschinen erleiden. Doch inzwischen hat das Wasser eine Mauer unterspült, sie fällt ein; aber auch die Staudämme scheinen teilweise der Gewalt des Wassers nicht mehr gewachsen zu sein; denn das Wasser tritt zurück, und Sapor muß auf dem völlig versumpften Gelände einen Angriff machen, der ihm nur große Verluste an Reiterei und Elephanten einbringt. So hat er inzwischen vier Monate vor der Stadt zugebracht. Die Belagerten haben unter dem Schutz von Soldaten in unerwarteter Schnelligkeit die eingestürzte Mauer wieder aufgerichtet, so daß ein erneuter Angriff durch Bogenschützen gerade gegen jene Bresche erfolglos bleibt. Krankheiten und Hunger scheinen ebenfalls sein Heer heimgesucht zu haben, so daß er schließlich die Belagerung aufheben muß, nicht ohne vorher ein strenges Strafgericht über jene Führer abgehalten zu haben, die nach seiner Ansicht den Mißerfolg verschuldet hatten. Vielleicht haben auch Unruhen in anderen Gebieten seines weiten Reiches seine baldige Anwesenheit nötig gemacht; so meinen spätere Geschichtschreiber.
Theodoret, der, wie erwähnt, die Ereignisse der ersten und dritten Belagerung zur Darstellung einer 249 einzigen zusammenschweißt, spricht sowohl in der Vita des Jacobus [Historia religiosa I, Migne PG. 82,1304] als auch in der Kirchengeschichte [Migne PG. 82,1076f .; Berliner Kirchenväter: Theodoret, Kirchengeschichte, herausgegeben von Parmentier, 167 ff.] von einem Eingreifen des Bischofs Jacobus und verlegt demgemäß auch das Ereignis in die Zeit kurz nach dem Tode Konstantins. Schon die Erfolglosigkeit des ersten Angriffs mit den Belagerungsmaschinen wird dem Gebete des Jacobus zugeschrieben. Das Stauen des Mygdonius hat den Einsturz der Mauer zur Folge, doch wartet Sapor einen Tag mit dem Angriff, damit sich das Wasser erst verlaufe. Die Bewohner stellen auf Betreiben des Jacobus die Mauern wieder her; er betet inzwischen in der Kirche. Der Sturm ist wieder erfolglos. Nach der Historia religiosa wird Jacobus gebeten, die Mauer zu besteigen und den Feind zu verfluchen; als er die Menge der Feinde erblickt, bittet er, Gott möge Mückenscharen gegen sie kommen lassen; sofort geschieht es, und die von ihnen gequälten Elephanten und Pferde richten eine fürchterliche Verwirrung unter den Soldaten an. Sapor glaubt in dem Heiligen auf der Mauer den Kaiser selbst erblickt zu haben und bestraft seine Umgebung, weil man ihm verschwiegen habe, daß der Kaiser anwesend sei.
In der Kirchengeschichte ist das letztere etwas anders dargestellt. Der Kaiser sieht nach der Wiederherstellung der Mauer auf ihr einen Mann in kaiserlichem Gewande und glaubt, daß es Konstantius sei; er schießt voll Wut einen Pfeil gen Himmel. Dann erst wird erzählt, wie Ephräm den Bischof Jacobus bittet, auf die Mauer steigen zu dürfen; ihm, nicht dem Bischof, wird dann die Verfluchung zugeschrieben. Der Erfolg ist der gleiche wie oben.
Diese Darstellung ist dann von den meisten späteren Schreibern, oft in sklavischer Anlehnung, übernommen worden. So in den syrischen Viten des Ephräm, die den Schluß natürlich in der Fassung der Kirchengeschichte Theodorets bieten.
Das Chronicon paschale [Migne PG. 92, 717 u. 724; vgl. Berliner Kirchenväterausgabe: Philostorgios, ed. Bidez, S. 216 ff.], das auch die Belagerung vom Jahre 337 250 kennt, schreibt für die vom Jahre 350 eine ausführlich arianische Quelle aus, die merkwürdigerweise auf den Bischof Vologeses von Nisibis zurückgeführt wird. Die Darstellung Theodorets ist noch um einige Züge bereichert, doch wird Jacobus nicht genannt; der Mann auf der Mauer, den Sapor für den Kaiser hält, ist nur ein „Jemand“. Dieselbe Quelle benutzt auch Theophanes in seiner Chronographia [ed. de Boor I, 34, 33; 38, 10; 39,13].
Unter den Syrern erscheint die Schilderung der Belagerung nach Theodorets Kirchengeschichte; so in der Vita des Jacobus [Bedjan, Acta Martyrum et Sanctorum 4, 270 ff.), in der Chronik Michaels des Großen [herausgegeben von Chabot, S. 135 f., Übersetzung S. 266 f.] und bei Barhebraeus, Chronicon [ed. Bedjan S. 61]. Georg, der Araberbischof, beruft sich für seine Notiz über die Rolle, die Ephräm bei der Belagerung spielte, ausdrücklich auf Theodoret [Georgs des Araberbischofs Gedichte und Briefe, übersetzt von Ryssel, Leipzig 1891, S. 47]. In der wertvollen Chronik von Arbela [= Sources syriaques, vol. 1, ed. Mingana, Leipzig 1907, S. 48 f.; E. Sachau, Die Chronik von Arbela, Abhandlung der Berliner Akad. d. Wiss. 1915, Philos.-histor. Klasse, Nr. 6, S. 74] heißt es, daß nach dem Tode Konstantins Sapor Nisibis belagerte; infolge des Gebets des Bischofs Jakob, das er auf der Mauer zu Gott richtete, schickte Gott Insekten gegen die Armee des Perserkönigs; diese belästigten die Pferde, und darob entstand große Verwirrung, der König mußte abziehen. - Zum Jahre 351 berichtet die Chronik von einer erneuten Belagerung von Nisibis, ohne Einzelheiten anzugeben; Sapor muß wegen Aufruhrs anderer Völkerschaften heimkehren, läßt aber viele Truppen vor Nisibis und in Mesopotamien stehen.
Von den Berichten anderer Chroniken, die meist Auszüge aus älteren Quellen bringen und für unseren Fall in letzter Linie auf Theodoret zurückgehen, kann wohl abgesehen werden.
