Johannes Chrysostomus · In epistulam ii ad Timotheum homiliae 1-10 · Buch 8 · Kapitel 1
1. Das aber sollst du wissen, daß in den letzten Tagen schwere Zeiten kommen werden.
2. Es werden nämlich die Menschen voll Eigenliebe sein, habsüchtig, übermüthig, stolz, gotteslästerisch, den Eltern ungehorsam, undankbar, ruchlos,
3. Treulos, lieblos, verläumderisch, unmäßig, hartherzig, allem Guten feind,
4. verrätherisch, frech, aufgeblasen, mehr die Wollust liebend als Gott.
I. Wenn Jemand sich über die Ketzer der Gegenwart ärgert, so soll er bedenken, daß es schon von Anfang an solche Uebelstände gegeben hat, indem der Teufel jederzeit der Wahrheit die Lüge unterzuschieben sucht. Gott hat von Anbeginn der Welt das Gute verheissen, und es kam auch 354 der Teufel mit seinen Verheißungen. Gott pflanzte das Paradies, der Teufel spielte den Betrüger und sagte: „Ihr werdet sein wie die Götter.“ Thaten vermochte er nicht aufzuweisen, deßhalb verspricht er um so mehr mit Worten; so machen es ja die Betrüger. Dann kam die Geschichte mit Kain und Abel, dann die mit Seth und den Töchtern der Menschen, dann die mit Cham und Japheth, Abraham und Pharao, Jakob und Esau und so fort bis zum Ende, Moses und die ägyptischen Zauberer, Propheten und Pseudopropheten, Apostel und Pseudoapostel, Christus und der Antichrist. Früher war es so und auch in der späteren Zeit. Da war Theudas und Simon im apostolischen Zeitalter, dann die obengenannten Anhänger des Hermogenes und Philetus. Es gibt also keine Zeit, wo nicht die Lüge sich der Wahrheit zur Seite gestellt hätte. Also wollen wir uns nicht ärgern, die Sache ist ja längst vorhergesagt. Deßhalb sagt Paulus: „Wisse, daß in den letzten Tagen schwere Zeiten kommen werden! Es werden nämlich die Menschen voll Eigenliebe sein, habsüchtig, übermüthig, stolz, gotteslästerisch, den Eltern ungehorsam, undankbar, ruchlos, lieblos.“ Also ist der Undankbare ruchlos? Gewiß. Wenn nämlich Jemand gegen seinen Wohlthäter nicht dankbar ist, wie wird er sich gegen Andere benehmen? Der Undankbare kennt keine Treue, keine Liebe.
„Verläumderisch,“ d. h. Übles nachredend. Da sie nämlich kein gutes Gewissen haben, so finden sie einen gewissen Trost darin, die Gesinnungen der Andern zu verdächtigen, und häufen Sünde auf Sünde.
„Unmäßig,“ mit der Zunge, mit dem Bauche, in allen andern Dingen.
355 „Hartherzig.“ Daher Grausamkeit und Rohheit, wenn Jemand geizig, voll Eigenliebe, wenn er undankbar und unenthaltsam ist.
„Allem Guten feind, verrätherisch, frech.“ Verräther an Freunden. „Frech,“ d. h. ohne solide Haltung.
„Aufgeblasen,“ d. h. voll Stolz.
„Mehr die Wollust liebend als Gott.“
5. Den Schein der Gottesfurcht an sich tragend, ihr Wesen aber verläugnend.
Auch im Briefe an die Römer drückt sich der Apostel in ähnlicher Weise aus: „Sie haben den Schein (μόρφωσιν) der Wahrheit und Weisheit in dem Gesetze.“ Dort aber hat der Ausdruck „Schein“ einen lobenden Sinn. An dieser Stelle aber bezeichnet er diesen Fehler als den schwersten von allen Mängeln. Wie ist Das zu verstehen? Denn der Ausdruck „Schein“ hat hier nicht denselben Sinn. Denn wie das Wort „Bild“ oftmals den Sinn von „Ebenbild“ (ὁμοίωσις) hat, so bezieht es sich oft auch auf etwas Seelen- und Wesenloses. So z. B. sagt er im Briefe an die Korinther: „Der Mann darf das Haupt nicht bedeckt tragen, weil er Gottes Bild und Würde an sich trägt.“ Der Prophet aber sagt: „Wie ein Schattenbild wandelt der Mensch vorüber.“ Auch das Bild vom Löwen gebraucht die Schrift bald von der königlichen Würde, — „er lagert gleich einem Löwen und dem Jungen eines Löwen, wer mag ihn aufwecken?“ — bald als Symbol der Raubsucht, — „gleich einem raubenden und brüllenden Löwen.“
356 Auch wir machen es so. Denn da die Dinge zusammengesetzt und vielgestaltig sind, können sie naturgemäß auf viele Bilder und Gleichnisse bezogen werden. Wenn wir z. B. unsere Bewunderung für ein schönes Weib ausdrücken wollen, so sagen wir: „Sie ist bildschön.“ Und bewundern wir ein Gemälde, so rufen wir aus: „Es ist zum Sprechen ähnlich“ (ὅτε λαλεῖ καὶ φθέγγεται). Aber der Vergleich ist nicht in beiden Fällen der nämliche; einmal wollen wir den Grad der Ähnlichkeit, das andere Mal den der Schönheit bezeichnen. So ist’s auch mit dem Worte „Schein“. Das eine Mal ist es „Typus“, „Bild“, „Lehre“ , „Musterbild der Frömmigkeit“; hier aber bezeichnet es etwas Seelenloses, Todtes, eine bloße Form, eine Hülle und Maske. Also eine bloße Form ohne Wesenheit ist der Glaube ohne die Werke. Ganz natürlich. Denn gleichwie ein schöner blühender Körper, dem keine Kraft innewohnt, sondern der den gemalten Leibern gleicht, so ist der rechte Glaube ohne Werke. Setzen wir den Fall, es ist Einer ein geiziger, verrätherischer, frecher Mensch, aber er besitzt den rechten Glauben. Was nützt ihm Das, wenn er nicht einen Lebenswandel aufzuweisen hat, wie er einem Christen ziemt? Wenn er Nichts thut von Dem, was ihn als gottesfürchtig charakterisirt, sondern wenn er es den Heiden an Gottlosigkeit zuvorthut? Wenn er seinen Mitbrüdern zum Verderben, wenn er eine lebendige Blasphemie auf Gott ist? Wenn er den Glauben diskreditirt durch seine Werke?
„Von Solchen wende dich ab.“ Wenn diese Leuten erst in späteren Tagen auftreten, wie kann der Apostel zu Timotheus sagen, er soll sich von ihnen abwenden? Wahr- 357 scheinlich gab es auch schon in jenen Tagen solche Leute, wenn auch nicht in solcher Menge, so doch vereinzelt, oder richtiger, er fordert in der Person des Timotheus Alle auf, solche Leute zu meiden.
6. Denn zu Diesen gehören Jene, die in die Häuser schleichen und die Weiblein an sich fesseln, die beladen sind mit Sünden, betrieben von vielerlei Begierden und Lüsten;
7. immer lernend und nie im Stande, zur Erkenntniß der Wahrheit zu gelangen.