„Doch,“ warf ich ein: „welchen Gewinn könnte diese Hoffnung angesichts der Erwägung wecken, welch großes Übel es ist, auch nur ein Jahr Pein auszustehen; wenn aber jenes unerträgliche Weh über eine ganze Ewigkeit sich erstrecken würde, wie könnte sich dann derjenige mit der Hoffnung auf die Zukunft trösten, dem eine Strafe für die ganze Ewigkeit zuerkannt wird?“
Die Lehrerin erwiderte darauf: „Darum muß unsere Sorge darauf gerichtet sein, daß wir unsere Seele von allem Schmutz der Sünde ganz rein und unversehrt bewahren, oder daß wir, falls dies wegen der Gebrechlichkeit unserer Natur durchaus unmöglich ist, uns nur Verfehlungen zuschulden kommen lassen, die unbedeutend und daher leicht gutzumachen sind. Denn die evangelische Erzählung (Matth. 18, 23; Luk. 7, 41) erwähnt einen Schuldner von zehntausend Talenten, aber auch von fünfhundert und von fünfzig Groschen, und schließlich von nur einem Heller, welches die kleinste Münze ist; allerdings lehrt sie auch, daß das gerechte Gericht Gottes, ohne das Geringste zu übersehen, sich auf alles erstreckt und jedesmal genau nach der Schwere der Schuld die Heimzahlung bestimmt, die sich als notwendig erweist. Weiterhin bezeugt das Evangelium, daß die Schuldabtragung nicht durch Zahlung in Geld geschehe, sondern daß der Schuldner den Peinigern überliefert werde, bis er, wie es heißt, die ganze Schuld abgetragen habe (das heißt aber nichts anderes als: er müsse durch die Peinigung die noch vorhandene Schuld oder die Gebühr erlegen, welche auf Teilnahme an Strafbarem gesetzt ist, welche Schuld er im Leben auf sich lud, (da er einzig und allein auf Lust ausging, ohne irgendwie Schmerz und Leid verkosten zu wollen) und auf diese Weise nach Ablegung alles Fremdartigen, d. h. alles Sündhaften, und nach Entfernung alles dessen, was als schuldbar auch entsprechende Strafe bringt, zur Freiheit und Unabhängigkeit gelange. Die Freiheit aber bringt Ähnlichkeit mit 299 dem, der da keinen Herrn über sich hat und unbeschränkte Macht besitzt, die uns zwar schon im Anfang geschenkt war, aber durch schändliche Sünden beschränkt wurde. Alle Freiheit ist aber ihrer Natur nach nur ein und dieselbe und verwandt mit allem, was frei ist; folglich wird alles Freie sich mit dem verbinden, was mit ihm gleich freie Art besitzt. Die Tugend aber kennt keinen Zwang; darum wird alles Freie in ihr sein. Denn was keinen Zwang sich auferlegen läßt, ist frei. Nun ist aber die göttliche Natur die Quelle aller Tugend; in ihr sind demnach alle, welche die Sünde von sich geworfen haben, damit, wie der Apostel sagt (1 Kor. 15, 25), Gott alles in allen sei.“