Als Resultat ergibt sich jedenfalls, daß man drei Belagerungen der Stadt Nisibis anzunehmen hat, 251 von denen die zweite keine nähere Darstellung gefunden hat und die erste und dritte vielfach verwechselt und verschmolzen worden sind. Die erste fand bald nach dem Tode Konstantins statt und scheint durch ein Eingreifen des Bischofs Jakob eine günstige Wendung genommen zu haben. Vielleicht haben wir das Auftreten von Mückenschwärmen, wie es die auch sonst zuverlässige Chronik von Arbela schildert, wenn es überhaupt historisch ist, hier unterzubringen. Die dritte Belagerung, die uns Ephräm als Augenzeuge, Julian als Zeitgenosse schildert, ist charakterisiert durch die künstlich herbeigeführte Überschwemmung der Umgebung von Nisibis. Die erste und dritte Belagerung erscheinen bald in den Berichten – die älteste greifbare Quelle hierfür ist Theodoret – als eine, und die bei beiden verschiedenen Vorgänge sind auf ein Ereignis zusammengedrängt, das, wenn es überhaupt zeitlich bestimmt erscheint, meist in die Zeit nach dem Tode Konstantins verlegt wird, also mit der ersten Belagerung konkurriert. In der Zuteilung der Rollen des Mauerbesteigens und Verfluchens ist Theodoret noch schwankend; – ob überhaupt Ephräm im Jahre 338 schon eine solche Stellung neben dem Bischof einnehmen konnte? – Neuere Bearbeiter der Geschichte dieser Zeit, denen die Ereignisse bei der Belagerung fester mit dem Jahre 350 verankert erscheinen als mit der genauen Zeit des Bischofs Jacobus, lassen ihn einfach bis zum Jahre 350 leben; dieser Charybdis sind sowohl Gibbon [The History of the Decline and Fall of the Roman Empire, edited by J. B. Bury, London 1896, Vol. 2, S. 229] als auch Seeck [Geschichte des Untergangs der antiken Welt, IV. Bd. [1911], S. 95] verfallen; nach Tillemont, Histoire des Empereurs 4,2 [Bruxelles 1709] hat Jakob in allen drei Belagerungen die Rettung herbeigeführt.
Die Abfassungszeit dieser ersten Reihe von Hymnen dürfte nach Bickell folgendermaßen zu bestimmen sein: Nr. 1 ist während oder bald nach der Belagerung von 350 entstanden, ebenso 2 – 3 kurz darauf; 4 – 12 stammen aus dem Jahre 359, wie sich aus den angedeuteten kriegerischen Ereignissen ergibt, die bei Ammianus Marcellinus näher beschrieben sind.
§ 1
252 Nach der Melodie: Ich will meinen Mund öffnen in Weisheit.
In diesem Gedicht führt Ephräm die Stadt Nisibis sprechend ein; sie ist zum drittenmal belagert, und diesmal haben die Feinde die ganze Umgebung der Stadt unter Wasser gesetzt, so daß die Stadt sich mit der Arche Noës vergleichen kann. Der Vergleich wird bis ins einzelne durchgeführt.
Der äußeren Form nach besteht das Gedicht aus 11 Strophen, die mit dem ersten, dritten, fünften usw. Buchstaben des syrischen Alphabets beginnen. Jede Strophe hat 14 Verse, je die letzten zwei kommen auf den Kehrvers [Unitha], der hier, wie sonst selten, für jede Strophe ein anderer ist.
Barmherziger Gott, der du Noë Ruhe verliehest, da auch er deine Barmherzigkeit versöhnte; Opfer brachte er dar und hemmte die Fluten, Spenden gab er, und Verheißung empfing er. [5] Durch Gebet und Weihrauch versöhnte er dich, mit Eidschwur und dem Regenbogen beschenktest du ihn gnädig, und wo die Flut droht, der Erde zu schaden, sollte gegen sie der Regenbogen auftreten, [10] um sie zu vertreiben und der Erde neuen Mut zu geben; denn deine Eidschwüre sollen den Frieden sichern, und dein Bogen soll deinem Zorne Widerstand leisten. – [Kehrvers:]Spanne deinen Bogen aus gegen die Flut, denn ihre Wogen türmen sich gegen unsere Mauern auf.
[15] Freimütig klage ich, Herr: Wenn das schwache Blut, das Noë ausgoß, für alle Zeit deinem Zorne Einhalt gebot, um wieviel kräftiger sollte das Blut deines 253 Eingeborenen sein, daß sein Vergießen unsere Flut hemme! [20] Denn siehe, als sein Vorbild nur erhielten jene schwachen Opfer Kraft, die Noë darbrachte, und so den Zorn aufhielt. Laß dich versöhnen durch das Opfer auf meinem Altar und halte fern von mir die Sturmflut der Leiden. [25] So möge Schutz gewähren das Paar deiner Wunderzeichen: mir dein Kreuz, dem Noë dein Bogen. – Dein Kreuz soll das Wassermeer durchschneiden, dein Bogen des Regens Flut vertreiben.
Siehe es bedrängen mich all die Fluten, [30] aber der Arche ließest du den Vorteil, daß nur die Wogen sie rings umgaben, mich aber umdräuen Wälle, Waffen und Wogen. Sie war dir ein Hort teurer Güter, ich freilich bin ein Sammelplatz der Sünden; [35] sie glitt auf den Wogen dahin, von deiner Liebe getragen, ich aber bin durch deinen Zorn hilflos Speeren preisgegeben; sie trug die Flut, mich umtost der Fluß. Lenker jener Arche, [40] sei auch mein Führer auf dem festen Lande. – Jene hast du in dem Hafen auf dem Berge ausruhen lassen, gewähre auch mir Ruhe in dem Hafen meiner Mauern!
Der gerechte Gott züchtigte mich mit Fluten, jene mitten auf den Fluten liebte er zärtlich. [45] Hat doch Noë die Wogen der Begierde besiegt, die zu seiner Zeit die Söhne Seths fortrissen, er, dessen Fleisch den Töchtern Kains widerstand, machte der Fluten Rücken sich zum Thron, er, den Weiber nicht befleckten, führte die Tiere einander zu, [50] da er in der Arche sie alle paarweise miteinander verband. Die Olive, die durch ihr Öl das Angesicht erstrahlen läßt, erfreute hier schon durch ihr Laub ihr Antlitz. – [55] Der Fluß, dessen Trank erquickt, macht durch seine Überschwemmung, o Herr, mich traurig.
Deine Gerechtigkeit erblickte den Schmutz meiner Sünden, und deine heiligen Augen verabscheuten mich. Wasser hast du angesammelt durch den Unreinen [den heidnischen Feind], [60] um von mir meine Sünden abzuwaschen, zwar nicht um mich in diesem taufend zu läutern, sondern um mich dadurch zu schrecken und zu züchtigen, denn die Fluten nötigen mich zum Gebet, das 254 meine Sünden abwäscht. [65] Ihr Anblick, der mich mit Reue erfüllt, wirkt in mir als Taufe. In dem Meere das bestimmt ist, mich zu ertränken, möge, Herr, deine Barmherzigkeit die Sünden ertränken. - In dem Schilfmeer hast du Menschenleiber versenkt, [70] in diesem mögest du anstatt der Leiber Sünden versenken.
Aus Liebe hast du die Arche gebaut, um in ihr alles, was übrig war, zu erhalten. Um die Erde durch deinen Zorn nicht zu veröden, machte deine Gnade eine Erde aus Holz. [75] Du hast die eine in die andere entleert, um die eine mit der andern wieder herzustellen. Mein Landwurde schon dreimal gefüllt und entleert, und jetzt stürzen auf mich die Wasserfluten, um den Flüchtling zu verschlingen, [80] der in mir Zuflucht gefunden. In der Arche hast du den Überrest gerettet, bewahre, Herr, auch in mir den Sauerteig! – Die Arche gebar auf dem Berge, für mein Land laß mich die Eingeschlossenen gebären.
