In seinen Unterweisungen fortschreitend, ist das Wort Gottes mit der vorliegenden Bitte auf den höchsten Gipfel der Gottseligkeit angelangt; denn in ihr gibt es an, wie der Mensch beschaffen sein soll, der sich Gott nahen will: fast nicht mehr in den Grenzen seiner Natur soll sich darnach der Mensch befinden, sondern sich Gott selbst durch Tugend ähnlich machen, so daß er ein anderer zu sein scheint, indem er tut, was Gott allein zukommt. Denn Sündenvergebung ist Gott ausschließlich eigen und ihm vorbehalten; heißt es ja doch: „Niemand kann Sünden vergeben als Gott allein“ (Luk. 5, 21).Wenn also jemand die besonderen Kennzeichen Gottes nachahmt, so wird er in gewissem Sinn selbst Gott, weil er hiedurch den Beweis dafür liefert, daß er sich ihm getreu verähnlicht. Was lehrt uns also das Wort Gottes? Dies: im Vertrauen auf unsere Lebensführung müssen wir uns zuerst das Zeugnis geben können, uns zur Ähnlichkeit mit Gott erhoben zu haben; dann erst dürfen wir es wagen, ihn Vater zu nennen, und ihn wegen unserer bisher begangenen Sünden um Verzeihung zu bitten. Denn auf unser bloßes Beten allein hin können wir nicht Erhörung erwarten, sondern wir müssen uns durch unsere Werke die Berechtigung verdient haben, vertrauensvoll zu 138 bitten. Denn in den angeführten Worten spricht der Herr zu uns geradezu folgendes: Wer dem Barmherzigen sich naht, soll selbst barmherzig sein, wer dem Guten, gut, wer dem Gerechten, gerecht; nur der Geduldige nahe sich dem Geduldigen, nur der Menschenfreundliche dem Menschenfreundlichen. Und in gleicher Weise sollen wir den Gütigen, den Milden, den Spender der Gnaden, den Allerbarmer und überhaupt jede gute Eigenschaft, die wir an Gott wahrnehmen, getreulich in unserem Tun und Lassen nachahmen und uns dadurch die Möglichkeit erwerben, vertrauensvoll zu beten. Wie daher ein Schlechter unmöglich mit dem Guten vertraut werden oder einer, der sich in unreinen Gedanken wälzt, mit dem Reinen und Unbefleckten in Freundschaftsverhältnis stehen kann, so führt die Hartherzigkeit des Beters eine Trennung zwischen ihm und unserem menschenfreundlichen Gott herbei. Wer demnach seinen Schuldiger in bezug auf seine Schulden hart behandelt, der scheidet sich durch sein Benehmen von Gott, der die Menschenfreundlichkeit selbst ist. Denn welche Gemeinschaft besteht zwischen Menschenfreundlichkeit und Hartherzigkeit, zwischen einem liebevollen und einem gefühllosen Herzen? Und so scheiden alle guten Eigenschaften, die sich nur immer durch ihre Gegensätzlichkeit zum Bösen, als dessen Gegenteil erkennen lassen, unerbittlich von den ihnen gegensätzlichen schlimmen Eigenschaften; wer demnach diese oder jene Eigenschaft hat, ist von der gegenteiligen völlig geschieden. Wie etwa ein Verstorbener nicht mehr am Leben Anteil hat und ein Lebender vom Tode geschieden ist, so müssen alle, die sich der Menschenfreundlichkeit Gottes nahen, notwendig jede Hartherzigkeit ablegen. Wer aber alles, was wir als bös bezeichnen, ganz abgelegt hat, wird durch eine solche Seelenverfassung gewissermaßen göttlich, weil er in sich jene Vollkommenheit hergestellt hat, die unsere Vernunft dem göttlichen Wesen zuerkennt.
