Johannes Chrysostomus · In epistulam ii ad Timotheum homiliae 1-10 · Buch 8 · Kapitel 5
Ausserdem ist auch der Umstand jenen Betrügern sehr günstig, wenn der Mensch sich daran gewöhnt hat, ihnen 368 zu glauben; denn dieser gibt dann nicht mehr Acht auf die verfehlten Wahrsagungen, sondern auf solche, die zufällig eintreffen. Wenn sie aber eine wirkliche Prophezeiungsgabe besitzen, so bringe sie einmal zu mir, einem Gläubigen! Ich sage Das nicht aus Großsprecherei; von solchem Aberglauben frei sein, Das ist nicht Großsprecherei. Ich bin ja ein großer Sünder; aber solchen Leuten gegenüber kennen ich keine Demuth; sie verlache ich alle mit der Gnade Gottes. Also führe diesen Magier zu mir, wenn er eine Prophetengabe besitzt; er soll mir meine Zukunft weissagen, soll mir prophezeien, was mir morgen begegnen wird. Ich wette, er wird es nicht thun. Denn ich stehe in der Hand meines Königs, und dieser Mensch hat keine Gewalt über mich und hat mir Nichts zu befehlen. Ich bin niemals in ihre Spelunken und Schlupfwinkel gekommen, ich diene als Soldat meinem König.
„Aber da ist ein Dieb,“ heißt es, „und der oder jener Wahrsager hat ihn ausfindig gemacht.“ Das ist nun meistentheils nicht wahr, sondern eine lächerliche Lüge. Denn sie wissen Nichts. Wüßten sie aber Etwas, dann sollen sie sich um ihre eigenen Sachen kümmern und sollen sagen, wie die vielen Weihgeschenke an ihren Götzenbildern abhanden kamen, wie das viele Gold eingeschmolzen wurde! Warum sagen sie Das nicht ihren Priestern? Also sie wissen Nichts. Sie konnten, wo es sich doch um Erhaltung von großen Schätzen handelte, nicht es einmal vorhersagen, wenn ihre Götzentempel verbrannt wurden und viele Menschen dabei zu Grunde gingen. Warum trugen sie nicht Sorge für ihre Rettung? Es ist bloßer Zufall, wenn sie einmal Etwas errathen.
Bei uns Christen gibt es auch Propheten, aber diese täuschen sich nicht. Sie haben nicht in dem einen Falle Recht und im andern Unrecht, sondern sie sprechen immer die Wahrheit. Das ist die richtige Prophetengabe. Laßt endlich ab von euerer Verblendung, ich bitt’ euch, wenn ihr 369 an Christus glaubet! Wenn ihr aber nicht glaubet, wozu täuscht und betrügt ihr euch? „Wie lange werdet ihr hinken auf beiden Seiten?“ Warum gehst du denn zu einem Wahrsager? Warum befragst du ihn? Sowie du hingehst und ihn befragst, bist du in seiner Gewalt; denn du fragst als ein Glaubender. „Nein,“ erwiderst du, „ich glaube nicht, daß er die Wahrheit sagt, ich will ihn nur Probiren.“ Aber schon das Probiren, ob er die Wahrheit sagt, ist ein Beweis, daß du von seiner Lügenhaftigkeit nicht überzeugt bist, daß du noch schwankst. Warum befragst du ihn also um deine Zukunft? Wenn er bloß so viel sagt: „So und so wird es kommen, Das und Das thue, dann trifft dich kein Unglück,“ so hättest du nicht einmal so weit Götzendienst treiben sollen, wenn auch die Verblendung noch nicht gar so groß ist. Wenn sie aber wirklich die Propheten spielen, dann hat der Neugierige Nichts davon als große Betrübniß. Die Sache ist nicht eingetroffen, er hatte aber die Angst und härmte sich ab. Wenn uns Das zuträglich wäre, dann hätte Gott es uns nicht vorenthalten, der Heiland, der uns die Geheimnisse des Himmels offenbarte, hatte es uns nicht mißgönnt. „Alles, was ich von meinem Vater gehört habe,“ sagt er, „habe ich euch kund gethan; und Alles, was ich von meinem Vater gehört, habe ich euch mitgetheilt;“ und: „Ich nenne euch nicht Knechte, sondern Freunde. Ihr seid meine Freunde.“ Warum hätte er uns also Das nicht mitgetheilt? Weil er will, daß wir uns um unsere Zukunft nicht kümmern sollen. Hat er doch, eben weil er es uns nicht mißgönnt, im alten Testamente solche Dinge mitgetheilt z. B. über Sauls Esel und einiges Andere. Da standen die Menschen noch in ihrem Kindesalter. Uns aber hat er, weil er nicht will, daß wir uns um unsere Zukunft kümmern, nicht einmal daran denken lassen, daß wir sie wissen möchten. Sondern was sollen wir erfahren? Was die Alten nicht erfahren haben; denn sie erfuhren nur unbedeutende 370 Dinge. Was aber wir (von der Zukunft) erfahren, ist Folgendes: daß wir auferstehen, daß wir unsterblich, unverweslich sein werden, daß das Leben im Jenseits kein Ende nimmt, daß alles (Irdische) vorübergehen wird, daß wir in den Wolken emporsteigen, daß die Bösen ewige Strafe erleiden werden, und gar manches Andere, und Nichts davon ist erlogen. Ist es nicht viel besser, solche Dinge zu wissen, als daß der verlorene Esel gefunden werden wird? Sieh’, du hast den Esel wieder, du hast ihn gefunden: was hast du weiter davon? Wirst du ihn nicht wieder auf eine andere Weise verlieren? Wenn er dir nicht selber wieder davon läuft, wirst ihm schließlich du davon laufen. Wollen wir aber den Dingen nachtrachten, die ich eben genannt habe, die werden wir ohne Ende besitzen. Also darnach wollen wir trachten, daran wollen wir festhalten, an den bleibenden, festen Gütern. Wenden wir uns nicht an Wahrsager, Orakeldeuter und Zauberer, sondern an Gott, der Alles genau weiß, dem die Erkenntniß aller Dinge innewohnt! Und so werden wir Alles erfahren, was wir wissen sollen, und werden aller himmlischen Güter theilhaftig werden.
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