[85] Herr, erfreue die in meinen Festungen Eingeschlossenen, der du jene Eingeschlossenen durch den Ölzweig erfreut hast; als Arzt sandtest du ihn durch die Taube den Kranken, die durch den Wogenschwall geängstigt waren; er kam und vertrieb alle Krankheiten, [90] denn die Freude über ihn verschlang den Kummer, und die Trauer schwand dahin durch seinen Trost. Und wie ein Feldherr flößte er Mut den Zaudernden ein, gab die Sprache den Verlassenen wieder [95] und ließ die Augen den Anblick des Friedens kosten, und sogleich öffnete sich der Mund zu deinem Lob. – Als Ölzweig in diesen Fluten erhalte mich, damit sich an mir erfreuen die in der Feste Eingeschlossenen.
Die Flut stürmt dreist gegen unsere Mauern an, [100] doch wird sie die Kraft, die alles stützt, erhalten; nicht wird sie fallen, wie ein Haus auf Sand gebaut, denn meine Lehre habe ich nicht auf Sand gegründet, ein Fels ward mein Fundament, denn auf deinen Felsen baute ich meinen Glauben. [105] Das verborgene 255 Fundament meiner Hoffnung wird meine Mauer tragen. Jerichos Mauern fielen freilich, denn seine Hoffnung war auf Sand gebaut, Moses aber baute im Meere eine Mauer auf,die sein gläubiger Sinn auf Felsen gründete. – Noës Fundament war auf Felsen gegründet, es trug das Holzhaus auf dem Meere.
Vergleiche doch die Seelen, die in mir sind, mit den Tieren der Arche! [115] Und anstatt Noës, der traurig in ihr lebte, sieh deinen Altar, schmucklos und erniedrigt! Und anstatt der Ehefrauen in ihr siehe meine Jungfrauen, die ehelos bleiben! Und anstatt Chams, der hinging [120] und die Scham seines Vaters entblößte, siehe jene, die Wohltun üben, wie sie züchtig die Nacktenbekleiden! In meinem Schmerze rede ich irre, Herr, rechne es mir nicht an, wenn meine Worte deinen Zorn reizen! – [125] Die Übermütigen, welche murrten, brachtest du zum Schweigen, mir sei gnädig, wie dem Überrest, der Schweigen beobachtete.
Vor deinem Zornesausbruche erbautest du eine Zufluchtsstätte, und es flüchteten sich in sie alle Arten der Geschöpfe. Noë erfreute sich der Ruhe [wohnung], [130] denn Ruhe bedeutete ihm die Wohnung wie sein Name. Du verschlossest das Tor, um den Gerechten zu hüten, du öffnetest die Regenschleußen, um die Gottlosen zu vernichten. Noë stand da inmitten der Wogen, die draußen schrecklich drohten, [135] und mitten unter den furchtbaren Rachendrinnen. Es trieben ihn die Wellen umher, es verwirrten ihn die Rachen, doch du versöhntest mit ihm die Hausgenossen drinnen und unterwarfst ihm die [Fluten] draußen. - Das Lästige machtest du schnell erträglich, [140] denn leicht ist dir, Herr, das Schwierigste.
Höre, Herr, und vergleiche meine Lage mit der des Noë, und wäre mein Kummer leichter als der seine, so mache uns in der Errettung gleich! Denn siehe, meine Kinder stehen da, gleichwie er, [145] zwischen Rasenden und Übeltätern. Gib Frieden mit den Hausgenossen 256 drinnen, und unterwirf mir die Feinde draußen und verdoppele so meinen Sieg, und da zum drittenmal der Mörder seinen Zorn ausläßt, [150] so möge auch zum drittenmal der „Dreitägige" [Christus] seine Gnade walten lassen. Möge der Böse nicht über die Barmherzigkeit triumphieren. Besiege den, der zum zweiten- und drittenmal es wagte. Es wird mein Sieg die Erde durchfliegen und dir Ruhm auf Erden verschaffen. [155] O, der du am dritten Tage auferstandest, laß mich nicht in meiner dritten [Trübsal] untergehen!
§ 2
Über die Errettung der Stadt. Nach der Melodie: Tröstet durch Verheißungen.
Die befreite Stadt sagt Gott Dank für die Errettung, und klagt gleichzeitig über die Sünden ihrer Bewohner. - Die ersten Buchstaben der einzelnen Strophen ergeben als Akrostich: Afrem [Ephräm, Afrem, Fremion, Verkleinerungsform von Ephräm als Ausdruck der Verdemütigung].
Heut öffnet sich jeder Mund, um Dank zu sagen; jene, die Breschen schlugen, haben auch den Mund meiner Kinder geöffnet, [5] sie preisen den Erbarmer, der unser Volk errettet hat. Er hat jetzt sein Augenmerk nicht darauf gerichtet, uns die Verfehlungen heimzuzahlen, die auf uns lasteten. Erhoben sich doch bereits jene, die uns in Gefangenschaft führen wollten, [10] aber die Welt hat in unserer Errettung deine Gnade fühlen gelernt. – [Kehrvers:] Preis sei deiner Güte von jedem, der sprechen kann!
Er rettete uns ohne Mauer [15] und lehrte uns, daß er unsere Mauer ist; er rettete uns ohne Königund bewies, daß er unser König ist; er rettete uns in allem und jedem und zeigte, daß er alles ist. [20] Er rettete uns durch seine Gnade und offenbarte dadurch, daß er umsonst Gnade erweist und Leben gibt. Wer immer sich 257 rühmt, dem nimmt er den Ruhm und gibt ihm seine Gnade.
[25] Der Jubelruf in aller Mund ist zu gering für, deinen Ruhm; denn in jener Stunde, als unser Licht nur flackerte und am Erlöschen war, [30] flammte es plötzlich wieder auf und leuchtete, denn dir ist alles leicht. Wer sah zwei solche Wunder, daß sich jenem, der von aller Hoffnung abgeschnitten war, plötzlich reiche Hoffnung nahte! [35] Die Stunde des Wehklagens ist der frohen Kunde gewichen.
Ein Festtag ist’s, aus dem frohe Feste hervorgehen; denn wenn uns der Zorn erfaßt hätte, dann hätten auch die Feste aufgehört, [40] nun aber hat unser Friede den Sieg davongetragen, darum ertönet Festjubel. Dieser gesegnete Tag brachte alles mit sich; von ihm hing das Schicksal der Stadt ab, von der Stadt das Volk, [45] vom Volk der Frieden, vom Frieden alles.