Siehst du, zu welcher Höhe der Herr durch die Gebetsworte alle, die auf ihn hören, erhebt, indem er die menschliche Größe in eine mehr göttliche umwandelt und die Menschen, die sich Gott nahen, auffordert, selbst göttlich zu werden. Er ruft dir gleichsam zu: warum trittst 139 du vor Gott wie ein Sklave, von Furcht niedergebückt und von Gewissensbissen gepeinigt? Warum raubst du dir selbst den Mut zu vertrauensvollem Gebete, der nur in einer freien Seele wohnt und der ursprünglich zu unserem Wesen gehörte? Warum gebrauchst du Schmeichelreden dem gegenüber, der sich nicht durch Schmeichelei gewinnen läßt? Warum wendest du dich in wohldienerischen, gleißnerischen Worten an den, der auf die Werke sieht? Alles Gute, das Gott uns geben kann, kannst du auf Grund eigener Entscheidung erlangen, wenn du nämlich zu guter, edelmütiger Gesinnung dich entschließest. Werde dein eigener Richter und fälle selbst ein freisprechendes Urteil über dich. Du begehrst von Gott Nachlaß deiner Schulden; laß du sie nach, und Gott hat gerichtet; denn dein Urteil über deinen Nächsten ― es steht in deiner Gewalt ― verschafft dir den gleichen Urteilsspruch von Gott, ob es so oder anders lautet. Worauf du bei dir selbst erkennst, das wird dir vom Gerichte Gottes bestätigt.
Doch wie könnte jemand würdig die Großartigkeit des göttlichen Wortes enthüllen! Der Gedanke, welcher in der Bitte: „Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“ liegt, geht weit über die Erklärung hinaus, welche durch die Worte selbst nahegelegt wird. Ein kühnes Unterfangen ist es, das, was mir hierüber in den Sinn kommt, verstandesmäßig zu erfassen, ein kühnes Unterfangen, die Gedanken in Worten darzulegen. Was enthält nun das Gebetswort? Wie der Apostel sagt: „Seid meine Nachfolger, wie ich Christi Nachfolger bin“ (1 Kor. 11, 1), schwebt Gott den Guten für ihr Handeln als Muster vor; unser Gebetswort will aber, daß im Gegenteil unsere Gesinnung das Vorbild für Gott abgebe. Die Ordnung wird also hier umgekehrt: wie sonst in uns das Gute durch die Nachahmung Gottes zustande kommt, so dürfen wir in diesem Falle zu hoffen wagen, Gott werde unser Beispiel nachahmen. Wenn wir das verlangte Gute vollbringen, wird es uns gestattet, zu Gott ungefähr zu sprechen: Tue, was ich getan habe; folge deinem Diener nach, obgleich du der Herr bist, du, 140 der Gebieter der Welt, dem armen Bettler. Ich habe die Schulden erlassen, fordere auch du sie nicht von mir ein; meinen Schuldner habe ich entlassen, daß er fröhlich scheiden konnte; so geschehe auch dem deinen: mache du deinen Schuldner nicht trauriger als ich den meinigen! Gleichen Dank sollen beide dem erstatten, der die Schuld zu fordern hatte. Gleiche Nachlassung soll von uns beiden dem Schuldner zuteil werden: dem meinigen und dem deinigen. Er ist mein Schuldner, ich der deine: dasselbe, was ich über meinen Schuldner beschlossen habe, sei auch bei dir zum Beschluß über mich erhoben; ich ließ ihn frei, laß auch mich frei; ich vergab ihm, vergib du mir! Große Barmherzigkeit habe ich meinem Mitmenschen erwiesen; ahme, o Herr, die Menschenfreundlichkeit deines Knechtes nach! Freilich schwerer sind meine Verfehlungen gegen dich, als die seinigen gegen mich; ich gebe es zu. Indes erwäge auch, wie du in allem Guten uns unendlich weit überragest; deshalb ist es doch billig, daß du nach Maßgabe deiner unaussprechlichen Macht uns Sündern dein Erbarmen schenkest. Gering ist die Menschenfreundlichkeit, die ich erwies; denn meine Natur vermochte nicht mehr zu fassen; du aber bist imstande, eine so große aufzunehmen, welche du willst; deine Macht kennt keine Grenze in der Spendung von Wohltaten.
