Darum spricht er: „Brüder, ich bitte euch … in nichts habt ihr mich gekränkt.“
V. 13: „Ihr wißt aber, wie ich euch in Schwachheit des Fleisches das Evangelium verkündet habe; und meine Prüfung in meinem Fleische V. 14: habt ihr nicht verachtet.“
Freilich, daß sie ihn nicht kränkten, war noch nichts Besonderes. Denn fürwahr, selbst der erstbeste Mensch dürfte kaum den schädigen und ohne jede Ursache beleidigen wollen, der ihm nichts zuleide getan hat. Ihr aber habt nicht nur nicht gekränkt, sondern auch noch großes und erstaunliches Wohlwollen an den Tag gelegt, und es ist unmöglich, daß jemand, der sich solcher Wartung erfreute, aus bösem Willen das rede. Meine Worte sind also nicht der Abneigung entsprungen, folglich nur der Sorgfalt und zärtlichsten Liebe. „Ich bitte euch … in nichts habt ihr mich gekränkt. [Ihr wißt aber, wie ich euch in Schwachheit des Fleisches das Evangelium verkündet habe.]“ Wer ist so sanft wie diese heilige Seele, wer so freundlich und liebevoll? Also nicht blinde Wut, nicht Leidenschaft sprach aus dem Früheren, sondern ein Herz voll liebender Teilnahme. — Und was sage ich? Ihr habt nicht gekränkt? Auch große und aufrichtige Teilnahme habt ihr um uns 109 an den Tag gelegt. „Ihr wißt ja“, schreibt er, „wie ich euch in Schwachheit des Fleisches das Evangelium verkündigt habe, und meine Prüfung in meinem Fleische habt ihr nicht verachtet und abgewiesen.“ Was meint er wohl mit diesen Worten? „Ich wurde ausgetrieben“, spricht er, „gegeißelt, kam tausendmal in Todesgefahr, während ich bei euch das Evangelium predigte, und auch da habt ihr mich nicht verachtet.“ Denn das besagen die Worte: „Meine Prüfung in meinem Fleische habt ihr nicht verachtet und nicht abgewiesen.“ Siehst du die Geistesklugheit? Selbst während er sich verteidigt, beschämt er sie wiederum, indem er zeigt, was er um ihretwillen ausgestanden hat. Aber gleichwohl, sagt er, hat nichts von alledem euch geärgert, noch habt ihr mich verachtet ob der Leiden und Verfolgungen. Denn diese sind es, die er als Schwachheit und Prüfung bezeichnet.
„Nein, wie einen Engel Gottes nähmet ihr mich auf.“
Ist es also nicht töricht, wenn ich verfolgt und ausgetrieben werde, mich wie einen Engel Gottes aufzunehmen, dagegen mich zurückzuweisen, wenn ich euch an eure Pflicht ermahne?
V. 15: „Wo ist nun eure Begeisterung geblieben? Denn das Zeugnis gebe ich euch, daß ihr, hätte es geschehen können, euch die Augen ausgerissen und mir gegeben hättet. V. 16: Bin ich denn euer Feind geworden, weil ich die Wahrheit euch verkündete?“
Er ist darob verwirrt und erschreckt und möchte von ihnen die Ursache ihres veränderten Benehmens erfahren. Wer hat euch denn, so fragt er, getäuscht und verleitet, uns gegenüber eine andere Gesinnung anzunehmen? Seid nicht ihr es, die mich betreuten und 110 bedienten und mich werter hielten als den eigenen Augapfel? Was ist denn vorgefallen? Woher die Feindschaft? Woher das Mißtrauen? Weil ich die Wahrheit zu euch redete? Das wäre ja Grund zu noch größerer Achtung und Gefälligkeit! Nun aber „bin ich euer Feind geworden, weil ich die Wahrheit verkündete.“ Denn ich, meint er, weiß keinen anderen Grund, als daß ich die Wahrheit vor euch redete. Sieh, wie bescheiden er sich verteidigt! Nicht seine Verdienste um ihre, sondern ihre Verdienste um seine Person nimmt er zum Beweise, daß er unmöglich aus Übelwollen also rede. Er sagt nicht: Wie ist es denkbar, daß einer, der gegeißelt, vertrieben, tausendfach geplagt worden ist um euretwillen, jetzt etwas gegen euch im Schilde führe? Nein, er geht von dem aus, was jenen zum Ruhme gereichte, und schließt: Wie ist es denkbar, daß der von euch Geehrte und wie ein Engel Aufgenommene mit gegenteiliger Handlungsweise vergelte?
V. 17: „Sie beeifern sich um euch nicht in Wahrheit, * sondern möchten euch ausschließen, damit ihr euch um sie beeifert.“ *
Es gibt nämlich einen rechten Eifer, der dazu anspornt, nach Tugend zu streben; und es gibt auch einen schlechten Eifer (der bezweckt), die Guten der Tugend abspenstig zu machen. Gerade das planen sie jetzt; sie wollen euch die vollkommene Wissenschaft rauben und euch dafür einführen in die verstümmelte und falsche, und dies aus keinem anderen Grunde, als um sich auf den Lehrstuhl hinauf-, euch aber, die ihr jetzt höher stehet als sie, in die Schülerbank herabzusetzen. Das gibt er zu verstehen durch die Worte: „damit ihr um sie euch beeifert“. Ich aber, sagt er, will das Gegenteil: daß ihr für sie Regel und Muster der Vollkommen- 111 heit werdet. Was ja auch der Fall war, als ich in eurer Mitte weilte. Deshalb fährt er fort:
V. 18: „Es ist aber schön, sich allezeit im Guten zu bewähren und nicht bloß, während ich anwesend bin bei euch.“
Hier deutet er an, daß seine Abwesenheit diese Änderung bewirkt habe, und daß die Schüler dann glücklich zu preisen seien, wenn sie nicht bloß in Anwesenheit, sondern auch in Abwesenheit des Lehrers den rechten Geist bewahren. Da aber jene noch nicht diesen Grad der Vollkommenheit erreicht hatten, ist er aus allen Kräften bemüht, sie dahin zu bringen.
V. 19: „Meine Kindlein, für die ich von neuem in Geburtswehen bin, bis daß Christus in euch gestaltet wird.“
Sieh seine Unruhe, sieh seine Aufregung! „Meine Brüder, ich bitte euch; meine Kindlein, für die ich von neuem in Geburtswehen bin.“ Er macht es wie eine Mutter, die um ihre Kindlein bangt. „Bis daß Christus in euch gestaltet wird“. Schau das Herz eines Vaters! Schau wahrhaft apostolischen Kummer! Schau, ein Wehklagen erhebt er, viel schneidender als das einer Gebärenden! Verwüstet, so seufzt er, habt ihr das Ebenbild, verloren die Kindschaft, verändert das Wesen; einer zweiten Wiedergeburt benötigt ihr, einer Neugestaltung; aber gleichwohl, auch diese Zwitter, diese Mißgeburten noch heiße ich Kindlein. Doch sagt er dies nicht gerade heraus, sondern geht anders zu Werke. Er schont, er möchte nicht verletzen, nicht Wunde auf Wunde häufen; sondern gleichwie geschickte Ärzte die von langwierigen Krankheiten Befallenen nicht auf einmal zu heilen versuchen, sondern nach und nach, damit dieselben nicht den Mut verlieren und aufgegeben werden müssen: so auch unser Heiliger. Diese Schmerzen sind um so viel herber denn die körperlichen, weil die Liebe größer und die Sünde ungewöhnlich war.