Sogar durch die Breschen hast du den Ruhm vermehrt; [50] Lobpreis stieg zu dem Dreieinigen empor von den drei Mauerbreschen; denn er stieg herab und verschloß sie in seiner Barmherzigkeit, die den Zorn zurückhält. Er fegte jenen hinweg, der nicht erkennen wollte, daß er uns [nur] eine Lehre geben wollte. Er lehrte die Eingeschlossenen, [55] daß er aus Gerechtigkeit die Mauern brach, er lehrte aber auch die Belagerer, daß er sie aus Güte wieder schloß.
Rufet und lobpreiset, meine Geretteten, am heutigen Tage, [60] ihr Greise und Knaben, ihr Jünglinge und Jungfrauen, ihr Kinder und Unschuldigen, und du, Kirche, Mutter der Stadt, denn die Greise wurden vor der Gefangenschaft bewahrt, [65] die Jünglinge vor Qualen, die Kinder vor der Zerschmetterung, die Frauen vor der Schande und die Kirche vor der Verachtung!
Er kam zu uns mit harten Strafen, [70] und wir waren im Augenblick vom Schrecken erfaßt; er kam mit Milde, und sogleich blühten wir wieder auf; er wandte sich ab und verließ uns ein wenig, da irrten wir umher ohne Ziel [75] wie ein reißendes Tier, das Lock- und Schreckmitteln folgt, das aber, wenn man von ihm 258 abläßt, wütet und umherirrt und dem bebauten Lande Schaden zufügt.
Er zahlte uns heim, und wir gerieten in Furcht, er befreite uns, und wir wurden nicht beschämt; er führte uns in Bedrängnis, und zahlreich wurden die Gelübde, er ließ Milde walten, und zahlreich wurden die Sünden; wenn er uns bedrängte, wurde ein Bund geschlossen, [85] wenn er uns aufatmen ließ, trat Verirrung ein. Er ließ sich herab, uns zu stärken, obwohl er uns kannte; am Abend erhoben wir ihn, am Morgen brachen wir ihm die Treue; verließ uns die Not, [90] so ging auch die Wahrheit von uns fort.
Er bedrängte uns durch die Breschen, um unsere Verfehlungen heimzuzahlen, Hügelerrichtete er, um unsere Ruhmsucht zu erniedrigen, [95] die Gewässer ließ er hervorbrechen, um unsere Unreinheit abzuwaschen; er schloß uns ein, um uns in seinem Tempel zu versammeln; er schloß uns ein, und wir verlöschten, er öffnete uns, und wir gingen in die Irre. [100] Der Wolle glichen wir, die alle Farben wiedergibt.
Wisse, daß die seligen Niniviten, als sie Buße taten, es nicht taten wegen der Hügel, [105] nicht wegen der Gewässer, nicht wegen der Breschen, auch nicht wegen der Bogen, und auch nicht aus Furcht vor dem Klange der Bogensehne taten sie Buße: sie hörten auf eine verachtete Stimme, [110] ließen ihre Kinder fasten, sie machten ihre Jünglinge keusch und ihre Herrscher demütig.
Du hast uns gezüchtigt, und wir haben zugeben müssen, daß es nicht unverdient geschah. [115] Du hast uns gerettet, und wir danken dir, denn wir waren dessen nicht wert. Du hast Gnade walten lassen, obwohl du dich nicht der trügerischen Hoffnung hingabst, daß wir uns bekehren würden. [120] Du wußtest, daß wir sündigten und erkanntest, daß wir wieder sündigen würden; du durchschautest unsere frühere und zukünftige Sündhaftigkeit, als du an uns Gnade übtest.
Er wog unsere Buße ab, ob sie schwerer sei als unsere Sünde, aber nicht einmal zum Gleichgewicht 259 stiegen die Wagschalen gleich hoch, da unsere Sünden das Übergewicht hatten und unsere Buße zu leicht war. [130] Schon hatte er den Befehl gegeben, uns für unsere Sünden zu verkaufen, aber seine Gnade war unsere Fürsprecherin. Die Grundschuld mit den Zinsen haben wir mit dem Scherflein bezahlt, das unsere Buße darbot.
[135] Zehntausend Talente der Schuld ließ er uns um weniges nach, obgleich er gar sehr berechtigt war, sie einzufordern, um seiner Gerechtigkeit Genüge zu leisten; aber wiederum fühlte er sich gedrängt, Nachlassung zu gewähren, [140] um seine Güte leuchten zu lassen. Nur für einen Augenblick boten, wir ihm Tränen dar, er kämpfte seine Gerechtigkeit nieder, indem er nur weniges forderte und empfing; er ließ seine Gnade leuchten, [145] um weniges ließ er vieles nach.
Unermeßlich sind unsere Schulden, die er nachließ, unermeßlich, so daß unsere Zungen seiner Güte gegenüber versagen. [150] Er verzieh uns, wir vergelten es ihm auf entgegengesetzte Weise, die begangene Schuld tragen wir von neuem ein. „Lasse nach, Herr!“ rufen wir: „strafe, Herr!“ beten wir. [155] „Lasse nach“ nämlich, was wir gesündigt haben, „strafe“ den, der gegen uns gesündigt hat!
Wir haben auch nicht einmal wie die Belagerer für unser Leben uns abgemüht: jene haben Hügel erhoben, [160] wir nicht einmal unsere Stimme; jene haben die Mauern gebrochen, wir haben nicht einmal die schwachen Fesseln in unsern Herzen gesprengt. Und doch versagte er den Erfolg den Tätigen [165] wegen uns Trägen; die Arbeit draußen achtete er nicht, während er selbst drinnen mißachtet wurde.
Er überging die Sprachbegabten und traf das Stumme; [170] die Mauer ward hinfällig, das Volk aber empfing eine Lehre. Er verschonte die Leidensfähigen und schlug das Leidensunfähige. Für uns selbst, die wir empfinden, [175] schlug er die Steine, die unempfindlich sind, um uns eine Lehre zu geben. In seiner Liebe sah er von unserem Leibe ab und schlug eilends unsere Mauer.
Wer hat jemals gesehen, [180] daß eine Bresche zu Spiegel geworden ist? Von beiden Seiten konnten 260 sie hineinsehen, er diente denen drinnen und denen draußen, sie konnten in ihm gleichsam mit den Augen schauen die Macht, die zerstört und aufrichtet, [185] sie sahen jenen, der eine Bresche schlägt und wieder schließt. Die Belagerer sahen seine Macht, machten sich davon, ohne den Abend zu erwarten; die Belagerten sahen seine Hilfe und dankten ohne Ende.
[190] Der Tag deiner Rettung möge deine Saumseligkeit aufrütteln. Als die Mauer barst, und als die Elephanten hervorbrachen, als die Pfeile herabregneten, [195] als die Kämpfer wüteten, da war es ein Schauspiel für die Himmlischen: die Sünde kämpfte, aber die Gnade behielt die Oberhand. Hienieden siegte die Barmherzigkeit, [200] die Engel oben jauchzen auf.