Doch wir wollen noch eingehender unsere Gebetsworte betrachten, ob uns nicht durch Ergründung des in ihnen liegenden Sinnes nicht noch weitere Anleitung zu einem gottseligen Leben gegeben werde. Untersuchen wir daher, wodurch einerseits die menschliche Natur schuldbeladen ist und worin wir andererseits eine Vergebung gewähren können; denn aus dieser Erkenntnis werden wir aufs neue das Übermaß der göttlichen Güter einsehen.
Beginnen wir also mit der Aufzählung der menschlichen Verfehlungen gegen Gott! Die erste strafwürdige Schuld zog sich der Mensch vor Gott dadurch zu, daß er von Gott abfiel und zu dessen Widersacher überging, so 141 daß er zum abtrünnigen Flüchtling vor seinem natürlichen Herrn wurde. Die zweite Schuld besteht darin, daß er die harte Knechtschaft der Sünde an Stelle seiner Freiheit und Unabhängigkeit eintauschte und es vorzog, der Macht des Verderbens als Sklave zu dienen, statt in der Gemeinschaft mit Gott zu verbleiben. Aber auch dadurch fehlte er, daß er seinen Blick nicht unverrückbar auf die Schönheit Gottes richtete, sondern sein Antlitz der Häßlichkeit der Sünde zuwendete. Welch größeres Unrecht ließe sich denken als diese Geringschätzung der göttlichen Güter und diese Bevorzugung der Lockungen des Bösen? Welch schwere Strafe verdiente sich dadurch der Mensch? Dazu kommt noch die Zerstörung der Ebenbildlichkeit Gottes, die Entstellung des Merkmales der Göttlichkeit, das uns bei der ersten Erschaffung aufgedrückt wurde, der Verlust der Drachmen, das Aufgeben des väterlichen Tisches, die schmutzige Lebensgemeinschaft mit den Schweinen, das Verprassen des kostbaren Reichtums und alle derartigen Verfehlungen, die man durch die Schrift und durch eigenes Nachdenken erkennen kann ― wer könnte sie sämtlich aufzählen? Weil daher der Mensch wegen so vieler und so bedeutender Vergehen von Gott die verdiente Strafe zu gewärtigen hat, so will uns das Wort Gottes durch unsere Bitte belehren, daß wir, selbst wenn wir uns mit aller Sorgfalt vor Verirrungen gehütet hätten, keineswegs mit dem Wahne uns zum Gebete anschicken sollten, als wäre unser Gewissen gänzlich schuldlos. Denn wer wie jener reiche Jüngling sein Leben nach den Geboten einrichtete, möchte vielleicht von seinem Leben das gleiche rühmen, indem er zu Gott spräche: „Das alles habe ich seit meiner Jugend beobachtet“ (Matth. 19, 20), und zur Meinung sich versteigen, daß die Abbitte, die ja nur für Sünder passe, für ihn unnötig sei, weil er nicht gegen die Gebote sich vergangen habe. Und so könnte er zu der Ansicht kommen, dem Unzüchtigen gezieme eine solche Bitte, oder wer durch Habsucht Götzendienst getrieben, müsse um Verzeihung flehen, oder überhaupt für jeden, der durch einen Fehltritt sein Gewissen befleckt habe, sei es geziemend und notwendig, zur Barmherzigkeit seine Zuflucht zu nehmen. Und wenn es gar der große Elias wäre, oder jener, 142 der im Geiste und in der Kraft des Elias erschien, der Herrlichste unter den vom Weibe Gebornen (Matth. 11, 11; Luk. 7, 28) oder Petrus oder Paulus oder Johannes oder sonst einer, dessen überragende Hoheit von der Heiligen Schrift bezeugt ist ― wozu könnte jemand fragen, würde ein solcher eine Bitte an Gott richten, durch die er um Vergebung der Schuld fleht, während er sich doch keine Schuld durch Sündigen zugezogen hat?
