112 Denn das behaupte ich immer und werde nicht aufhören zu behaupten: mag auch der Fehltritt klein gewesen sein, er hat doch das ganze Aussehen entstellt und die ganze Gestalt zerstört.
V. 20: „Ich möchte jetzt bei euch anwesend sein und ändern meine Stimme.“
Betrachte die Ungeduld, die Hitze, das Nichtertragenkönnen dieses Zustandes! So ist eben die Liebe. Sie begnügt sich nicht mit Worten, sondern verlangt auch nach Anwesenheit. „Ich möchte ändern meine Stimme“, schreibt er, d. h. ich möchte sie vertauschen um Seufzer, möchte Tränen vergießen und alles zur Klage stimmen. Denn im Briefe konnte er seine Tränen und Wehklagen nicht zeigen, darum verlangt er so heiß nach Anwesenheit.
„Weil ich im Zweifel bin euretwegen.“
Denn ich weiß nicht, meint er, was ich sagen, ich weiß nicht, was ich mir denken soll. Ihr hattet erklommen die himmlischen Höhen durch die Gefahren, die ihr für den Glauben ausgestanden, durch die Wunderzeichen, die ihr durch den Glauben gewirkt. Warum laßt ihr euch auf einmal so tief herabwürdigen an Wert, daß man euch hinschleppt zur Beschneidung und Sabbatfeier, und daß ihr Partei nehmt für die Judensippe? Aus diesem Grunde schrieb er gleich anfangs: „Befremdet bin ich, daß ihr euch so schnell abwenden lasset“; und hier: „ich bin im Zweifel euretwegen“. Wie wenn er sagen wollte: Was soll ich vorbringen, was sprechen, was denken? Ich bin ratlos. Deswegen muß ich laut aufschreien, wie auch die Propheten in Ratlosigkeit tun. — Gewiß, auch das hat eine gar heilsame Wirkung, wenn zum belehrenden Worte sich die Tränen gesellen. So heißt es auch in seiner Rede an die Milesier: „Drei Jahre hindurch habe ich nicht aufgehört, unter Tränen 113 euch zu ermahnen.“ Dasselbe meint er hier, wenn er sagt: „Ich möchte ändern meine Stimme.“ Denn, überrascht von plötzlicher Verlegenheit und Ratlosigkeit, brechen wir am Ende in Tränen aus. Nachdem er Tadel und Beschämung und dann wieder Milde angewendet hat, versucht er es jetzt mit Klagen. Aber seine Klage will nicht bloß strafen, sondern auch einschmeicheln. Sie erbittert nicht wie der scharfe Tadel, noch macht sie leichtsinnig wie eine milde Rede. Sie ist ein Heilmittel, aus beiden gemischt, und eignet sich darum vorzüglich für die Ermahnung. — Nachdem er nun seine Klagen vorgebracht, ihren Sinn besänftigt und sie enger an sich gezogen hat, geht er wieder auf die Streitfrage ein und berührt ein gar wichtiges Kapitel: er zeigt nämlich, das Gesetz selber wolle nicht, daß man es halte. — Oben hatte er als Beispiel den Abraham gebracht, jetzt führt er das Gesetz selber ein, das da mahne, es nicht zu beachten, sondern sich abzukehren. Das versprach noch größere Wirkung. Wenn ihr also, meint er, dem Gesetze folgen wollt, dann lasset ab von ihm; denn das will es selber haben. So spricht er nun allerdings nicht, erreicht aber auf anderem Wege dasselbe, indem er die Geschichte zu Rate zieht. Er schreibt:
V. 21: „Saget mir, die ihr unter dem Gesetze sein wollt: Höret ihr nicht das Gesetz?“
Treffend sagt er: „die ihr … wollt“; denn nicht der Zwang der Tatsachen, nein, einzig ihr unangebrachter Eigensinn trug die Schuld. Unter „Gesetz“ versteht er hier das Buch Genesis, wie er des öfteren diesen Namen gebraucht für das ganze Alte Testament.