Und es strengte sich dein Feind an, durch seine Listen die Mauer, die dich als Schutzwall deiner Bewohner umgab, zu brechen; [205] er mühte sich ab, aber er hatte keinen Erfolg. Und damit er sich nicht etwa der Hoffnung hingebe, daß, wenn er sie gebrochen hätte, er auch eindringen und uns wegführen könnte, durchbrach er sie nicht nur einmal und wurde zuschanden, sondern [210] sogar dreimal [tat er es], damit er dreifach in den drei Versuchen beschämt werde.
Möge auch mir in dir durch die Gnade das große Glück zuteil werden, daß, nachdem in dir meine Sünden zahlreich geworden sind, [215] auch meine Früchte in dir vermehrt werden, und wenn in dir meine Jugend gesündigt hat, so möge in dir mein Greisenalter Gnade finden. Mit dem Munde deiner Kinder flehe für deinen Sohn, der ich über meine Kräfte gesündigt und unter meinen Kräften gebüßt habe; ich habe gesät ohne Maß und geerntet nur ein geringes Maß.
§ 3
Ein zweites Lied nach derselben Melodie.
Gottes Wesen und Beziehungen [Arianismus] erforschen zu wollen, ist zwecklos; er hat die Menschheit angenommen, um uns auch durch Heimsuchungen ihm ähnlich zu machen. Diesem Zwecke diente auch die Belagerung der Stadt. Die ersten Strophen enthalten 261 ähnliche Gedanken, wie sie in den Gedichten gegen die Grübler niedergelegt sind; Bickell ist der Meinung, daß dieser erste Teil des Gedichtes sich gegen die Arianer richte. – Die Strophenanfänge ergeben als Akrostichon Qôlan Nesbaje anan, d. h. unsere Stimme, o Nisibener klagt.
Gib Festigkeit unserm Gehör, damit es nicht losgelassen in die Irre gehe! Ein Irrtum ist es, forschen zu wollen, wer er ist und wem er gleicht; [5] denn wie können wir imstande sein, ein Bild jenes in uns wiederzugeben, dessen Wesen dem Intellekt gleichsteht. In ihm gibt es keine Beschränkung; er ist ganz sehend und hörend, [10] er ist gleichsam ganz sprechend, er ist ganz in allen Regungen. – [Kehrvers:] Preis sei dem einen Wesen, das unerforschlich für uns ist!
Sein Aussehen ist unbegreiflich, [15] um in unserm Geiste dargestellt zu werden. Er hört ohne Ohren, er spricht ohne Mund, er wirkt ohne Hände, sieht ohne Augen, [20] so daß unser Geist dabei keine Befriedigung findet und abläßt von dem, der so beschaffen ist. Er aber bekleidete sich in seiner Güte mit dem Kleide der Menschheit und sammelte uns zu seiner Nachahmung.[25] Lasset uns nun lernen, wie er, ein Geisteswesen, mit Menschenleib auftrat und so, obschon ein reiner Geist, wie ein Zürnender erschien. [30] Zu unserm Heile war’s, daß sein Wesen sich uns in unserer Gestalt ähnlich machte, damit wir ihm ähnlich würden. Einer nur ist, der ihm gleicht, sein Sohn, der von ihm ausging, [35] der geprägt ist nach seinem Bilde.
Nisibis, höre dies, denn deinetwegen ist so geschrieben und gesprochen. Sowohl dir wie andern auf dem Erdenrund [40] warst du ein Grund zu Heimsuchungen und Bußpredigten; mancher Mund hat über dich, o du Belagerte, geweissagt; da du nun, errettet, triumphierst, [45] öffnet sich ihr Mund in dir zu Lob- und Dankesliedern.
Das Gebet deiner Bewohner reichte hin zur Errettung, nicht weil sie gerecht, [50] sondern weil sie bußfertig waren. Wie sehr sie auch gefrevelt hatten, so beugten sie sich doch, ein Gemisch von Sünden und Vorzügen, unter der Zuchtrute. Möchten doch sie, die groß 262 waren in Sünden, [55] auch groß sein in ihren [guten] Früchten, möchten sie, nachdem sie sich in Sack und Asche ausgezeichnet haben, auch ihre Kronen erringen!
Der Tag deiner Errettung ist der König aller Tage. [60] Ein Sabbat hat deine Mauern umgestürzt, gestürzt die unzuverlässigen; der Auferstehungstag des Sohnes [Sonntag] hat dich von deinem Falle aufgerichtet, der Auferstehungstag hat dich auferweckt, wie sein Name sagt, [65] und hat so seinem Namen Ehre gemacht: der Sabbat verließ seine Wache, und durch das Werk seiner Breschen fügte er sich selbst Schande zu.
In Samaria wurde der Hunger übermächtig, [70] in dir aber herrschte Überfluß; doch bald kam für Samaria wieder die Fülle, für dich aber kam plötzlich das Meer herangebraust. [75] In jenem wurde das Kind verzehrt, und dieses rettete ihm das Leben, in dir wird der lebendige und lebenspendende Leibgenossen, – gar schnell rettete er sie, der Genossene seine Genießer.
[80] Sicher ist, daß jener Gütige kein Wohlgefallen hat an Heimsuchungen, die zu allen Zeiten eintreten, obgleich er selbst sie schickt: unsere Sünden sind [85] die Ursachen unserer Qualen. Kein Mensch darf den Schöpfer beschuldigen, er ist es, der uns beschuldigen kann; denn wir haben gesündigt und ihn zu zürnen genötigt, obgleich er es nicht wollte, [90] und zu strafen, obgleich er kein Wohlgefallen daran hat.
Erde, Weinstock und Olive bedürfen der Zucht: erst wenn der Ölbaum geschlagen wird, geben seine Zweige [die Früchte] ab. [95] Erst wenn der Weinstock beschnitten wird, werden seine Früchte schön; erst wenn der Boden gepflügt wird, wird sein Ertrag gut; erst wenn das Meer mit den Rudern gepeitscht wird, unterwirft es sich; [100] Erz, Silber und Gold glänzen erst, wenn sie geglättet sind.
263 Wenn nun der Mensch alles dadurch verbessert daß er es in Zucht nimmt, [105] und wenn alles unschön und widerwärtig ist, falls er ihm seine Sorge versagt, so mögen wir aus dem Umstande, daß er Zucht anwendet jenen kennen lernen, der ihn in Zucht nimmt. Während aber jeder, der etwas in Zucht nimmt, es tut zu seinem Nutzen – denn jeder, [110] der seine Sklaven züchtigt, tut es, um sie sich zu unterwerfen –, erzieht der Gütige seine Knechte, damit sie sich selbst besitzen.
Es mögen so deine Bedrängnisse werden zu Chroniken der Erinnerung für dich; [115] denn die dreimal Eingeschlossenen werden hinreichen, um dir als Bücher zu dienen, in deren Berichten du zu jeder Stunde betrachten magst. Weil du die beiden Testamente zu gering geschätzt hattest, [120] um in ihnen dein Heil zu suchen, darum schrieb er dir drei schwere Bücher, damit du in ihnen deine Heimsuchungen erforschest.