Damit nun niemand, von solchen Vorstellungen verleitet, sich brüste wie jener Pharisäer (Luk. 18, 11), der von seiner wirklichen Natur kein Verständnis besaß ― wäre er sich recht bewußt gewesen, daß er ein Mensch sei, so hätte er sich wenigstens durch die Heilige Schrift belehren lassen, weil nach ihrem Zeugnis infolge der Verderbtheit unserer Natur kein Mensch sich findet, der auch nur einen Tag vollständig makellos leben würde (Sprichw. 24, 16) ― damit also, sage ich, keine solch hochmütigen Gedanken in den Seelen der Beter entstünden, fordert uns das Wort Gottes durch unsere Bitte auf, nicht auf unsere guten Werke zu sehen, sondern uns immer wieder an die gemeinsame Schuld der Menschennatur zu erinnern, an der jeder so gewiß teilnimmt, wie er an der gleichen menschlichen Natur teilnimmt, und im Andenken daran den ewigen Richter anzuflehen, er möge uns unsere Schulden vergeben.* So lange* wir Menschen alle, ausnahmslos, als lebte Adam in uns, an unserer Natur diese Kleider aus Fellen und die vergänglichen Blätter dieses körperlichen Lebens sehen müssen, die wir uns nach dem Verlust der ewigen, herrlichen Gewänder notdürftig zusammengeflickt haben, indem wir Schwelgerei, Ruhmsucht, hinfällige Ehren, und die schnell vorübergehende Befriedigung der Fleischeslust an Stelle der göttlichen Kleider anzogen,* so lange* wir den Ort des Jammers schauen, an dem wir zusammen zu wohnen verurteilt wurden,* so brechen wir,* wenn wir uns gegen Osten wenden ― nicht als ob Gott nur dort zu finden wäre (denn der Allgegenwärtige ist, weil das Universum gleichmäßig 143 umfassend, an keinem Ort in besonderer Weise zu finden), sondern weil im Osten unsere ursprüngliche Heimat ist, das heißt das Paradies, aus dem wir verstoßen wurden: „Gott pflanzte das Paradies in Eden gegen Osten“ (Gen. 2, 8) ― wenn wir also gegen Osten blicken und im Geiste die Erinnerung an unsere Verbannung aus den lichten Räumen der Glückseligkeit durch den Aufgang der Sonne erwecken,* so brechen wir* mit Recht in unsere Bitte um Vergebung aus, wir, die wir beschattet sind vom schlimmen Feigenbaum des Erdenlebens, aus dem Anblick Gottes verwiesen, übergelaufen zur Schlange, welche Erde frißt, auf der Erde sich windet, auf Brust und Bauch kriecht und die uns verführen will, das gleiche zu tun, das heißt, uns irdischem Genuß hinzugeben, unser Herz über niedrige und gemeine Gedanken hinschleppen zu lassen und auch auf dem Bauch zu kriechen, ich meine, alle Zeit und Mühe auf Sinneslust zu verwenden. In solcher Lage uns befindend, sollen wir dem verlorenen Sohn gleichen, wie er nach dem langen Elend, das er als Schweinehirt ertrug, reumütig unsere Gedanken auf den himmlischen Vater richten, und ihn mit den Worten anflehen, die für uns alle ganz passend sind: „Vergib uns unsere Schulden!“ Daher wird jeder, selbst wenn er Moses, Samuel oder sonst einer der hervorragenden Tugendhelden wäre, diese Bitte auch für sich ganz geeignet finden, insofern er Mensch ist, da er an der Natur des Adam und damit auch an seiner Verbannung teilnimmt. Weil wir alle nach den Worten des Apostels in Adam sterben (1 Kor. 15, 22), so werden die Worte der Reue, die sich für Adam schicken, sich auch für uns alle, die wir mit Adam gestorben sind, ebenfalls geziemen, auf daß wir Sündenvergebung erlangen und vom Herrn in Gnaden gerettet werden, wie der Apostel sagt (Eph. 2, 5).
