Johannes Chrysostomus · In epistulam ad Philemonem argumentum et homiliae 1-3 · Buch 4 · Kapitel 3
Wohlan, heute will ich mein Wort einlösen und zeigen, wie Gott gütig sein und doch strafen kann. Auch gegen die Häretiker dürfte eine Besprechung dieses Gegenstandes am Platze sein. Also wollen wir recht aufmerken!
Gott hat uns in’s Dasein gerufen, ohne unser zu bedürfen. Daß er unser nicht bedürfte, erhellt daraus, daß 539 er uns zuletzt erschaffen hat; denn hätte er unser bedurft, so hätte er uns gleich anfangs erschaffen. Wenn er aber ohne uns existirt hat, und wir erst in späterer Zeit entstanden sind, so hat er uns erschaffen, ohne unser zu bedürfen. Er hat den Himmel, die Erde, das Meer, die ganze Welt um unsertwillen erschaffen. Ist dieser Schöpfungsakt nun nicht ein Ausfluß seiner Güte? sprich! Es ließe sich noch Vieles sagen, aber wir wollen kurz sein: „Er läßt seine Sonne aufgehen über Gute und Böse, er läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Ist Das nicht ein Ausfluß seiner Güte? Nein, sagt man. Ich habe nämlich einmal einen Marcioniten gefragt, ob Das nicht ein Ausfluß der göttlichen Güte sei, und dieser antwortete: „Ja, wenn Gott keine Rechenschaft von den Sünden verlangen würde, dann wäre das ein Beweis für seine Güte; verlangt er sie aber, so ist das kein Beweis dafür.“ Aber dieser Marcionit ist jetzt nicht da. Nun, ich will wiederholen, was ich damals sagte, und noch Etwas dazu fügen. Ich will nämlich zum Überfluße auch noch beweisen, daß Gott nicht gütig wäre, wenn er keine Rechenschaft verlangen würde, und daß er eben deßhalb gütig ist, weil er sie verlangt. Sage mir, wenn Gott keine Rechenschaft verlangen würde, könnte dann die Menschheit noch bestehen? Würden wir nicht unter Bestien leben? Wenn trotz der Angst, trotz der Rechenschaft, trotz dem Gerichte, das bevorsteht, wir uns ärger einander auffressen als die Fische im Meere, ärger uns gegenseitig berauben als Löwen und Wölfe: welcher Wirrwarr würde in dem menschlichen Leben einreissen, wenn Gott nicht Rechenschaft verlangen, und wir nicht davon überzeugt sein würden? Was wäre das Labyrinth der Sage gegen die Wirrsale in der Welt? Gäbe es nicht tausenderlei Unordnung und Verwirrung? Wer würde noch eine Ehrfurcht haben vor seinem Vater? wer noch 540 seine Mutter respektiren? Wer würde sich jeglicher Lust und Schlechtigkeit noch enthalten?
Und daß sich Dieß wirklich so verhält, Das will ich an dem Beispiel eines einzigen Hauses zu beweisen versuchen. Euch, die ihr über diesen Punkt fragt und ein Gesinde zu Hause habt, will ich Das klar machen. Denkt euch, die Dienstboten lehnen sich gegen die Herrschaft auf, fügen ihr körperliche Mißhandlungen zu, tragen Alles aus dem Hause, kehren das Unterste zu oberst und geriren sich wie Feinde, und die Herrschaft droht nicht, straft nicht, züchtigt nicht, sagt kein strenges Wort: wäre das noch Güte? Nein, ich behaupte, daß es der höchste Grad von Grausamkeit von seite des Herrn wäre, nicht bloß Weib und Kind durch so unzeitige Nachsicht preiszugeben, sondern auch zu gestatten, daß jene Dienstboten sich noch eher selbst zu Grunde richten. Denn als Trunkenbolde, Schlemmer, zuchtlose und übermüthige Leute werden sie unvernünftiger als das Vieh. Ist das nun Güte, sage mir, wenn man den Adel der Seele mit Füßen treten läßt, wenn man gestattet, daß Jemand sich und Andere zu Grunde richtet? Siehst du, daß darin ein hohes Maß von Nachsicht liegt, wenn man Rechenschaft fordert? Und was rede ich von Dienstboten, die ja zum Betreten des Sündenweges stets eher bereit sind? Gesetzt, es hat Jemand Kinder und läßt ihnen Alles hingehen, straft sie niemals: was werden das für schlechte Leute!
Wenn also bei den Menschen das Strafen ein Beweis von Güte ist, das Nichtstrafen dagegen ein Beweis von Grausamkeit, ist es bei Gott nicht so? Also deßhalb, weil er gut ist, hat er die Hölle angezündet! Wollt ihr auch einen anderen Beweis der göttlichen Güte? Auch das ist einer, daß er die Guten nicht schlecht werden läßt (dadurch, daß die Bösen bestraft werden). Die Bestrafung der Bösen ist kein geringer Sporn für die Guten. Höre, wie der Prophet spricht: „Der Gerechte wird sich freuen, wenn er die Rache an dem Bösen sieht, er wird seine Hände 541 waschen im Blute des Sünders.“ Nicht aus übergroße Freude, bewahre, wohl aber aus Furcht vor demselben Schicksal wird er sein Leben von Sünden reiner erhalten.
Es ist also Das ein Ausfluß der großen Fürsorge Gottes für uns. Aber, meint Jemand, es hatte ja die Drohung genügt, sie brauchte ja nicht ausgeführt zu werden. Nun, wenn er wirklich straft, und wenn du dann sagst, es sei nur eine Drohung, und wirst daraufhin leichtsinniger, würdest du dann nicht kopfüber in den Abgrund stürzen, falls es sich wirklich um eine bloße Drohung handelte? Wenn die Niniviten gewußt hätten, daß ihnen bloß gedroht werde, so würden sie sich nicht bekehrt haben; aber weil sie sich bekehrt haben, ist die Drohung bei bloßen Worten stehen geblieben. Willst du, daß die Strafe eine Drohung bleibt? Nun, Das steht in deiner Gewalt. Bessere dich, und es bleibt bei der Drohung! Verachtest du aber die Drohung, was Gott verhüten wolle, dann wirst du ihre Ausführung erleben. Wenn die Menschen zur Zeit der Sündfluth die Drohung gefürchtet hätten, so wäre es nicht zum Vollzug derselben gekommen. Auch wir werden, wenn wir die Drohung fürchten, von ihrer Ausführung verschont werden.
Ja, Das möge ferne bleiben! Möge uns vielmehr der barmherzige Gott die Gnade geben, daß wir schon hier auf Erden zur Einsicht kommen und der unaussprechlichen Seligkeit theilhaftig werden, deren wir alle gewürdigt werden mögen durch die Gnade und Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus, mit welchem dem Vater sammt dem heiligen Geiste sei Lob, Herrlichkeit und Ehre jetzt und alle Zeit und in alle Ewigkeit. Amen.