Lasset uns also mit dem Vergangenen [125] das Zukünftige abwenden; lassen wir uns belehren durch das Erlebte, um Kommendes zu vermeiden; seien wir eingedenk dessen, was vorangegangen ist, damit wir Zukünftigem entgehen. [130] Da wir den ersten Schlag vergessen hatten, traf uns ein weiterer, da wir auch den zweiten nicht beachteten, ist ein dritter auf uns niedergefallen; wer wird nun noch einmal vergessen?
§ 4
Dieser Hymnus ist unvollständig überliefert, da ein Blatt ausgefallen ist; er enthielt hauptsächlich Bitten um Frieden, um Hilfe gegen den herannahenden Feind und um baldige Heimkehr der Flüchtlinge. Nach Bickell fällt die Abfassung ins Frühjahr 359.
§ 5
Nach der Melodie: Seufzend deine Herde.
Um den Vormarsch Sapors aufzuhalten, hatten die Römer im Frühjahr 359 alles Land in der Umgebung verwüstet und geplündert [vgl. Ammianus Marcellinus 18,3]; Nisibis bittet, daß das Nötigste erhalten bleiben möchte. – Der Hymnus ist ein alphabetischer; teilweise 264 treten einzelne Buchstaben wiederholt auf, doch ist das Alphabet nicht zu Ende geführt.
Laß hören in deiner Gnade Rettungsbotschaft! Indem unser Gehör zur Durchgangspforte geworden ist [5] haben furchtbare Nachrichten unser Gemüt erschüttert. – [Kehrvers] Preis sei deinem Siege, Ruhm deiner Herrlichkeit!
Ermutige mit Erträgen, [10] wenn auch klein und gering, jene, die nur Schaden bei ihren Mühen davongetragen haben; in Zeiten des Gewinnes [Ernte] wurde Mangel ihr Anteil.
[15] Ersichtlich ist’s, daß jener Zorn mitten in die Welt getreten ist; Verlust und Gewinn verteilte er übelwollend, bald Vernichtung bringend, [20] bald Glück im Übermaß.
Um so zu zeigen, daß er die Macht hat, hat er auf jede Weise mich heimgesucht; er hat, als er sah, daß mir die Verfolger furchtbar vor den Augen standen, [25] mich vor meinen Kindern zu Boden gestreckt, und es haben mich meine Freunde geschlagen.
Ja, er lehrte mich, nur ihn zu fürchten und nicht die Menschen. Wenn niemand ist, der uns schlägt, [30] da greift sein Zorn befehlend plötzlich ein, und jeder streckt sich hin, und er ist’s, der die Schläge austeilt.
Und sogar den Babylonier, der alle Könige unterworfen hatte, ließ er, [35] als er hoffend sich vermaß, daß niemand mehr wäre, der ihm entgegentrete, sich selbst mit eigener Hand zerfleischen.
Seine Majestät und sein Geist [40] verschwanden auf einmal plötzlich; er zerriß und warf die Kleider von sich, lief fort und irrte in der Wüste umher; zunächst verfolgte er sich dann selbst, dann verfolgten ihn seine Knechte.
[45] Er zeigte so allen Königen, die er in die Gefangenschaft geführt hatte, daß nicht er mit seiner Macht es vollbracht hatte, sie zu unterjochen, sondern die Macht, die ihn selbst nun traf, [50] sie war es, die sie gezüchtigt hatte.
265 Ich habe ertragen und ausgehalten, Herr, die Schläge meiner Beschützer; du vermagst in deiner Gnade Gutes zu vollbringen durch die Feinde, [55] du kannst aber auch in deiner Gerechtigkeit züchtigen durch die Helfer.
An dem Tage, an welchem das Heer gegen Samaria zum Angriff heranzog, mußten [die Feinde] Genüsse und Freuden, [60] Schätze und Reichtümer völlig im Stich lassen und fliehen; er bereicherte es durch seine Belagerer.
Es umgaben mich meine Freunde mit einer Mauer, Hilfe brachten meine Befreier, [65] aber wegen der Sünden meiner Bewohner suchten mich meine Helfer heim. Gib mir zu trinken von meinen Reben einen Becher des Trostes.
Die Ähre und den Weinstock, Herr, [70] beschütze in deiner Gnade. Es bringe Trost dem Landmanne der Weinstock des Winzers, Freude bereite dem Winzer die Ähre des Landmannes.
[75] Ähre und Rebe gehören zueinander; auf dem Felde vermag der Wein die Schnitter zu erquicken, im Weinberge hinwieder [80] gibt das Brot dem Winzer Kraft.
Auch mich könnten diese beiden in meinen Sorgen trösten, doch mehr vermag mit seinem Troste der Dreieinige, [85] den ich preisen muß, weil ich sobald durch seine Gnade errettet wurde.
Wenn nun jemand, dessen Leben durch die Güte erhalten blieb, murrend einhergeht [90] wegen des Verlustes seines Vermögens, dann zeigt er sich unwürdig der Gnade dessen, der ihn verschonte.
Nach seinem Ratschlüsse wollte er das eine an Stelle des andern vernichten; [95] er vernichtete das Vermögen und ließ den Besitzer am Leben, er zerstörte unsere Pflanzungen an Stelle unseres Lebens.
Hüten wir uns, zu murren, [100] damit nicht sein Zorn erwacht und er den Besitz zwar verschont, die Besitzer selbst aber schlägt, und wir so am Ende 266 einsehen, daß zuvor [beim Verlust des Vermögens] doch nur die Gnade waltete.
[105] Möchten wir doch einsehen, wogegen wir uns eigentlich auflehnen müßten! Lerne anzukämpfen nicht gegen den Erzieher, sondern gegen deinen Willen, [110] der dich zur Sünde reizt und straffällig macht.
Lassen wir ab vom Murren und widmen wir uns dem Gebete! Denn wenn der Besitzer untergeht, hört für ihn auch sein Vermögen auf, [115] solange er aber am Leben bleibt, kann er dem Verlorenen nachgehen.
Möchten doch die Tröstungen recht zahlreich werden durch das Erbarmen mit meinen Bewohnern! Was uns noch als Rest geblieben, [120] möge uns inmitten des Strafgerichtes zum Tröste gereichen; laß uns über dem, was noch erhalten ist, den Schmerz über das Verlorene vergessen.
Pflege und laß wachsen, o Herr, die Pflanzen, die das Strafgericht übrig ließ; [125] sie gleichen den Kranken, die die Pest überstanden haben. Laß mich bei dem Wenigen den Schmerz über das Viel vergessen!
Bei diesem meinem Worte, Herr, denke ich daran, daß in diesem Monat die Ranke [des Weinstockes] welk und krank geworden ist; möchte sie wieder zu Kräften kommen und uns Trost bereiten.
[135] Sie sind ja der Pest entronnen, die ihre Brüder dahingerafft hat. Obschon stumm, klagen die Reben, daß vor ihnen abgeschnitten daliegen in Menge [140] die Bäume, ihre Freunde.