Dies habe ich jedoch nur dargelegt, damit man einmal das vorliegende Gebetswort unter dem Gesichtspunkt des Zustandes betrachte, in welchem das ganze Menschengeschlecht sich befindet. Wenn wir aber den Sinn des Wortes noch näher erforschen, so glaube ich, daß wir nicht 144 gezwungen sind, unseren Blick erst auf die Gemeinsamkeit unserer Natur zu richten. Vielmehr genügt für jeden schon das Bewußtsein dessen, was er im Leben getan hat, um ihn zur Bitte um Barmherzigkeit zu nötigen. Denn da unsere Lebenstätigkeit auf dieser Erde sich mannigfach äußert: nämlich teils mittels der Seele und des Geistes, teils mittels der leiblichen Sinne, so ist es, fürchte ich, schwer oder fast ganz unmöglich, sich nicht durch irgendeine Leidenschaft zur Sünde hinreißen zu lassen. Ich meine also: da das Leben des Körpers, das auf Genießen ausgeht, mittels der Sinne sich vollzieht, das Leben des Geistes aber in der Tätigkeit des Denkens und in der Bewegung des Willens, wer steht da so fest und ist so erhabener Sinnesart, daß er auf beiden Gebieten von der Befleckung der Sünde sich rein bewahre? Wer ist in bezug auf das Auge ohne Sünde? Wer hat keine Verantwortung in bezug auf das Gehör? Wer steht jeder tierischen Gaumenlust ganz ferne? Wer ist hinsichtlich des Tastgefühles ganz frei geblieben von verbotener Berührung? Wer kennt nicht die bildliche Wendung der Schrift, durch die Fenster sei der Tod eingedrungen (Jer. 9, 21)? Die Sinne, durch welche die Seele nach außen wirkt und alles, was ihr behagt, erfaßt, hat nämlich die Heilige Schrift Fenster genannt, durch welche, wie es weiter heißt, der Tod Eingang findet. Und tatsächlich gewährt z. B. das Auge dem Tode vielfach Eingang, so wenn der Mensch durch dasselbe einen Zornigen erblickt und zur gleichen Leidenschaft sich entzünden läßt, oder einen Glücklichen, der es nicht verdient, und in Neid gerät, oder einen Hochmütigen, und in Haß aufflammt, oder eine ungewöhnlich schöne Körpergestalt, und ganz in Verlangen nach dem Gegenstand seines Wohlgefallens aufgeht. Ähnlich öffnet auch das Ohr dem Tode die Fenster, durch das, was es hört, und nimmt viele Leidenschaften in die Seele auf: Furcht, Jammer, Zorn, Lust, Begierde, ausgelassene Heiterkeit und ähnliches. Die Befriedigung des Geschmacksinnes ist sozusagen die Mutter aller Übel; denn wer wüßte nicht, daß die unbeschränkte Sorge für den Gaumenkitzel so ziemlich die Wurzel aller Fehltritte im Leben ist? Ihr entspringen Weichlichkeit, Trunkenheit, Schlemmerei, Verschwendung, Völlerei, 145 Blasiertheit, Nachtschwärmerei, der tierische und unvernünftige Trieb zu entehrenden Lastern. Ebenso erzeugt der Tastsinn Verirrungen schlimmster Art; denn alles, was Unzüchtige mit ihrem Körper treiben, sind Krankheiten, welche der Tastsinn hervorruft; sie einzeln aufzuzählen, würde zu weit führen; auch würde es gegen den Anstand verstoßen, wollte man in einer ernsten Rede alle Vorwürfe aufnehmen, welche gegen den Tastsinn erhoben werden können.
