Einen Arzt hörte ich einmal auf Grund seiner medizinischen Kenntnisse über die natürlichen Voraussetzungen der Gesundheit sprechen. Vielleicht leisten seine 124 Ausführungen einen nützlichen Beitrag zur Gesunderhaltung der Seele. Nach ihm läßt sich nämlich jede Krankheit auf eine Verrückung des richtigen Verhältnisses zurückführen, in welchem die verschiedenen Bestandteile unseres Körpers zueinander stehen sollen; und umgekehrt besteht die Heilung der Krankheit in der Zurückversetzung der zu Unrecht verschobenen Teile in die ihnen zukommende naturgemäße Ordnung. Daraus folgerte er, man solle zuerst untersuchen, welches von den Elementen, die in uns in Unordnung gerieten, am meisten den Einfluß des gerade entgegengesetzten Grundstoffes schwächt, der zur Gesundung mitzuwirken berufen ist. Wenn daher z. B. die Hitze überhand nimmt, so müsse man allen davon betroffenen Teilen zu Hilfe kommen und ihnen, bevor sie austrocknen, Feuchtigkeit zuführen, damit nicht etwa durch Vernichtung des Stoffes die Wärme völlig verzehrt werde und in sich selbst erlösche. Desgleichen solle man auch, wenn eine der anderen körperlichen Kräfte, die nach dem Prinzip des Gegensatzes in Betracht kommen, ihre Grenze überschreitet, dem übermächtig gewordenen Teile entgegentreten und dem geschwächten die Hilfe der ärztlichen Kunst angedeihen lassen. Wenn dies geschieht und nichts mehr das Gleichgewicht der Elemente stört, ist die Gesundheit wieder hergestellt, weil die Unordnung aufgehoben ist. Doch wozu diese lange Einleitung zu meiner Rede? Ich hoffe aber, daß die vorgetragene ärztliche Theorie ganz gut zu unserem Zwecke paßt und von unserem heutigen Thema nicht abseits liege. Zur Erwägung soll zunächst die Bitte kommen: „Dein Wille geschehe!“ Alsbald werden wir sehen, warum wir an die arzneiwissenschaftlichen Grundsätze erinnert haben.
Einstens erfreute sich die Menschheit voller geistiger Gesundheit, da sozusagen ihre Grundstoffe, ich meine die Regungen der Seele, in schönster Ordnung und Eintracht im Sinne der Tugend zusammenwirkten. Als aber die Begierde nach dem Bösen die Oberhand gewann, und die 125 ihr entgegengesetzte Selbstbeherrschung von jenem übermächtigen Teile besiegt war, und es nichts gab, was den überschäumenden Drang nach dem Unerlaubten hätte zurückweisen können, da gesellte sich eine den Tod bringende Krankheit, die Sünde, zur menschlichen Natur. Der wahre Arzt der Seelenkrankheiten nun, welcher aus Liebe zu den Kranken in das menschliche Leben eintrat, beseitigt durch die Unterweisungen, welche er im Gebete erteilt, die Ursachen der Krankheit und führt uns wieder zur geistigen Gesundheit zurück. Die Gesundheit der Seele besteht nun in der Entschlossenheit, immerdar den Willen Gottes zu tun, wie umgekehrt das Aufgeben dieser Bereitwilligkeit in die Seele die Krankheit trägt, die schließlich zum Tode führt. Nachdem nun der Mensch durch das Gift des Ungehorsams, das er reichlich in sich aufgenommen, in schwere tödliche Krankheit gefallen und verurteilt war, das herrliche Leben des Paradieses zu verlassen, da erschien der wahre Arzt, um, wie es die anfangs dargelegte ärztliche Theorie verlangt, das Übel durch entgegengesetzte Mittel zu heilen; weil wir dadurch von Krankheit ergriffen wurden, daß wir uns vom Willen Gottes trennten, so heilt er uns dadurch von unseren Leiden, daß er uns wieder mit dem Willen Gottes vereinigt. So aufgefaßt, bewirken die Worte des Gebetes die Heilung unserer Seelenkrankheit. Wer nämlich ausruft: „Dein Wille geschehe“, betet, wie wenn seine Seele gleichsam von Schmerzen heimgesucht wäre. Der Wille Gottes aber ist das Heil der Menschen. Wenn wir uns