Nach dem Verkehr mit den Pflanzen sehnt sich die Erde; es weinen die Wurzeln über die Landleute und machen [jene] weinen. [145] Ihre Pracht entfaltete sich und gab Schatten, und doch vernichtete sie eine einzige Stunde.
Es nahte die Axt und schnitt sie ab, sie hat auch 267 den Landmann verwundet. Das Abschneiden der Bäume [150] war ein Schmerz für den Landmann; von jedem Schlag der Axt fühlte er den Schmerz.
§ 6
Behandelt ebenfalls die Verwüstungen des Landes. In der dreißigsten Strophe findet sich eine Zeitbestimmung, wonach diese Ereignisse [und wohl auch die Abfassung des Gedichtes] in den Monat Mai zu verlegen sind; es sei das Himmelfahrtsfest und das der Märtyrer auf einen Tag gefallen, welcher, da es sich um das Jahr 359 handelt, nach Bickell der 13. Mai gewesen sein muß. – Die einzelnen Strophen beginnen mit den Buchstaben des Alphabets, doch traten eine Reihe von Buchstaben mehrfach auf.
§ 7
Am Schluß unvollständig; das vorhandene Stück fordert zur Buße auf, da die Heimsuchungen eine Folge der Sünde seien.
§ 8
fehlt.
§ 9
Am Anfang unvollständig; die vorhandenen Strophen beginnen sämtlich mit dem Buchstaben B. Der Dichter mahnt, von heidnischem Wesen abzulassen, da sonst Gott nicht helfen wird.
§ 10
Der dritte Hymnus über die Festung Anazit, nach derselben Melodie.
*Nach der besonderen Numerierung waren hier fünf Hymnen [8 – 12] mit der gleichen Melodie zusammengefaßt.
Anazit ist nach Bickell dieselbe Stadt, die bei Ammianus 19. 6. 1 Ziata heißt; ihre hier geschilderte Eroberung fiele demnach in die Zeit der Belagerung Amidas 268 durch Sapor [Sommer 359]; Schilderung nach Ammian bei O. Seeck, Geschichte des Untergangs der antiken Welt 4, S. 227 f. und Gibbon-Burey, The History of the Decline and Fall of the Roman Empire 2, S. 268 f. An Nisibis war Sapor diesmal vorübergezogen, ohne es zu belagern, wohl weil er durch die trüben Erfahrungen bei den früheren Belagerungen belehrt war. Dafür wurde das Gebiet und die Orte der Gegend von Amida um so mehr heimgesucht, darunter dürfte auch Anazit gewesen sein, das wir wohl dem Hauptort der armenischen Provinz Hanzit gleichzusetzen haben; auch im Syrischen wird die Stadt Anzit oder Anazit oder Hanzit genannt. Wenn Bickells Annahme der Identität von Anazit-Ziata zutrifft, dann würde es sich um das heutige Karput handeln. Doch ist es eher das etwas südöstlich von Karput gelegene Thilenzid, das schon keilschriftlich als Enzite bezeugt ist. Vgl. Assemani, Bibl. Orient. II, dissert. de Monoph. S. 64 und besonders die Angaben der griechischen und orientalischen Quellen bei H. Hübschmann, Die altarmenischen Ortsnamen [Indogermanische Forschungen, 16. Bd., S. 301 ff.]. – Ein anderes Anazit [Handzit] liegt nach Ibn Serapion zwischen Malatia und Semsat [Journal of the Royal Asiatic Society 1895, S. 10 und 49].*
Das Gedicht schildert die durch Hitze und Durst verursachten Leiden, die schließlich zur Übergabe führten, sehr anschaulich, teilweise sogar für unser Empfinden zu realistisch. – Das Vers 60 genannte Wasser wäre nach Hübschmann der Böjuk-Tschai, ein Nebenfluß des Murad-su, des östlichen Quellarmes des Euphrat.
Meine Kinder sind hingeschlachtet und meine Töchter, die fern von mir sind; ihre Mauern niedergerissen, ihre Kinder zerstreut, [5] ihre Heiligtümer zertreten. – [Kehrvers:] Gepriesen seien deine Heimsuchungen!
Die Jäger haben von meiner Feste meine Tauben gefangen, die ihre Nester verlassen hatten [10] und in Höhlen geflohen waren; in Netzen fingen sie sie.
Wie Wachs vor dem Feuer schmilzt, so zerschmolzen und vergingen die Leiber [15] meiner Söhne vor Hitze und Durst in den Befestigungen.
Anstatt der Quellen und der Milch, die für meine 269 Söhne und Kinder flossen, [20] fehlt nun die Milch den Kleinen und das Wasser den Großen.
In Todeszuckungen, entfällt das Kind der Mutter, denn es kann nicht mehr saugen, [25] und sie vermag es nicht mehr zu stillen; sie geben den Geist auf und sterben.
Wie konnte deine Güte ihrem Ausfluß Zügel anlegen, [30] da doch die Fülle ihrer Quelle nicht verstopft werden kann?
Und wie hat da deine Güte ihr Mitleid gezügelt und sein Ausströmen gehemmt [35] dem Volke gegenüber, das aufschrie, daß es seine Zunge befeuchten könnte?
Und es war da ein Abgrund zwischen ihnen und ihren Brüdern, wie bei dem Reichen, [40] der rief, und keiner war, der ihn erhörte und seine Zunge anfeuchtete.
Und gleichsam mitten ins Feuer wurden die Unglücklichen geworfen, [45] und Gluthitze strömt das Feuer inmitten des Durstes aus, und es brannte in ihnen.
Es zerschmolzen ihre Glieder und wurden von der Hitze aufgelöst; [50] da tränkten die Verdursteten wieder die Erde mit ihren verwesenden Körpern.
Und die Festung, die ihre Bewohner durch den Durst ermordet hat, [55] trank nun wieder die sich auflösenden Leichname derer, die vor Durst dahingeschwunden waren.
Wer sah je ein Volk, von Durst gequält, [60] wie es eine Mauer von Wasser umgibt, und es doch nicht seine Zunge benetzen kann?
Mit dem Urteil von Sodom wurden auch meine Lieben gerichtet, und meine Kinder wurden heimgesucht [65] mit der qualvollen Strafe Sodoms, die nur einen Tag dauerte.
Die Qual des Feuertodes, Herr, währt nur eine Stunde, aber im langsamen Verdursten [70] steckt ein langsamer Tod und eine brennende Qual.
Nach meinen Schmerzen und bitteren Leiden ist dies, Herr, ein neuer Trost, [75] mit dem du mich getröstet hast, daß du meine Traurigkeit vermehrt hattest.
270 Die Medizin, die ich erwarte, möge mir der wahre Schmerz, den Verband, den ich wünsche, [80] möge mir die bittere Zerknirschung bringen.
Und wenn ich erwartet hatte, dem Sturm zu entrinnen, ward mir der Sturm [85] im Hafen gefährlicher als der im offenen Meer.
Und wenn ich gehofft hatte in meiner Beschränktheit, daß ich emporgeklommen und entstiegen sei der Grube, [90] so warfen mich meine Sünden wieder mitten hinein.