Wer könnte aber die Unzahl der Sünden aufzählen, die im Geiste und im Willensvermögen begangen werden? Die Schrift sagt: „Von innen heraus kommen die bösen Entschlüsse“ und fügt auch eine Aufzählung der Gedanken bei, welche uns verunreinigen können (Matth. 15, 19). Wenn uns demnach dergestalt die Netze der Sünde umstricken ― durch alle Sinneswerkzeuge und die Regungen der Seele ―, „wer wird sich“, um mit der Schrift zu reden, „rühmen, ein reines Herz zu haben?“ (Sprichw. 20, 9). „Wer ist frei geblieben von Schmutz?“ (Job 14, 4). Eine Befleckung ihrer Reinheit droht der Seele durch die Lust, welche sich vielfach und auf mancherlei Weise in das menschliche Leben einschleicht: durch Seele und Leib, durch Gedanken, durch Empfindungen, durch die Bewegungen des Willens, durch die leiblichen Tätigkeiten. Wer hat da eine Seele, die von diesem Schmutz ganz rein bliebe? Wie sollte er nicht vom Hochmutsdünkel berührt, wie nicht vom Fuße des Stolzes getreten worden sein? Wen hat nicht die Hand zum Sündigen und damit zum Wanken gebracht? Wessen Fuß ist nicht dem Bösen nachgelaufen? Wen hat das unbezähmte Auge nicht befleckt, wen das unbewachte Ohr nicht verunreinigt, der Geschmacksinn nicht gefesselt? Und wessen Herz hat allen törichten Regungen Widerstand geleistet? Da nun diese Zustände bei den mehr tierisch Gesinnten schlimmer, bei den für ihr Heil Besorgteren zwar milder sind, die Gebrechen der Natur aber bei allen Menschen, weil sie an der gleichen Natur teilnehmen, tatsächlich sich vorfinden, so müssen wir alle vor Gott niederfallen und ihn anrufen, er möge uns unsere Schulden vergeben.
146 Doch bleibt ein solches Flehen wirkungslos und findet bei Gott keine Erhörung, wenn uns das Gewissen nicht zugleich Zeugnis gibt, daß es für Gott am Platze sei, uns Barmherzigkeit zu gewähren. Wer also da glaubt, für Gott sei es geziemend, die Menschen zu lieben ― hätte er diese Meinung nicht, so würde er wähnen, Gott lasse sich zu Ungeziemendem und Unpassendem durch unser Gebet verleiten ― der muß auf Grund der Gerechtigkeit sein Urteil über das, was sich geziemt, durch sein eigenes Verhalten gegen die Mitmenschen bekräftigen, damit er nicht vom göttlichen Richter so etwas höre, wie: „Arzt, heile dich selbst! Mich flehst du um Menschenfreundlichkeit an, die du selbst deinem Nebenmenschen nicht erweisen willst? Du betest um Nachlassung der Schulden, warum würgst du deinen Schuldner? Du bittest, daß dein Schuldbrief ausgelöscht werde, während du die Schuldbriefe deiner Schuldner sorgfältig aufbewahrst? Du bittest um Schuldentilgung, und bist dabei entschlossen, das Geld, das du ausgeliehen hast, noch durch Zins zu vermehren! Dein Schuldner sitzt im Gefängnis, du im Hause des Gebetes! Jener jammert, daß er zahlen soll, du aber erachtest es für angemessen, daß deine Schuld dir geschenkt werde! Dein Gebet bleibt unerhört; denn das Wehegeschrei des von dir Bedrückten übertönt es.“ Wenn du die leibliche (= materielle) Schuld lösest, werden die Fesseln deiner Seele gelöst; wenn du verzeihest, wird dir verziehen. Du wirst dein eigener Richter sein, dir selbst das Gesetz (Norm) vorschreiben, indem du durch dein Verhalten gegen den Schuldiger dir selbst den Urteilsspruch von oben bestimmest.