nun entschließen, zu Gott zu sagen: „Dein Wille geschehe auch in mir“, so müssen wir vorher jenem Leben widersagen, das im Gegensatz zum göttlichen Willen steht, und ungefähr folgende Meinung mit unserem Gebete verbinden: „Während meines früheren Lebens trieb ein Wille, der dem deinigen, o Gott, entgegengesetzt war, in mir sein Unwesen und ich war ein Knecht des höllischen Zwingherrn, so daß ich gleichsam wie ein Henker die Blutbefehle jenes bösen Feindes an mir selbst ausführte; erbarme dich über meine Verkommenheit und gib, daß endlich dein heiliger Wille in mir geschehe! Wie 126 nämlich in den dunklen Winkeln der Höhlen, sobald man ein Licht hineinbringt, die Finsternis verschwindet, so weicht, wenn dein Wille in mir geschieht, alsbald jene schlechte, ungehörige Regung des Willens!“ Denn die Mäßigung wird das zügellose leidenschaftliche Begehren des Herzens stillen, die Demut den Hochmut vernichten, die Bescheidenheit die Krankheit der Selbstüberhebung heilen, die Tugend der Liebe auch die längste Reihe von Lastern aus der Seele vertreiben. Vor ihr flieht der Haß, der Neid, der Groll, der Zorn, die verdrießliche Stimmung, die Hinterlist, die Heuchelei, die Erinnerung an Kränkungen, das Verlangen nach Rache, das Aufwallen des Herzblutes, der gehässige Blick: überhaupt die ganze Schar der Laster wird durch die Gesinnung der Liebe in die Flucht geschlagen. Zumal vertreibt der Wille Gottes, wenn er in uns zur Entfaltung kommt, den zweifachen Götzendienst: den Wahnsinn mit den Götterbildern und den mit Silber und Gold, die ein Prophetenwort „die Götzenbilder der Heiden“ nennt. „Es geschehe also dein Wille“, damit der Wille des Teufels zunichte werde.
Weshalb beten wir aber, daß von Gott her uns der Wille zum Guten zuteil werde? Deshalb, weil die menschliche Natur zum Guten zu schwach ist, nachdem sie die Kraft hiezu durch die Sünde einbüßte. Denn keineswegs mit derselben Leichtigkeit, mit welcher sich der Mensch zum Bösen wendet, kehrt er von diesem wieder zum Guten zurück, wie sich auch am Leib ein ähnliches Verhältnis bemerken läßt; nicht auf die gleiche Weise und nicht mit derselben Leichtigkeit wird nämlich das Gesunde krank und das Kranke gesund. Oft kam ein bis dahin ganz rüstiger Mann durch eine einzige Verwundung in die äußerste Gefahr; ein einziger Fieberanfall oder eine Wiederholung desselben lähmte schon die ganze Spannkraft des Körpers, eine geringe Giftdosis schwächte oder zerstörte sie; auf den Biß einer Schlange, auf den Stich eines giftigen Insektes, auf bloßes Ausgleiten oder Fallen, auf eine Übersättigung oder auf etwas Ähnliches erfolgte nicht selten rasch eine Erkrankung oder sogar der Tod. Die Beseitigung der Krankheit hingegen erfordert, wenn sie überhaupt erzielt wird, in der Regel reifliche Überlegung, die Ertragung vieler 127 Beschwerden und den Aufwand großer ärztlicher Kunst. Dem entspricht es auf geistigem Gebiete, daß wir zum Fortschreiten auf der Bahn des Bösen, keinen Helfer benötigen, weil das Böse in unserem verderbten Willen wie von selbst zur vollen Entfaltung sich entwickelt; soll sich aber die Wagschale zum Guten neigen, so brauchen wir die Hilfe Gottes, damit er das Wollen bis zum Vollbringen geleite. Darum geht unsere Bitte dahin: „Da dein Wille, o Herr, die Mäßigung selbst ist, ich aber fleischlich gesinnt und unter die Herrschaft der Sünde verkauft bin, so möge der Wille zum Guten durch deine Kraft in mir hergestellt werden: die Gerechtigkeit, die Frömmigkeit, die Zügelung der Leidenschaften!“ Denn der Begriff Wille schließt sämtliche Tugenden keimhaft in sich und der Wille Gottes enthält alles Gute, was wir nur denken können.