V. 22: „Denn es steht geschrieben: Abraham hatte zwei Söhne, einen von der Magd und einen von der Freien.“
Er kommt wieder auf Abraham zurück, aber nicht um das nämliche zu wiederholen; sondern, weil der Pa- 114 triarch bei den Juden in so hohem Ansehen stand, zeigt er, daß bei ihm die Vorbilder ihren Anfang nahmen und die Gegenwart in ihm vorgezeichnet worden ist. Zuerst hatte er nachgewiesen, (die Galater) seien Söhne Abrahams. Weil aber die Söhne Abrahams nicht den gleichen Rang einnehmen, indem der eine von der Sklavin herstammte, der andere von der Freien, zeigt er im folgenden, daß sie (die Galater) nicht Söhne schlechthin seien, sondern Söhne geradeso wie der Frei- und Edelgeborene. Solche Kraft besitzt der Glaube.
V. 23: „Aber der von der Magd war nach dem Fleische * geboren, der von der Freien kraft der Verheißung.“ *
Was heißt das „nach dem Fleische?“ Nachdem er betont hatte, daß der Glaube uns mit Abraham verbinde, und es seinen Zuhörern unglaublich vorkam, wenn er Leute dessen Söhne nannte, die nicht von ihm abstammten, zeigt er den höheren Ursprung dieser befremdlichen Tatsache. Denn Isaak, obschon nicht zufolge des Naturgesetzes oder des ehelichen Brauches oder der Kraft des Fleisches geworden, sondern einem erstorbenen Körper und einem Mutterleibe gleich jenem entsprossen, war dennoch vollbürtiger Sohn. Nicht das Fleisch bewirkte die Empfängnis und nicht der Same die Geburt; denn erstorben war der Mutterleib — durch Alter und natürliche Unfruchtbarkeit. Nein, ihn bildete das Wort Gottes. Nicht so bei dem Knechte; dieser wird vielmehr geboren innerhalb der Schranken der Natur und nach dem Gesetze der Ehe. Gleichwohl aber steht der nicht aus dem Fleische Geborene über dem aus dem Fleische Geborenen. Es bekümmere euch also nicht, daß ihr nicht zufolge des Fleisches Söhne seid; denn gerade deswegen zumeist seid ihr seine ebenbürtigen Kinder, weil ihr nicht aus dem Fleische geboren wurdet. Denn die Geburt aus dem Fleische ist nicht ehrenvoller, sondern unrühmlicher; 115 die Geburt außer dem Fleische ist wunderbarer und geistiger, wie aus dem Beispiele derer erhellt, welche zufolge göttlicher Verheißung geboren wurden. Nach dem Gesetze des Fleisches wurde Ismael geboren, aber er war Knecht, und nicht bloß das, er wurde auch aus dem Vaterhause vertrieben; Isaak aber, der kraft der Verheißung Geborene, war Sohn und Freier und deshalb Herr über alles.
V. 24: „Dies ist allegorisch gesagt.“
Er nennt den Typus im uneigentlichen Sinne Allegorie. Der Sinn seiner Worte aber ist folgender: Diese Erzählung besagt nicht bloß das, was unmittelbar zutage liegt, sondern drückt noch etwas anderes aus; deswegen heißt sie auch Allegorie. — Was also drückt sie aus? Nichts anderes als die gesamte Gegenwart.
„Denn“, sagt er, * „diese sind die zwei Testamente: das eine vom Berge Sinai zur Knechtschaft gebärend ist die Agar.“ *
„Diese.“ Welche? Die Mütter jener Knaben, nämlich die Sara und die Agar. Was sind sie? Die zwei Testamente, die zwei Gesetze. Da die Namen der Weiber nun einmal in der Erzählung stehen, bleibt er bei dieser Bezeichnung des Volkes und knüpft an die Namen selber ganz treffende Bemerkungen. Wieso an die Namen? Er sagt:
V. 25: „Denn Agar ist der Berg Sinai in Arabien.“
Agar hieß die Magd; aber auch der Berg Sinai heißt so in der Landessprache.