Nicht allein das ist wunderbar, daß Fischer, daß schlichte, ungebildete Leute das Evangelium verkündeten, sondern daß auch andere Hindernisse, natürliche Hindernisse vorhanden waren und trotzdem das Evangelium in immer weitere Kreise drang. Der Mangel an Bildung tat ihnen nicht nur keinen Eintrag, sondern gerade dieser Umstand erwirkte ihrer Predigt noch größere Aufmerksamkeit. Höre nämlich, was Lukas sagt: „Und als sie erfuhren, daß es ungebildete und unwissende Leute seien, da verwunderten sie sich.“ Kerker und Bande bildeten für sie nicht bloß kein Hindernis, sondern eben dies erfüllte sie nur mit noch größerer Zuversicht. Da Paulus noch frei war, beseelte seine Schüler kein so freudiger Mut, als da er in Banden war. Sagt er ja selbst, 379 daß sie daraufhin umso mehr wagten, furchtlos das Wort Gottes zu verkünden. — Wo sind diejenigen, welche die Göttlichkeit des Predigtamtes leugnen wollen? Die Unansehnlichkeit und Unwissenheit der Apostel war nicht imstande, ihre Verurteilung herbeizuführen? Also mußten sie selbst in dieser Lage Respekt eingeflößt haben. Denn die Menge, wie ihr wißt, wird von diesen zwei Leidenschaften beherrscht: Eitelkeit und Furchtsamkeit. Der niedrige Stand und der Mangel an Bildung ließ sie nicht zuschanden werden? Die Gefahren dienten also dazu, Furcht einzuflößen. — Aber, sagt man, sie wirkten Wunder. — Ihr glaubt also, daß sie Wunder wirkten. Oder sollten sie keine gewirkt haben? Das wäre ein noch größeres Wunder als das Wunderwirken selbst, wenn sie ohne Wunder die Menschen für sich gewonnen hätten. — Auch Sokrates wurde bei den Heiden ins Gefängnis geworfen. Wie nun? Flohen nicht auf der Stelle seine Schüler nach Megara? Allerdings; denn sie nahmen seine Lehre von der Unsterblichkeit nicht an. Sieh dagegen hieher! Paulus wurde in Ketten geworfen, und seine Schüler erstarkten dadurch nur noch mehr an Mut. Ganz natürlich; denn sie sahen, daß die Predigt des Evangeliums nicht verhindert wurde. Du kannst doch nicht etwa die Zunge binden? Durch diese wird aber gerade das Evangelium verbreitet. Denn so wenig du einen Läufer in seinem Laufe aufhalten kannst, wenn du ihm nicht die Füße bindest, so wenig kannst du einen Verkünder des Evangeliums in seinem Laufe hemmen, wenn du ihm nicht die Zunge bindest. Und gleichwie jener, wenn du ihm die Hüfte schnürst, nur umso mehr läuft und festeren Halt gewinnt, so predigt auch dieser nur umso mehr und mit größerem Freimut. Es zagt der Gefangene, wenn er nur an die Ketten denkt; wenn er aber den Tod verachtet, wie sollte er dann gefesselt sein? — Was jene taten, war geradeso, als wenn sie den Schatten Pauli in Ketten geschlagen und demselben den Mund verschlossen hätten. Es war eben ein Schattenkampf; denn seine Anhänger zollten ihm nur noch innigere Liebe, seine Feinde nur noch tiefere Achtung, da er die Ketten als Kampfpreis der Tapferkeit trug. Auch der Siegeskranz umschlingt das Haupt; aber er gereicht 380 ihm nicht zu Schande, sondern zum Ruhme. Ohne zu wollen, bekränzten sie ihn mit der Kette. Denn sage mir, konnte sich derjenige vor dem Eisen entsetzen, der den stählernen Pforten des Todes trotzte? —
Geliebte, laßt uns mit heiligem Neide diese Ketten bewundern! Ihr Frauen alle, die ihr goldene Ketten tragt, sehnt euch nach den Ketten des heiligen Paulus! Nicht so herrlich erglänzen die goldenen Halsbänder um euren Nacken, als der Schmuck der eisernen Bande seine Seele umstrahlte. Wer sich nach diesem sehnt, muß jene hassen. Denn was hat die Weichlichkeit mit der Tapferkeit, was die Putzsucht mit der christlichen Weisheit gemein? Diese Ketten verehren die Engel, jene kommen ihnen geradezu kindisch vor. Diese Ketten pflegen von der Erde zum Himmel emporzuziehen; jene Ketten ziehen vom Himmel zur Erde herab. Denn, jene sind in Wirklichkeit Ketten, nicht diese; diese sind ein Schmuck, jene sind wirkliche Ketten. Jene drücken mit dem Leibe auch die Seele; diese gereichen mit dem Leibe auch der Seele zur Zier. — Willst du verstehen lernen, daß diese ein Schmuck sind? Sage mir, wer lenkt die Aufmerksamkeit mehr auf sich, du oder Paulus? Doch was rede ich von dir? Selbst die Kaiserin, die ganz in Gold gekleidet ist, würde die Blicke der Zuschauer nicht mehr auf sich ziehen; vielmehr würden alle, wenn zufällig Paulus in Ketten und die Kaiserin zu gleicher Zeit die Kirche beträten, ihre Augen von dieser wegwenden und auf jenen richten. Ganz natürlich; denn der Anblick eines Mannes, der über die menschliche Natur erhaben ist, der nichts Menschliches (mehr) an sich hat, sondern einem Engel gleich auf Erden wandelt, erregt größere Bewunderung als der Anblick eines schön geputzten Weibes. Dergleichen kann man ja in Theatern, bei Festzügen, in Bädern und sonst häufig sehen. Aber einen Mann zu sehen, der mit Ketten beladen ist und, statt sich dadurch beunruhigen zu lassen, dieselben als seinen schönsten Schmuck betrachtet: das ist für den Zuschauer kein irdisches, sondern ein des Himmels würdiges Schauspiel. Eine Seele, die sich mit jenen Ketten behängt, späht nach allen Seiten, wer sie beachte, wer sie nicht beachte; sie strotzt von Hoffart, 381 wird beständig von Sorgen geplagt, ist von tausend anderen Leidenschaften gefesselt. Wer dagegen diese Ketten trägt, der weiß nichts von Hoffart; seine Seele frohlockt, hat jede Sorge von sich abgestreift, ist voll Freude, richtet den Blick stets nach oben, schwingt sich mit Leichtigkeit himmelwärts. Wenn man mir die Wahl ließe, ob ich den hl. Paulus sehen möchte, wie er vom Himmel aus, oder wie er vom Gefängnisse aus seine Stimme erhebt, so würde ich letzteres vorziehen. Denn die Engel des Himmels finden sich bei ihm ein, wenn er im Gefängnisse weilt. Die Fesseln des hl. Paulus sind das Band, welches der Predigt des Evangeliums Festigkeit verleiht; diese Kette bildet deren sichere Grundlage. Diese Bande laßt uns mit glühender Seele verlangen! —