Doch was bedeutet der Zusatz: „Wie im Himmel, also auch auf Erden“? Dies Wort weist, wie mir scheint, auf eine tiefere Wahrheit hin und leitet zu einer Auffassung der gesamten Schöpfung ein, wie sie Gottes würdig ist. Was ich meine, läuft auf folgendes hinaus: die vernünftigen Geschöpfe lassen sich in solche mit einem Körper und in solche ohne Körper einteilen; die körperlose Klasse bilden die Engel, die körperliche wir Menschen. Weil des schwerfälligen Leibes ledig - ich meine unseren festen, zur Erde niederziehenden Leib - bewegen sich die reinen Geister in jener Region der Welt, die oberhalb der Erde ist, wo sie mit ihrer flüchtigen und rasch beweglichen Natur an leichten und ätherischen Orten wohnen; wir dagegen haben wegen der Verwandtschaft unseres Leibes mit der Erde das irdische Leben, das einem schmutzigen Bodensatz gleicht, als Anteil erhalten, dem wir nicht entfliehen können. Ich kann nicht unfehlbar sagen, was Gott hiebei bezweckte: vielleicht wollte er die ganze Schöpfung unter sich dadurch verwandt machen, daß weder die Erde hier unten ohne allen Anteil an dem Himmel droben wäre noch der Himmel ohne Anteil an der Erde, insofern im Menschengebilde beide eine Vereinigung ihrer Gegensätze feiern, die ihr Begriff mit sich bringt. Denn einerseits wohnt die geistige Seele, die doch gleicher Abstammung und gleichen Geschlechtes mit den Engeln des Himmels zu sein scheint, in Leibern, die aus der Erde ihren Ursprung ableiten; andererseits wird dies aus der Erde genommene Fleisch bei der Wiederherstellung aller Dinge in das Reich des Himmels zugleich mit der Seele versetzt. Der Apostel sagt ja: „Wir werden auf den Wolken dem Herrn entgegen dahingerafft werden in die Luft und immerdar beim Herrn sein“ [1 Thess. 4, 17]. Mag nun die Weisheit Gottes dieses oder noch etwas anderes bezwecken, tatsächlich sind die mit Vernunft begabten Geschöpfe in diese zwei Klassen geschieden und dabei ist die körperlose Natur zur himmlischen Seligkeit berufen worden, die körperliche dagegen wurde wegen ihrer Verwandtschaft mit der Erde auf diese verbannt. Doch beide Naturen, die körperliche und körperlose, haben große Vorzüge gemeinsam: vor allem ist das Verlangen nach dem sittlich Guten mit dem Wesen beider Naturen in gleichem Grade verbunden, und die Persönlichkeit, Unabhängigkeit und Freiheit hat der Herr des Weltalls beiden gleichmäßig anerschaffen, so daß alle Geschöpfe, welche mit Vernunft und Denkvermögen ausgestattet sind, durch ihre eigene freie Willensentscheidung sich selbst bestimmen und leiten. Allein das überirdische Leben ist in jeder Beziehung frei von Unvollkommenheit und auch nicht der geringste Schatten von Unordnung findet sich in demselben; dagegen umgibt jede Art von leidenschaftlicher Erregung und Stimmung das Leben hier unten; das Menschengeschlecht ist hievon wie umlagert. Das göttliche Wort bezeugt, daß das Leben der heiligen Mächte ([d. i. der Engel] frei von Unvollkommenheit und unberührt von jeglicher sündhafter Befleckung ist; alles Böse aber, was es außerhalb des Guten, eben durch die Trennung von diesem überhaupt gibt, ist in die Niederung dieses Erdenlebens wie eine Art Hefe oder Schlamm zusammengeschlossen, und dadurch wird die Menschheit verunreinigt, weil es durch solche Finsternis verhindert wird, das göttliche Licht der Wahrheit zu schauen.
Wenn nun das Leben da droben kein Übel und keine Sünde kennt, das armselige Leben hienieden aber in mannigfache Leidenschaften und Mühseligkeiten versenkt ist, so wird offenbar jenes überirdische Leben, weil rein von jeglicher Unvollkommenheit, in seinem makellosen Zustand durch die Erfüllung des Willens Gottes erhalten - denn wo nichts Böses ist, muß mit Notwendigkeit Gutes sein - unser Leben auf Erden dagegen ist dadurch, daß es aus der engen Verbindung mit dem sittlichen Guten austrat, auch aus dem Willen Gottes ausgetreten. Deshalb werden wir durch das Gebetswort aufgemuntert, unser Leben so von allem Bösen zu reinigen, daß nach dem Vorbild des Lebens im Himmel auch in uns der göttliche Wille restlos zur Geltung und Herrschaft komme. Wir sagen mit unserer Bitte gleichsam zu Gott: „Wie von den Thronen, Mächten und Gewalten und überhaupt von dem ganzen überirdischen Heere dein Wille geschieht und das Böse in keiner Weise die Entfaltung des Guten hindert, so gelange das Gute auch in uns zur vollen Verwirklichung, damit nach Beseitigung jeder Unvollkommenheit dein Wille einen wohlbereiteten Weg in unsere Seele finde!“