Siehst du, wie sehr er bemüht ist, die Vernichtung des Schuldbriefes anschaulich zu schildern? Also; Wir waren samt und sonders der Sünde und Strafe verfallen; er nahm selbst die Strafe auf sich und hob dadurch Sünde und Strafe auf; die Strafe aber erlitt er am Kreuze. Dort nun heftete er den Schuldbrief an; sodann zerriß er ihn, „wie einer, der Macht hat“. — Was für einen Schuldbrief? Entweder er meint damit das, was die Israeliten zu Moses sprachen: „Alles, was Gott gesagt hat, wollen wir tun und befolgen“; oder wenn nicht dies, daß wir Gott Gehorsam schuldig sind; oder wenn auch das nicht, daß der Teufel den Schuldbrief in Händen hatte, welchen Gott gegen Adam ausstellte, als er sprach: „An welchem Tage du von dem Baume issest, wirst du sterben.“ Diesen Schuldbrief also hatte der Teufel in Händen; und Christus gab ihn uns nicht zurück, sondern riß ihn selbst entzwei zum Zeichen, daß er die Schuld mit Freuden erlasse. — „Entwaffnend die Fürstentümer und die Gewalten.“ Er meint damit die teuflischen Mächte. Nachdem also die menschliche Natur sich damit umkleidet hatte, oder nachdem sie dieselben als Gewaffen gebrauchten, zog Christus durch seine Menschwerdung (ihnen) das Gewaffen ab. — Was bedeutet: „er stellte zur Schau“? Das ist treffend gesagt; niemals wurde der Teufel so empfindlich gedemütigt wie damals. Während er sich nämlich Hoffnung machte, Christus selbst in seine Gewalt zu bekommen, 319 büßte er sogar alle diejenigen ein, deren er sich schon bemächtigt hatte: als der Leib des Gottmenschen ans Kreuz geschlagen wurde, da standen die Toten auf.
Damals erlitt der Tod eine vollständige Niederlage, indem er von (jenem) toten Leibe den Todesstoß empfing. Und gleichwie ein Athlet, der bereits seinen Gegner getroffen zu haben wähnt, selbst von ihm einen tödlichen Schlag erhält, so auch dieser. Es zeigt sich, daß die Zuversicht, mit welcher Christus in den Tod ging, den Teufel mit Schmach und Schande bedeckte. Hätte doch derselbe, wenn es ihm möglich gewesen wäre, alles aufgeboten, um die Menschen zu überzeugen, daß Christus nicht gestorben sei. Denn für seine Auferstehung konnte die ganze Folgezeit als Beweis dienen, für seinen Tod aber hätte es außer dem damaligen Zeitpunkte keinen andern mehr gegeben; deshalb starb er öffentlich vor aller Augen, stand aber nicht öffentlich auf, weil er wußte, daß die Zukunft die Wahrheit bezeugen würde. Daß er nämlich im Angesichte der ganzen Welt, gleich der Schlange erhöht, am Kreuzesholze den Opfertod starb, das ist das Wunderbare. Denn, was hatte der Teufel nicht aufgeboten, daß er heimlich sterben sollte! Höre, was Pilatus spricht: „Nehmet ihr ihn und kreuzigt ihn! Denn ich finde an ihm keine Schuld“; und tausend andere Einwände erhob er. Und wiederum riefen die Juden ihm zu: „Wenn du Gottes Sohn bist, so steige herab vom Kreuze!“ Nachdem nunmehr also Christus sich zum Tode hatte verwunden lassen, ohne herabzusteigen, ließ er sich aus demselben Grunde auch dem Grabe übergeben. Er hätte allerdings sogleich auferstehen können, allein es war ihm um die Beglaubigung der Tatsache (seines Todes) zu tun. Bei einem privaten Todesfalle könnte man nun freilich eine bloße Ohnmacht annehmen; hier aber hilft selbst diese Ausflucht nichts. Denn sogar die Soldaten zerschmettertem ihm nicht, wie den beiden andern, die Gebeine, damit offenbar würde, daß er wirklich tot sei; und auch die-* 320 *jenigen, die seinen Leichnam bestatteten, sind bekannt. Deswegen versiegelten auch die Juden selbst den Grabstein und ließen ihn durch Soldaten bewachen. Denn es kam vor allem darauf an, daß die Tatsache seines Todes nicht verheimlicht werde. Und die Kronzeugen hiefür wurden von seinen Feinden, von den Juden, gestellt. Höre, wie sie zu Pilatus sprechen; „Als jener Verführer noch am Leben war, hat er gesagt: Nach drei Tagen werde ich auferstehen. Befiehl also, daß das Grab von Soldaten bewacht werde!“ Und dies geschah auch, nachdem sie selbst das Grab versiegelt hatten. Höre aber, wie sie diese Tatsache auch später zugestehen, indem sie zu den Aposteln sprechen: „Ihr wollt auf uns bringen das Blut dieses Menschen.“ — Er ließ auf der Art seines Todes, auf dem Kreuze, die Schmach nicht haften. Weil nämlich die Engel nichts Derartiges gelitten haben, deswegen tut er zu diesem Zwecke alles, um zu zeigen, daß er durch seinen Tod Großartiges geleistet habe. Er bestand gleichsam einen Zweikampf. Der Tod traf Christus; aber Christus, vom Tode getroffen, brachte ihn nachher gänzlich zur Strecke; durch einen toten Leib wurde der vernichtet, dem eine immerwährende Dauer beschieden schien, und die ganze Welt war Zeuge dieses Schauspiels. Und was eben das Wunderbare ist: er übertrug dies keinem andern. Aber dadurch entstand wieder ein neuer Schuldbrief, verschieden von dem früheren.