Sieh, Herr, meine Glieder, wie sehr die Schwerter mich getroffen und auf meinen Armen Male hinterlassen haben, [95] und die Narben von den Pfeilen, die meinen Seiten aufgeprägt sind.
Tränen in meinen Augen, [Unglücks-] Kunde in meinen Ohren, Weherufe in meinem Munde, [100] Trauer in meinem Herzen – halte ein, o Herr!
§ 11
Der vierte Hymnus nach derselben Melodie.
Über den sittlichen Wert der Heimsuchungen. – Der Hymnus ist alphabetisch, mit dem Buchstaben M beginnend; mit S [und zwar mit dem gleichen Wort] beginnen mehrere Strophen.
Deine Züchtigung ist wie eine Mutter für unsere kindliche Torheit, wohltätig ist dein Tadeln, womit du die Kinder abhältst vom Spielen, [5] damit sie weise werden. – [Kehrvers:] Preis sei deiner Gerechtigkeit!
Betrachten wir deine Gerechtigkeit – wer kann freilich ihre Hilfsmittel ausmessen! – [10] wie durch sie oft die Lasterhaften zur Einsicht kommen.
Vielfach heilt, o Herr, ihre Hand die Kranken; denn sie ist eine verborgene [15] Heilkraft ihrer Leiden und eine Quelle ihres Lebens.
Sehr fein ist der Finger der Gerechtigkeit, mit Liebe 271 und Schonung [20] berührt er die Wunden dessen, der geheilt werden soll.
Sehr ruhig und sanft ist ihr Schneiden an dem, der verständig ist; ihre scharfe Medizin [25] nimmt durch ihre starke Liebe die Fäulnis hinweg.
Sehr angemessen erscheint dem Einsichtigen ihr Zorn, verhaßt sind ihre Heilmittel [30] nur dem Toren, der sich am Mißbrauch seiner Glieder ergötzt.
Eiligst verbindet sie, was sie aufgeschnitten hat, sobald sie geschlagen hat, zeigt sie sich mild; [35] durch beides führt sie Heilung herbei.
Sehr angemessen ist ihr Zorn und wohltätig ihr Unwillen und süß ihre Erbitterung [40], die süß macht die Bitteren, damit sie wohlgefällig werden.
Ein Anlaß zur Untätigkeit ist dein Ausruhen für die Trägen, eine Ursache des Gewinnes [45] ist deine Rute für die Faulen, damit sie eifrig [wörtlich: Kaufleute] werden.
Die Ursache unseres Eifers ist deine Gerechtigkeit, die Ursache unseres Nachlassens [50] die Gnade, denn unsere Einsicht ist beschränkt.
Pharao wurde hart infolge deiner Gnade, denn sobald seine Strafen nachließen, [55] wurde seine Bosheit stärker, und er hielt seine Versprechungen nicht.
Es zahlte ihm aber die Gerechtigkeit heim, weil er so oft ihre edle Schwester getäuscht hatte; [60] auch ihn bezwang sie, damit er nicht noch mehr den Zorn herausfordere.
Meine Falschheit, Herr, dämme ein, die täuschen möchte wie Ägypten; meine Gebete aber mögen überzeugen, [65[ daß ich nicht bin wie jenes, da ich deine Pforte nicht verlassen habe.
Dein Kreuz, Herr, das sich auf der offenen Bresche erhob, möge auch die verborgenen schließen, [70] denn anstatt äußerer Feinde zerreißen mich nun innere.
Das Meer brach hervor und warf den Turm um, mit dem ich mich brüstete; es wagt der Frevel, [75] einen Tempel zu errichten, vor dem ich erröten muß; seine Opfer ersticken mich.
272 Meine Gebete auf den Mauern haben meine Verfolger gehört, zuschanden ward in ihren Magiern [80] die Sonne und ihre Anbeter, da ich mit dem Kreuze triumphierte.
Es schrien die Geschöpfe auf, als sie den Kampf sahen, die Wahrheit kämpfte mit dem Irrtum [85] auf stürzender Mauer und trug den Sieg davon.
Die Kraft der Wahrheit schlug den Irrtum, in ihren Schlägen mußte er sie fühlen, [90] und an seiner Ruchlosigkeit konnte er ihre Reinheit ermessen.
Eine große Furcht beschleicht mich, da nach der Errettung die Großen und Mächtigen, [95] die auf meinem Altare opferten, nun in mir Altäre bauen.
Wenn meine sieben SinneQuellen des Weinens wären, [100] würden meine Tränen nicht hinreichen, um unseren Fall zu beweinen.
Die Straßen, die in Sack und Asche um Hilfe schrien, sind nun mit Spiel beschäftigt, [105] einem ähnlichen, wie jenes in der Wüste vor dem Kalb.
Das Gift verlangt nach der Schönheit der Lilie und bekleidet sich damit, und wenn ihre Triebe noch versteckt [110] und verborgen sind, treiben ihre Bitterkeiten schon Keime.
§ 12
Der fünfte Hymnus nach derselben Melodie.
Die Strophenanfänge ergeben als Akrostich den Namen Ephräm, aber unter Verdoppelung einiger Buchstaben.
In meinen Bedrängnissen rufe ich an die Macht, die alles stärkt; denn sie kann auch überwältigen den wütenden Eroberer, [5] wie sie bezwang die Legion [der Dämonen]. [Kehrvers:] Preis sei seiner Gnade!
Es hat mir der Böse heimgezahlt die Schulden, die er nicht von mir lieh, es hat mir auch der Gütige wiedergegeben [10] die Barmherzigkeit, die ich nicht an ihn ausgeliehen: wohlan, staunet über beides!
273 Der Gütige übergab meine Schulden der Gnade zum Anteil, meine Heimsuchung seiner Gerechtigkeit; [15] meine Schulden tilgte seine Gnade, meine Plage rächte sein Gericht.
Die Sünde geriet in Aufregung und blieb in Verwirrung, als sie die Gnade sah, [20] wie sie die Freiheit stärkte, damit sie die Laster besiege.
Entbrenne Herr, und gieße deine Liebe aus, öffne, gieße aus deinen Zorn; deinen Zorn zum Vernichten, [25] deine Liebe, um die Gefangenen dem Eroberer zu entreißen.
In jenen Tagen, in welchen sich der Böse anschickte, um mich wie mit einer Schleuder ins Verderben zu schleudern, [30] damals umgab rettend der Gütige mein Leben mit einer lebendigen Hülle.
Die Redner, die nicht aufhören, jederzeit zu rühmen, daß sie mich in den Wogen gerettet haben [35] und mich gehalten haben, damit ich nicht falle, sie mögen, Herr, Dank sagen für mich.
Denn wer hat es jemals gekonnt gegenüber der Gnade der Barmherzigkeit, die ihn umgibt, [40] so daß auch ich es vermöchte, die Barmherzigkeit zu preisen, die mich [mit einem Walle] umgab?