Beachte, wie er jedesmal ausdrücklich die Anrede setzt: „Ihr Weiber“, „ihr Kinder“, „ihr Knechte“! Schon daraus ergibt sich die Verpflichtung zum Gehorsam. Damit sie sich aber nicht verletzt fühlen, fügt er hinzu: „den leiblichen Herren“. Dein besseres Teil, will er sagen, deine Seele, ist frei; die Knechtschaft dauert nur eine Zeitlang. So unterwirf dich denn freiwillig, damit die Knechtschaft das Harte des Zwanges verliere. — „Nicht in Augendienerei, wie um Menschen zu gefallen.“ Der Sinn ist: Verwandle die Knechtschaft auf Grund der bestehenden Gesetze in eine Knechtschaft auf Grund der Furcht Christi! Wenn du nämlich deine Schuldigkeit tust und die Ehre deines Herrn wahrst, auch ohne von ihm gesehen zu werden, so tust du es offenbar um jenes nie schlafenden Auges willen. — „Nicht in Augendienerei“, heißt es, „wie um Menschen zu gefallen.“ Dadurch würdet ihr nur euch selber Schaden zu-* 373 *ziehen. Höre nämlich den Ausspruch des Propheten: „Der Herr zerstreut die Gebeine derjenigen, die den Menschen gefallen.“ Beachte also, mit welcher Schonung er sie unterweist! — „Sondern in Einfalt des Herzens,“ setzt er hinzu, „Gott fürchtend.“ Denn jenes Verhalten ist nicht Einfalt des Herzens, sondern Heuchelei, wenn man anders denkt, als man handelt, wenn man sich anders in Anwesenheit des Herrn gibt und anders in seine Abwesenheit. Demzufolge sagt er nicht bloß: „in Einfalt des Herzens“, sondern fügt bei: „Gott fürchtend“. Denn das heißt Gott fürchten, wenn wir nichts Böses tun, auch wenn uns niemand sieht. Tun wir es aber, so fürchten wir nicht Gott, sondern die Menschen. Siehst du, dass er jene gehörig unterrichtet? — „Alles, was ihr immer tut,“ so mahnt er, „tuet von Herzen, wie für den Herrn und nicht für Menschen.“ Nicht nur Verstellung, sondern auch Trägheit soll von ihnen ferne sein. Er hat sie aus Sklaven zu Freien gemacht, wenn sie von den Herren nicht mehr überwacht zu werden brauchen. Denn der Ausdruck „von Herzen“ bedeutet so viel als: gerne, nicht aus knechtischem Zwange, sondern freiwillig und aus eigenem Antriebe. — Und welches ist der Lohn dafür? „Da ihr wißt,“ fährt er fort, „daß ihr vom Herrn die Vergeltung eurer Erbschaft empfangen werdet; denn ihr dienet dem Herrn Christus.“ Denn daß ihr von ihm den Lohn erhalten werdet, steht unzweifelhaft fest. Und daß ihr dem Herrn dienet, erhellt aus dem Folgenden: „Wer aber Unrecht zufügt,“ sagt der Apostel, „wird davontragen, was er Unrechtes zugefügt hat.“ Hier bestätigt er das früher Gesagte. Damit nämlich seine Sprache nicht den Schein der Schmeichelei erwecke, so erklärt er ausdrücklich: er wird (auch) den Lohn für das, was er Unrechtes zugefügt hat, erhalten, d. h. er wird auch gestraft werden. — „Denn es gibt kein Ansehen der Person bei Gott.“ Was liegt denn daran, wenn du ein Sklave bist? Du brauchst dich dessen nicht zu schämen. Es war in der Tat notwendig, dieses im Hinblick auf die Herren zu betonen, wie es auch im Briefe an die Ephesier geschieht. An unserer Stelle indes hat 374 er, wie mir scheint, die heidnischen Herren im Auge. Was verschlägt es denn, wenn dein Herr ein Heide ist, du aber ein Christ? Nicht auf die Person kommt es an, sondern auf die Werke. Man muß daher auch in diesem Falle bereitwillig und von Herzen dienen. — „Ihr Herren, was recht und billig ist, leistet den Knechten!“ Was aber ist recht? Was aber ist billig? Daß man sie mit allem Nötigen reichlich versieht und sie nicht auf fremde Unterstützung angewiesen sein läßt, sondern für ihre Arbeiten entschädigt. Denn deshalb, weil ich sagte, daß sie von Gott den Lohn erhalten, darfst du sie desselben nicht berauben! Anderswo aber sagt er: „Laßt ab von der Drohung!“, um die Herren zu größerer Milde zu bewegen; denn da hatte er es mit Gläubigen zu tun. Der Sinn ist: „Mit dem Maße, mit dem ihr meßt, wird euch wieder gemessen werden.“ — Auch der Satz: „Es gibt kein Ansehen der Person“, ist mit Bezugnahme auf die Herren gesagt. Er ist allerdings an die Sklaven gerichtet, aber damit die Herren ihn sich zu Herzen nehmen möchten. Wenn wir nämlich zu einem etwas sagen, was einem andern gilt, so weisen wir nicht so fast jenen zurecht, als vielmehr den davon Betroffenen. Der Apostel gibt (den Herren) zu verstehen: Euch geht es ebenso gut an wie die Knechte. Er stellt hier die Knechtschaft als beiden gemeinschaftlich hin: „Da ihr ja wißt,“ sagt er, „daß auch ihr einen Herrn im Himmel habt.“
V. 2: „Seid beharrlich im Gebete und wachsam darin in Danksagung.“
Weil man nämlich bei lang anhaltendem Gebete leicht in Nachlässigkeit verfällt, deshalb fügt er hinzu: „und wachsam“, d. h. aufmerksam, nicht gedankenlos. Denn der Teufel weiß nur allzu wohl, welch großes Gut das Gebet ist; darum setzt er uns dabei so hart zu. Aber auch Paulus weiß, mit welcher Nachlässigkeit viele ihre Gebete verrichten. Deshalb sagt er: „Seid beharrlich im Gebete“, gleich als handle es sich um etwas Mühsames. — „Und wachsam darin in Danksagung!“ Dies nämlich, 375 will er sagen, sei eure Aufgabe, in euren Gebeten Dank zu sagen für alle Wohltaten, für die sichtbaren wie für die unsichtbaren; für diejenigen, welche euch Gott nach eurem Willen, wie für diejenigen, welche er euch gegen euren Willen erwiesen hat; für das Himmelreich wie für die Hölle; für die Trübsal wie für die Erquickung. Denn so pflegen die Heiligen zu beten und für die gemeinsamen Wohltaten zu danken.