Johannes Chrysostomus · In epistulam ii ad Timotheum homiliae 1-10 · Buch 7 · Kapitel 4
Das sollen sich besonders die Frauen merken, — denn hauptsächlich deßhalb fügte ich bei: „gegen Verstorbene,“ — die Frauen, die sich zum zweiten Mal verheirathen, die das Ehebett des Verstorbenen beflecken, nachdem sie doch den ersten Mann zärtlich geliebt hatten. Ich will damit nicht sagen, daß eine zweite Ehe verboten und daß sie sündhaft ist. Das läßt Paulus nicht zu, der meinem Munde einen Zügel anlegt und bezüglich der Weiber sagt: „Wenn sie aber auch heirathet, so sündigt sie nicht.“ Aber sehen wir, was folgt: „Seliger aber ist sie, wenn sie so bleibt.“ Dieß ist viel besser als Jenes. Warum? Aus vielen Gründen. Denn wenn der uneheliche Stand überhaupt besser ist als der eheliche, dann ist um so eher der Wittwenstand besser als eine zweite Ehe. „Aber,“ sagt man, „im Wittwenstande können es Viele nicht aushalten und gerathen in allerlei Unglück.“ Weil sie nicht wissen, was es um den Wittwenstand ist. Darin liegt sein Wesen nicht, daß man nicht ein zweites Mal heirathet, so gut wie auch das 350 Wesen des jungfräulichen Standes nicht darin liegt, daß man gar nicht heirathet. Worin liegt es denn? Wie bei der Jungfrau in der Züchtigkeit und im Gebetseifer, so bei der Wittwe darin, daß sie allein bleibt, daß sie fortwährend betet, daß sie der Üppigkeit und Wollust ferne bleibt. Denn „die in Wollüsten lebt, ist lebendig todt,“ sagt der Apostel. Wenn du als Wittwe bleiben und noch denselben Putz, denselben Staat, dieselbe Kleiderpracht beibehalten willst, die du bei Lebzeiten des Mannes gehabt hast, dann freilich ist es besser, wenn du heirathest. Denn der eheliche Verkehr ist keine Sünde, wohl aber jene geschäftige Gefallsucht. Das, was keine Sünde ist, thust du nicht; was aber nicht indifferent, sondern tadelnswerth ist, dazu verstehst du dich. Darum haben sie sich dem Satan zugewendet, diese Wittwen, weil sie es nicht verstanden, Wittwen im rechten Geiste zu sein. Willst du wissen, was eine Wittwe ist, und worin ihre Würde liegt? Höre, was Paulus spricht: „Wenn eine Kinder erzogen, Fremde gastlich aufgenommen, wenn sie die Füße der Heiligen gewaschen, Bedrängten beigestanden und jegliches gute Werk verrichtet hat.“ Wenn du nämlich nach dem Tode des Mannes mit allem Glanz des Reichthums dich umgibst, dann allerdings erträgst du deine Wittwenschaft nicht, wie es sich gehört. Hinterlege diesen Reichthum im Himmel, dann wird dir die Last des Wittwenstandes erträglich sein.
„Wie nun, wenn ich Kinder habe, welche Erben des väterlichen Vermögens sind?“ fragt eine. Erziehe auch sie dazu, daß sie das Geld verachten! Dein Vermögen hinterlege im Himmel, nachdem du den Kindern einen genügenden Antheil zugewiesen! Erziehe aber auch sie dazu, daß sie über dem Gelde stehen! „Wie,“ frägst du weiter, „wenn eine Masse Dienerschaft mich umdrängt? Die Masse 351 von Geschäften? All das Gold, all das Silber? Wie werde ich Dem allem Herr werden können, ohne daß ein Mann zur Beaufsichtigung da ist?“ Das sind Vorwände und Ausflüchte, wie aus vielen Umständen hervorgeht. Wenn du am Gelde nicht hängst, und wenn dir nicht darum zu thun ist, dein Vermögen zu vermehren, dann ist dir diese Last leicht. Es ist gewiß etwas viel Lästigeres, den Reichthum öffentlich zu zeigen, als ihn daheim zu hüten. Wenn du also das Eine beseitigst, die äussere Pracht, und wenn du den Darbenden gibst, wird Gott seine schützende Hand über dich halten. Und wenn du wirklich als Verwalterin von Waisengeldern so sprichst und nicht Das nur als Vorwand brauchst für den Geiz, der dich beherrscht, dann wird Gott, der die Herzen prüft, den Reichthum der Kinder schon in Sicherheit zu bringen wissen, er, der dir befohlen, deine Kinder zu erziehen. Es ist ja ganz unmöglich, daß, wer in der Wohlthätigkeit wurzelt, von einem Unglück betroffen werde. Aber auch wenn zeitweilig ein solches eintritt, so schlägt es zum Guten aus. Das Almosengeben ist mehr als Schild und Speer für das ganze Haus. Höre, was der Teufel von Job sagt: „Hast du ihn nicht von innen und aussen mit einem Walle umgeben?“ Warum? Die Antwort gibt Job selbst: „Ich war Auge den Blinden, war Fuß den Lahmen und Vater der Waisen.“ Sowie Derjenige, der sich nicht von fremdem Unglücke abwendet, niemals, auch nicht bei eigenem Unglück, ein Leid hat, wenn er gelernt hat, fremde Schmerzen mitzufühlen: ebenso wird Derjenige, welcher sich gegen das Mitgefühl für fremde Leiden sträubt, in seinem eigenen Unglück die ganze Wucht des Schmerzes empfinden. Und wenn am Körper die Hand, die mit dem schwärenden Fuße kein Mitleid hat, die Wunde nicht reinigt, kein Pflaster auflegt, den Eiter nicht wegwischt, bei eigenen Übeln Dasselbe erfahren wird, und wenn sie im gesunden Zustande dem kranken 352 Gliede keinen Dienst leisten will, selber vom Übel ergriffen wird, — dieses schleicht nämlich von dem Fuße hinauf zur Hand, und es handelt sich nicht mehr um Leistung einer Hilfe, sondern um Heilung und Entfernung der Krankheit, — so ist es auch in unserem Falle; wer mit Anderen kein Mitleid haben will, der wird selber in’s Elend gerathen.
„Du hast ihn von innen und aussen mit einem Walle umgeben, und ich wage nicht, ihn anzugreifen,“ sagt der Teufel von Job. Aber, entgegnet man, es hat ihn ja doch Unglück getroffen? Aber dieses Unglück ist die Quelle vielen Glückes geworden. Das Vermögen wurde verdoppelt, der Lohn noch höher, die Gerechtigkeit noch mehr, die Kränze leuchtend, der Kampfpreis glänzend; die geistigen und weltlichen Güter erhielten einen Zuwachs. Er hat seine Kinder verloren? Ja, aber er bekam sie wieder, nicht die nämlichen, aber andere anstatt ihrer, und auch jene wird er wieder finden bei der Auferstehung. Hätte er dieselben Kinder wieder bekommen, so wäre ihm nur die Zahl der Kinder schließlich verringert worden; nun aber hat Gott ihm andere dafür gegeben, und auch die früheren wird er ihm hei der Auferstehung wieder zur Seite stellen. Das alles erwuchs ihm aus seiner Bereitwilligkeit zum Almosengeben. So wollen auch wir thun, damit wir der nämlichen Seligkeit theilhaftig werden durch die Gnade und Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus. Amen.
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