Johannes Chrysostomus · In epistulam ad Philemonem argumentum et homiliae 1-3 · Buch 4 · Kapitel 2
Auch in anderer Weise wirkt der Apostel auf den Philemon ein, wenn dessen Mitbürger sogar sein Mitgefangener geworden ist und mit ihm leidet, er aber dann nicht einmal den eigenen Diener begnadigen wollte. Der Zusatz: „mein Mitgefangener in Christus“ hat den Sinn: „wegen Christus“.
23. Markus, Aristarch, Demas, Lukas, meine Mitarbeiter.
Warum nennt er den Lukas zuletzt? Er sagt doch anderwärts: „Lukas ist allein bei mir.“ Und Demas 536 war Einer von Denen, die ihn verlassen hatten und die Welt liebten? Darüber war schon anderweitig die Rede, aber dennoch darf man die Sache nicht unbesehen lassen und sie nicht so obenhin und wie es eben kommt anhören. Wie kann der Apostel einen Gruß melden von Einem, der ihn verlassen hatte? „Erastus,“ sagt er, „ist zu Korinth geblieben.“ Den Epaphras nennt er als einen Bekannten und Landsmann von ihnen und den Markus ebenfalls als einen angesehenen Mann. Warum zählt er Diesen auch den Demas bei? Vielleicht hat er erst später seinen Eifer verloren angesichts der vielen Gefahren. Lukas jedoch, hier der Letzte, ist später der Erste geworden.
Mit Meldung dieser Grüße will der Apostel übrigens den Philemon noch mehr zur Nachgiebigkeit bewegen; und mit der Bezeichnung „Mitarbeiter“ liegt ebenfalls ein Sporn zur Gewährung des Erbetenen.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euerem Geiste. Amen.
Mit einem Wunsche schließt der Apostel den Brief. Dieser Wunsch aber ist ein großes Glück, ein wirksames Mittel zum Heile, ein Schutz für unsere Seelen; aber nur dann, wenn wir auch diesem Segenswunsche gemäß handeln und uns desselben nicht unwürdig machen. Also wenn du dem Priester dich näherst, und dieser spricht: „Gott wird sich deiner erbarmen, mein Sohn!“ so darfst auch du nicht auf dieses Wort allein bauen, sondern mußt auch die entsprechenden Werke dazu thun. Handle so, daß du des Erbarmens würdig bist! Gott wird dich segnen, mein Sohn, wenn du diesem Segen gemäß handelst; er 537 dich segnen, wenn du dich deines Nächsten erbarmst. Denn was wir von Gott erreichen wollen, Das müssen wir vorerst gegen unseren Nebenmenschen geübt haben. „Selig sind die Barmherzigen,“ steht geschrieben. „denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Wenn schon die Menschen Solchen Barmherzigkeit angedeihen lassen, so ist es bei Gott um so mehr der Fall; keineswegs aber bei Denen, die kein Erbarmen fühlen. „Ein Urtheil ohne Erbarmen ergeht über Den, der kein Erbarmen übt.“ Es ist etwas Schönes um das Mitleid. Warum übst du es also nicht an einem Andern? Du wünschest Verzeihung der Sünden? Warum verzeihst dann du selber dem Fehlenden nicht? Du kommst zu Gott und bittest um das Himmelreich? Warum reichst du nicht einmal ein Stück Geld, wenn du darum gebeten wirst? Deßhalb finden wir kein Erbarmen, weil wir keines üben. Wie so, frägst du? Gehört denn Das nicht auch zur Barmherzigkeit, daß man sich der Unbarmherzigen erbarmt? Wie sollte Derjenige barmherzig sein, der sich eines rohen, grausamen, gegen seinen Nächsten gewaltthätigen Menschen annimmt! So? Hat nicht das Taufbad uns, den tausendfachen Sündern, das Heil gebracht? Ja, es hat uns von den Sünden befreit, nicht damit wir wieder sündigen, sondern damit wir es nicht mehr thun. „Wenn wir der Sünde abgestorben sind,“ heißt es, „wie können wir in derselben noch leben?“ Wie also? Werden wir eine Sünde begehen, weil wir nicht mehr unter dem Gesetze stehen? Bewahre! Deßhalb hat dich ja Gott von den Sünden erlöst, damit du nicht mehr zur alten Schmach zurückkehrest. Auch die Ärzte erlösen den Kranken von der Fieberhitze nicht dazu, daß er seine Genesung zu einer schlimmen und unvorsichtigen Lebensweise benütze. Da wäre es besser, krank zu sein, wenn Einer bloß deßhalb gesund werden wollte, damit er sich dann 538 für immer an’s Krankenbett nagle; sondern man wird gesund, damit man, die Schmerzen der Krankheit aus Erfahrung kennend, nicht mehr in dieselbe zurückfalle, damit man besser auf seine Gesundheit sehe, damit man Alles thue, was ihr zuträglich ist.
Wo bleibt aber die göttliche Barmherzigkeit, frägt man weiter, wenn er die Sünder nicht retten soll? Ich höre ja oft und von Vielen die Äusserung: „Gott ist barmherzig, und er wird jedenfalls alle Menschen selig machen.“ Damit wir uns also nicht vergeblich täuschen, — ich erinnere mich ja, euch Das früher versprochen zu haben, — wohlan, so wollen wir heute das Thema behandeln. Ich habe jüngst über die Hölle zu euch gesprochen und verschob das Thema von der göttlichen Barmherzigkeit auf ein anderes Mal. Heute nun ist es Zeit, daß ich mein Wort einlöse. Daß es nun eine Hölle geben wird, Das glaube ich hinreichend bewiesen zu haben, indem ich auf die Sündfluth hinwies und auf die Katastrophen der Vorzeit und daraus folgerte, wie es unmöglich sei, daß Derjenige, der solche eintreten ließ, die Menschen der Gegenwart unbestraft läßt. Denn wenn er schon die vor dem Zeitalter des Gesetzes Lebenden in dieser Weise gestraft hat, so wird er Diejenigen, die nach dem Eintritte des Gnadenzeitalters noch größere Sünden begehen, nicht straflos durchkommen lassen. Es entstand somit die Frage: Wie kann denn nun Gott gütig sein? Wie kann er barmherzig sein, wenn er straft? Und ich schob die Beantwortung dieser Frage auf, um euch den Kopf nicht allzuvoll zu machen.