Eine ähnliche Lehre scheint mir der Herr auch an einer anderen Stelle zu geben, wo er seine Forderung in der Form einer Erzählung verkündet. Dort tritt nämlich ein König auf, der mit furchtbarer Strenge zu Gericht sitzt, seine Diener einem peinlichen Verhör unterzieht und von einem jeden Rechenschaft über seine Verwaltung fordert. Einer seiner Schuldner nun, der herbeigeschleppt war, hatte, da er vor ihm niederfiel und ihn, statt das Geld zu bezahlen, anflehte, Barmherzigkeit erlangt; 147 dann aber zeigte er sich gegen seinen Mitknecht wegen einer geringen Schuld lieblos und hart; diese Härte versetzte den König in Zorn, und er befahl den Folterknechten, ihn aus dem königlichen Haus zu werfen und so lange in Strafe zu nehmen, bis er die ganze Schuld abgetragen habe. In der Tat sind es nur einige Pfennige, unbedeutend und leicht abtragbar im Vergleich zu Zehntausenden von Talenten, wenn wir die Schulden unserer Brüder gegen uns mit unseren Verfehlungen gegen Gott zusammenstellen. Allerdings ein Unrecht ist die Beleidigung, die der Stolz des anderen dir zufügt, die Bosheit eines Untergebenen oder gar ein Anschlag auf Leib und Leben. Hierüber voll Zorn im Herzen lässest du dich zum Entschluß hinreißen, dies alles zu rächen und bietest deine ganze Erfindungskraft auf, um Rache an deinen Beleidigern zu nehmen. Wenn du aber gegen deinen Knecht in Zorn aufloderst, so bedenkst du nicht, daß nicht die Natur, sondern Macht und Zwang die Menschheit in Knechte und Herren geteilt hat. Denn zum Dienste bestimmte der Ordner des Weltalls nur die vernunftlose Natur, wie der Prophet sagt: „Alles hast du unter seine Füße gelegt, die Schafe, die Rinder, die Vögel, die wilden Tiere und die Fische“ (Ps. 8, 8 [hebr. Ps. 8, 8]). Diese nennt er auch Diener, indem er anderswo in seiner Weissagung schreibt: „(Lobsinget) dem, der den Tieren ihre Nahrung gibt und Gras der Dienerschaft der Menschen“ (Ps. 146, 8 f. [hebr. Ps. 147, 8 f.]; vgl. Ps. 103, 14 [hebr. Ps. 104, 14]). Den Menschen dagegen hat er mit dem Gnadengeschenk der Freiheit ausgestattet. Daher steht dir nach seiner natürlichen Würde der gleich, der dir nach Gesetz und Herkommen untergeben ist; er hat weder sein Dasein von dir, noch lebt er durch dich, noch hat er seine leiblichen und geistigen Kräfte von dir empfangen. Was brausest du also voll Zorn so sehr gegen ihn auf, wenn er leichtsinnig oder untreu ist, oder wenn er dich verächtlich behandelte? Solltest du nicht vielmehr dich selbst ernstlich prüfen, wie du dich gegen deinen Herrn benommen hast, der dich erschaffen und durch die Geburt ins Dasein 148 geführt und an den Wundern der Welt hat teilnehmen lassen, der dir die Sonne hingesetzt, daß du dich ihrer erfreuest, und dir alle Mittel zum Leben aus den Elementen gewährt hat: aus Erde, Feuer, Luft und Wasser; der dir die Fähigkeit des Denkens, die Sinne zur Aufnahme der Außenwelt, die Gabe, Gutes und Böses zu unterscheiden, verliehen hat? Wie nun? Leistest du einem solchen Herrn Gehorsam und gibst du ihm keinen Grund zur Klage? Hast du dich nicht seiner Botmäßigkeit entzogen? Bist du nicht zur Sünde übergelaufen und hast seine Herrschaft mit der des bösen Feindes vertauscht? Hast du nicht das Haus deines Herrn, soweit es auf dich ankam, der Verödung preisgegeben und die Stätte verlassen, wo du auftragsgemäß hättest arbeiten und wachen sollen? Und begehst du nicht durch unerlaubte Taten, Worte und Gedanken so viele Beleidigungen sogar vor seinem Angesichte, da er allgegenwärtig ist und alles sieht? Und in einem derartigen Zustand befindlich und mit so vielen Schulden beladen, vermeinst du deinem Mitknechte eine gar große Gunst zu erweisen, wenn du ihm etwas von seinen Verfehlungen nachsiehst! Wenn wir also Gott um Barmherzigkeit und Verzeihung anflehen wollen, so müssen wir unserem Gewissen das Vertrauen zu dieser Bitte dadurch verschaffen, daß wir vor dieselbe unser Leben als Anwalt hinstellen und in Wahrheit sagen können: „Auch wir haben denen vergeben, die uns schuldig waren.“